Streik bei Gorilla’s heute – und wie es 1981 bei Graetz war

Wie kam es eigentlich zum wilden Streik in der Fabrik, in der ich gearbeitet habe? Wie habe ich Hunderte Mitarbeiterinnen weg vom Fließband und aus dem Werksgelände hinaus auf die Hattinger Straße in Bochum führen können? Die Frage fällt mir ein, als ich den wilden Streik in Berlin im Moment mitbekomme.

Streik der Fahrer, der Rider, bei der Firma Gorilla’s, die Lebensmittel in zehn Minuten nach Haus bringt.

Ich freue mich so sehr über den Streik der Rider bei GORILLA’S, die mit dem Rad Lebensmittel ausfahren und die Kunden innerhalb von zehn Minuten erreichen sollen. Gestern wurde einer gekündigt, weil er zu spät kam, Santiago oder Santi. Die Geschäftsführer oder Lagerleiten holten die Polizei. Polizisten fraternisierten mit den Bossen, alte Kumpels. Darüber berichtet Jörg Reichel @ver_jorg von der dju, der Deutschen Journalisten Union in der Gewerkschaft Verdi auf Twitter. Er hat das beobachtet.

Die Leitung des Gorilla-Lagers holt sofort die Polizei. Eigentlich kann es nicht besser sein, denn dann kommen die Medien – noch nicht am ersten Tag, aber am zweiten sind Pressevertreter und Fernsehleute in großer Anzahl da.

Rider sind die Bauernopfer aus der prekären Welt, sie sind die Billigarbeitskräfte. Auf studentischen Job-Plattformen sucht Gorillas laufend Mitarbeiter. Wer vier Schichte macht, erhalte 50 Euro zusätzlich, wer zehn Schichten macht, erhalte hundert Euro mehr, erzählt mir eine Studentin.

Wieso kann das Unternehmen Lebensmittel fast zu Supermarktpreisen liefern? Weil es darauf gar nicht ankommt. Das Geschäftsmodell besteht nicht darin, Lebensmittel zu liefern, sondern das Unternehmen aufzublasen und dann mit extremem Gewinn zu vertickern. Anders kann ich mir das nicht vorstellen. Die Analyse der Zukunftserwartungen spricht dafür:

In den USA wird der E-Grocery-Markt von 30.879 Millionen $ im Jahr 2019 auf 114.923 Millionen $ im Jahr 2026 wachsen.

The five-year growth forecast marks a more than 60% increase over pre-coronavirus pandemic dollar sales estimates for the online grocery space, Mercatus and Incisiv noted.

Das Kapital vermehren. Was sonst mit unserem Leben ist, ist ihnen scheißegal. So verhält es sich heute bei den Gorillas, so war es damals bei Graetz.

Die beiden Gründer Jörg Kattner und Kağan Sümer kommen von Rocket International, also den Geldhaien, die überall Ideen geklaut und damit Geld gemacht haben. 2020 war es so, dass das Startup den Investor Atlantic Food Labs von sich überzeugen konnte. Der Geldgeber hält laut Handelsregister nun knapp 14,5 Prozent der Unternehmensanteile. 18,8 Prozent der Anteile gehören dem libanesischen Unternehmer Ronny Shibley. Inzwischen, so sieht es in anderen Quellen aus: Das Magazin Publikum spricht von weiteren „Hauptinvestoren, sei es Tencent, der chinesische Tech-Gigant, der als Chinas wertvollstes Unternehmen gilt, oder Coatue Management, dessen Gründer 2,1 Milliarden Dollar wert ist.“ Ich habe das nicht überprüft, denn die Art der Investoren zeigt auch so, dass es nicht um Lebensmittellieferungen geht, für die der Kunde laut Tagesspiegel nur 1,80 Euro zusätzlich zahlt.

