Flucht, Vertreibung, Versöhnung – Eine Stellungnahme

Am 8. Juli 2021 besuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Stresemannstraße in Berlin das kürzlich eröffnete Dokumentationszentrum „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“.

„Hauptaufgabe dieses Hauses ist es, auch mit Empathie über das Leid und die Opfer der Deutschen zu sprechen“, beschreibt Direktorin Gundula Bavendamm die Aufgabe der Dokumentation. Das ist genau richtig umrissen, denn Leid und Opfer der Deutschen sieht und erfährt man in der sich über drei Etagen erstreckenden Ausstellung im ehemaligen „Deutschlandhaus“ in der Stresemannstraße. Es hätte nach diesen vielen Jahren der Vorbereitung die Chance bestanden, eine andere als die Sichtweise von Erika Steinbach zu verbreiten, der langjährigen Präsidentin des Bundes der Vertriebenen und derzeitigen Chefin der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung – also neben der engen Perspektive der Vertriebenen die Ursachen für Flucht und Vertreibung zu schildern. Nicht nur ich, auch Besucher sehen das so, wie sich auf den Meinungszetteln unter der Fragestellung „Worüber noch sprechen“ entnehmen lässt:

Besucher können in der Dokumentation Flucht, Vertreibung, Versöhnung ihren Kommentar abgeben. Neben Zustimmung findet sich heftige Kritik.

Aber die Ursachen, die nationalsozialistische Terrorherrschaft, bleibt weitgehend außen vor. Damit begibt sich das Dokumentationszentrum in unmittelbare Nähe seiner Initiatorin Erika Steinbach. „Nicht gut, dass Erika Steinbach zur Eröffnung des Zentrums am 21. Juni nicht einmal eingeladen war“, schreibt Thomas Schmid in der WELT. „Das Dokumentationszentrum wäre ohne den beharrlichen Einsatz von Erika Steinbach nie zustande gekommen.“ [Nachtrag: Ich möchte auch nicht bestreiten, dass es eine Zielgruppe für diese Dokumentation gibt. Im ersten Kommentar zu meinem Beitrag heißt es: „… Gleich mit der politisch korrekten Keule zu kommen, finde ich unfair und einfach widerlich … Nebenbei bemerkt ist diese Ausstellung über Verbrechen an Deutschen überfällig gewesen, nach dieser langen Zeit!“]

Besucher der Dokumentation sehen das auch so. Auf einem der Meinungszettel heißt es, gebührende Anerkennung für den Einsatz von Erika Steinbach und Peter Glotz fehlten.

Bitte auch Informationen über den Einsatz für das Zentrum von Erika Steinbach, Peter Glotz und anderen, denen dafür Anerkennung gebührt, Danke!

Bundeskanzlerin Angela Merkel trug zur Eröffnung vor: „Wir haben einen würdigen Ort der Erinnerung an Flucht und Vertreibung gewonnen, der stets bewusst macht: Ohne den von Deutschland im Nationalsozialismus über Europa und die Welt gebrachten Terror, ohne den Zivilisationsbruch der Shoah und ohne den von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg wäre es nicht dazu gekommen, dass zum Ende des Zweiten Weltkriegs und danach Millionen Deutsche Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung erleiden mussten.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch, dem 7. Juli 2021 im Raum der Stille in der Dokumentation „Flucht, Vertreibung, Versöhnung.“ Sie wurde durch die Ausstellung geführt. Möglicherweise wäre es besser gewesen, sie hätte sich ein eigenes Bild gemacht. Sie hat etwas anderes gesehen als ich.

Leider stimmt es nicht, dass die Dokumentation den von Deutschen begonnenen Zweite Weltkrieg als Ursache von Flucht und Vertreibung bewusst macht. Die Worte der Bundeskanzlerin und die Darstellung in der Dokumentation klaffen unüberbrückbar auseinander. Wortreich wird vorgegeben, deutscher Nationalsozialismus und Rassismus als Ursache von „Leid und Opfer“ stünden im Vordergrund. Die Dokumentation selbst spiegelt diese Interpretation nicht wider.

Es wird nur so getan, als würde in „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ eine andere Haltung vertreten als die von Erika Steinbach und den Vertriebenenverbänden.

