Eine Backpfeife für den kleinen Goebbels

Johanna Ruf ist Zeugin des Untergangs. Sie ist die letzte, die ihr Schweigen nach Jahrzehnten bricht. Dies ist ihr Tagebuch von damals.
Im Anhalter Bahnhof versorgt sie Flüchtlinge, im Lazarett der Reichskanzlei Soldaten, trifft die Goebbels-Kinder, hastet durchs Granatfeuer und wird bei der Roten Armee dienstverpflichtet. Damals war sie 15 Jahre alt, geboren am 22. Juni 1929. Dies ist mein Vorwort zum Buch.

Ende Oktober 2016 wird die „Dokumentation Führerbunker“
im Berlin Story Bunker eröffnet, dem früheren
Anhalter Bunker. Zu den Gästen gehört die 87-jährige
Johanna Ruf. Sie ist eine der Wenigen, die den Bunker
noch aus der Zeit kennen, als er für tausende Menschen
eine Hoffnung auf Leben war. Im Alter von 15 Jahren hat
Johanna im Anhalter Bahnhof geholfen, Flüchtlinge zu
betreuen; später ist sie im Lazarett der Neuen Reichskanzlei
in unmittelbarer Nähe von Hitlers letztem Unterschlupf
eingesetzt, dem Führerbunker. Hier kümmert
sie sich um verletzte Soldaten. Solche Einsätze zählen zu
den Aufgaben im Bund Deutscher Mädel.
Als ich Johanna Ruf im November 2016 in ihrer schönen
Wohnung besuche, drückt sie mir ein Typoskript in die
Hand. Ihr Tagebuch. Sie hat vor mehr als 70 Jahren Stichworte
auf Zetteln festgehalten; die konnte sie gut bei sich
behalten. Kurz nach dem Krieg hat sie diese Notizen
ausgearbeitet und später mit der Schreibmaschine abgeschrieben.
Dabei haben sich Kleinigkeiten geändert. Die
Namen zum Beispiel sind im Typoskript nicht vollständig.
Spricht man jedoch mit Johanna Ruf, die heute 87
Jahre alt ist, hat sie alle Namen im Kopf. Der Grund für
die Verkürzung: Nach dem Zweiten Weltkrieg scheint es
nicht angebracht, schriftlich festzuhalten, wer beim Bund
Deutscher Mädel oder in der Hitlerjugend welche Position
eingenommen hat. Beim späteren Abschreiben sind
noch Situationen eingefallen, deren Bedeutung sich ihr

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erst im Nachhinein erschließen. Trotzdem ist das Tagebuch
auch in der hier erstmals veröffentlichten Form im
Kern so erhalten, dass man spürt, wie es für ein 15 Jahre
altes Mädchen war, sich durch die apokalyptischen Tage
der Schlacht um Berlin kämpfen und danach noch mehr
als zwei Monate in sowjetischem Gewahrsam verbringen
zu müssen, immer ungewiss, ob sie nach Berlin
zurückkehren dürfe oder gen Osten deportiert
werde.
Johanna Ruf hilft im Lazarett unter der Reichkanzlei mit
direkter Verbindung zum Führerbunker. Es wird geleitet
von Ernst Günther Schenck, damals 41 Jahre alt, Oberstarzt
und Standartenführer der SS. Allein in der Zeit vom

  1. April 1945 bis zur Kapitulation am 2. Mai (in Berlin)
    werden 350 Operationen durchgeführt. Schenck beklagt
    sich in seinen Erinnerungen, dass sich niemals ein Angehöriger
    der Führerumgebung nach dem erkundigt, was
    sich in einer Entfernung von nur etwa hundert Metern
    ereignet. Den Sanitätern aus dem Anhalter Bunker kann
    er kein Verbandszeug mitgeben, weil er selbst nichts hat.
    Das Inferno im Anhalter Bunker, berichtet er, übersteige
    alles Vorstellbare. In seinen 1970 veröffentlichten Aufzeichnungen
    gelingt es ihm nicht, Tage und Nächte voneinander
    abzugrenzen.
    Johannas Aufzeichnungen dagegen sind auf den Tag
    genau. Sie bewegt sich rund um Anhalter Bahnhof und
    Führerbunker – mit präzisen Orts- und Zeitangaben.
    Zum Beispiel soll sie am Mittwoch, dem 25. April 1945,
    zur Reichsjugendführung in die Kurfürstenstraße kommen.
    Im Tagebuch heißt es: „Ein Wunder, dass wir alle
    heil durchgekommen sind. Kurz vor der Reichsjugendführung
    kamen wieder Tiefflieger und rechts und links

