Die Mara – Karriere der Sängerin

Über das Buch:

Elisabeth Mara faszinierte ein halbes Jahrhundert lang ganz Europa. Ihr Leben war skandalumwittert und eigenwillig. Elisabeth Mara war die Diva des 18. Jahrhunderts, die Callas einer Epoche größten höfischen Glanzes und einschneidender politischer Veränderungen. Sie sang vor Marie-Antoinette und Napoleon, sie erlebte höchste Ehrungen in Italien. In London war sie der Star der Oper, in Moskau wurde sie von Zar Alexander I. umworben. Dieses Buch räumt mit der Legende auf, dass auf Schloss Sanssouci keine Frauen waren. Die Historiker haben die Geschichten nur unterschiedlich abgeschrieben, es kömmt darauf an, die Quellen zu studieren.

Als sie sechs Wochen lange an jedem Abend von Friedrich dem Großen eingeladen wurde, mit ihm in Sanssouci zu musizieren, wird sie etwas so ausgesehen haben.

Mehr auf der Homepage des Berlin Story Verlags:

Den Spuren von Elisabeth Mara bin ich in vielen Ländern gefolgt:

In Berlin wohnte sie in der Friedrichstraße 80, nicht weit von der Königlichen Hofoper Unter den Linden entfernt. Der Brief ist vom 11. Mai 1772.
In London schrieb Gertraud Elisabeth Mara diesen Brief. Ich habe ihn im Dezember 2004 in Reval gefunden, wo im Stadtarchiv ihre Unterlagen aufbewahrt sind. In London war sie die größte Interpretin von Georg Friedrich Händel.
Bei Händel in London im Musikzimmer – im Sommer 2019. An Gehstützen, weil mich ein 18jähriger mit seinem 256-PS-Audi auf dem Radweg in Berlin überfahren hatte.
In Reval ist auch der handschriftliche Entwurf ihrer Autobiografie zu finden, schwer zu entziffern. Aber in der obersten Zeile sieht man, dass es um Luísa Rosa de Aguiar Todi geht, die Sängerin aus Portugal, ihre Konkurrentin in Paris. Mara konnte die Todi so gar nicht leiden.
Nachdem sie ihren Mann mit reichlich Geld abgefunden und weggeschickt hatte, traf sie einen Franzosen, ihren Liebhaber, der ihr hier am 3. Juli 1794 aus Martinique schreibt, wo er Güter hatte.
Den Spuren ihres Liebhabers bin ich in der Karibik gefolgt. Ich wollte im Februar 2004 wissen, ob es noch irgendwelche Erinnerungen an die Zeit gibt.
Es könnte sein, dass es vielleicht so ähnlich ausgesehen hat.

Mein Beitrag im Buch über die Bedeutung von Gertrud Elisabeth Mara und was ich damit zu tun habe:

Die Versäumnisse der Historiker

Historiker sind faule Säcke. Sie behaupten bis heute, es habe in Sanssouci keine Frauen gegeben. Sie schreiben lieber voneinander ab, als in Archive zu gehen. »Wie es eigentlich war« findet man aber nur heraus, wenn man etwas tiefer einsteigt, wenn man gründlich in Archiven wühlt, wenn man für eine Sache brennt. Sie brennen nicht. Sie suchen Fördergelder und gut dotierte Posten.

Die Geschichte von Gertrud Elisabeth Mara ist wie vergessen. Sie kommt in den aktuellen Büchern über Friedrich den Großen gar nicht oder kaum vor. Dabei war sie die Frau, die am häufigsten im Schloss Sanssouci zu Gast war. Sechs Wochen lang lud Friedrich sie an jedem Abend ein. Weil er sie hören wollte, verzichtete er auf den bereits eingeleiteten Verkauf des Opernhauses Unter den Linden an einen italienischen Opernunternehmer.