„Millionen Deutsche mussten Zwangsumsiedlungen erleiden“, sagt die Bundeskanzlerin. Ja. Aber was war Ursache, was Wirkung? In „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ wird beispielsweise nicht thematisiert, dass während des Zweiten Weltkriegs ins südöstliche Polen, in das sogenannte Generalgouvernement, eine halbe Million Polen aus dem ehemaligen Korridor Westpreußen und Posen deportiert und zwangsumgesiedelt wurden, dass zwei Millionen polnische Zwangsarbeiter in das Deutsche Reich verschleppt wurden. Mit „Flucht und Vertreibung“ sind auch nicht diejenigen gemeint, die zwischen 1933 und 1945 flüchten mussten oder vertrieben wurden. Um deren beschämenden Entschädigungen geht es auch nicht.

Besucher erfahren nicht, dass 1933 fast die Hälfte der Menschen in den östlichen Teilen Deutschlands die NSDAP gewählt hat, dass die Sudetendeutschen zu zwei Dritteln die dortige Nazi-Partei gewählt haben. Kein Wort dazu, dass die Vertriebenenverbände sich lange in der Bundesrepublik revanchistisch positionierten oder dass der in den 1950er Jahren amtierende Vertriebenenminister Theodor Oberländer schon 1923 beim Hitler-Putsch in München und später bei den Massakern in Lemberg 1941 dabei war – ein hundertprozentiger Nazi. Auch darüber zu reden wäre Voraussetzung für Versöhnung, der erklärten Aufgabe der Stiftung. Zweck der Stiftung ist es nämlich „im Geiste der Versöhnung die Erinnerung und das Gedenken an Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert im historischen Kontext des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik und ihrer Folgen wachzuhalten.“ So heißt es in der Satzung. Dieses Ziel, ein Angebot zur Versöhnung zu machen, wird nicht erreicht. Stattdessen wird den Bürgern der Sowjetunion, der Tschechoslowakei, Jugoslawiens und Polens Schuld zugewiesen. Ursachen für die Vertreibung nach 1945 – also der systematische Vernichtungsfeldzug der Wehrmacht im Osten, biologischer Rassenwahn mit dem Ziel der Auslöschung des „slawischen Untermenschen“, die Völkermorde während der Feldzüge gegen Polen und die Russland – und Folgen – die Reaktion der Menschen auf die Überfälle auf ihre Länder – werden systematisch umgekehrt.

Die Dokumentation „Flucht, Vertreibung und Versöhnung“ ist in ihrem Tenor so gefährlich wie in vielen Details falsch. Im Ergebnis werden die Deutschen zu einer Opfernation gemacht. Zudem ist das Gebäude selbst für Ausstellungszwecke vollkommen verplant. Für 65 Millionen Euro, soweit die Summe, die bis jetzt bekannt ist, wurde ein architektonisch grandioses, aber für die Dokumentation ungeeignetes Haus konzipiert.

Auf Facebook beschreibt die Stiftung die Aufgabenstellung abweichend von der Satzung so: „Was wir tun: Im Geiste der Versöhnung dokumentieren wir Zwangsmigrationen vom 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart aus europäischer Perspektive. Im Mittelpunkt stehen Flucht und Vertreibung von rund 14 Millionen Deutschen im historischen Kontext des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Politik.“ Mit der Vertreibung Menschen anderer Nationen durch die Deutschen, ließe sich interpretieren, hat die Dokumentation „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, hat die Stiftung nichts zu tun.

Im Folgenden gebe ich, Kurator des Berlin Story Bunkers, am 11. Juli 2021 eine relativ schnell erarbeitete, aber doch ausführliche Analyse von „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“. Zuvor jedoch einige wenige, meiner Meinung nach aber für das Verständnis von Flucht und Vertreibung von Deutschen 1945 unerlässliche Fakten:

1. Dunkelbrauner geht nicht – Die Deutschen im Osten haben mehrheitlich nationalsozialistisch gewählt

Reichstagswahlen am 5. März 1933, also gut einen Monat nach der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933. Die Wahlergebnisse sind sehr unterschiedlich. Nirgends erhielten die Nazis so viele Stimmen wie in den östlichen Wahlkreisen.

