Joseph Goebbels „Das erwachende Berlin“ – Fotobuch des NS-Agitators von 1933

Meist wird Goebbels als reiner Anhang von Hitler gesehen und beschrieben. So auch von Ralf Georg Reuth in seiner 1991 erschienenen und 2012 überarbeiteten Goebbels-Biographie. Es heißt zwar in der Werbung „Anhand einer ungeheuer breiten Quellenbasis schildert Ralf Georg Reuth in seiner im In- und Ausland hoch gelobten Biographie das Leben des Joseph Goebbels.“ Aber dieses wichtig Buch, „Das erwachende Berlin“, kommt gar nicht vor. Meiner Meinung nach ist es aber einer der Schlüssel zu Goebbels. Er schildert seinen Kampf um Berlin, und es wird deutlich, wie er modernste Techniken und Medien anwendet, wie er bei den Kommunisten klaut, wie tief sich sein Hass auf Juden auch unabhängig von Hitler entwickelt. Das Buch ist im Original 24 x 32 Zentimeter groß und mit einem Gold-geprägtem Cover. Wir haben das halbe Format gewählt, 17 x 24 Zentimeter – das reicht für Goebbels.

Joseph Goebbels war viel zugleich: Glühender Antisemit ebenso wie ein trotz seines keineswegs adonishaften Körpers betörender Frauenheld. Sein Intellekt und seine rasche Auffassungsgabe zeichneten ihn aus, doch an seinem massiven Minderwertigkeitskomplex änderten diese Fähigkeiten lange Zeit nichts. Und selbst als er zu den drei, vier mächtigsten Männern des nationalsozialistischen Deutschlands gehörte, schlug sein von Hass zerfressenes Menschenbild immer wieder durch. Vor allem aber war Goebbels ein begnadeter Propagandist, der zudem „Chuzpe“ hatte. Das belegt der Band, der dieser Edition zugrunde liegt und zum ersten Mal seit 1945 überhaupt für die Öffentlichkeit wieder zugänglich wird. Das erwachende Berlin plante der Berliner NSDA PChef bereits im November 1932. Also zu einer Zeit, als noch keineswegs abzusehen war, dass die Nationalsozialisten schon am 30. Januar 1933 die Macht über Deutschland an sich reißen würden. Im Gegenteil, im Spätherbst 1932 befand sich die NSDAP in einer tiefen Krise, in einer Depression, die Situation war von zahlreichen Niederlagen gekennzeichnet.


Bei den Reichstagswahlen am 6. November 1932 hatte die Hitler-Bewegung eine herbe Niederlage erlitten: Sie verlor im Reich mehr als vier Prozentpunkte, in Berlin lag sie sogar deutlich hinter der KPD. Auch der abgebrochene BVG-Streik in den Tagen um die Reichstagswahl hatte dem Ansehen der Partei erheblich geschadet. Die innerparteilichen Kämpfe waren heftig wie nie. Scharenweise liefen Mitglieder zur KPD über. Sogar Hitler persönlich scheiterte zweimal hintereinander, da ihn Reichspräsident Hindenburg am 17. sowie 21. November 1932 nicht zum Reichskanzler ernennen wollte. Die Abfuhr war brüsk. Als Niederlage Nummer vier kann man die Gemeindewahlen in Thüringen am 4. Dezember 1932 sehen. Gegenüber den Reichstagswahlen vom Juli 1932 verlor die NSDAP mehr als ein Drittel der für sie abgegebenen
Stimmen. Nur der schlechten Wahlbeteiligung wegen sank der relative Stimmenanteil nicht ganz so deutlich. Eine fünfte Schlappe erlitt die Partei, weil sie noch vor Weihnachten 1932 ein Drittel der Beschäftigen der Reichspropagandaleitung entlassen musste. Das Geld war aufgebraucht.
Mitten in diesen existenziellen Krisen und in einem Jahr, in dem Goebbels bereits für vier Wahlkämpfe auf Reichsebene als Reichspropagandaleiter verantwortlich gewesen war, skizzierte er also ein Buch über den bevorstehenden Sieg der NSDA P. In der Planungsphase schien es zunächst um eine Bestandsaufnahme seiner Leistung in Berlin zu gehen, eine Art Fortsetzung seines ersten politischen Buches „Kampf um Berlin“ in Form einer Fotoreportage. Die Vorarbeiten gab er bei seinen Mitarbeitern in Auftrag. Für Andere wäre der Gedanke an solch ein Buch über die Kampfzeit wohl überhaupt erst nach dem Sieg möglich und gerechtfertigt gewesen, erst nachdem Hitler tatsächlich zum Reichskanzler ernannt wurde. Goebbels jedoch ließ sich trotz schwerer Rückschläge nicht von seinem Plan abbringen.


