Engelbecken – heute wurde abgefischt

Diese Fische wurden heute vom Fischereiamt aus dem Engelbecken geholt. Exoten. Nicht so typisch für heimische Gewässer. Entsorgt aus Aquarien. 200 Kilogramm Fisch wären fürs Engelbecken OK. Jetzt sind 1400 Kilogramm drin. Der befürchtete Zoff von Tierschützern blieb aus. PETA schickte nur ein Fax.

Darum geht es. Der Tierschützer: „Das sind doch wirklich sehr schöne Fische. Warum dürfen die hier im Engelbecken nicht weiterleben?“ Der Mann vom Fischereiamt: „Das sind Exoten. Die gehören nicht hierher. Hybride, eine Mischung aus Goldfischen und Koy-Karpfen aus Japan. Im Engelbecken sind 1400 Kilogramm Fische. Verträglich wären 200 Kilogramm.“ Es wurden zwei Zander gefunden, die wieder ins Engelbecken gesetzt wurden. Misstrauen, Hysterie, Hatespeech und Verschwörungstheorien – für das Zusammenleben ein wenig gutes Gebräu.

Heute begann das Abfischen. Es war vorher angekündigt worden, erwies sich nicht als besonders erfolgreich, zog aber auch keine Menge von Tierschützern an. Drei. Und ein Fax der Expertin für Fische von PETA hing an Wänden und Bänken.

Mehr Polizei als Interessierte. Das Bezirksamt Mitte hatte befürchtet, dass es zu Tumulten kommt. Das war nicht der Fall. Im Gegenteil: Eine Mitarbeiterin und ein Mitarbeiter des Bezirksamts, die Zuständigen, waren die ganze Zeit über vor Ort, gesprächsbereit, auskunftsfreudig, vorbildlich. Nadine Pirch vom Bezirksamt sprach auch von sich aus Neugierige an und erläuterte, worum es geht. Ziel sei es, die Wasserqualität des Engelbeckens wieder hinzubekommen.

Im diesem Beitrag des rbb sieht man einen der drei Tierschützer – und man erkennt, dass nahezu alle heute herausgeholten Fische Exoten sind. Von den zahlreich anwesenden Befürwortern der Abfischung kommt in diesem Beitrag des rbb keiner zu Wort, auch nicht der Bürgerverein Luisenstadt.

Auch Ulrike Kiefert lässt in der Berliner Woche Befürworter der Abfischung, die sich für das ökologische Gleichgewicht einsetzen, nicht zu Wort kommen. Sie schreibt auch nicht, dass der Tierschutzverein PETA gar nicht da war, sondern aus Stuttgart ein Fax geschickt hat.

Beide berichten vom Rande her. Sie spiegeln die gesellschaftliche Realität nicht wider, verzerren und polarisieren. Plausibilität bleibt draußen vor. Genau das wird aktuell über Journalisten diskutiert, die dazu beitragen, Vertrauen und Glaubwürdigkeit zu verspielen, sich eher für Kampagnenjournalismus statt für Aufklärung zu entscheiden – am Ende steht der Vorwurf „Lügenpresse.“

Anders schreibt Julia Weiss im Tagesspiegel. Sie lässt beide Seiten zu Wort kommen und gibt dem Leser dadurch die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild zu machen.

Update 18. März 2021:  Es wurden 98 kg Fische im Engelbecken gefangen, wobei die zwei zuletzt gefangenen Zander mit zusammen 10 kg wieder zurückgesetzt wurden. Also wurden 88 Kilo Fische entnommen. Das war nicht die erhoffte umfangreiche Entnahme, aber hinsichtlich der Artenzusammensetzung ein interessantes Ergebnis – gefangen wurden vor allem bunte Gartenteichfische aus dem Baumarkt; dominant waren besonders große Giebel-Exemplare. Im Einzelnen waren es ein Butterfly Koi (50 cm) 2 Kg, Kleine Plötzen 0,5 Kg (bei der urspünglichen Bestandsaufnahme zur Schätzung gab es hingegen sehr viele davon), Kleine Bleie 2,5 Kg, Giebel 20-30 cm (natur+rot) 73 Kg, ein Schuppenkarpfen 90 cm mit10 Kg. Mit dem Netz wurden dreiviertel der Fische gefangen, nur wenige mit dem Elektrofischereigerät.

Das Fischereiamt bestätigt, dass die Schätzung von über 1,3 Tonnen Fisch im Engelbecken auch angesichts der Fangresultate vom Dienstag keineswegs übertrieben sei – man ist sich sicher, dass die Fische sich aufgrund der mit 6° tatsächlich sehr geringen Wassertemperatur unten am Gewässergrund der Entnahme entzogen haben. Ende Update.