Der Tagesspiegel schreibt (10. Juni 2021): „Gegründet wurde Gorillas im März 2020 von den Berliner Unternehmern Jörg Kattner und Kagan Sümer. Schon nach wenigen Monaten wurde der Unternehmenswert auf über eine Milliarde Dollar beziffert. Das hatte so schnell noch kein deutsches Start-up geschafft.  Das Unternehmen expandiert sowohl in Deutschland als auch international, neben Berlin ist es unter anderem auch in Köln, Hamburg, Amsterdam oder New York aktiv.“

Die Streikorganisation ging überraschend schnell. Dazu gehören zwei: Die jungen Leute, die sich nicht verarschen lassen wollen – und eine Geschäftsleitung, die ausschließlich auf den Profit sieht, der die Mitarbeiter völlig egal sind.

Es werden die ausgebeutet, die am wenigsten organisiert sind, denn „wahrscheinlich 60 bis 70 % der Arbeiter sind Argentinier, Chilenen oder Spanier. Aber auch Hindi, Tamil und Bengali sind weit verbreitet, gefolgt von Türkisch und etwas Arabisch.

Polizei und auch das LKA sind vor Ort. Das Landeskriminalamt? ja, tatsächlich. Jörg Reichel von der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union dju kennt seine Pappenheimer.

Diese Sprachenvielfalt bestätigt ein Migrationsmosaik, das den CEOs und ihren Investoreninteressen perfekt entgegenkommt: ein nicht enden wollender Strom von Arbeiter*innen mit Working Holiday- oder Studierendenvisa, die nie lange genug im Unternehmen bleiben werden, um wirksam Widerstand leisten zu können“, schreibt der Online-Dienst Publikum.

Und wie war das damals, am 22. April 1981, also vor ziemlich genau vierzig Jahren? Um eine Belegschaft in den Streik zu führen, braucht man vor allem eins: Vertrauen. Das dauert etwas. Den Anlass bieten die Unternehmen von alleine.

Graetz 1982, am Ende meiner langen Zeit in der Fabrik, sechs Jahre. Hier im Endlager, wo die fertigen Fernsehgeräte in einem Hochregallager auf den Transport warten.

Ich hatte 1978 aufgehört, Jura zu studieren und bin in die Fernsehfabrik Graetz gegangen: Mehr als zweitausend Frauen, etwa 300 Männer. Die Frauen saßen am Band und montierten Fernseher, die damals noch aus sehr vielen Einzelteilen bestanden. Die Männer brachten das Material und holten die fertigen Teile ab. Ich war Lagerarbeiter und Gabelstaplerfahrer. Das bedeutete um 4.20 Uhr aufstehen, 5.07 Uhr in den Bus, in der Kaue umziehen und danach 5.50 Uhr stempeln und zum Arbeitsplatz. Nach sechs Jahren, als das dritte Kind unterwegs war und ich Hausmann wurde, aber auch, weil es mit der Revolution nicht richtig vorangehen wollte, hörte ich auf. Da war ich schon lange Vertrauensmann der Gewerkschaft IG Metall und Betriebsrat. Für die Belegschaft war das wesentliche Ergebnis meiner Tätigkeit, dass die laut Betriebsverfassungsgesetz alle drei Monate stattfindende Betriebsversammlung von vorher meist 45 Minuten auf sechs oder mehr Stunden ausgedehnt wurde. Da musste man nicht arbeiten. Natürlich hasste mich das Management des Unternehmens, das zum amerikanischen ITT-Konzern gehörte.

Das mit der Revolution ist aber hier etwas kokettiert. Revolution hatten wir nicht unmittelbar vor. Die Kommunistische Gruppe Bochum, in der ich organisiert war, heute würde man sagen eine ML-Sekte, unterschied klar zwischen der theoretischen Arbeit an einem revolutionären Programm, also der Frage, worauf es hinauslaufen sollte, und der praktischen, eigentlich reformistischen Arbeit, im eigentlichen Sinne gewerkschaftlich – nur nicht so, wie die korrupten Bonzen von der IG-Metall.