Ob man ältere Bücher durchgeht wie Eberhard Cyrans Schloß an der Spree oder historische Romane wie Der Meister von Sanssouci von Claus Back und Martin Stade, die Kriminalromane von Tom Wolf, oder auch aktuelle Bücher wie das von Jürgen Luh, Der Große, »ein Negativporträt aus nächster Nähe gemalt«, wie die FAZ meint – niemand erwähnt sie, alle tun so, als hätte diese Sängerin in Friedrichs Leben keine Rolle gespielt, als wären keine Frauen im Schloss Sanssouci gewesen.

Johannes Kunisch widmet ihr in seinem 2004 erschienenem Werk Friedrich der Große – der König und seine Zeit einen Absatz sowie Eva Ziebura in ihrem Buch über Prinz Heinrich von Preußen. Bei Prinz Heinrich in Rheinsberg lernte Gertrud Elisabeth Schmeling ihren Mann Baptist Mara kennen. Es ist unfassbar, wie Historiker ansonsten abschreiben und sich nicht schämen, immer die gleichen Geschichten wiederzukäuen.

Frauen in Friedrichs Leben

Anders Norbert Leithold. Er widmet in seiner in der Anderen Bibliothek bei Eichborn erschienenen, schönen Hommage Friedrich II. von Preußen ein ausführliches Kapitel dem Thema Friedrich und die Frauen. Es kommt Friedrichs drei Jahre ältere Schwester Wilhelmine vor, mit der er eine geschwisterlich innige und lebenslange vertraute Beziehung hatte. Gräfin Anna Karolina Orzelska wird geschildert, die 21 Jahre alt war, als Friedrich sie im Alter von 16 Jahren bei einem Besuch in Dresden mit seinem Vater kennenlernte. Sie war die Tochter und Mätresse von August dem Starken. Beim Gegenbesuch von August in Berlin kam Gräfin Orzelska mit, »dieses Mal ließen die beiden ihrer Zuneigung freien Lauf«, schreibt Leithold. Dorothea Ritter (16), die Tochter des Potsdamer Kantors, wird in allen Publikationen erwähnt. Mit ihr musizierte Friedrich (18), bei ihr fand er Zuflucht vor dem schrecklichen Vater. Der erfuhr von der Liaison. Dorothea wurde sechsmal öffentlich ausgepeitscht und in das Spandauer Spinnhaus verbannt.

Später, nachdem Friedrich der Enthauptung seines Freundes Katte hatte zusehen müssen und in Küstrin in Gefangenschaft war, lernte er während der Haftlockerung im Alter von 19 Jahren die 24-jährige Eleonore von Wreech kennen und verliebte sich in sie. »Dein Sklave will ich bleiben, in Deinen Banden schmachten«. Frau von Wreech hatte bereits fünf Kinder.

Zwangsverheiratet wurde Friedrich im Alter von 21 Jahren im Jahr 1733 mit der 18-jährigen Prinzessin Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern. Leithold geht auf mehreren Seiten auf diese unglückliche Beziehung ein. Neuere Forschung erläutert auch, dass sich König und Königin bei offiziellen Anlässen – man kann sagen – formal begegneten.

Und schließlich spielt in Leitholds Buch Barberina eine Rolle, die italienische Tänzerin, die im Jahr 1744 im Alter von 22 Jahren nach Berlin kam. Sie durfte gelegentlich an des Königs Tafel in Charlottenburg teilnehmen – nicht aber die Königin. Für die hohen Schulden Barberinas wollte Friedrich später nicht mehr aufkommen, beendete ihren Vertrag und sie heiratete einen ihrer Verehrer. Diese Frauen kommen überall vor.

In einem anderen lesenswerten und ebenfalls in der Anderen Bibliothek erschienen Buch heißt es, Friedrich habe keine Frauen auf Schloss Sanssouci geduldet und nach dem Zweiten Schlesischen Krieg jegliches Interesse an der Musik verloren. Das schreibt James R. Graines in Das musikalische Opfer. Johann Sebastian Bach hatte Friedrich den Großen besucht, der ein Stück mit den Tönen B A C H bestellte, das Bach betitelte mit Das musikalische Opfer.