Der Hintergrund: Das Engelbecken war einst Hafen im Luisenstädtischen Kanal, den es nicht mehr gibt, der heute als ein Park von Ver.di an der Spree über das Engelbecken, den Oranienplatz zum Landwehrkanal führt. In diesem Buch Luisenstädtischer Kanal findet sich die ganze Geschichte.

Zur Mauerzeit war das Engelbecken Todeszone mit Wachtürmen und schießenden Ost-Grenzern, dann wurde es 2006 ausgebaggert, tiefer gelegt – hier auf dem Foto zu sehen. Es geht einem Erwachsenem bis zum Bauch. Das Engelbecken ist nicht mit anderen Gewässern verbunden. Alle Tiere, die sich jetzt im Wasser befinden, wurden von Menschen eingesetzt, man könnte auch sagen, aus dem Aquarium entsorgt, weil sie zu groß wurden oder einfach nicht mehr da sein sollten. Nach der Berliner Landesfischereiordnung ist das nicht zulässig: „Nicht heimische Fische und gebietsfremde Arten dürfen nur mit Genehmigung der unteren Fischereibehörde ausgesetzt werden.“

Der Bürgerverein Luisenstadt (hier der Bericht über die Aktion) und Anwohner, die nicht in ihm zusammengeschlossene sind, bitten das Bezirksamt Mitte seit längerem, aktive zu werden, etwas zu tun, damit der See nicht (biologisch) umkippt. Das Bezirksamt handelt jetzt. Es wurde ein umfangreiches Gutachten angefertigt, nach dem die schlechte Wasserqualität am vielen Füttern liegt. Da ich von meinem Arbeitsplatz aus direkt auf das Engelbecken sehe, kriege ich mit, dass von morgens bis abends Brot hineingeworfen wird. Männer, Frauen, Jung und Alt, mit und ohne Kinder, Deutsche, Türken. Die Schwäne, Enten und Möwen stürzen sich darauf, die Fische und Schildkröte, der Rest sinkt auf den Boden und bildet eine Fäulnisschicht. Nachdem das Engelbecken ausgebaggert war, war der Boden fest, also eine Lehmschicht. Ich war oft drin. Jetzt steht man in einer zwanzig Zentimeter dicken, unangenehmen Schlammschicht. Gemäß dem Gutachten wächst sie in jedem Jahr um einen Zentimeter.

Auch hier sieht man deutlich, dass es sich um zwar schöne und interessante Fische handelt, die wahrscheinlich aus Aquarien ins Engelbecken entsorgt wurden, aber sie gehören nicht in dieses Gewässer. Foto: Barbara Wolterstädt

In einem online-Bürgerdialog des Bezirks Mitte erläuterten die Fachleute des Bezirksamts und die zuständige Stadträtin Sabine Weißler am 9. März 2021 das geplante Vorgehen. Tierschützer bezeichneten den Dialog in den Kommentaren als Farce. Ihre Meinung setzte sich nicht durch. Die Verwaltung wurde verbal angegriffen, weil sie nicht sagen konnte, wann das Abfischen passieren sollte. „Das ist ein anderes Amt. Die unterstehen uns nicht. Wir wissen es nicht – nur, dass es bald geschehen soll, vor der Laichzeit.“ Das Misstrauen gegenüber den Ämtern sitzt so tief, dass die Fragestellerin diese Antwort nicht glauben wollte – auch als vom Bezirksamt die Zusage kam, die Anwohner vorher zu informieren.

Am 12. März 2021 informierte das Bezirksamt mit dieser Pressemitteilung, warum abgefischt werden soll, nämlich als ein Beitrag zur Verbesserung der Wasserqualität.

Kurz darauf wurden die Teilnehmer des Bürgerdialogs persönlich via Mail über das bevorstehende Abfischen informiert:

Das Bezirksamt Mitte hat das Fischereiamt Berlin um die kurzfristige Durchführung der Fischbestandsentnahme in Amtshilfe gebeten. Vom Fischereiamt wurde bestätigt, dass die Maßnahme morgen, 16.03.2021 am Engelbecken durchgeführt wird.

Wir verstehen, dass es bei einem Teil der Bürgerschaft Vorbehalte und Bedenken gegen die Maßnahme gibt, dennoch wurde die Fischbestandsentnahme nach fachlicher Abwägung der vorliegenden Informationen und Fachgutachten als dringend erforderliche Sofortmaßnahme eingeschätzt, um in den aus dem Gleichgewicht geratenen Fischbestand regulierend einzugreifen und weitere Schäden von dem Gewässer abzuwenden.