Nachdem ich ein Jahr im Betrieb war und ein ganz gutes Netzwerk aufgebaut hatte, wurde Helmut Wilke gekündigt, mein wichtigster Ansprechpartner, Betriebsrat, und bei den Kolleginnen sehr beliebt aufgrund seines Einsatzes und weil er nicht die Klappe hielt. Ihm wurde vorgeworfen, er sei betrunken gewesen. Er hatte aber einen Schwächeanfall und war auf der Arbeit kollabiert. Für das Management ein gefundenes Fressen, denn einem Betriebsratsmitglied kann man nur fristlos kündigen – wenn er geklaut hat oder eben betrunken war. Die anderen Betriebsratsmitglieder hätten zustimmen müssen. Das sollte auf einer außerordentlichen Sitzung gleich am nächsten Tag passieren. Also wie Helmut helfen?

Ziemlich einfach, nämlich mit einer Überraschung, mit der keiner gerechnet hatte. Am nächsten Morgen wurden von kurz nach fünf Uhr bis kurz vor sechs vor dem Eingangstor Flugblätter verteilt. Das hatte es noch nie gegeben. Jede Kollegin nahm eins mit. Sie stellten sich ordentlich in die Schlange.

Noch nie war vorher ein Flugblatt vor Graetz verteilt worden. Damit haben wir das Management, aber vor allem den Betriebsrat überrumpelt. Denn die Kolleginnen setzten sich mit aller Macht dafür ein, dass dem Kündigungsantrag nicht zugestimmt wurde. Der von den Arbeiterinnen und Arbeitern gewählte Betriebsrat konnte sich nicht offen gegen Helmut stellen.

Die Frauen wurden morgens mit Bussen aus dem ganzen Ruhrgebiet abgeholt. Flyer-Verteiler waren die Genossinnen und Genossen der Kommunistischen Gruppe Bochum. Für sie war das normal. Denn wir verteilten seit längerem vor Opel-Bochum, damals noch mit 18.000 Mitarbeiter. Da war ich auch oft vor meiner Schicht dabei – ziemlich anstrengend. Vor Graetz haben alle gerne verteilt, weil sie freundlich behandelt und nie angemeckert wurden. Unsere späteren Flugblätter waren konkret, ohne ideologisches Gelabere, immer für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

Der Aufruf, ja eher die Anweisung, dass sich Jede an den Betriebsrat wenden solle, damit der Kündigung von Helmut nicht zugestimmt wird, stellte die auf ihre Vorteile bedachten Betriebsratsmitglieder vor eine angespannte Situation. Für uns war es eine Zitterpartei. Ich notierte damals: „Es gibt wohl keinen, der das Flugblatt nicht gelesen hat. Die Frauen standen in Grüppchen und lasen, Männer diskutierten. Diskussion, ob er getrunken hat oder nicht. Die meisten sagen, ist egal, es ist ein Vorwand, Helmut loszuwerden.“ Nach und nach hatten wir den Eindruck, dass der Druck der Kolleginnen den Tag hindurch stärker wurde. Am Schichtende wussten wir, dass wir erfolgreich waren. Der Betriebrat hatte dem Kündigungsantrag nicht zugestimmt. Nachmittags, die Schicht endet um 14.30 Uhr, habe ich Helmut im Krankenhaus besucht. Es ging ihm schon wesentlich besser. Er hatte kein Fieber mehr.

Dennoch durfte er zunächst nicht zurück. Es kam zu einem Verfahren vor dem Arbeitsgericht. Helmut gewann und musste wieder eingestellt werden. Jedem in der Belegschaft war klar, wer dahinter steckte. Natürlich auch dem Betriebsrat. Hasserfüllt bezeichnete der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Hagedorn uns als „Schmierblatt“-Gruppe. Damit war der Name der Betriebsgruppe geboren, die sich durch diesen Kampf zusammenfand. Das war der Hagedorn, der den Arbeitsrichter ganz durcheinanderbrachte. „Sind Sie von der Personalabteilung?“ – „Nein, ich bin freigestelltes Betriebsratsmitglied.“ Hagedorn hatte für ITT und gegen Helmut ausgesagt – siehe Flugblatt hier auf der zweiten Seite. So etwas hatte der Richter noch nie erlebt.