In seinem Tagebuch erwähnte er das Projekt erstmals unter dem Datum des 4. Dezember 1932, also niedergeschrieben in der Nacht vom 3. auf den 4. Dezember: „Mit Krause spreche ich meinen neuen Buchplan durch. Das erwachende Berlin. Eine Fotoreportage. Das soll ein Schlager werden.“ Am 29. Januar notierte er: „Gestern nach Rostock. Unterwegs Arbeit mit Hanke am Buch Erwachendes Berlin. Hanke macht seine Sache gut.“ Gemeint war sein Mitarbeiter Karl Hanke, der in diesem Buch auf Seite 153 mit Goebbels abgebildet ist. Im März 1933 sprach er mit der Gestalterin Hella Koch Zeuthen den Entwurf durch: „Gut gemacht. Sie hat Geschmack und Stil.“ Im August korrigierte er die Druckfahnen und am 26. November 1933 lag
das Buch gedruckt vor, pünktlich vor Weihnachten. Es erfuhr 1934 eine weitere Auflage.
Vom „bolschewistischen Juden“ zur „arischen SA“ Goebbels selbst trägt zum Werk höchstens das Vorwort mit einem Umfang von knapp elf Seiten bei. Auszüge aus diesem Vorwort finden sich in „Das braune Berlin“, einem Buch ebenfalls aus dem Berlin Story Verlag. Darin wird erstmals der Kampf der NSDAP um die Reichshauptstadt anhand von authentischem Quellenmaterial umfangreich und bis ins Detail geschildert. Die
Quellen werden dort historisch-kritisch direkt auf der jeweiligen Seite kommentiert und so für den heutigen Leser verständlich gemacht. Fehldeutungen der Quellen im Sinne des Nationalsozialismus
werden damit ausgeschlossen – ebenso wie im vorliegenden Buch.
Bei der Widmung auf dem Vorsatzblatt des Buchs „Dem Andenken des toten Sturmbannführers Horst Wessel gewidmet“ handelt es sich abermals um einen Propagandastreich. Der junge, attraktive und charismatische SA-Mann Horst Wessel war der einzige Nationalsozialist in Berlin, der Goebbels politisch hätte gefährlich werden können. Seine tödliche Verletzung durch die Kugel eines kommunistisch geprägten Kleinkriminellen Anfang 1930 kam Goebbels mehr als gelegen: Der potenzielle Gegner war tot und gleichzeitig ein Märtyrer der NS-Bewegung
geboren.
Im zweiten Kapitel „Die Stadt“ zeigen Hanke und Koch-Zeuthen in Fotomontagen den angeblichen Widerspruch zwischen „den bolschewistischen Juden, die in der Roten Fahne schreiben, aber im Romanischen Kaffee sitzen und finstere Umsturzpläne ausbrüten, die ihre Nacht in den Amüsierlokalen am Kurfürstendamm mit Negerkapellen verbringen“ sowie dem Berlin der „verfallenden Althäuser mit Abfall und Kehricht, mit schmalen Gassen, lichtlosen Treppenfluren
und Wanzenburgen“.


Im Kapitel über die Novemberrevolte geht es um die (angeblich guten) zurückkehrenden Frontsoldaten einerseits und die (vermeintlich schlechten) Sozialdemokraten andererseits, dieden im Felde unbesiegten Kämpfern in den Rücken gefallen seien – der „Dolchstoß“. Ausführlich
gefeiert werden dagegen die Putschisten um Wolfgang Kapp und Hermann Erhardt, die 1920 kurze Zeit die Macht in Berlin an sich rissen – der „Kapp-Putsch“. Aus diesem Sumpf antidemokratischer Rechtsradikaler rekrutierte sich später ein Großteil der ersten SA-Schläger.
