Briefe aus dem KZ Buchenwald – Wer macht ein Buch daraus?

Karl Reimann gratuliert mit diesem Brief aus dem KZ Buchenwald bei Weimar seiner Tochter Gisela zum Geburtstag. Er war Kommunist. Er überlebte. Gisela starb Anfang dieses Jahres. Uns liegen mehr als einhundert Briefe von Karl Reimann vor, die meisten vier Seiten lang. Wir suchen jemanden, der daraus ein Buch für den Berlin Story Verlag macht und diese Briefe, die der Zensur unterlagen, mit der Realität im Lager und in der Welt konfrontiert. [Aktualisierung 10. Juni 2021: Wir haben B.G. gefunden, die sich darum kümmern wird, aus den Briefen ein Buch zu machen.] In diesem etwas komplexen Beitrag hier geht es aber auch um meine Mutter und sogar um meinen Großvater – jeweils im Zusammenhang mit Buchenwald.

Karl Reimann schreibt aus dem KZ-Buchenwald diesen Geburtstagsbrief an seine Tochter.

Den letzten Brief schrieb Karl Reimann an seine Frau Dora nach der Befreiung:

Karl Reimann an seine Frau Dora. Immer ist er ein exakter Mensch, aber hier verwechselt er den Monat, es war der 11. April 1945. Hitler hockt in seinem Bunker. Bis zum Selbstmord am 30. April 1945 sind es noch fast drei Wochen.

Bei der Annäherung der US-Armee übernahmen am 11. April 1945 die Häftlinge die Leitung des Lagers von der abziehenden SS, nahmen 125 der Bewacher fest, öffneten die Tore und hissten die weiße Fahne. das war nur möglich, weil es einen organisierten Widerstand im Lager gab. Karl Reimann muss dabeigewesen sein.

Die Amerikaner kamen zuerst in ein Außenlager des KZs Buchenwald nach Ohrdruf. Im Foto unten sieht man General Eisenhower, den späteren Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, am 12. April 1945 vor ermordeten Lagerinsassen, die wir auf einem Scheiterhaufen aufgeschichtet sind.

Die amerikanische Armee und hier General Eisenhower sehen als Erstes diese verbrannten Leichen im Außenlager Ohrdruf des KZs Buchenwald.

Dieses Foto ist auch in der Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ im Berlin Story Bunker zu sehen. Und es ist das Foto, mit dem im US-Holocaust Memorial Museum USHMM in Washington die Dauerausstellung beginnt um zu zeigen, warum die Amerikaner diesen Krieg geführt haben: Nicht als Befreier kamen sie (nur für die Konzentrationslager), sondern als Sieger gegen den Nationalsozialismus, den 1940 noch 85 bis 90 Prozent der Deutschen aus ganzem Herzen unterstützt hatten.

Biographische Angaben über Karl Reimann aus dem Handbuch der Deutschen Kommunisten

* 21.5.1900 in Ilmenau, † 20.7.1973

Reimann lernte Gürtler. Seit 1917 Mitglied der USPD, 1918 Funktionär der Kommunistischen Jugend Deutschlands im Bezirk Halle-Merseburg, seit 1919 Mitglied der KPD. Er nahm am Mitteldeutschen Aufstand im März 1921 teil, konnte flüchten und lebte kurze Zeit in Berlin unter dem Namen Willi Setzkorn. Reimann fand Anschluß an die Plättner-Gruppe und war an deren Bandenaktionen beteiligt. Im Dezember 1921 festgenommen und vom Schwurgericht Halle-Dresden zunächst zu drei Jahren, dann vom Staatsgerichtshof zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, die er in Bautzen und Cottbus verbüßte. Ab 1926 Leiter der RHD Thüringen (Roten Hilfe), leistete er nach 1933 illegale Arbeit, 1934 festgenommen und zu einer zweieinhalbjährigen Zuchthausstrafe verurteilt, anschließend in das KZ Lichtenburg bzw. in das KZ Buchenwald überführt. Nach der Befreiung Mitarbeit in der Such- und Auskunftsstelle für ehemalige KZ-Häftlinge in Erfurt. 1946 Mitglied der SED und Viehprüfer im Kreis Erfurt-Weißensee. Ab 1947 Sekretär der Landesleitung Thüringen der Gewerkschaft Land- und Forstwirtschaft, später Sekretär der VVN Thüringen, 1953 Mitarbeiter im Rat des Kreises Erfurt. Karl Reimann starb am 20. Juli 1973 infolge eines Unfalls in Erfurt.