Sieg der Belegschaft! Helmut Wilke musste wieder eingestellt werden. Eine massive, offenkundige Niederlage des Managements.
Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende sagte vor Gericht für ITT/Graetz aus. Bei den Kolleginnen und Kollegen war er unten durch.

Dieser erfolgreiche Kampf stärkte das Selbstbewusstsein der Belegschaft, schwächte das Vertrauen in den Betriebsrat und führte zur Gründung einer Betriebsgruppe, die sich wöchentlich traf.

Der katholische Oberpfaffe will fröhliche Frauen am Fließband erkannt haben. Eine Türkin sagte der WAZ: „Draußen reden sie anders.“ Das war – lange vor der Betriebsgruppe – Nursen Türkel, eine der ersten, die in der Betriebsgruppe mitmachten. Später wurde sie Sozialarbeiterin.

Wir hatten eine Chance und nutzten sie. Von jetzt an erschienen regelmäßig Flugblätter, das Schmierblatt. Obwohl offiziell keiner wusste, woher die Flugblätter kamen, sprachen mich immer wieder Kolleginnen an, was mal im Schmierblatt stehen könnte.

Was bedeutet eigentlich Bandarbeit?

Ein Modul von innen. Alles Handarbeit. Diese kleinen Komponenten, Kondensatoren, Widerstände, aber auch Verzögerungsleitungen wurden mit der Hand in die Leiterplatte gesteckt. Jede Frau am Band hatte zehn bis zwölf Teile zu stecken.
Oben kam der Deckel mit der Bezeichnung darauf.
Die Unterseite der Leiterplatte. Um jedes bisschen Fett zum Beispiel von den Händen zu entfernen, lief das Modul durch eine „Waschmaschine“. Dieses Seite wurde entfettet.

Bandarbeit ist stupide, aber man kann sich dabei unterhalten, herumgucken, in bestimmten Maße Quatsch machen, flirten – je nach Situation. Die Frauen in diesem Bereich meinten jedoch, es würde bei Mitarbeiterinnen an der Waschmaschine wegen der Reinigungsflüssigkeit Tri häufiger zu Fehlgeburten kommen.

Inzwischen hatten wir Flugblätter zu verschiedenen Themen verteilt, wussten, dass sie genau gelesen werden, dass man uns vertraut und versuchten es erstmal mit einem Acht-Seiten-Flugblatt zu Tri:

Schmierblatt 11. Wir griffen eine zentrale Frage auf, das Reinigungsmittel Tri.

Aufruhr im Betrieb, Aufruhr in der Betriebsratssitzung, eine unglaubliche Hetze gegen uns setzte ein, aber ausschließlich von Vorgesetzten und vom Betriebsrat. Es dauerte noch mehr als ein Jahr, dann verschwanden die Waschmaschinen.

Parallel zu den Flugblättern der Betriebsgruppe wurde überwiegenden von den gleichen Personen die Bochumer Arbeiterzeitung BAZ verteilt, also die Zeitung der Kommunistischen Gruppe Bochum. Diese Zeitung gab es bei Opel im Zusammenhang mit der GOG, der Gewerkschaftsoppositionellen Gruppe, und bei Graetz.

Bochumer Arbeiterzeitung BAZ 40 vom November 1979, Verlagerung nach Singapur und Malaysia.

Die Verlagerung der Produktion nach Fernost klappte nicht richtig. Zwar waren die Löhne extrem niedriger und der Transport kostete nicht viel, aber die Kommunikation war damals nicht ideal, die Zulieferung war nur durch lange Planung möglich, es konnten nicht mal eben Produkte ausgetauscht werden gegen solche, die auf dem Markt besser liefen. Nach etwa zwei Jahren wurde die Produktion zurückverlegt. Parallel wurden die Bestückungsmaschinen besser, durch die die Handarbeit der Frauen am Band ersetzt wurde. Und auch parallel dazu entwickelt sich die Technik weiter: Es wurden nicht mehr so viele Teile gebraucht.