Graines, sonst gut informiert, schreibt in dieser Beziehung also auch einfach von anderen faulen Historikern ab. Er hat nicht selbst recherchiert und schreibt falsch ab. In nahezu sämtlichen Publikationen, die zum 300. Geburtstag Friedrichs erschienen oder neu aufgelegt wurden, wird das Thema Friedrich und die Frauen ähnlich behandelt. In der aktuellen Veröffentlichung der Zeitschrift »Die Mark« (Berlin 2011) folgt der Beitrag von Marcel Piethe den gleichen Mustern. Bei ihm fügt sich noch Anna Luisa Karsch ein, die Dichterin, die Friedrich einmal kurz begegnete.

Selbst wenn Michael Prinz von Preußen ein Buch herausgibt (Köln, 2011), kommt Elisabeth Mara nicht vor. Von 120 Seiten sind allein 16 den Frauen gewidmet. Hier spielt Maria Theresia eine Rolle, die mit 23 Jahren die Regierungsgeschäfte als Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn und Böhmen übernahm. Dann Zarin Elisabeth, die 1741 durch einen Putsch an die Macht gelangte. Schließlich Madame de Pompadour, die im Alter von 24 Jahren Mätresse des französischen Königs wurde.

Ein weiteres Beispiel: Als am 27. August 2011 die kirchliche Hochzeit des Prinzen von Preußen mit Prinzessin Sophie von Isenburg im rbb live und kommentiert übertragen wurde, hieß es in der Dokumentation zur Familie, dass Friedrich der Große in Sanssouci nur eine Herrenrunde duldete und als einzige Frau nur seine Schwester Wilhelmine eingeladen wurde. Im sonst ausgezeichneten Film von Beate Schubert Friedrich, Legende und Wirklichkeit (2012) heißt es: »Frauen sind in Friedrichs Refugium (Sanssouci) nicht zugelassen.«

Der Aufstieg der Mara

Friedrich erkannte in Elisabeth Mara den Umschwung der Zeit. Noch zehn Jahre zuvor hatte er sich auf die italienischen Kastraten gefreut. Seinem Freund Graf Algarotti, dem schönen »Schwan von Padua«, schreibt er am 18. Juli 1742: »Harmonienreicher Schwan! … Der schaffende Friede ist dem Frühling gleich und der zerstörende Krieg dem Herbst, wo die Ernte und die Weinlese statt findet …«

Und dann kommt er zum Thema Oper: »Ich werde die besten Singe-Kapaune in ganz Deutschland haben.« Friedrich spottet gegenüber seinem italienischen Freund über die häufig etwas verfetteten italienischen Kastraten. Diese werden an seiner Oper so lange die Hauptrolle spielen, bis Elisabeth kommt. Sie, die immer nach Italien wollte, nimmt deren Stil auf, aber frisch, lebendig und eben deutsch. Die Opernbesucher spüren das Neue. Elisabeth singt die Kastraten an die Wand. Mit ihr verschwinden sie von deutschen Opernbühnen.

Elisabeth Mara verdiente unter Friedrich dem Großen ungeheuer viel, erst 3 000, dann 6 000 Taler im Jahr, das entsprach 144 000 Groschen. Ein Taler entsprach 24 Groschen. Ein preußischer Soldat hatte Anspruch auf acht Groschen alle fünf Tage. Nach Abzug des Verpflegungsgelds standen einem Soldaten knapp zwei Taler in der Woche zur Verfügung, 100 Taler im Jahr. Für einen Groschen erhielt man drei Pfund Brot oder auch eine Kanne Bier. Elisabeth verdiente also so viel wie 60 Soldaten. Oder anders herum gesehen: Friedrich zahlte für seine Sängerin so viel wie für 60 überlebenswichtige Soldaten.