Historiker meinen, die Wahl im März 1933 könne noch als relativ genaue Spiegelung des Willens der Wahlberechtigten gesehen werden. Natürlich muss man innerhalb der Wahlkreise differenzieren. Und vor allem gilt, dass es keine Kollektivschuld geben darf, geben sollte. Zwar haben rund die Hälfte in Ostpreußen, Pommern, Frankfurt/Oder, Liegnitz und Breslau die NSDAP gewählt, vertrieben wurden aber 1945 alle.

Die Sudetendeutschen, also die kulturell deutsch geprägten Bewohner vor allem der tschechischen Grenzregionen zu Deutschland, die nicht auf der Grafik zu sehen sind, weil sie zur Tschechoslowakei gehörten, stimmten im Mai 1935 zu 68 Prozent für die Sudetendeutsche Partei, die dortige Nazi-Partei von Konrad Henlein mit engsten Verbindungen zur NSDAP. Sie erwiesen sich als die Totengräber der damals demokratischen Tschechoslowakischen Republik, eines Rechtsstaats. Vertrieben wurde 1945 auch dort fast die ganze Volksgruppe. Nichts von der Vorgeschichte allerdings wird in der Dokumentation erwähnt.

Der „Führer“ besucht 1938 das Sudetenland, deutsche Bewohner jubeln. Kein Wort, kein Bild davon in „Flucht, Vertreibung, Versöhnung.“
Sudetendeutsche Frauen, zu Tränen gerührt, weil der „Führer“ kommt. Tafel in unserer Ausstellung „Hitler – wie konnte es geschehen“ im Berlin Story Bunker.

2. Verharmlosung des Nationalsozialismus

Man kann gegenüber dem Nationalsozialismus unterschiedliche Standpunkte einnehmen. Zum Beispiel kann man das Winterhilfswerk als eine karitative Organisation bezeichnen.

Das Winterhilfswerk wird in „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ als karitative Organisation bezeichnet. Bei „karitativ“ denkt man an die Caritas, Ärzte ohne Grenzen, ein Herz für Kinder oder terre des hommes, vielleicht an Brot für die Welt – jedenfalls nicht an Opfergaben für die Nazi-Herrschaft.

Man kann aber auch die Meinung vertreten, das Winterhilfswerk sei eine der perfidesten Nazi-Organisationen gewesen. So sehen wir das in der Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ im Berlin Story Bunker, zwei Minuten zu Fuß von „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ entfernt. Hier die entsprechende Ausstellungstafel:

Adolf Hitler sammelt Spenden und verteilt dafür Anstecker, er nimmt am wöchentlichen Eintopfessen teil – der Überschuss wird gespendet. Die besten Grafiker wurden von Propagandaminister Joseph Goebbels zusammengeholt, um Propagandaplakate für die Winterhilfe zu entwerfen.

Da nur „erbgesunde“ und „rassisch erwünschte“ Menschen Unterstützung erhielten, Bettler, Obdachlose oder gar Juden aber nicht, erscheint der karitative Aspekt eher eingeschränkt. Das Winterhilfswerk hatte aus Sicht der nationalsozialistischen Führung nichts mit karitativem Handeln zu tun. Die Darstellung in „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ verharmlost den Nationalsozialismus. Das ist unverständlich bei der so großen Anzahl an wissenschaftlichen Beratern (13), Kuratoren (14), Rechercheuren (13) und inhaltlichen Unterstützern (17).

Das Winterhilfswerk hat nichts unmittelbar mit Flucht und Vertreibung zu tun. Es besteht nicht einmal ein Grund, diese Organisation des Nazi-Propagandaministeriums zu verniedlichen.

Das WHW ist reine Propaganda. Deswegen wird es auch so ausführlich in Germany’s Hitler beschrieben, der ersten englischsprachigen Biographie über Hitler, und genau analysiert im Buch über die NS-Propaganda von Sylke Wunderlich, Propaganda des Terrors, erschienen im Berlin Story Verlag 2021.

3. Die Gewichtung ist verfehlt

„Hauptaufgabe dieses Hauses ist es, auch mit Empathie über das Leid und die Opfer der Deutschen zu sprechen.“ Diese meiner Meinung nach falsche Gewichtung erkennt man nicht zuletzt an der Gestaltung des zentralen Raums der Ausstellung. Er beinhaltet eine 10-Meter-Wand im Hintergrund (in Schritten gemessen) über die Vertreibung der Sudetendeutschen – und eine Vitrine in Kniehöhe zum Holocaust.