Bochumer Arbeiterzeitung BAZ 46 vom Januar 1981. Es soll rationalisiert werden. Die amerikanische Firma Brooks soll Abläufe untersuchen und sagen, wo gespart werden kann.

Hardcore-Kapitalisten. Das erinnert auch an die Gorillas und deren Gründer. Für die Betriebsgruppe kam diese Situation überraschend. Aber das natürliche Misstrauen der Kolleginnen diesen abgebrühten Rationalisieren gegenüber kam uns entgegen.

BAZ 47 vom März 1981. Wieder geschafft. Das ist nicht so einfach, wie man es sich vorstellt. Viele haben Angst, müssen die Familie ernähren, werden verunsichert.

Das Management war nicht auf Streik eingestellt. Sie hatten einfach nicht damit gerechnet, dass es zu so einer extremen Reaktion der Frauen am Band kommen würde als Antwort auf die Rationalisierer. Wir erzwangen eine Betriebsversammlung, die eine volle Schicht dauerte – also eine volle Schicht Produktionsausfall.

Ein ausführlicher Bericht in der WAZ. Auch das hat geklappt. Auf den Journalisten Rainer Wanzelius ist Verlass, er erwähnt mich nicht.

Die Ekel-Typen von Brooks verschwanden, also diese McKinsey-ähnlichen Kotzbrocken. Wieder ein Sieg der Betriebsgruppe. Wieder gestärktes Selbstbewusstsein der Belegschaft.

Die taz berichtet über den außerordentlich erfolgreichen Kampf der Frauen-Belegschaft von Graetz gegen die Rationalisierungsfirma Brooks.
Bochumer Arbeiterzeitung BAZ vom Mai 1981 zur Betriebsratswahl. Ein Drittel der Mitglieder des Betriebsrats steht nach der Wahl der Opposition in der IG-Metall nahe, sie sind von uns.

Dass unsere Kandidaten alle gewählt wurden und ein Drittel des Betriebsrats stellten, war vor einiger Zeit nicht abzusehen.

Bochumer Arbeiterzeitung 50 vom Oktober 1981. Wir dominieren die Betriebsversammlungen, haben aber keine Mehrheit.

Die Frauen wollen keine Sonderschichten machen, aber der Betriebsrat stimmt zu, weil es im Interesse des Unternehmens ist, weil wir sonst von der Konkurrenz abgehängt und alle die Arbeitsplätze verlieren würden. Samstag arbeiten geht allen quer. Samstag und Sonntag soll für die Familie sein – und zwei Tage braucht man zum Ausruhen. Das bisschen Geld mehr bringt es nicht. Jeden Tag um vier Uhr aufstehen, das ist eine Qual und man kann sich echt nicht daran gewöhnen.

1. Mai 1982. Eine breite Mobilisierung aus verschiedenen Betrieben. Junge Leute, ganze Kinderläden, echte Arbeiterklasse.

Wir wissen, was wir wollen, nämlich zum Klassenkampf ermutigen, individuelle und kollektive Stärke unterstützen, ohne dabei aus dem Betrieb zu fliegen, ohne aus der IG-Metall ausgeschlossen zu werden, wie Linksradikale, die ungezügelt auf den Putz hauen, aber wir wollen auch die Kolleginnen unterstützen, die wir verlieren – wie jetzt Heidi, die aus der Fabrik raus will und Grafikerin wird oder oben schon vorgestellte Nursen, die Sozialarbeiterin wird. Mehrere aus der Betriebsgruppe haben jetzt den Mut, etwas anderes mit ihrem Leben anzufangen. Und weiter sind wir in der Minderheit.