Viel über die SS und das Leben und Sterben in Buchenwald wissen wir von Eugen Kogon, der von 1939 bis zur Befreiung Häftling in Buchenwald war und „Der SS-Staat“ schrieb, das Standardwerk über Konzentrationslager.

Eugen Kogon erlebte als Lagerinsasse mehrere Jahre lang die mörderische Brutalität der SS. Die Amerikaner wussten von Freunden, dass er sich in Buchenwald befindet und beauftragten ihn, sein Wissen zusammenzutragen.

Über den Psychologen Eugen Kogon gibt es in der Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ im Berlin Story Bunker diese Tafel. Er beschreibt in seinem Buch die „auf Menschen dressierten Bluthunde“, also die SS_Männer, die Auslese der Schlechtesten.

Das Eingangstor des Konzentrationslagers Buchenwald.

Das Eingangstor zum Konzentrationslager Buchenwald. Die Fahrt zu einem KZ ist immer, immer noch und immer wieder beklemmend. Es sind wenige Tage nach der Corona-Öffnung Anfang Juni 2021 erstaunlich viele Besucher aus Weimar und der näheren Umgebung in der Gedenkstätte. Führungen für Individualbesucher finden alle 30 Minuten statt. Die Guides sind sehr gut, klar in der Aussage: „Hier fand staatlich angeordneter, staatlich finanzierter Massenmord statt.“

Lagerinsassen hinter Stacheldraht. Eine Abbildung im Museum der Gedenkstätte Buchenwald.

Fürs uns, für Enno Lenze und Wieland Giebel, sind Fragen von Bedeutung, ob man in einer Dokumentation historische Rekonstruktionen machen darf. Auf dem ersten Foto sieht man Lagerinsassen hinter einem Zaun.

Aktuelles Foto des Lagerzauns als historische Rekonstruktion.

Und hier jetzt die historische Rekonstruktion des Zauns, also ein neuer Zaun, der den früheren, echten symbolisiert. Hintergrund dieser Fragestellung ist die historische Rekonstruktion des Raums im Führerbunker, in dem Hitler Selbstmord beging –  im Berlin Story Bunker in tatsächlicher Größe und mit ähnlicher Einrichtung zu sehen. Ganz klar, man kann das in einer Dokumentation machen, so wie in Yad Vashem ein Straßenzug des Ghettos von Warschau nachgebildet wurde oder im USHMM die Verbrennungsöfen von Auschwitz.

Juden werden aus Eisenach vertrieben. Und keiner bekam das mit?

Und es interessiert auch, ob die Menschen in Weimar (und darüber hinaus) wussten, was in Buchenwald geschah, eigentlich ein Ausflugsort von Weimar. So (Foto) wurde die jüdische Bevölkerung in Eisenach am 9. Mai 1942 zusammengetrieben und mit der Bahn nach Buchenwald gebracht. Das sah jeder. Die Wohnungen und Geschäfte der Juden waren nachher leer. Sie hatten jeweils nur einen Koffer mitgenommen. Von Eisenach nach Weimar – das ist direkt benachbart.

Ganz konkret hatten wir die Auseinandersetzung darum, ob eine junge Frau aus Jena, Janni, also auch in unmittelbarer Nähe, davon wissen konnte. Über Janni haben wir im Berlin Story Verlag ein Buch gemacht, „Liebste Janni“. Schwerpunkt sind die Briefe ihres Mannes von der Front. Hans war in der Leibstandarte Adolf Hitler, die an übelsten Kriegsverbrechen auf dem Balkan beteiligt war. Janni tat so, also hätte sie das alles nicht mitbekommen. Unmöglich.

Kann man einen Nazi lieben, wenn er jung und attraktiv ist? Kann man dann ausblenden, was um einen herum passiert, dass im KZ Menschen erniedrigt und umgebracht werden? Ein Buch aus dem Berlin Story Verlag.