Das ist neu und erfreulich, dass nicht über unseren Kopf hinweg entschieden oder an uns vorbei gehandelt wird.

Auf Twitter entwickelte sich aber ein kleiner Shitstorm:

„… Schon mal was vom Tierschutz gehört? Was wollen Sie alles töten?“

Dieser Tweet knüpft an das Flugblatt an, das vor einiger Zeit hier an allen Hauseingängen hing und über das ich berichtet hatte. Tenor: Alle Fische sollen umgebracht werden, die Engelbecken-Verschwörung. „Die Fontänen werden abgestellt und alle Fische, Schildkröten und die jungen Schwäne werden entsorgt.“ Panikmache oder Verschwörungstheorie, man weiß es nicht. Bis heute bekannte sich niemand zu diesem Flugblatt. Der rbb berichtete über das angebliche Engelbecken-Massaker, aber zum Glück verpuffte die Angelegenheit bald, mein nächster Bericht dazu.

Zum Jahreswechsel nahmen die Berliner Zeitung und der Berliner Kurier diese seltsame Verschwörungstheorie auf. Es geht im Kern um gesellschaftliche Entwicklung zum Irrationalen.

Beleidigende Hate Speech von Anonymen nimmt zu, jemand, der sich auf Twitter „Simon Dach“ nennt, schlägt wieder zu:

So, PETA ist (auch durch diese Tweets) eingenordet und aus Stuttgart schaltet sich die Expertin ein, Dr. Tanja Breining, die Fachreferentin für Wassertiere. An der Wand rund ums Engelbecken und auf die Bänke ist dieses Schreiben geklebt, offenbar aus Stuttgart als Fax angekommen, denn es ist unten abgeschnitten:

PETA tritt für das Leben der Fische, der Tiere überhaupt ein. Der Lebensraum für Fische, Schildkröten und Vögel soll erhalten bleiben. „Statt Tausende Fische zu töten, sollten biologische Reinigungsarbeiten stattfinden … regelmäßige Frischwasserzufuhr … verbesserter Sauerstoffgehalt.“ Das Füttern sollte eingeschränkt werden.

Wenig weiß man in Stuttgart. Biologische Reinigungsarbeiten werden bei einem siebenfachen Überbesatz kaum möglich, jedenfalls nicht nachhaltig sein. Frischwasser wird regelmäßig zugeführt, denn das Engelbecken ist mit dem Grundwasser verbunden. Der Sauerstoffgehalt ist sehr hoch. Die 16 Fontänen im Sommer sorgen dafür.

PETA, heißt es in dem Fax, setze sich als Organisation gegen Speziesismus ein, eine Weltanschauung, die den Menschen als allen anderen Lebewesen überlegen einstuft. Meine Meinung: Das kann man so sehen. Es hat aber nichts damit zu tun, dass diese Situation im Engelbecken durch Menschen so geschaffen wurden, die ihre Tiere entsorgen, die wiederum alle Pflanzen weggefressen haben und dadurch das ökologische Gleichgewicht nicht mehr da ist.

Wie kommt es, dass solch eine Hysterie entstehen kann? Misstrauen wird gegenüber allem gesät, gegenüber den anderen Anwohnern und gegenüber der Verwaltung. Diese Verschwörungstheorien und das Misstrauen leugnen die Jahrtausende alte Erfahrung, das Wissen um ökologisches Gleichgewicht oder sie stellen es auf den Kopf. Rationales wird zurückgedrängt, irrationale Ängste und Verhaltensweisen erhalten Auftrieb. Hintergrund der Berichterstattung in der Berliner Zeitung sind die Verschwörungstheorien von Corona-Leugnern, von Rechten, von QAnon, ein relativ neues und sich schnell verbreitendes gesellschaftliches Phänomen. Es scheint so, als mache sich dieses irrationale Denken und handeln auch darüber hinaus breit.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeter Unmündigkeit“ – Mit Immanuel Kant [1724 bis 1804] kam der Vernunft ihre Bedeutung als dem gegenüber dem Verstand höheren Erkenntnisprinzip zu. Er definierte den Verstand als das an Sinneseindrücke gebundene Erkenntnisvermögen. Von der Vernunft unterschieden wird gewöhnlich der Verstand als Erkenntnisvermögen oder als das Zusammenwirken vieler verschiedener kognitiver Fähigkeiten.

Früher haben wir in der Berlin Story diese „Kant-Tasse“ verkauft. Es war die erste der von uns produzierten „Intelligenz-Tassen.“ Sie ist leider ausverkauft. Seitdem nimmt das Unglück seinen Lauf 🙂

Foto: Barbara Wolterstädt