Darstellung des Holocaust in der mittigen Vitrine im Vordergrund. Wenn man sich tief bückt, kann man etwas dazu lesen. Über die Sudetendeutschen geht es auf der zentralen Ausstellungstafel im Hintergrund. Als Ausstellungsmacher muss man entscheiden, was wichtig ist und was man eher so am Rande behandelt.
Aus dieser Perspektive kam man die Gewichtung vielleicht noch besser erkennen. Rechts an der Seite in einer der Vitrinen der Holocaust. An der großen Stirnwand, zu der die Besucher hingeleitet werden, geht es um „Leid und Opfer“ der Sudetendeutschen.

Wie heißt es in der Selbstdarstellung des Dokumentationszentrums? „… mit Empathie über das Leid und die Opfer der Deutschen sprechen.“ Die deutschen Juden, die deutschen Homosexuellen, die deutschen Kommunisten, die deutschen Sozialdemokraten, die deutschen Kirchenleute, die Deutschen, die an der Seite der Alliierten gekämpft haben – sie kommen in der gesamten Ausstellung nicht oder allenfalls peripher vor.

Das Augenmerk liegt, wo es überhaupt um den Holocaust geht, auf den deutschen Juden und der Frage, ob sie noch rechtzeitig emigriert (also geflohen) sind. Der Großteil der von den Nazis verfolgten Juden lebte jedoch im Osten. Von denen sind einige in den 1930er Jahren ausgewandert – teils nach Kanada, teils nach Palästina. Die Mehrheit war aber eben 1939 und 1941 noch da und es begannen millionenfache Versuche zu fliehen oder Juden erst einmal ‘umzusiedeln’. Viele Juden sind gen Osten geflohen, sie lebten in Camps, kamen irgendwie nach Kasachstan und dann nach dem Krieg nach Kanada. Das waren keine Einzelfälle, sondern so stellte sich Europa in den Fängen der Nationalsozialisten tausendfach, hunderttausendfach, millionenfach dar. Ich habe dazu in „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ nichts gefunden.

Ein weiteres Beispiel für die fragwürdige Gewichtung ist die hier abgebildete Eingangstafel zum Thema Flucht und Vertreibung. Den Deutschen werden im ersten Absatz abstrakte „zig Millionen“ Tote angelastet. Warum keine konkreten Zahlen nennen? Warum nicht sagen, dass der Zweite Weltkrieg 60 bis 70 Millionen Tote forderte, warum nicht die 27 Millionen toten Sowjetbürger, nicht die sechs Millionen ermordeten Juden benennen? Zu den Vertriebenen gibt es exakte Zahlen, bis hinters Komma.

Man kann den Ausstellungsverantwortlichen nicht vorhalten kann, sie hätten nichts zum Nationalsozialismus gesagt. Aber die Gewichtungen verschieben sich – in falscher, unzulässiger Weise.

Auf dieser Tafel oben heißt es, dass die Alliierten eine Nachkriegsordnung für Europa beschlossen hätten, die Grenzveränderungen und massenhafte Bevölkerungsverschiebungen vorsah. Es hätte hier aber auch heißen können: „Die Nazis beschlossen eine Nachkriegsordnung für Europa, die Grenzveränderung und massenhafte Bevölkerungsverschiebung vorsah – konnten das dann aber nicht mehr umsetzen.“ Das Handeln der Alliierten gegen die deutsche Bevölkerung wird durchgehend mit mehr Details und schärferen, kritischeren Worten bedacht, als das Handeln der Nazis.

Viele Besucher bemerken das. Sie lassen sich durch moderne Ausstellungsgestaltung nicht vom Kern des Ganzen ablenken. Unter der Rubrik „Worüber wir mehr sprechen sollten“ heißt es auf einem Kommentarzettel:

Über die Verursacher der Vertreibung, über die Profiteure von Krieg und Zerstörung – sollte mehr gesprochen werden.