Carl Philipp Emanuel Bach, der bedeutendste Komponist seiner Zeit und lange am Hof Friedrichs, erhielt 300 Taler im Jahr. Glücklich war er darüber nicht. Der Philosoph Immanuel Kant erhielt 1765 etwa zur gleichen Zeit als Unterbibliothekar der Königlichen Schlossbibliothek in Königsberg 62 Taler im Jahr, später als Professor 220 Taler. Das damalige Einkommen von Elisabeth Mara entspricht dem der großen Pop- und Klassikstars heute.

Der Reprint der Mara-Biographie

Die Biographie von Rosa Kaulitz-Niedeck, die wir hier alsReprint vorlegen, erschien 1929 im Eugen Salzer Verlag in Heilbronn. Salzer lernte in Berlin während der Gründerzeit in der Buchhandlung der Stadtmission Buchhändler und gründete 1891 mit 25 Jahren in Heilbronn seinen Buchverlag. In Berlin kam Leopold Ullstein sechs Wochen später mit der Berliner Illustrirten Zeitung heraus, bis heute Sonntagsbeilage der Berliner Morgenpost. Salzer verlegte Geschichte, Literatur, Sozialpolitik, Regionalia, baltische Literatur und religiöse Themen. Zu seinen Autoren gehörten Theodor Heuss, Hermann Hesse und Albert Schweitzer.

Etwa zur gleichen Zeit wie die Mara-Biographie erschienen bei Salzer Bücher wie die Heimatbilder vom unteren Neckar, Die Geschichten vom Großvater Ledderhose des badischen Dichterpfarrers Karl Hesselbach oder das vom Vatikan verdammte Buch des katholischen Theologen Joseph Wittig Vom Leben Jesu in Palästina, Schlesien und anderswo.

Im Berlin Story Verlag erschienen zahlreiche Bücher, diesich Friedrich und seiner Zeit widmen. Direkt vor dieser Biographie kam der Neudruck des historischen Romans über Gertrud Elisabeth Mara von Oskar Anwand heraus. Gut recherchiert zeigt Anwand, wie sich zwei eigensinnige Charaktere begegnen: Die junge ehrgeizige Sängerin und der alte, zynische Monarch. Liberty! Geistige Freiheit, das verbindet die beiden. Zeitgleich erschien zu Friedrichs Geburtstag Der Alte Fritz für Jung und Alt – in 50 Bildern. Dabei handelt es sich um eine brillant gezeichnete Geschichte, witzig, einprägsam und zuversichtlich. Als Kinderbuch kam zuvor Beruf König von Magdalena und Gunnar Schupelius heraus – Friedrich für Kinder aus heutiger Sicht.

Einfach war es mit dem Buch über Das Reiterdenkmal Friedrichs des Großen Unter den Linden. Dabei handelt es sich um den Nachdruck zweier historischer Bände über das Reiterdenkmal. Beim Briefwechsel Friedrichs mit Francesco Algarotti kommt man dem Denken Friedrichs nahe und erfährt unter anderem so interessante Details wie, dass Algarotti Broccoli-Samen für Friedrichs Gewächshäuser geschickt hat. Ein zweiter Reprint sind die Erinnerungen Dieudonné Thiébaults. Er war zwanzig Jahre lang bei Friedrich und berichtet auf knapp 500 Seiten auch von den Brüdern und Schwestern sowie den Freunden Friedrichs an der Tafelrunde.

Ernst Ahasverus Heinrich Graf Lehndorff zieht in seinem ebenfalls im Berlin Story Verlag neu herausgegebenem Buch auf mehr als 500 Seiten respektlos alle Register. Lehndorff wurde im Alter von 19 Jahren nach Berlin geholt und beobachtete die königliche Familie aus der Perspektive des Hofs von Königin Elisabeth Christine. Unser erfolgreichstes ist zugleich das anspruchsvollste Werk, nämlich die Erinnerungen der Oberhofmeisterin Sophie von Voß Neunundsechzig Jahre am preußischen Hofe, ein Buch für Fortgeschrittene in Sachen Preußen. Ungeschminkt und nicht zur Veröffentlichung vorgesehen beschreibt sie ganze Epochen vom Soldatenkönig, also dem Vater Friedrichs, über die friderizianische Zeit, die gesamte Zeit von Königin Luise bis schließlich zum Wiener Kongress. »Friedrich komplett«, könnte man sagen. Die Bücher des Verlags beleuchten viele Seiten Friedrichs des Großen.