Schmierblatt, 8 Seiten zur Rationalisierung

Aus heutiger Sicht kommt es mir unvorstellbar vor, dass wir so viele und so lange Flugblätter gemacht haben. Gelegentlich sollte der Wachschutz das Verteilen verhindern – es hat nie geklappt. Die Busse haben dann vor dem Betriebsparkplatz kurz gehalten und unsere Verteilerinnen haben die Flugblätter in Stapeln hineingereicht. Die Frauen wollten das so. Sie wollten unsere Flugblätter,

Auch bei der Vertrauensleutewahl konnten wir nicht die Mehrheit gewinnen. Es waren wieder so etwa ein Drittel unserer Leute in der gewerkschaftlichen Vertretung.

Vertrauensleute sind die Vertreter der Gewerkschaft, hier der IG-Metall im Betrieb. Ich war bereits 1979 gewählt worden. Sie spielen im Betrieb keine so große Rolle, können aber auf gewerkschaftliche Schulungen fahren. Der Betriebsrat dagegen ist ein Organ des Betriebsverfassungsgesetzes und weitgehend vor Kündigungen geschützt.

Ich war Betriebsrat und gewerkschaftlicher Vertrauensmann. Und ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Inzwischen galt Graetz aber als kampfstarker Betrieb der IG-Metall. Die Gewerkschaft machte sich zu eigen, was wir in der Betriebsgruppe auf die Beine gestellt hatten.

Die IG-Metall freut sich, dass aus Graetz ein kampfstarker Betrieb geworden ist und möchte ernten, was die Schmierblatt-Gruppe gesät hat.

In gewerkschaftlichen Medien und der lokalen Presse, also der WAZ, galt Graetz jetzt etwas. Es hatte sich herumgesprochen, dass die Frauen es geschafft hatten, Brooks vor die Tür zu setzen. Das kam auch im Fernsehen. Bei den jetzt anstehenden Tarifauseinandersetzungen sollte Graetz eine zentrale Rollen spielen. Die IG-Metall schickte einen ihrer Funktionäre, den Sekretär Gehrmann, der zu einer „spontanen“ Arbeitsniederlegung aufrufen sollte – so zehn Minuten vielleicht, oder, naja, 15 ginge auch. Er holt die Belegschaft im Einverständnis mit dem Management zusammen, hält eine kurze Ansprache und schickt sie zurück ans Band. Ich stehe hinter ihm und deute mit dem Arm nach draußen. Es klappt. Frauen gehen Richtung Ausgang. Sie fangen an zu singen „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber dieser Streik hier nicht. Alles, alles geht vorbei, auch Lohngruppe 2.“ Lohngruppe 2, das bedeutet für eine Familie mit zwei Kindern 1164,42 DM pro Monat. 80 % der Belegschaft verdient das. Lohngruppe 2, das sind 9,67 DM für die Akkordarbeit, davon 7,67 DM Tariflohn. Wir fordern die Abschaffung der Lohngruppe 2. In Lohngruppe 3 wären es 22 Pfennige die Stunde mehr, in Lohngruppe 4 genau 60 Pfennige mehr. „Weg mit Lohngruppe 2 – wir arbeiten nicht für’n Appel und ’n Ei!“ – „8 Prozent reichen kaum, wir woll’n so viel wie Rosenbaum“, der oberste ITT-Chef in Deutschland.