4. Die Deutschen werden zu einem Volk der Opfer gemacht

Auf dem deutschen Schiff Wilhelm Gustloff, 1945 von einem sowjetischen U-Boot abgeschossen, befanden sich vor allem Frauen und Kinder – so steht es auf der Tafel im Dokumentationszentrum. Das ist richtig. Richtig ist aber auch, dass 1000 deutsche U-Bootsoldaten, nämlich Schüler der 2. U-Boot-Lehrdivision in Gotenhafen-Oxhöft an Bord waren. Für den Oberbefehlshaber der deutschen Kriegsmarine, Großadmiral Karl Dönitz, hatte absolute Priorität, sie in den Westen zu retten, damit sie rasch weiter ausgebildet und gegen den Feind eingesetzt werden konnten. Sie kamen zuerst auf die Gustloff. Auch der Abtransport der Schwerverwundeten hatte ebenso wie die Einschiffung der 372 Marinehelferinnen Vorrang. Vor allem Frauen und Kinder waren an Bord, weil deutsche Feldjäger die wehrfähigen Männer, Jungen ab 15 Jahren, nicht auf das Schiff ließen. Die Parteileitung der NSDAP richtete im Stadtgebiet von Gotenhafen, einer Stadt bei Danzig, Büros ein, in denen sich potenzielle Passagiere eine Bordkarte beschaffen konnten. Das hatte den Vorteil, dass zunächst die eigenen örtlichen Führungskader eingeschifft werden konnten [Vgl. Armin Fuhrer, Die Todesfahrt der Gustloff – Porträts von Überlebenden der größten Schiffskatastrophe aller Zeiten, München 2007]. Danach wurde die Gustloff mit Flüchtlingen aufgefüllt. Der russische U-Boot-Kommandant wusste nicht, wen er mit seinen drei Torpedos abschoss.

Es geht nicht darum, eine anklagende Haltung gegenüber den Ausstellungsmachern einzunehmen. Wenn man den Untergang der Gustloff aber so darstellt wie auf dieser Tafel, werden die Deutschen zu einem Volk der Opfer gemacht. Die Geschichte wird umgeschrieben oder doch zumindest sehr einseitig interpretiert. Dazu passt die Aussage der Initiatorin des Dokumentationszentrums Erika Steinbach vom Bundesverband der Vertriebenen, die gesagt hat: „Wir sind ein Opferverband.“ Die Geschichte wird in „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ weiterhin so dargestellt, wie Erika Steinbach sie wohl auch vermitteln würde

Es wäre beispielsweise möglich gewesen, im Zusammenhang mit der Katastrophe der Wilhelm Gustloff zu erwähnen, dass die deutsche Kriegsmarine bereits am 3. September 1939 ein britisches Passagierschiff von einem U-Boot aus torpedierte und versenkte. Oder, falls es den Verantwortlichen wirklich um Versöhnung gehen würde und es ihnen darum gegangen wäre, die Geschichte nicht absolut einseitig darzustellen, wäre es möglich gewesen, auf das das Massaker an 3000 Juden in Palmnicken hinzuweisen. Denn dieses Massaker fand nur eine Nacht nach dem Untergang der Wilhelm Gustloff statt. Zuvor waren bereits 2000 Häftlinge auf dem Marsch vom KZ Stutthof zur Ostseeküste umgekommen.

5. Wie machen es andere Gedenkorte?

An den Anfang einer Ausstellung zu Zweitem Weltkrieg und Holocaust gehört ein visualisiertes Statement. Jedenfalls, wenn man dem Besucher mitteilen möchte, worum es geht, was wichtig ist, warum man das eigentlich macht.

In Washington, im US Holocaust Memorial Museum, eröffnet dieses grauenvolle Foto die ständige Ausstellung:

General Eisenhower vor verkohlten Leichen im KZ-Außenlager Ohrdruf.