Dieses Buch „Liebste Janni“ spielt noch eine weitere Rolle. Es war der Anlass für Gisela, die Anfang 2021 verstorbene Tochter von Karl Reimann, auf mich zuzukommen.

Es gibt noch eine andere Quelle, aus der wir wissen, dass die Bevölkerung genau mitbekam, was auf dem Ettersberg im Konzentrationslager über Weimar geschah. Die Mädchen aus der Handelsschule mussten Flugblätter aufsammeln, die von den Alliierten abgeworfen wurden.

Die Alliierten warfen Flugblätter ab, um die deutsche Bevölkerung über den wahren Stand der Dinge aufzuklären – und in der Hoffnung, dass es gegen Hitler und die Nazis zu einer Erhebung kommt, damit der Krieg schneller beendet wird.

Dabei wurde den jungen Frauen eingeschärft, diese Flugblätter, Teil der psychologischen Kriegsführung der Alliierten, auf keinen Fall zu lesen. Diese Mädchen unterhielten sich auf dem Schulhof auch darüber, dass es wieder so süßlich herüberzog. „Auf dem Ettersberg werden wieder welche verbrannt.“ Das berichtete die Handelsschülerin Selma Fenner – meine Mutter.

Selma Fenner. Sie sammelt rund um das Konzentrationslager Buchenwald mit ihren Klassenkameradinnen aus der Handelsschule Flugblätter der Alliierten auf.

Das KZ Buchenwald war das erste, von dem ich in meinem Leben gehört habe, denn meine Mutter erzählt mir davon, als ich Kind war, Anfang der 1960er Jahre. Damals war das in der Öffentlichkeit kein Thema. Die Auschwitzprozesse begannen 1963. Wahrscheinlich begann ich zu der Zeit zu fragen.

Eine weitere Frage wird uns im Bunker immer wieder gestellt: Musste man eigentlich mit machen?

Philipp von Hessen, der Nazi in der Mitte, besucht Baurat Ernst Fenner in Schmalkalden auf dem Schloss, also den Mann rechts ohne Uniform – meinen Großvater.

Auf diesem Foto sieht man lauter Nazis mit Hakenkreuz und rechts einen Mann ohne Uniform. Er machte nicht mit. Mein Großvater mütterlicherseits. Er war Baurat, machte dann keine Karriere mehr, aber wurde auch nicht besonders behelligt. Man musste nicht mitmachen. Die Historiker meinen, zehn bis 15 Prozent haben nicht mitgemacht. Der Nazi in der Mitte ist Philipp von Hessen. Man sieht ihm seine Arroganz an. Er staucht meinen Großvater zusammen. Das prallt an ihm ab.
Philipp von Hessen war seit 1925 verheiratet mit Mafalda, der Tochter des italienischen Königs. Philipp war der Kontaktmann Hitlers zum italienischen Diktator Mussolini – vorbei an diplomatischen Kanälen.

Mafalda, die Tochter des Königs von Italien, heirate Philipp von Hessen. Sie kam aufgrund des Verdachts nach Buchenwald, am Sturz Hitlers beteiligt gewesen zu sein.

In Buchenwald geht es dann um Mafalda. Es kamen schlechtere Zeiten für das Paar. Ihrem Mann und ihr wurde von Hitler vorgeworfen, in den Sturz Mussolinis verwickelt zu sein. Mafalda kam ins KZ Buchenwald und starb am 28. August 1944 – als Folge eines amerikanischen Bombenangriffs.

Ein Foto vom Gelände des Konzentrationslagers Buchenwald, 1944 illegal aufgenommen.

Buchenwald im Juni 1944, die Häftlingswäscherei. Dieses Foto wurde heimlich vom französischen Häftling Georges Angeli aufgenommen.
Es gibt keinen Zeitplan für das Buch über die Briefe von Karl Reimann. Es wird mehr Arbeit sein als Erlös für das Buch. Uns liegt am Herzen, dieses Buch zu machen, denn wir haben uns in der Dokumentation im Bunker über den Nationalsozialismus und im Berlin Story Verlag intensiv mit den Tätern befasst – wie konnte es geschehen, die richtige Fragestellung in Berlin. Die Briefe dieses Kommunisten sollten nicht in den Archiven untergehen.