Das braune Berlin – Hitlers Kampf um die Reichshauptstadt in Quellen

Diese Edition umfasst schwerpunktmäßig die Jahre 1920 bis
1933, also von den ersten Äußerungen Hitlers über die politische
Bedeutung Berlins bis zu seiner Ernennung zum Reichskanzler
am 30. Januar 1933. Im Kern geht es um Adolf Hitlers
letztlich erfolgreichen Kampf um die Reichshauptstadt. Einzelne
Quellen stammen aus den Jahren vor und nach diesem
grundsätzlichen Rahmen, genauer aus den Jahren 1916 bis 1919
und 1933 bis 1936. Das erwies sich als sinnvoll, um Querverweise
in den Quellen verständlich zu machen. Dagegen erwies
es sich als nicht praktikabel, Berlin als „Hitlers Hauptstadt“
1933 bis 1945 in ähnlicher Dichte zu dokumentieren. Das hätte
den Rahmen dieses ohnehin schon sehr umfangreichen Bandes
gesprengt. Entsprechendes Interesse beim Publikum vorausgesetzt,
wäre eine solche Ergänzung in einem zweiten Band
jedoch durchaus möglich.
Es gibt unüberschaubar viele Quellen, die den Verlauf von
Hitlers Bemühungen um Berlin dokumentieren. Grundlage der
hier vorgelegten Auswahl über den Aufstieg des Nationalsozialismus
in der Reichshauptstadt sowie der Kommentare ist eine
Quellensammlung, die Sven Felix Kellerhoff für sein Buch „Hitlers
Berlin. Geschichte einer Hassliebe“ (Berlin 2005) erarbeitet
hat. Die für den praktischen Gebrauch mit biografischen Details
sowie Informationen zum jeweiligen Kontext kommentierte
Quellensammlung ergänzte er für seine Bücher „Gerüchte machen
Geschichte“ (mit Lars-Broder Keil, Berlin 2006), „,Kristallnacht‘
– Das Novemberpogrom 1938 und die Verfolgung
der Berliner Juden 1924-1945“ (Berlin 2008) sowie „Berlin im
Krieg. Eine Generation erinnert sich“ (Berlin 2011). Seine Vorarbeiten
stellte Kellerhoff dem Redaktionsteam des Berlin Story
Verlages freundlicherweise für dieses Buch zur Verfügung.
In Kellerhoffs Sammlung gingen bekannte wissenschaftliche
Editionen wie „Hitler. Sämtliche Aufzeichnungen 1905-
1924“ (Stuttgart 1980) oder „Hitler – Reden. Schriften. Anordnungen
1925-1933“ (14 Bde. München usw. 1991-2000) ein,

außerdem die seinerzeit noch nicht vollendete Edition der Tagebücher
von Joseph Goebbels (32 Bde. München 1993-2008).
Gerade für das entscheidende Jahr 1932 von großer Bedeutung
ist die mustergültige Edition „Akten der Reichskanzlei“, im
Besonderen die Bände über die Kabinette Brüning (3 Bde.
Boppard 1982-1990), von Papen (2 Bde. Boppard 1989) und
von Schleicher (Boppard 1986). Diese Editionen sind in gut
ausgestatteten Bibliotheken problemlos greifbar.
Weitaus weniger bekannt, aber mindestens genauso wichtig
für einzelne Phasen des nationalsozialistischen Kampfes
um die Reichshauptstadt sind zwei an verstreuten Stellen veröffentlichte
Sammlungen. Zentral für die Frühzeit der Hitler-
Bewegung in Berlin ist Martin Broszats Dokumentation „Die
Anfänge der Berliner NSDAP 1926/27“, die in den „Vierteljahresheften
für Zeitgeschichte“ erschien (München 1960). Das
Gleiche gilt für den 26 Seiten umfassenden Dokumentenanhang
in Helmut Heibers erster, fragmentarischer Edition der
Goebbels-Tagebücher von 1925/26 (Stuttgart 1960). In den
bisher eher verstreuten Studien zur Geschichte der Berliner
NSDAP sind weitere wichtige Quellen als größere Zitate enthalten
und werden in dieser Sammlung danach zitiert. Dazu
zählen Arbeiten wie „Rechtsradikalismus in Berlin 1918-1928“
(Berlin 1988) von Bernd Kruppa, „Die Spandauer SA 1926-1933. Eine Studie zur nationalsozialistischen Gewalt in einem
Berliner Bezirk“ von Oliver C. Gliech (Berlin 1988) oder „Der
Kampf um Namen. Bernhard Weiß gegen Joseph Goebbels“
von Dietz Bering (2. Aufl. Stuttgart 1992).
Einen großen Anteil in Kellerhoffs Sammlung haben Quellen,
die in den zwanziger und dreißiger Jahren erschienen
und seither nicht oder jedenfalls nicht in einer kommentierten
Form wieder herausgegeben worden sind. Dazu gehören
eine Reihe von Originalschriften von Joseph Goebbels, etwa
die Hetzschriften „Das Buch Isidor. Ein Zeitbild voll Lachen
und Hass“ (5. Aufl. München 1931), „Knorke. Ein neues Buch
Isidor (2. Aufl. München 1931), „Kampf um Berlin. Bd. 1: Der
Anfang 1926/27“, von dem mehr nicht erschienen ist (München
1932) oder „Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei. Eine historische
Darstellung in Tagebuchblättern“ (München 1934),
außerdem nationalsozialistische Heldengeschichten wie etwa
„Soldaten der Freiheit. Ein Parolebuch des Nationalsozialis