General Dwight David „Ike“ Eisenhower, der spätere Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, steht vor einem Scheiterhaufen verkohlter Leichen. Man erkennt, dass die Tat erst vor Kurzem geschehen sein muss. Das Bild wurde in Ohrdruf, einem Außenlager des KZ Buchenwald, aufgenommen. Es ist das erste KZ, es sind die ersten verbrannten Leichen, auf die die Amerikaner stoßen. „Wir zeigen dieses Bild so groß“, sagte mir Ramee Gentry, die Leiterin der ständigen Ausstellung im USHMM, „weil wir vermitteln wollen, warum wir diesen Krieg geführt haben. Mit diesem Foto holen wir unsere amerikanischen Besucher ab. Dieser Grausamkeit, dieser Unmenschlichkeit der Nationalsozialisten wollten wir ein Ende setzten – und verloren dabei das Leben von mehr als 400.000 jungen Amerikanern.“

Ein Besucher kritisiert fehlendes Engagement der Ausstellungsmacher: Worüber sprechen? Rassismus! Keiner möchte rassistisch sein, aber sie bekämpfen ihn nicht. Das ist Teil des Problems.

Die Dokumentation Yad Vashem in Jerusalem über die Geschichte des Holocaust beginnt mit einer vielleicht zehn Meter hohen Wand, auf der das Leben der Juden in Europa vor dem Holocaust in einer Multi-Media-Schau gezeigt wird. Es geht um Kultur, Schule, Wirtschaft, religiöse Zeremonien, Tanz, Musik, Literatur. Alles, was normal war, alles, was zu einem glücklichen Leben gehört, alles, was es vor dem Vernichtungsfeldzug gab, wird dargestellt.

Yad Vashem in Jerusalem, die Holocaust-Gedenkstätte. Zu Beginn sehen die Besucher, was das Leben der Juden in Europa vor dem Holocaust ausmachte.

Während es in diesen beiden Gedenkstätten um den Holocaust geht, nimmt unsere Ausstellung „Hitler – wie konnte es geschehen“ in Berlin, der Stadt der Planer, der Täter, die entgegengesetzte Perspektive ein.

Erinnerungsfoto an den Besuch vor dem Auftaktbild im Eingangsbereich. Mit dieser Visualisierung am Anfang wird ein Statement gesetzt. Hier geht es um die Zerstörungen durch den Nationalsozialismus. Dass es weiterhin um Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus gehen wird, kündigen bereits Ausstellungstafeln im Außenbereich an.

Bei allen drei Beispielen, in Washington, Jerusalem und im Berlin Story Bunker, wird eine klare, unmissverständliche Aussage kommuniziert.

Einen anderen Eindruck vermittelt „Flucht, Vertreibung, Versöhnung.“ Der erste Eindruck ist die beeindruckende Treppe.

Die Eingangstreppe zur ersten Ebene von „Flucht, Vertreibung, Versöhnung.“

Die Architektur dominiert. Eine wirklich tolle Treppe. Der polierte Sichtbeton wirkt zurückgenommen, das Ganze ist einfach imposant.

Noch einmal die Treppe, hier mit der Chefin im Vordergrund, dem Fernsehmoderator und den MitarbeiterInnen.

5. Spektakuläre Architektur dominiert, nicht der Inhalt

Im Flyer des Dokumentationszentrums heißt es: „Die spektakuläre Architektur von Stefan und Bernhard Marte führt die denkmalgeschützte Substanz des Gebäudes mit einem markanten Neubau zusammen.“ Es werden 6.000 Quadratmeter Flächen für Ausstellungen, Bibliothek und Zeitzeugenarchiv gewürdigt. Zum Thema Nationalsozialismus steht nichts im Flyer, das Wort kommt nicht vor.

Der breiten Eingangstreppe schließt sich eine ebenso spektakuläre freitragende Wendeltreppe in die zweite Ebene an. Man erkennt auch die Höhe der freitragenden Decke. Welch eine bautechnische Leistung!
Die Wendeltreppe zur zweiten Ebene von der Seite. Sie schwebt frei im Raum. Grandios.
Die erste Etage im Weitwinkel.

Das obige Bild zeigt eine den Raum dominierende, freischwebende Treppe, links die Installation für die Kommentarzettel und im Hintergrund die Stelltafeln, das ist auch schon die ganze erste Etage der Ausstellung. Im Flyer heißt es: „Die Ausstellung beleuchtet politisch, ethnisch und religiös begründete Zwangsmigrationen vor allem im 20. Jahrhundert in Europa und darüber hinaus.“ Zu sehen ist hier „… Europa und darüber hinaus.“ Von der grünen Wand rechts bis zum Beginn der Ausstellungsfläche sind es 24 Meter (in Schritten gemessen), die Ausstellung selbst ist dann – auf einem schmaleren Teil des großen Raums – 14 Meter tief.