Die Versuche besonders von Reichsaußenminister Gustav Stresemann, Deutschland von den schweren Lasten der Reparationszahlungen zu befreien, werden lächerlich gemacht. Demokraten, Schriftsteller, Künstler, Schauspieler – sie alle haben in den Augen der Autoren „kranke
Gehirne“. Für die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, die schweren sozialen Verwerfungen, für Armut und Arbeitslosigkeit werden SPD, Gewerkschaften und die Juden verantwortlich gemacht.
Nach diesem Schreckensszenario liegt auf der Hand, was kommen muss, nämlich: „SA marschiert“, wodurch sogleich „Deutschland erwacht“. Goebbels gründet die Zeitung Der Angriff,
die SA zieht trommelnd durch Berlin und „Der rote Terror rast“. Polizeiaktionen gegen die Schlägertrupps und Mordkommandos der Nazis werden als „Terror und Verfolgung“ angesehen.
Immer mehr Hakenkreuzfahnen und Braunhemden tauchen in der Stadt auf, Hitler und Goebbels sprechen im Sportpalast, gewinnen Wahlen und bereiten sich im nun angeblich „erwachenden Berlin“ auf die Übernahme der Macht im Staat vor. Schließlich tritt der „Führer“ weiter in den Vordergrund. Er wird jetzt zum Staatsmann, der mit Reichspräsident Paul
von Hindenburg auftritt, dem Hitler „mit einer einzigartigen Demonstration der Ehrfurcht und Dankbarkeit huldigt“.
Was zuerst wie eine Bestandsaufnahme wirkt, wie eine Huldigung an den Terror der SA, ist viel mehr: Goebbels beansprucht die Hoheit über die Deutung der allerjüngsten Vergangenheit. Er will bestimmen, wie die Sache der Nazis gesehen wird, wie sie in die Geschichte eingeht.
Nur zum kleineren Teil geht es um seine persönliche Eitelkeit – wenn er sich immer wieder in die Nähe von Hitler rückt, den vom ihm verehrten und bewunderten „Führer“. Das Buch wirkt
eher wie eine politische Illustrierte und erschien im Original in einem riesigen Format von 23,5 mal 32 Zentimetern, gebunden in grünes Leinen und mit goldenem Titelschriftzug. Der Bildband sollte etwas hermachen, der Selbstvergewisserung seiner Klientel dienen und – Goebbels litt zum Jahreswechsel 1932/33 immer noch an Geldnot – etwas einbringen.
Fotojournalismus und abgekupferte Montagetechnik Die Fotos in diesem Buch scheinen zwei unterschiedlichen Zeiten zu entstammen. Es gibt einerseits starre Aufnahmen von Bauwerken und still sitzenden Menschen, Porträts sowie gestellte Gruppenbilder. Und es gibt andererseits bewegte Szenen, fast schon wie im Film. Die Technik befand sich im Umbruch. Erst durch die Einführung der Kleinbildkamera, besonders der Leica
ab 1925, konnte echter Fotojournalismus entstehen. Bald gab es auch handliche Apparate, mit denen sogar qualitativ ordentliche Aufnahmen in Innenräumen möglich waren. Selbst im Reichstag konnte fotografiert werden –während der Sitzungen aber nicht legal. Zwischen 1928
und 1933 brachte das Boulevardblatt Tempo täglich in drei Ausgaben aktuelle Bilder vom Tage. Dem vorausgegangen war die Einführung des Kupfertiefdrucks ab dem Jahr 1911, der sich aber nur sehr langsam durchsetzte, erst in den späten Zwanzigerjahren. Erst dadurch konnten
Zeitungen und Zeitschriften deutlich erkennbare Fotos drucken. Es gab noch kein Fernsehen.
Die Gesichter der Politiker waren im gesellschaftlichen Alltag nicht präsent. Zeitungen, Illustrierten und Bücher wie das vorliegende hatten daher einen anderen Stellenwert. Menschen des öffentlichen Lebens und die Ereignisse im Land wurden durch die Fotografie vertraut.