mus 1918–1925“ von Erich Franz Berendt (Berlin 1935), „Eine
braune Armee entsteht. Die Geschichte der Berlin-Brandenburger
SA“ von Julius Karl von Engelbrechten (München –
Berlin 1937), der Stadtführer „Wir wandern durch das nationalsozialistische
Berlin. Ein Führer durch die Gedenkstätten
des Kampfes um die Reichshauptstadt“ von Engelbrechten und
Hans Volz (München 1937) sowie „Adolf Hitler gewinnt Berlin“
von Ernst Ziemann (Leipzig 1937).
Einen wichtigen Teil der Quellensammlung machen zeitgenössische
Zeitungsartikel aus. Sie stammen einerseits aus nationalsozialistischen
Blättern wie dem Völkischen Beobachter und
dem Angriff, andererseits aus liberalen Berliner Blättern wie der
Berliner Morgenpost, dem Berliner Tageblatt und der Vossischen
Zeitung. In Einzelfällen wertete Kellerhoff auch andere Blätter
aus, etwa die kommunistischen Zeitungen Rote Fahne und Welt
am Abend, die seinerzeit schnellste Zeitung der Welt, die BZ am
Mittag, das SPD-Parteiblatt Vorwärts und den rechtskonservativen
Berliner Lokal-Anzeiger. Diese Blätter lagen teilweise im
Zentrum für Berlin-Studien der Zentral- und Landesbibliothek
Berlin als Mikrofilmkopien, teilweise im Infopool des Axel
Springer Verlages in Original-Zeitungsbänden vor.
Im ersten Teil der Edition werden im Wesentlichen in chronologischer
Reihenfolge Quellen präsentiert, die politische Zusammenhänge
betreffen. Aufnahmekriterium war, dass eine
überlokale Bedeutung der in den Dokumenten behandelten
Zusammenhänge deutlich war. Sie sollten sich ferner nicht
überwiegend auf örtlich beschränkte Vorgänge beziehen. Allerdings
ist eine gewisse Unschärfe dabei nicht zu vermeiden,
wie etwa das Beispiel der Schlacht auf dem Bahnhof Lichterfelde-
Ost belegt.
Im zweiten Teil liegt der Schwerpunkt auf im engeren Sinne
lokal zu verortenden Ereignissen. Die hierfür ausgewählten
Quellenstücke erlauben einen Einblick in die Agitation der
NSDAP und der SA vor Ort. Da eine vollständige, kommentierte
Edition des nationalsozialistischen Reiseführers „Wir wandern
durch das nationalsozialistische Berlin. Ein Führer durch die
Gedenkstätten des Kampfes um die Reichshauptstadt“ von Julius
Karl von Engelbrechten und Hans Volz (München 1937) an
Einwänden des möglichen Inhabers der Urheberrechte, des Fi