Worum also geht es hier, um Architektur oder Inhalt? Eindeutig lenkt hier die Architektur vom Inhalt ab. Über die Darstellung des Inhalts wird tatsächlich meist erst am Ende der Planung beraten.

Hinter den Ausstellungstafeln auf dem Foto oben sehen wir einen Vorhang, unten noch einmal von Nahen. Mit diesem Vorhang hat es eine besondere Bewandtnis:

Ein Vorhang. Hinter dem Vorhang ein Parkplatz und Bäume. So sieht es die Kamera, so sehen es auch die Besucher. Und was sollen sie sehen? Eigentlich, so war es geplant: die Topographie des Terrors.
Der Blick ist verstellt, verhängt. Von den Besuchern wird der Vorhang wie eine Wand wahrgenommen. Das verdeckte Panoramafenster wird beim Besuch von „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ kaum wahrgenommen.

Meiner Meinung nach sind ganz am Anfang des Wettbewerbs um den geeigneten Entwurf für das Dokumentationszentrum Architekten, die gut reden können, auf Juroren gestoßen, die von Ausstellungsmachen keine Ahnung haben. Eine bösartige Unterstellung? Blickt man durch diesen Vorhang, sieht man einen noch unvollendeten Parkplatz und Bäume. Warum also diese Fensterfront? Vor zehn Jahren, am 30. November 2011, schrieb der Historiker und Journalist und Historiker Sven Felix Kellerhoff in der WELT: „Große Fenster ziehen Aufmerksamkeit auf sich. Genau darauf setzt der Siegerentwurf des Architekturwettbewerbs zum Umbau des historischen Deutschlandhauses in Berlin für die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (SFVV). Wenn Mitte 2015 der Neubau vollendet ist, sollen vor allem die Besucher der benachbarten Dokumentation ,Topographie des Terrors‘ auf das riesige Fenster aufmerksam werden.“ Doch es stehen Bäume zwischen Topographie und Dokumentationszentrum. Die standen dort auch vor zehn Jahren schon. Es gab keine Sichtachse und es gibt heute keine Sichtachse.

Blick vom benachbarten Europahaus auf die Topographie. Nur von hier aus besteht eine Sichtachse, nicht aber vom Panoramafenster von „Flucht, Vertreibung, Versöhnung.“
Das Deutschlandhaus, also das Gebäude der Dokumentation „Flucht, Vertreibung und Versöhnung“ im Januar 2016. Der historische Teil des Gebäudes umrahmt auf zwei Seiten den Neubau. Hier ist die Ebene erreicht, auf der das Panoramafenster eingebaut wird. Wo jetzt die Ausstellungsfläche gebaut wird, befand sich einst ein Bürobau aus den 1960er Jahren, der abgerissen wurde.
August 2016 (wahrscheinlich), eine weitere Etage ist entstanden.
Das Dokumentationszentrum „Flucht Vertreibung, Versöhnung“ und der Berlin Story Bunker, rot markiert, mit der Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ liegen in unmittelbarer Nähe am Anhalter Bahnhof.
Bei dieser Führung am 19. Oktober 2016 erkennt man, wie niedrig das Panoramafenster ist, dass also nie eine Möglichkeit bestand, es vom Gelände der Topographie des Terrors aus zu sehen. Ganz rechts erkennt man einen Anschnitt des Europahauses.
Und hier der Höhenvergleich. Seit der Planung über dem Baubeginn war also klar, dass das Panoramafenster weder nach außen hin Sinn macht, also von der Topographie aus zu sehen ist. Und es war vollkommen klar, dass es für eine Ausstellung kontraproduktiv ist.
Die freitragende Betondecke in der Ausstellung musste aufwendig gestützt werden. Der Beton härtete wesentlich länger aus als sonst heute üblich. Die Stütze, die 11,30m hoch sind und die obere Decke tragen, sind bei einer solchen Betonkonstruktion ist bisher einmalig.
Der schicke Sichtbeton heute macht viel Arbeit. Sieben Monate blieb der Beton in der Schalung. Später kamen Betonkosmetiker und machten alles hübsch betongrau. Damit der Hausmeister nicht mit seinem Schlagbohrer kommen muss, wenn Lampen oder Beamer aufgehängt werden, sind eingebaute Dübel da – rot. Das, was man als Schlangen einer Fußbodenheizung im unteren Teil der 1.40 dicken Decke sieht, heißt Betonkernaktivierung. Der Beton wird lauschig warm gehalten und speichert. Kühlen ginge auch.