Was Archivarbeit bedeutet

Andere Bücher des Berlin Story Verlags untermauern die Kritik, dass Historiker nur allzu oft bequem und borniert sind. Elisabeth M. Kloosterhuis untersuchte für Soldatenkönigs Tafelfreuden, einem Buch über die Küche und die Rezepte am Hof von Friedrichs Vater Friedrich Wilhelm I., die noch erhaltenen Küchenzettel. Die Köche mussten genau Rechenschaft ablegen. Wo findet man solche Unterlagen? Im Geheimen Preußischen Staatsarchiv. Diese Zettel sind aber schwer zu lesen: Mit Schreiben hatten es die Köche nicht so, die deutsche Sprache war nicht vereinheitlicht. Viele Köche waren in anderen Sprachen zu Hause. Das Sichten der Küchenzettel war für die Autorin eine mühsame, zeitaufwendige Forschungsarbeit. Und sie hat mit ihren Ergebnissen Geschichte geschrieben. Der Soldatenkönig galt als Geizhals. Tatsächlich aber hat er, wie die Originaldokumente belegen, zahlreiche Gaumenfreuden von weit her importieren lassen. Ob Historiker aufgrund dieses wichtigen, schön ausgestatteten Buchs ihre festgefahrene Meinung ändern, erscheint fraglich.

Ein weiteres Beispiel für die Bedeutung von Archivarbeit: Auf der Suche nach Quellen über die Besatzung Berlins durch Napoleon im Jahr 1806 stießen Michaela Schönheit und Arne Krasting mit Hilfe von Sabine Preuß vom Landesarchiv Berlin auf einen bisher unveröffentlichten Text des Kammerdieners Tamanti, eines Italieners im Dienste von Friedrich Wilhelm III. Tamanti führte Napoleon einen Monat lang durch Berlin und Potsdam. Der Bericht lag handschriftlich vor. Niemand hatte dieses wertvolle Dokument bisher transkribiert. Michaela Schönheit übernahm das für den Berlin Story Verlag. Dieses Dokument eines Zeitzeugen, der die Besatzung Berlins im unmittelbaren Zusammensein mit Napoleon erlebte, öffnet die Augen dafür, wie der französische Herrscher Berlin und Potsdam wahrnahm, wie er seine Kunstraube plante. Die vorliegende Biographie, eine eigentlich nicht unbekannte, gut aufgearbeitete und nicht schwer zu findendeQuelle, wird Gertrud Elisabeth Mara, so hoffen wir, wieder in die Geschichtsschreibung einführen und mit dem Vorurteil aufräumen, Friedrich der Große habe keine Frauen in Sanssouci geduldet. Historiker, die sich Maras annehmen möchten, könnten zum Beispiel ins Stadtarchiv von Reval (Tallinn) gehen. Dort in der Gerichtsstraße 8 liegt ein umfangreiches Konvolut mit handschriftlichen Aufzeichnungen Gertrud Elisabeth Maras, auch ihr handschriftliches Testament, mit vielen Hinweisen auf ihre langen Jahre in Reval und auf dem Anwesen der Familie Kaulbars.