waren keine Häuser. Wir legten uns kurzentschlossen
auf die Erde, die Schüsse fielen ziemlich in der Nähe,
ich hätte viel darum gegeben, einen Stahlhelm zu haben,
wie alle anderen.“ Einen Tag später hält sie fest: „Wir
bekommen vom Gau Flugblätter geschickt, die wir unter
die Bevölkerung verteilen sollen: Die Armee Wenck soll
den Ring, den die Russen um Berlin gelegt haben, von
außen aufrollen.“ Und am Freitag, dem 27. April 1945,
notiert Johanna: „Der Artillerie-Beschuss liegt jetzt direkt
zwischen dem Anhalter Bahnhof und dem Potsdamer
Platz. Ausgerechnet das ist unser Weg. Wir liegen
mehr auf der Straße, als wir laufen, aber irgendwie kommen
doch alle heil durch … Gegen zehn Uhr kommt die
Meldung, dass die ersten russischen Panzer am Anhalter
Bahnhof sind. Und wir sitzen ein paar Meter weiter mit
der SS zusammen. Die Fahrräder müssen wir schweren
Herzens zurücklassen, dann gehen wir durch einen Notausgang
nach oben. Draußen sieht es furchtbar aus: der
Bahnhof brennt, die Ari schießt wieder stärker, Tiefflieger
kommen ohne Unterbrechung.“
Am frühen Morgen des 1. Mai 1945, eines Dienstags,
bekommt sie eine Weisung: „Heute Nacht gab es eine
große Aufregung: Wir sollten zum Führer. Aber eh wir
noch richtig wach waren, war das Ganze schon wieder
abgeblasen, und wir schliefen weiter. Nun ist es aber
wohl doch ernst geworden, denn Irmgard erklärt kategorisch:
,Entweder in weißen Blusen oder überhaupt
nicht.’ Da hat sie schließlich Recht. Unsere Blusen sind
ziemlich schmutzig, so können wir unmöglich zum Führer
gehen.“
Im Lazarett erzählt ihr Hitlers Arzt Werner Haase in
diesen Tagen, dass der „Führer“ geheiratet habe. Am

  1. Mai 1945 notiert sie, dass der Diktator nicht mehr
    lebt. Die Männer, die am Nachmittag des 30. April 1945

die Leichen von Adolf Hitler und Eva Braun mit Benzin
überschüttet und angezündet haben, berichten ihr
davon. Johanna Ruf ist eine Zeugin des „Untergangs“,
wie Joachim Fest sein Buch über Hitlers Ende genannt
hat. Sie ist die letzte, die ihr jahrzehntelanges Schweigen
bricht. Dies ist ihr Tagebuch.
*
Diese Edition gibt das Typoskript so wieder, wie Johanna
Ruf es geschrieben hat. Nur in Einzelfällen sind
unverständliche Abkürzungen aufgelöst sowie offensichtliche
Rechtschreib- und Interpunktionsfehler korrigiert
worden. Missverständnisse oder der Autorin unbekannte
Schreibweise blieben jedoch stehen und sind in
Fußnoten aufgelöst. Der Kommentar konzentriert sich
auf die historisch gut dokumentierten letzten Tagen der
Schlacht um Berlin. Die umfangreicheren Schilderungen
Johanna Rufs über ihre Zeit als dienstverpflichtete
Schwesternhelferin im Lazarett Neue Reichskanzlei
nach der Kapitulation, im Königin-Elisabeth-Hospital in
Berlin-Lichtenberg und in der Kleist-Kaserne in Frankfurt
(Oder) können mangels paralleler Quellen weitaus
weniger umfassend erläutert werden. Im Kern werden
sie hier so umfassend wie nie zuvor geschildert.
Der besondere Wert von Johanna Rufs Tagebuch liegt
in der Unmittelbarkeit ihrer Notizen. Trotz der zweifachen
Überarbeitung ist sie auch mehr als sieben Jahrzehnte
später noch klar zu erkennen. Wichtig waren ihr
die Kameradschaft und der gemeinsame Glaube in der
Hitlerjugend, zu der auch der Bund Deutscher Mädel gehörte.
Hinterfragt hat sie die Botschaften des Nationalsozialismus
nicht; dafür war sie zu sehr in der Propaganda
des Dritten Reiches sozialisiert. Ungeachtet dessen

scheint eine bemerkenswerte Einsicht durch viele ihrer
kurzen Notizen; sie machen die Lektüre dieses Tagebuchs
lohnend auch über den Hauptgegenstand hinaus.
*
Johanna Ruf kannte den Anhalter Bahnhof schon
lange. Ihr Vater arbeitete dort. Aber nicht die imposante
Halle aus dem Jahr 1880, seinerzeit der größte
Bahnhof des Kontinents, war für sie von Bedeutung,
sondern die weit verzweigten Gleise südlich davon.
Hier standen die Waggons, um sauber gemacht
zu werden. Seine Familie war zur Zeit der Königin
Luise nach Russland ausgewandert. Im Weltkrieg 1914
bis 1918 sollten seine Verwandten gegen Deutsche kämpfen.
Doch sie schossen immer daneben und wurden deshalb
gegen die Türkei eingesetzt – Johanna erinnert sich
an diese Erzählungen ihres Vaters.
Gelegentlich gab es Freifahrkarten, und Johanna
durfte allein zu Verwandten in die Nähe von Hannover
reisen. Bei den Bauern dort konnte man richtig spachteln
– wichtig für ein kleines Mädchen. Das war 1937, 1938.
Damals sagten ihre Eltern: „Jetzt geht es uns besser als
vor der Hitler-Zeit.“ Bald darauf begannen sie, sich ein
kleines Arbeiterhaus zu bauen. An jedem Wochenende
ging es zu dem Grundstück. Doch dann klaffte dort eines
Tages nur noch ein Bombentrichter.
Johanna wuchs in der feuchten Kellerwohnung eines
herrschaftlichen Hauses auf, der Villa Hünefeld in der bis
1939 gleichnamigen Straße in Berlin-Südende. Der Eigentümer,
der Ozeanflieger Günther von Hünefeld, war
1929 gestorben, seine Mutter Elisabeth Freifrau von Hünefeld
lebte weiter in dem Haus. Johannas Eltern versahen
dort die Hauswartstelle: Der Vater kümmerte sich um