Erprobt war, wie man Berlin künstlerisch beschreibt. Das Tempo der Großstadt, den Rhythmus vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, die sozialen Gegensätze, das hatte Walther Ruttmann bereits in seinem experimentellen Dokumentarfilm „Berlin. Die Sinfonie einer
Großstadt“ im Jahr 1927 gezeigt. Fotoreportagen haben die Nazis nicht erfunden. Sie lernten von den Kommunisten, man könnte auch sagen: Sie klauten. Die kommunistische Arbeiter Illustrierte Zeitung (AIZ) (Anfang 1933 betrug die Auflage 550.000 Exemplare) war zwischen 1927 und 1933 die nach der bürgerlich-liberalen Berliner Illustrirten Zeitung (1,1 Mio.) des Ullstein-Verlages und weit vor dem NSDA P-Version Illustrierter Beobachter (300.000) die zweitgrößte deutsche Illustrierte.
Sie entwickelte sich aus einer Propagandazeitschrift für die russische Revolution, der Monatszeitschrift „Sowjetrussland im Bild“ mit Berichten von den Leistungen und Schwierigkeiten des jungen, revolutionären sozialistischen Staats. Willi Münzenberg, der außerordentlich erfolgreiche
kommunistische Medienunternehmer, berichtete später auch über Themen des deutschen Proletariats.
Neu an der AIZ waren vor allem die Fotocollagen, besonders die des Künstlers John Heartfield (eigentlich Helmut Herzfeld), des Erfinders der politischen Fotomontage. Eine der ersten bekannten Montagen Heartfields ist das 1924 erschienene Bild von Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, hinter dem Soldatenskelette strammstehen. An der Technik von John Heartfield orientiert sich Das erwachende Berlin deutlich, ohne jemals dessen Schöpfungskraft zu erreichen.


Hakenkreuzfahnen statt Feldblumen

Sich an einer Technik zu orientieren heißt nämlich nicht, sie auch zu beherrschen. Goebbels hatte keine kreativen Künstler, die er Heartfield und den Kommunisten entgegensetzen konnte.
Er suchte Hilfe im Freundeskreis. Hella Koch-Zeuthen war eine hervorragende Malerin. Ihr Stillleben „Blumenstrauß mit Sonnenblumen“ ist ein in seiner Art perfektes Gemälde, das bis heute als Postkartenmotiv erhältlich und beliebt ist. An ihre Aufgabe, die Montage dieses Propagandabuchs zu übernehmen, war sie aber wohl nicht durch ihre Bedeutung als Malerin gekommen. Über ihr Leben erfährt man etwas im National Archives in Washington, genauer auf den Mikrofilmen der Ardelia Hall Collection, einer Datei mit Informationen zu Künstlern zur Zeit des Nationalismus. Darunter finden sich solche, die ins Exil gingen, und ebenso solche, die von den Nazis profitierten und mitmachten. Die Datei ist mit Schreibmaschine auf Blätter oder große Karteikarten geschrieben.
Geschrieben haben wohl eher Deutsche als Amerikaner.
Das Office of Military Government for Germany (U.S.) (OMGUS) sammelte bald nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 in München Kunst, die gestohlen worden sein könnte. Es gab dort im zentralen „Collecting Point“ bis zu einer Million Kunstgegenstände. Außerdem wurden deutsche Künstler beschrieben und kategorisiert. Das geschah auf der Grundlage von
Geheimdienstberichten, Verhören und Untersuchungen und zum Teil von abgefangenen Dokumenten.
Es finden sich dort u.a. Berichte über Hermann Göring, Heinrich Hoffmann, Alfred Rosenberg, Joachim von Ribbentrop, Baldur von Schirach und Albert Speer. Prof. Reinhold Koch-Zeuthen, der Mann von Hella Koch-Zeuthen, also der grafischen Gestalterin dieses Buchs, wird als Künstler in Berlin beschrieben, etwa 50 Jahre alt, mittelgroß, mit akademischer Malerausbildung. Aktiv im Reichsverband bildender Künstler Deutschlands,
1934 bis 1936 Referent im Reichsverband, schließlich wieder unabhängiger Maler. Er war Präsident des Verbandes Berliner Künstler auf Bitte von Dr. Goebbels, nachdem Prof. Claus Richter entlassen worden war. Ab 1941 war Koch-Zeuthen Professor an der Akademie für freie und angewandte
Kunst. „Likes painting pictures of the SA.“ Er ist ein durchschnittlicher Maler, spricht gebildetes deutsch.

Er war Parteimitglied bereits vor 1933, vermutlich 1930, ist überzeugter Nazi und hat zahlreiche Verbindungen innerhalb der Partei. Es wird angenommen, dass er auch für den SD (Sicherheitsdienst) gearbeitet hat.