Mara – eine unabhängige Frau

Ihre Unabhängigkeit galt als Exzentrik, sie konnte enge Fesseln nicht ertragen und führte ein für die damalige Zeit selbst für Künstler völlig ungewöhnliches, unkonventionelles Leben. Sie war schon damals ein Star, das macht sie für uns heute so interessant. Gertrud Elisabeth Mara wurde zum Star und wirkte stimulierend auf andere, die ihre eigene Individualität zum Vorschein bringen wollten – ganz wie Stars heute. Vieleskann man aus ihrer Lebenserfahrungen erklären. Gertrud Elisabeth wollte immer alles unter Kontrolle haben, besonders auch ihre Gefühle. Als Kind erfuhr sie Schmerz und Einsamkeit, kannte das Gefühl, ohne Hoffnung zu sein, und nahm als kleines Mädchen das Unglück ihrer Familie wahr. Harmonie und Stabilität oder Sicherheit hat sie nicht erfahren. Ihre Mutter kommt in Gertrud Elisabeths Selbstbiographie nur am Rande vor. Von ihr wird sie kaum Beweise von Liebe und Zuneigung erhalten haben. Ihre Eltern konnten miteinander nicht glücklich und erfüllt leben. Ihr Vater war unbeständig, innerlich ruhelos, mit dem Leben unzufrieden, er setzt sich nicht für seine Familie ein und wurde kein wirklich reifer Mann. Er war nicht fähig, die Verantwortung für seine Tochter zu übernehmen, vermittelte ein Gefühl emotionaler Abwesenheit und Unzuverlässigkeit und flüchtete sich in Phantasiebilder und den Alkohol. Ob er wirklich vom Abenteuer erfüllt oder nur getrieben war, bleibt offen.

Ob ich wohl jemals so werde …

Ihr Erweckungserlebnis hatte Elisabeth Mara in London, als sie die (deutsche) Sängerin Regina Mingotti in ihren schönen Kleidern in einem Salon sah. »Ob ich wohl jemals so werden würde wie sie …« Dieses Bild im Kopf leitete sie, aus diesem Erlebnis gewann sie Stärke und Entschiedenheit: »I know that my redeemer liveth – Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.« Ihr Erlöser war sie selbst. Sie verließ sich ausschließlich auf ihre eigene Kraft. Das Objekt ihrer Bemühungen und Energien war sie. Dieses Erlebnis in London, auf das sie immer wieder zurückkam, verhalf ihr zu einer umfassenden Vision und einem weitreichenden Blick auf das Ziel hin, materiellen Wohlstand zu sichern sowie Bestätigung und Anerkennung zu gewinnen. Elisabeth Gertrud neigte dazu, ihre Phantasie auf ihre Arbeit und ihr Leben zu projizieren, und zwar so sehr, dass sie sich selbst wie eine Person in einem Bühnenstück sah. Ihr Leben und die Themen ihrer Musik verschmolzen häufig, ihr Leben hatte immer einen Anflug von Dramatik, ob auf der Bühne oder im täglichen Leben. Szenen heraufzubeschwören war ihr nicht fremd, da sie die Welt ausschließlich durch ihre ganz persönliche Brille sehen konnte. Wenn sie sich nicht ausreichend anerkannt fühlte, wurde sie fordernd, trotzig und manipulativ.

Es passte ihr überhaupt nicht, dass ihre Freiheit durch Vorschriften eingeschränkt wurde, weder durch Anweisungen des Königs noch durch gesellschaftlich übliche Verhaltensweisen oder Normen. Liberty! Sie lässt sich nichts vorschreiben. Es ist nicht nur Baptist Mara, der sie gegen Kapellmeister Reichardt aufwiegelt, es ist ihr Selbstverständnis, das es nicht zulässt, sich unterzuordnen. Der Drang nach Freiheit kollidiert immer wieder mit ihrem Bedürfnis nach Stabilität und dauerhafter Beziehung. Es ist es nicht nur die äußere Erscheinung Baptist Maras, von der sie sich angezogen fühlt, es ist sein eigensinniger, unabhängiger Geist, seine rebellischen Ader. Sie bewundert sein eigenwilliges Verhalten und leidet gleichzeitig unter seiner Unzuverlässigkeit. Sie klammert sich an ihn, weil sie für ihre eigene Sicherheit eine enge Beziehung zu einem Menschen braucht. Sie wünscht sich einerseits eine dauerhafte Beziehung, weil sie Angst davor hat, allein zu sein – andererseits dürstet es sie nach Freiheit. Mehrmals findet sich die ruhelose Abenteurerin in Beziehung mit Menschen wieder, die ewige Jugend verkörpern, aber zu einer wirklichen vertrauensvollen Beziehung nicht fähig sind. Bei Henri Bouscaren, dem Franzosen mit Besitzungen in der Karibik, scheint die schwärmerische Beziehung und ihre Sehnsucht nach dem großen Glück irgendwo in weiter Ferne eher zu bedeuten, dass sie sich nicht festlegen oder tatsächlich für ihn engagieren muss.