die Koksheizung, die Mutter um die Wäsche, die Kinder
putzten die Treppen und freundeten sich mit den Dienstmädchen
an. Deren Verwandte in Hirschberg besuchte
Johannas zweieinhalb Jahre ältere Schwester mehrmals.
Baronin Hünefeld hatte eine Schwester, gegen die
selbst die Kinder beim Spielen oft gewannen, weil sie
geistig beschränkt war. Aber sie besaß ein Radio, und
dort konnte man Kinderfunk hören. Während die Baronin
sich mit der Hausdame rechtzeitig nach München
absetzten konnte, verschwand die Schwester in ein
Konzentrationslager und wurde dort umgebracht. Ins
Haus zog dann 1935 der SS-Gruppenführer und NSDAPReichstagsabgeordnete
Hans Weinreich, der ständig betrunken
war. Vater Emil kümmerte sich weiter um die
Heizung.
Im Alter von noch nicht ganz sechs Jahren wurde sie
in der Volksschule am Markusplatz in Berlin eingeschult,
im Alter von 13 Jahren hatte sie 1943 die acht Schuljahre
hinter sich gebracht. Der Direktor Franz Hübner war
nach der Machtübernahme nicht in die NSDAP eingetreten.
Er wurde degradiert und vom Gymnasium an
die Mädchenvolksschule versetzt: „Unser Glück“, erinnert
sich Johanna Ruf: „Das war damals die Wiege meiner
Schreiberei. Damals fing auch meine Schönschrift
an. Ihm zuliebe habe ich mir eine eigene, wunderbare
Schrift angeeignet. Der ehrgeizige Direktor hat uns viel
mehr beigebracht als sonst in der Volksschule üblich.“
Am 1. März 1943 wurden sie ausgebombt – die erste
Schule in Steglitz.
Als die Volksschulzeit zu Ende ging, begann bald darauf
Johannas Pflichtjahr – genau am 23. August 1943,
dem Tag des großen Bombenangriffs auf Berlin. Alle
Frauen unter 25 Jahren hatten das Pflichtjahr „in der
Land- und Hauswirtschaft“ zu absolvieren. Sie sollten

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auf ihre zukünftige Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet
werden. Johanna verbrachte das Jahr bei Verwandten
im Warthegau, einem annektierten Teil Polens.
Jeden Tag mussten sie eine Stunde zu einem Bauern laufen,
weil das Kind der Familie angeblich nur die Milch
einer bestimmten Kuh vertrug, und eine Stunde zurück
– durchs Moor.
Das Haus in der Hünefeldstraße, die seit 1939 Ellwanger
Straße hieß, brannte ab, Johanna stand davor und
zitierte die „Feuersbrunst“ aus Schillers Glocke. Ihre
Sorge war, ob die Zigarrenkiste mit ihren gesammelten
Granatsplittern noch da war. Granatsplitter waren in der
Schule beliebte Tauschobjekte.
Im Januar 1945 endete der Unterricht in der Frauenfachschule.
Der gesamte Bann 200 des Bundes Deutscher
Mädel wurde für den Anhalter Bahnhof eingeteilt.
BDM-Leiterin Regine kam jeden Tag mehrmals nach
ihren Mädchen sehen. Regine hätte sich absetzen können
zu Verwandten in die Schweiz, aber sie wollte die
jungen Mädchen nicht allein lassen „Sie hat sich rührend
um uns gekümmert“, erinnert sich Johanna. Und
für das Selbstbewusstsein der Mädchen gesorgt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Johanna Ruf
in einem Kinderhort und begann 1948 eine Ausbildung
zur Krankenschwester im Hospital St. Joseph. Der eigene
Herr sein, lieber als bei den Eltern wohnen. Die besuchte
sie allerdings gelegentlich.
Ihr Examen legte sie 1950 ab und arbeitete bis 1988 in
verschiedenen Krankenhäusern, lange im Wenckebach-
Klinikum in Berlin-Tempelhof. In diesem Bezirk lebt sie
bis heute.

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