Seine Frau Hella ist eine bessere Malerin als ihr Gatte und eine sehr geschickte Frau. Sie ist eng befreundet mit Frau Magda Goebbels und hat dadurch dazu beigetragen, dass Koch- Zeuthen einen Posten als Professor erhielt. Soweit die Auskunft des National Archives in Washington.
Einige Seiten weiter folgt die Aufstellung der durch die amerikanische Militäradministration in Berlin beschlagnahmten Kunstgegenstände. Im Büro des Gaus Berlin der NSDA P hing das Gemälde eines SA-Mannes von Koch-Zeuthen. Es wurde nach München gebracht.
Wahrscheinlich erklärt die Freundschaft zu Magda Goebbels den Auftrag, das vorliegende Buch zu gestalten. Denn sonst war Hella Koch-Zeuthen fast ausschließlich mit Blumengemälden in Erscheinung getreten. Auf der Deutschen Kunstausstellung im Haus der Deutschen Kunst in München zeigt sie 1941 Orchideen und Kamelien in Öl, 1942 einen Bunten Strauß
sowie eine Goldene Vase mit Blumen in Öl, 1943 mit Weißen und roten Kamelien in Öl und 1944 mit Frühling im Walde sowie Winden und Kresse in Öl. „Deutsch sein, heißt klar sein“, sagte Hitler zu Eröffnung des Hauses der Deutschen Kunst in München im Jahr 1937. „Mit Kubismus, Dadaismus, Futurismus, Impressionismus usw. haben mit unserem deutschen Volke nichts zu tun.“ Das galt als „entartete Kunst“. Goebbels sprach in seinem Tagebuch immer von Hella Koch. Prof. Koch, ihr Mann, hängte
seinem Namen den Ort seiner Herkunft an, Zeuthen. Er wurde am 5. Juli 1889 in Zeuthen bei Berlin auf dem Sommersitz der Familie geboren. Im Magazin, einer Kulturzeitschrift, beschrieb Käthe Mehlitz in Heft 5 des Jahrgangs 1941 Koch-Zeuthen als einen Künstler, „der für seine Arbeiten Motive wählt, die dem Auge gefallen. Er verliebt sich in die intime Schönheit eines Stoffs, eines Faltenwurfs, in den seidigen Glanz eines schönen Samtkleides.“ Koch lernte als Dreißigjähriger eine junge Malerin kennen, die noch Schülerin der Akademie und als
Blumenmalerin Hella Koch bekannt war. Hella wird etwa so alt gewesen sein wie die 1901 geborene Magda Goebbels, geschiedene Quandt, adoptierte Friedländer, geborene Behrend.
Besonders am Herzen lag Goebbels der Redakteur des Buchs Das erwachende Berlin. Karl August Hanke (1903 bis 1945), NSDA P-Mitglied seit November 1928, saß seit 1932 im Preußischen Landtag und wurde im gleichen Jahr in den Reichstag gewählt. Seit dem 1. April 1932 arbeitete er direkt für den Berliner Gauleiter. Er beauftragte auf Weisung Goebbels’ Albert Speer, in der Voßstraße 11 in Mitte einen neuen Amtssitz für die Gauleitung zu entwerfen. Dort hing zunächst das später von den Amerikanern beschlagnahmte Gemälde eines SA-Mannes von Koch-Zeuthen. Goebbels war mit der Arbeit seines Assistenten anfangs sehr zufrieden; darüber äußerte er sich mehrmals in seinem Tagebuch. Jedoch lag Hanke ihm nicht immer am Herzen. Jahre später nämlich hatte Hanke eine Affäre mit Magda Goebbels. Sie kam sich von ihrem ständig untreuen
Mann vernachlässigt vor. Tatsächlich hatte Goebbels 1937 über seine üblichen sexuellen Eskapdaen hinaus eine Beziehung mit der tschechischen Schauspielerin Lida Baarova begonnen. Hanke berichtete Magda von der Affäre mit dem jungen Filmsternchen. Diese Beziehung war zeitweilig so intensiv, dass Goebbels seine Frau Magda verlassen wollte. Magda wiederum hätte ihren Mann auch für Karl Hanke verlassen, der zwei Jahre jünger war als sie. Hitler schritt im Jahr 1939 ein und beendete beide Beziehungen durch ein Machtwort. Der gebürtige Schlesier Hanke wurde später als „Henker von Breslau“ bekannt. Er war ab 1941 Gauleiter von Niederschlesien. Während seiner Amtszeit wurden mehr als tausend Menschen hingerichtet. Ende April 1945 stieg er sogar als Nachfolger Heinrich Himmlers zum letzten „Reichsführer SS“ auf, einer allerdings nur noch bedeutungslosen Funktion. Wenige Woche später kam Hanke in den
Nachkriegswirren ums Leben.