Mein Bild von Mara

Ich bin unter dem Gemälde von Gertrud Elisabeth Mara aufgewachsen, das auf dem Umschlag dieses Buches abgebildet ist. Es hing bei meinen Eltern im Wohnzimmer neben der Fernsehtruhe von Neckermann mit einem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher, UKW-Radio und 10-Platten Wechsler. Mara sah immer von oben auf mich herab, nicht böse, aber auf mich Respekt einflößend. Sehr lange Zeit wusste ich nichts von ihr außer dem, was aus dem kurzen Ausschnitt aus Meyers Konversationslexikon aus dem Jahr 1871 hervorgeht, in diesem Buch im Anhang abgedruckt. Der Großvater meiner Mutter, Rudolph Fenner, hatte das Gemälde erworben. Er war Landgerichtsrat, zeichnete selbst und kaufte gelegentlich, nicht gezielt, Gemälde. Als mein Vater starb und meine Mutter ein neues Auto brauchte, verkaufte sie Mara für einige tausend Mark.

So gelangte Mara ins Stadtmuseum Kassel am Ständeplatz. Dort hängt sie jetzt immer noch [nicht mehr, 2020] , etwas um die Ecke, aber recht gut präsentiert. Das Museum beauftragte die Historikerin Ruth Stummann-Bowert, etwas über sie herauszufinden. Am 22. Januar 1992 fand eine Veranstaltung mit einer Lesung aus Maras Selbstbiographie und mit ihren Lieblingsmusikstücken statt.

Ich war auf dem Weg zur Veranstaltung furchtbar ärgerlich auf meine Mutter, weil sie das Gemälde verkauft hatte. Dann, während der Lesung, während des Gesangsvortrags von »I know that my redeemer liveth – Ich weiß, dass mein Erlöser lebt« durch die Sängerin Christel Nies, fiel diese Beklemmung völlig von mir ab und mir wurde bewusst, dass ich meiner Mutter dankbar sein sollte, dass Gertraud Elisabeth Mara nicht mehr im Wohnzimmer hing. Mara gehörte in die Öffentlichkeit. Dass das Mara-Gemälde im Stadtmuseum landete, erwies sich als Glücksfall. Ruth Stummann- Bowert arbeitete weiter und suchte Quellen. Seit diesem Tag sammelte ich alles über Mara, begab mich auf ihre Fährte, hörte ihre Musik und schrieb dann im September 1994 für Deutschland Radio Berlin eine Ein-Stunden-Sendung mit viel Musik über Mara.

Eine Oper für Mara

Das waren die ersten Ansätze, das Thema populär zu machen. Im Oktober 2003 ging es dann weiter. Die Buchhandlung Berlin Story befand sich zu jener Zeit Unter den Linden 10 an der Ecke Charlottenstraße, dem historischen Standort des Gasthofs Stadt Rom, dem späteren Hotel de Rome. Einen Vorläuferbau dieses Gebäudes gab es seit 1755. Die Berlin Story mietete die Etage über der Buchhandlung, das Paradegeschoss, richtete dort eine Ausstellung zur Geschichte Berlins ein und bereitete eine Bühne vor. Eine kleine Oper sollte in diesem Haus im Jahr 1775 spielen: Zum zwanzigjährigen Bestehen des Gasthofs, so das Libretto, lud der Wirt Gertrud Elisabeth sowie Baptist Mara und weitere Sängerinnen ein. Die Mara war 1775 bereits vier Jahre in Berlin an der Königlichen Hofoper. Im Februar 2004 schrieb ich das Libretto für vier Sänger und drei Musiker, genau auf die Geschichte dieses Gebäudes hin konzipiert. Mit der Musik war es ganz einfach, man konnte die schönsten und am besten passenden Stücke von Friedrich dem Großen, Carl Heinrich Graun, Johann Adolph Hasse sowie von Elisabeths Gegenspieler auf der Bühne, dem Kapellmeister Johann Friedrich Reichardt nutzen. Das gibt es alles auf CD. Dieses Nutzen und neu Zusammenstellen gab es damals schon, es hieß nicht Best of Friedrich, Graun und Hasse, sondern Pasticcio, eine Oper, deren Musik aus den Werken verschiedener Komponisten zusammengeklaubt ist. Urheberrechte waren damals noch nicht ins Bewusstsein gedrungen.

