Die Tagebücher des Verlegers Curt Cowall 1940 –1945.

Zu diesem Buch habe ich das Editorial geschrieben, eine Art Einleitung oder Übersicht, damit Journalisten etwas zum Abschreiben haben.

Darum geht es im Buch: Die Tagebücher des Berliner Verlegers Curt Cowall vom Moment höchster Zustimmung der Deutschen zu Hitler 1940 bis zur Schlacht um Berlin und zum Untergang 1945 zeigen, welche Chancen er sich zunächst mit den Nazis ausrechnet, wie er den Krieg verdammt, ins Zweifeln gerät und schlussendlich Enttäuschung und Existenzangst an ihm zehren. Reflektiert stellt Cowall seine eigene Situation dar, ausführlich schildert er am Ende die Schlacht um Berlin, wie die Granaten über die Bewohner hinwegdröhnen, „der Russe“ einmarschiert und die Berliner ums Überleben kämpfen.  

Und das habe ich geschrieben: Es ist überraschend, dass 75 Jahre nach Kriegsende immer noch neue, interessante Quellen zur Zeit des Nationalsozialismus und zum Ende des Zweiten Weltkriegs auftauchen. Bei den hier publizierten Tagebüchern Curt Cowalls handelt es sich um Berichte eines Verlegers aus der industriell geprägten Ritterstraße in Berlin-Kreuzberg. Curt Cowalls Aufstieg zum erfolgreichen Unternehmer beginnt mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Durch sie wird Cowall zum Umsatzmillionär. Er begeistert sich angesichts der schnellen militärischen Erfolge des Polen- und des Frankreichfeldzugs.

Beim Untergang des Deutschen Reichs 1945, als seine Kreuzberger Geschäftsräume zerstört sind und er in Dahlem den Einmarsch der Russen miterlebt, verdammt er die Nazis.

Curt Cowall kommt im September 1936 im Alter von 38 Jahren mit nur 70 Mark Betriebskapital aus Dresden in die Reichshauptstadt. Er konzipiert das „Sport-Tagebuch der deutschen Jugend“, finanziert von Werbung der deutschen Wirtschaft, das 1938 erstmals und in einer Auflage von 8,5 Millionen Exemplaren für die „Reichssportjugendführung“ gedruckt und dieser kostenlos zur Verfügung gestellt wird.

Allein mit diesem „Sport-Tagebuch“ macht Cowall 1940 einen Umsatz von 1,2 Millionen Reichsmark. So verwundert es nicht, dass er im Sommer 1940, nach den erfolgreichen Blitzkriegen und dem Sieg über Frankreich, wie so viele Deutsche in Kriegseuphorie verfällt. Begeistert notiert er in seinem Tagebuch, dass „das militärische Geschehen der letzten Monate so gewaltig ist, dass es in der Geschichte tatsächlich ohne Beispiel ist.“ (12. Juli 1940) Cowall arbeitet erfolgreich mit nationalsozialistischen Organisationen zusammen. So druckt er Publikationen der Deutschen Arbeitsfront und plant neue Objekte wie „Die Ehe- Fibel“, die „Gesundheits-Aktion der Deutschen Arbeitsfront“ und „Jungen und Alten Gesundheit erhalten“ für die Deutsche Arbeitsfront. Als Herausgeber seiner Broschüren und Plakate nennt er die „Deutsche Arbeitsfront“ oder den „Reichsausschuss für Volksgesundheitsdienst“, nicht seine eigene Firma.

Auch sein Unternehmerfreund in der Ritterstraße, Wilhelm Limpert, den Cowall seit 1924 aus Dresden kennt, profitiert von Nazi-Produktionen wie „Führerblätter der Hitlerjugend“ oder „Unser Führer Adolf Hitler – Schulung der Zehnjährigen“.

Noch 1943 und auch 1944 macht Cowall 100.000 Reichsmark Gewinn bei einem Umsatz von 620.000 Reichsmark.

Am 31. August 1940 fällt Cowall auf, dass Millionen von Russland-Landkarten gedruckt werden. Und er folgert daraus richtig, dass ein Krieg mit Russland bevorsteht. Am 27. Juli 1941 schreibt er in sein Tagebuch: „Er lastet schwer auf uns allen – der gigantische Kampf unserer Soldaten gegen Russland. Über 600 Kilometer wurden im härtesten Kampf bis jetzt genommen. Wir denken, bis Mitte August ist Moskau genommen und die Sowjets so geschlagen, dass sie nicht mehr gefährlich werden können.“

Cowall beklagt am 12. April 1942 die Zerstörung der alten Hansestadt Lübeck und die massive Bombardierung deutscher Städte: „Nun – wir haben es ja drüben auch so gemacht – also zahlen uns die Engländer langsam heim, was wir ihnen vorher angetan haben!“ Im August 1944 erkennt er: „Die rumänischen Ölquellen sind verloren und im Westen stehen die Amerikaner und Engländer bereits in der Mitte zwischen Paris und Metz!“ – „Und so geht es ins sechste Jahr des Wahnsinns, das sicher nun das letzte sein wird, denn die Menschen sind des naturwidrigen Mordens und Zerstörens überdrüssig, es ekelt jeden normal Denkenden an. Sie fühlen alle, dass es ein Verbrechen an der Menschheit ist.“ (1. September 1944)