nanzministeriums des Freistaates Bayern, scheiterte, fanden in
die hier vorgelegte Auswahl lediglich kommentierte, also wissenschaftlich
bearbeitete Auszüge aus diesem Werk Eingang.
Im dritten Teil der vorliegenden Edition finden sich statistische
Daten über den Aufstieg der NSDAP in der Reichshauptstadt.
Sie stammen in den meisten Fällen aus den Jahrbüchern
des Statistischen Landesamtes Berlin, die im Zentrum für
Berlin-Studien der Zentral- und Landesbibliothek Berlin einsehbar
sind, sowie aus den jährlichen Berichten des Statistischen
Reichsamtes. Einzelne andere Quellen sind detailliert
nachgewiesen.
Für die vorliegende Ausgabe wurden in das bereits vorliegende
Konvolut einige weitere Quellen eingearbeitet, die
erst kürzlich zugänglich wurden. Dazu zählt zum Beispiel die
unvollendete und nur handschriftlich überlieferte Bekenntnisschrift
von Horst Wessel mit dem Titel „Politika“, die von der
Staatsbibliothek 1938 angekauft und im Rahmen der Auslagerungen
wertvoller Bestände während des Zweiten Weltkriegs
nach Schlesien verlagert wurde. Sie befindet sich heute unter
der Signatur Ms. Berol. Germ. Oct. 762 in der Biblioteka
Jagiellońska in Krakau, die sie vor kurzem als vollständigen
Scan online zugänglich machte (http://jbc.bj.uj.edu.pl/dlibra/
docmetadata). Erstmals ausgewertet wurde für dieses Buch
der unter dem Namen von Joseph Goebbels erschienene, tatsächlich
aber wesentlich von mehreren seiner Mitarbeiter verfasste
Bildband „Das erwachende Berlin“ (München 1933).
Diese Edition soll einen möglichst direkten Einblick in den
Aufstieg der NSDAP in Berlin ermöglichen, und zwar in Originalquellen.
Deshalb stehen im ersten Teil in der Regel mehrere
Quellentexte für einen jeweiligen konkreten Zusammenhang.
Das sind in vielen Fällen einerseits Quellen unterschiedlicher
nationalsozialistischer Provenienz, andererseits Artikel aus seriösen,
das heißt liberalen Zeitungen, Polizeiberichte oder Aktenstücke
zum selben Zusammenhang. Wo es keine neutralen
Quellen gab, wurden auch Texte aus Goebbels-kritischen Kreisen
innerhalb der NSDAP herangezogen. Da jedoch die Selbstdarstellung
der Hitler-Partei für den Aufstieg der braunen Bewegung
in der Reichshauptstadt eine zentrale Bedeutung hat,
überwiegen Quellen nationalsozialistischer Provenienz rein
mengenmäßig. Im zweiten Teil war eine solche Gegenüberstel

lung prinzipiell nicht möglich, denn es gibt keine Gegenüberlieferung
zu den Orten nationalsozialistischer Selbstdarstellung
beim „Kampf um Berlin“. Viele der im zweiten Teil beschriebenen
Gewalttaten vor allem aus den Jahren 1930 bis 1932 haben
sich in den Berliner Zeitungen nur summarisch niedergeschlagen.
Wo es doch Ermittlungen und Verfahren gab, sind deren
Ergebnisse kurz zusammengefasst. Ansonsten beschränkt sich
der Kommentar in diesem Abschnitt darauf, nicht unmittelbar
erkennbare Verzerrungen im Sinne der NS-Ideologie zu identifizieren.
Der dritte Abschnitt präsentiert statistische Quellen, die
lediglich sachlich erläutert werden mussten.
Wie jede Auswahl folgt auch das hier vorgelegte Konvolut
subjektiven Kriterien. Die Schwerpunkte der Dokumentation
folgen dem Erkenntnisinteresse ihres Urhebers und erklären
sich aus dem Zusammenhang seiner Arbeiten, also vor allem
der Frage des Verhältnisses Hitlers zur Reichshauptstadt und
zum Aufstieg der Berliner NSDAP unter ihrem Gauleiter Joseph
Goebbels. Hätte man andere Schwerpunkte gesetzt, etwa die
Entwicklung der Berliner SA in einem bestimmten Bezirk oder
die Maßnahmen der Politischen Abteilung der Berliner Polizei
gegen die NSDAP, wäre eine andere Zusammenstellung herausgekommen.
Jedoch zeichnet die Auswahl auf jeden Fall ein
repräsentatives Bild des Kampfes um die Reichshauptstadt.
Kellerhoffs Arbeitskommentare in dem zugrundeliegenden
Konvolut wurden im Hinblick auf eine möglichst breite
Leserschaft ergänzt. Allgemeines Wissen zur deutschen Zeitgeschichte,
besonders zur Weimarer Republik, musste zwar
vorausgesetzt werden. Doch sind sämtliche namentlich auftretenden
Personen kurz charakterisiert, außerdem nicht unmittelbar
erschließbare Zusammenhänge erläutert. Da nationalsozialistische
Quellen nach Überzeugung des Herausgebers
nicht losgelöst von einem seriösen Sachkommentar gedruckt
werden sollten, hat sich das Redaktionsteam zu einer Erläuterung
in echten Fußnoten entschlossen. Sven Felix Kellerhoff
erklärte sich dankenswerterweise bereit, eine Einleitung zu
diesem Buch beizusteuern, in der die hier präsentierten Quellen
im zeithistorischen Zusammenhang gewertet werden.
Für das Redaktionsteam
Wieland Giebel

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