Einige Bänder laufen um 10.20 Uhr wieder an, aber die Frauen gehen nicht an ihre Plätze. Einige wollen, werden von anderen zurückgehalten, lassen sich auch gerne zurückhalten. Die ersten Parolen werden gerufen. Die Betriebsgruppe verschiebt die Menge langsam zum Hallenausgang. Alleine kriege ich die Mehrheit nicht auf die Straße. „Ilse“, gehe ich zur Betriebsratsvorsitzenden Hovestadt und hake sie unter, „wir können die nicht alleine marschieren lassen. Das ist ja dann ein wilder Streik. Jetzt ist Deine Chance, Dich an die Spitze zu setzen. Dir vertrauen die Frauen, auf Dich halten sie große Stücke.“ Ilse weiß nicht, ob sie den Mut haben soll, was IGM-Gehrmann dann wohl sagt, wie der Betriebsleiter Gerhard Blume mit ihr abrechnet, aber sie will auch nicht doof aussehen und sich drücken. Sanft ziehe ich sie mit. Nur einige Schritte genügen, bis der Jubel losbricht und wir beide uns Arm in Arm an die Spitze setzen. Jetzt, denke ich, muss ich sie nur noch durchs Tor bringen. Das war einfacher als gedacht, weil ein Teil der Belegschaft schon durchs Tor durch war und auf dem Busparkplatz wartete. IGM-Gewerkschaftssekretär Gehrmann versucht, die Belegschaft einfach einmal um die Fabrik herumzuführen. Er wird ignoriert. Es läuft wahnsinnig gut. Draußen taucht das Megaphon auf, das wir mitgebracht hatten. Zögernd, neugierig kommen immer mehr aus der Halle und hören das „Marmor, Stein und Eisen bricht …“ Türkische Kolleginnen sind besonders stark beim „damm, damm, damm!“ Gehrmann, der Gewerkschaftsvertreter, sah zu, dass er wegkam. Damit wollte er nichts zu tun haben.

Wir laufen untergehakt zur Hattinger Straße, einer vierspurigen Ausfallstraße, marschieren auf der Fahrbahn immer weiter Richtung Innenstadt. Hunderte Frauen und Männer folgen uns, haben Demo-Reihen gebildet, empfinden es als Glück und einen Akt der Erlösung, aus der Fabrik ausgebrochen zu sein.

Heidi Mehlmann hat das einzige Foto aufgenommen. Später ist sie viele Jahre lang die Grafikerin des Stadtmagazins Marabo. Mutig voranschreitend in hellem Mantel die Betriebsratsvorsitzende.

Die Polizei kommt, um den Verkehr zu regeln. Eine Stunde dauert der Marsch. Als wir zurückkommen, halte ich eine kurze Ansprache und frage Betriebsleiter Gerhard Blume öffentlich, ob er zustimmt, dass keinem etwas passiert, wenn jetzt weiter gearbeitet wird. Blume stimmt zu. Man sieht, dass er auch erlöst ist. Für ihn hätte es schlimmer kommen können. Er muss an die ITT-Zentrale in Brüssel berichten und kann jetzt sagen, dass er die Luft aus dem Dampfkessel rauslassen wollte und alles so geplant hatte. Der Betriebsrat erklärt den wilden Streik zum verlängerten Warnstreik. Aber jetzt fangen die Kolleginnen wieder an zu singen. Sie werden unterstützt von anderen, die nicht mitkamen, denen ihrer Furcht jetzt peinlich ist. Bereits angelaufene Bänder bleiben wieder stehen. Weitere Kolleginnen kommen nach vorne. Betriebsleiter Blume versucht die Betriebsräte unter Druck zusetzen. Sie sollen der Friedenspflicht nachkommen und die Belegschaft an die Arbeit schicken. Hohngelächter. Ich schlage vor, sofort einen Hausvertrag zu machen, durch den die Lohngruppe 2 abgeschafft wird. Das wäre die einfachste Lösung und würde den Betriebsfrieden herstellen. Blume verschanzt sich hinter dem Arbeitgeberverband, er dürfe das nicht. Die Kräfteverhältnisse sind nicht klar, wir sind nicht gut genug vorbereitet, um die Kampfbereitschaft in diesem Moment zum Erfolg zu führen.

Für uns, für die Schmierblatt-Gruppe, ist tatsächlich alles gut gelaufen. Die Belegschaft hat gegenüber ITT und gegenüber der IG_Metall Selbständigkeit und Stärke bewiesen. Ilse Hovestadt kriegt auf der direkt danach angesetzten Betriebsratssitzung einen von ihrem Stellvertreter Hagedorn auf den Deckel: „Und was, wenn sich jemand ein Bein gebrochen hätte?“