Nachdem Das erwachende Berlin im Sommer 1933 fertig gestellt war, plante Goebbels sofort weiter. Unter dem 21. Juli 1933 findet sich die Notiz: „Mein Buch ist fertig. Ich sinne über das zweite.“ Auf der Grundlage seiner Tagebücher gab er im April 1934 den Band „Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei“ heraus. Der Arbeitstitel dieser „historischen Darstellung in Tagebuchblättern“ hatte „Weg zur Macht“ gelautet. Heute gibt es das Werk bei einschlägigen Quellen im Internet und für Menschen, die es nicht so mit Lesen haben, sogar als Hörbuch.
Mit der Arbeit an „Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei“ begann Goebbels Anfang August 1933, als er mit der wiederum schwangeren Magda in Heiligendamm Urlaub machte. Viele Momente seines Lebens sind darin erheblich geglättet. Situationen, die Goebbels seinem Tagebuch zufolge
entglitten waren, werden im Buch als schlüssig dargestellt. Ausführliche Beispiele dazu finden sich in der Dokumentation „Das braune Berlin“.
Die Nationalsozialisten waren seit dem 30. Januar 1933 an der Macht. Aber sie hatten trotz des sofort einsetzenden, zielgerichteten Terrors noch längst nicht alles unter Kontrolle. Als Signal an die Intellektuellen kann die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 verstanden werden:
Es war jetzt unmissverständlich klar, wo es lang geht. Die Presse wurde bis zum Herbst gleichgeschaltet, wobei sich viele Journalisten sogar vorauseilend selbst anpassten. Das Schriftleitergesetz
vom 4. Oktober 1933 schloss Journalisten mit anderer als „arischer Abstammung“ aus. Wer den Erwartungen der Machthabern genügte, wurde in die Berufsliste aufgenommen, dadurch Mitglied im Reichsverband der Deutschen Presse – und durfte weiterarbeiten.
Einzig die Berliner Polizei hatte sich in der Weimarer Republik und besonders in deren letzter Zeit massiv dem Fanatismus und dem Terror widersetzt. Bernhard Weiß, seit 1927 der Polizei-Vizepräsident von Berlin und Autor des historisch-analytischen Buchs „Polizei und Politik“,
wurde von Goebbels als „Vipoprä Isidor Weiß“ geschmäht (s. S. 91). Weiß sah sich als Garanten der Demokratie, griff systematisch gegen Rechtsbrüche der Nationalsozialisten durch und wurde deswegen von Goebbels laufend mit antisemitischen Diffamierungskampagnen
überzogen. Weiß seinerseits revanchierte sich mit mehr als 60 meist erfolgreich verlaufenen Prozessen gegen Goebbels.
In der NSDAP gab es dem Führerprinzip zum Trotz aber noch Fraktionen. Aufgeräumt wurde im Sommer 1934 anlässlich des vermeintlichen Putschversuchs der SA-Führung unter Ernst Röhm. Die von Wehrmacht und SS gründlich vorbereitete Säuberungswelle kostete mehr
als achtzig SA-Männern (von vier Millionen) und Parteigenossen das Leben, außerdem einigen alten persönlichen Feinden Hitlers wie Kurt von Schleicher oder Gregor Straßer. Jede mögliche innerparteiliche Opposition war damit ausgeschaltet, die SA wurde marginalisiert.
Im August 1934 nach dem Tod von Paul von Hindenburg vereinigte Hitler das Amt des Reichspräsidenten mit dem des Reichskanzlers in seiner Person. Das war eine praktische Lösung: ein Marionetten-Parlament, keine Kabinettssitzungen mehr, der Weg zum absoluten Führerstaat und ins Unglück war frei.
Wieland Giebel, November 2012

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