Es wurde eine schöne Wirtshausoper mit Remmidemmi, dramatisch und volkstümlich, wie es die Opera seria liebt. Tugend und Niedertracht, Macht und Ruhm, Liebe und Spott. Die dänische Produktionsleiterin Anne Zacho Søgaard fing an, das Stück bühnenreif zu machen und die Premiere für den Mai des kommenden Jahres anzukündigen. Das war im September 2004. Im Oktober 2004 wurde der Berlin Story gekündigt, weil das Haus vollständig umgebaut wurde. Schluss mit Oper. Das Libretto hatte ich im Februar 2004 in der Karibik geschrieben. Ich wollte mir vorstellen können, wie der Mann gelebt hatte, dem Gertrud Elisabeth Mara mehrere Jahrzehnte verbunden war, Henry Bouscaren St. Marie, der französische Adelige, 15 Jahre jünger als die Sängerin. Mit ihm hatte sie in London eine Affäre. Bouscaren musste sich dann um die Besitzungen seines Vaters in Martinique und Guadeloupe kümmern. Die Inseln waren damals und sind heute französisch, sie gehören jetzt zur EU, man zahlt mit Euro, es werden für die arbeitslosen Jugendlichen Sozialprogramme aufgelegt. Damals ging es brutal und blutig zu. Es gab Sklaven und Sklavenaufstände, Briten kämpften gegen Franzosen und setzten dabei gnadenlose Piraten ein. Mara verschmerzte den Verlust Bouscarens, tröstete sich mit ihrem Liebhaber Florio und war auch noch gelegentlich mit ihrem Mann zusammen. Der nächste Anlauf Richtung Oper nahm sich wesentlich besser aus. Die Berlin Story befand sich in den Kaiserhöfen Unter den Linden, hatte ein eigenes, sehr schönes, weit hin gelobtes Theater, eine wundervolle, technisch gut ausgestattete Bühne, auch eine Küche für Dinner-Shows. Die Oper war bühnenreif, fertig war die friderizianische Menüfolge mit Kartoffelsuppe, Polenta, Ananas (wurde damals in den Gewächshäusern in Sanssouci gezüchtet) und zum Abschluss Kaffee mit Senf. Genau zu Friedrichs 300. Geburtstag sollte Premiere sein – aber wieder musste die Berlin Story aus den Räumen. Wieder Schluss mit Oper.

Mara populär machen

Jetzt kann nur helfen, dass der Filmproduzent Nico Hofmann, Chef von teamWorx, dieses Buch liest und erkennt, dass die Geschichte von Gertrud Elisabeth Mara, des kranken Mädchens aus ärmsten Verhältnissen aus der Provinz und ihr Weg zum überragenden europäischen Opernstar das Richtige ist für einen Fernseh-Weihnachts-Dreiteiler für ganz Europa. Deutschland, Holland, Belgien, Frankreich, Portugal, England, Irland, Italien, Polen, Russland, Estland … mehr geht doch nicht. Europäische Filmförderung und vielleicht noch ein bescheidener Beitrag aus dem Kulturfonds von Gazprom. »Ich weiß, dass mein Erlöser lebt«, sang Mara und verließ sich nur auf ihre eigene Kraft.

Wieland Giebel im Juni 2012

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