Seine Gefühle gleichen denen wie auf einer Achterbahn: „Seit dem 16. Dezember 1944 sind wir an der Westfront im Mittelabschnitt zur Offensive übergegangen – ein Ereignis von unerhörter Tragweite, denn wer hätte das gedacht? Mir war schon manchmal recht mulmig zumute, jetzt aber ist es im deutschen Volke ähnlich wie damals im Juni des Jahres, als die V1 das erste Mal nach London sauste – man hat wieder Hoffnung!“ (31. Dezember 1944) Für sein Geschäft sieht er eine Perspektive, würden die Alliierten durch die deutsche Ardennenoffensive zurückgeschlagen.

Curt Cowall hofft bis 1945 auf den deutschen Sieg: „Jeden Tag erhalten wir neue Schläge, die uns bis in die tiefste Seele treffen und uns schwerst erschüttern! Wir hofften, dass die fliegenden Schweine der Angloamerikaner wenigstens mit ihrem Vernichtungswahnsinn vor der Hochburg von Kunst und Kulturwerten, vor unserem geliebten Dresden Halt machen würden! – Wir haben uns geirrt – diesen Verbrechern ist nichts heilig: Dresden ist diese vergangene Nacht und heute Mittag gestorben unter Bomben und Phosphor dieser tierischen Ungeheuer.“ (14. Februar 1945) Im Januar 1945 wird die Kreuzberger Ritterstraße von alliierten Bombern in Schutt und Asche gelegt. Cowalls Geschäftsräume sind zerstört. Er sitzt in seinem Verlag in der Ritterstraße 71, alle Scheiben sind durch Luftminen aus den Rahmen gesplittert, es ist eiskalt. „Mein schönes Chefzimmer ist kaum noch bewohnbar. Wie muss sich diese Generation vor ihren Kindern schämen, denen man wohl sagt, man kämpfe für sie, in Wirklichkeit kämpft man gegen sie, indem man ihnen alles zerstört, was das Leben erst lebenswert macht.“ (1. Februar 1945)

Als er am 14. März 1945 zum Volkssturm eingezogen werden soll, schluckt er vor der Musterung zwölf Pillen Ambulzit und wird als untauglich wieder nach Hause geschickt. Sein Kommentar: „Nach diesem Kriege werden auch noch intelligente Deutsche gebraucht.“ Wenige Tage später, als der Untergang des Deutschen Reiches offensichtlich ist, verdammt er die Nationalsozialisten, fühlt sich „auf das Schmählichste missbraucht“ und notiert während der Schlacht um Berlin am 28. April 1945, als er die von Panzern überwalzten Soldaten und Volkssturmmänner auf den Straßen sieht: „Verbrecher haben uns regiert von 1933 an.“

Curt Cowalls Aufzeichnungen spiegeln die Einstellung der überwiegenden Mehrheit der Deutschen gegenüber dem nationalsozialistischen Regime. Der Leser erkennt, welche Chancen er sich ausrechnet, kann die allmähliche Bewusstwerdungnachvollziehen, dass das von ihm verlegte „Sport- Tagebuch der Jugend“ nicht der gesundheitlichen Ertüchtigung dient, sondern der Kriegsvorbereitung. Persönliche Verantwortung oder Schuld kann der Verfasser der Tagebücher, wie fast alle Deutschen, in diesem Moment nicht erkennen. Auch damit steht Curt Cowall für die große Mehrheit der Deutschen. Erst zwei Jahrzehnte später änderte sich das.

Was die Besonderheit dieses überraschend aufgetauchten, jetzt erstmals veröffentlichten Tagebuchs aber ausmacht, sind die Reflektionen über die eigene Situation, häufig anhand von in das Tagebuch eingeklebten, auszugsweise auchhier im Buch abgedruckten Zeitungsausschnitten, die Cowall kommentiert. Der Leser heute erfährt, was viele Menschen damals wussten, was sie vermuteten und hofften. Ausführlich beschreibt Cowall, der nach dem Frankreichfeldzug noch an das „Genie“ Hitlers geglaubt hat, wie er die Schlacht um Berlin erlebt: Wie die Stalinorgeln über die Hausbewohner hinwegdröhnen, aber Frau Jehnichen ihre gute Stube saubermacht; wie die Anwohner ein leerstehendes HJ-Heim plündern und sich dort mit Lebensmitteln versorgen; wie über die Vergewaltigungen von Nachbarinnen gesprochen wird – und wie er sich das Ende des Krieges vorstellt: „Es ist nun ganz klar, dass die Russen am 1. Mai 1945 ihre große Siegesparade in Berlin feiern können. Stalin spricht dann vom Balkon der Reichskanzlei.“ (27. April 1945) Peter Dörp, der Herausgeber der Tagebücher seines Onkels, setzt sich im Anhang ausführlich damit auseinander, was es bedeutet, mit einem Mitglied der Familie konfrontiert zu sein, das mehr mitgemacht hat als wir in friedlicher, wohlhabender Zeit.

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