Die Primadonna Friedrichs des Großen

Eine junge, ehrgeizige Sängerin und ein alter, zynischer
Monarch treffen aufeinander. Oskar Anwand hat diese einfache,
klare und klassische Konstellation für den Roman
historisch präzise und emotional in vielen Facetten funkelnd
herausgeschliffen.
Für Gertrud Elisabeth mit ihren 21 Jahren sollte es nach
quälender Kindheit der Beginn einer überwältigenden europäische
Karriere werden. Für Friedrich bedeutete diese
junge Frau wieder erwachendes Lebensglück. Im Jahr 1771
war er 59 Jahre alt – schon lange der Alte Fritz. Er hatte die
Lust an der Oper verloren, seinem ersten Bauwerk überhaupt,
und wollte die Königliche Hofoper Unter den Linden
gerade an einen italienischen Impresario verkaufen. Friedrich
war gegenüber Gertrud Elisabeth äußerst skeptisch,
er soll ja gesagt haben lieber lasse ich ein Pferd auf der Bühne
wiehern, als eine deutsche Diva singen. Dann aber lud
er diese junge Frau sechs Wochen lang jeden Abend nach
Sanssouci ein. Das war sensationell. Das spürten alle Zeitgenossen.
Schon das machte nicht nur in Berlin, sondern in
ganz Europa die Runde.
Es gibt über diese Zeit und über alle Protagonisten erstaunlich
detaillierte Quellen. Über Reichardt, Quantz,
Benda, natürlich über Friedrich und auch über Gertrud
Elisabeth Mara, geborene Schmeling. Wir kennen sie alle
und sind uns gewahr, dass sich der Roman ganz dicht an
den tatsächlichen Charakteren und Verhaltensweisen seiner
Hauptakteure orientiert. Einzig die Bekanntschaft zwischen
Gertrud Elisabeth und Baptist Mara fand später statt
als im Roman aus dramaturgischen Gründen der Verdichtung
geschildert. Sie lernte ihn am Hofe von Prinz Heinrich
in Rheinsberg kennen, dem jüngeren Bruder von Friedrich.
Mara war dort als Leibgeige von Heinrich verschrien. Das
war in dem Sinne gemeint, wie man es versteht. Die Art
der Beziehung zwischen Baptist Mara und Gertraud Elisa-

beth, wie Anwand sie aufleben lässt, entspricht allen zeitgenössischen
Berichten. Diese Gefühlswelten von geliebt
werden wollen, besitzen, kontrollieren, glühend verehren,
abgrundtief verachten, diese Temperamentsausbrüche und
die emotionale Überdrehtheit sind so überliefert.
Elisabeth sang vor dem König mit dem Selbstbewusstsein
einer jungen Frau, die ganz andere Ziele hatte als die
Gunst eines alten, bald zahnlosen Königs zu gewinnen.
Ihre Frische beeindruckte Friedrich. Er bot ihr ein langjähriges
Engagement mit stattlichem Salär, zunächst 3000 Taler,
später 6000 Taler pro Jahr. Ein Nachtwächter verdiente
zur gleichen Zeit 50 bis 100 Taler im Jahr. Das Dreißigfache
oder gar Sechzigfache des Durchschnittsverdiensts – das
erreichen auch heute nur die ganz großen Stars.
Im Jahr 1780 flüchteten die Maras aus Preußen. Damit
begann Gertrud Elisabeth Maras europäische Karriere. Sie
sang vor Napoleon und Marie Antoinette in Paris, wurde zur
größten Händel-Interpretin in London, feierte Triumphe in
Venedig und Turin, wurde von Zar Alexander I. in Moskau
umworben, kam nach St. Petersburg und beschloss ihr Leben
in Reval (heute Tallinn) – auch dort gab es viele Deutsche.
Davon handelt dieser Roman aber ebenso wenig wie
von ihrer Haltung gegenüber Männern. Sie fand ihren Vater
sowie später ihren Gatten Baptist mit Geld ab, als sie ihrer
überdrüssig wurde. Beide gingen im Alkohol unter. Sie
hielt sich junge Liebhaber, machte ihre Konkurrentinnen
im Arienkampf nieder und verdiente und verlor Unmengen
von Geld. Die Mara war der unumstrittene Opernstar
des 18. Jahrhunderts. Es waren ihre Persönlichkeit und
die Umstände ihres Aufstiegs, die sie zu einer so außergewöhnlichen
Figur ihrer Zeit machten. All das schildert die
Biografie von Rosa Kaulitz-Niedeck. (erscheint als Neuausgabe
im Frühjahr 2012 im Berlin Story Verlag)
Der hier vorliegende, neu gesetzte und nachgedruckte
Roman erzielte seit 1930 eine Auflage von achtundvierzigtausend
Exemplaren. Die Biographie von Kaulitz-Niedeck,

ein Jahr zuvor erschienen, erreicht auch für heutige Verhältnisse
traumhafte Auflagen. Warum das Wissen über
Gertrud Elisabeth Mara dennoch bei den Historikern heute
nahezu vollkommen verloren ging, ist nicht nachzuvollziehen.
Immer noch und immer wieder heißt es, es hätte
keine Frauen in Schloss Sanssouci gegeben. Es möge diese
Veröffentlichung zu beitragen, das Bild von Friedrich zu
ändern und Gertrud Elisabeth Mara wieder ins Bewusstsein
zu heben.
Wieland Giebel, November 2011