6. Erster Teil: Flucht, Vertreibung und Zwangsmigration aus europäischer Perspektive – blutleer

„Der erste Teil unserer ständigen Ausstellung beschäftigt sich mit den Dimensionen von Flucht, Vertreibung und Zwangsmigration aus europäischer Perspektive.“ – Aus der Internetseite.

Diese wenigen Tafeln und Bildschirme im ersten Teil der Ausstellung über Flucht, Vertreibung und Zwangsmigration aus europäischer Perspektive erscheinen, angesichts einer Gesamtfläche des Dokumentationszentrums von 6.000 Quadratmetern, nicht besonders umfangreich. Um was geht es? Dr. Nils Köhler, Bereichsleiter Dokumentation und Forschung: „Das spannende jetzt nach Jahrzehnten ist es doch, darauf zu schauen, was für eine Rolle hat die Flucht im ganzen Leben gespielt und wie erinnern sich heute Menschen daran, wie blicken sie auf ihr Leben, was bezeichnen sie heute als Heimat, fühlen sie sich angekommen?“ Müsste da nicht auch etwas über die vertriebenen Juden zu lesen sein, die eine neue Heimat in Israel oder in den USA gefunden haben? Aber nein, um die vertriebenen und geflüchteten Juden geht es nicht.

Wenn man die Fragen zu den Ursachen der Flucht gar nicht stellt, wenn der Nationalsozialismus oder der gesellschaftlichen Verhältnisse heute einfach nicht angesprochen werden, kann es dazu natürlich auch keine Antworten geben. Dann blendet man die Ursachen aus, wie es Erika Steinbach möglicherweise auch tun würde, aber vielleicht nicht einmal sämtliche 1.300.000 Mitglieder des Bundes der Vertriebenen – Vereinigte Landsmannschaften und Landesverbände [2019].

Besucher sind deutlich kritischer als die Ausstellungsmacher. Auf die Frage: „Worüber sprechen?“ lautet eine der Antworten: „Über die Verursacher der Vertreibung, über Profiteure von Krieg und Zerstörung.“ Nichts dazu wird in „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ausgeführt.

Direktorin Gundula Bavendamm gibt zu Protokoll: „Im Mittelpunkt des Projekts steht das Verständnis von Verlusten – der Verlust von Eigentum, aber auch der Verlust des sozialen Status, der Gemeinschaft, der geliebten Menschen. Sechsundsiebzig Jahre nach dem Ende des Konflikts sagte Direktorin Gundula Bavendamm, dass die Deutschen endlich bereit seien, über ihr Leid zu sprechen.“ – Nein, die deutschen Juden und andere Opfer der Nazis haben dieses Thema seit 80 Jahren gehabt. Aber die Täter hatten noch kein Museum.

Die Texte (und teilweise Bilder) der Dokumentation sind einseitig, und sie sind emotionslos. Das meiste wirkt distanziert, nicht so, als läge den AusstellungsmacherInnen das Thema am Herzen. Das lässt sich erklären mit dem „Beutelsbacher Konsens“, einer Übereinkunft von Gedenkstätten. (Beutelsbach war der Ort, an dem die Tagung stattfand, bei der zu diesem Konsens gefunden wurde.) Der Konsens beinhaltet drei pädagogische Prinzipien: Kontroversitätsgebot, Überwältigungsverbot und Befähigung zum politischen Handeln. [Benedikt Widmaier/Peter Zorn (Hrsg.): „Brauchen wir den Beutelsbacher Konsens? Eine Debatte der politischen Bildung.“ Bonn 2016].

Konkret bedeutet das, es sollen keine grausamen Fotos gezeigt werden, damit der Zuschauer nicht überwältigt wird. Es soll Kontroversen geben, damit der Besucher entscheiden kann, was richtig und was falsch ist. Zum Beispiel, war Hitler böse oder doch etwas gut: Die einen sagen so, die anderen so. Und anschließend soll die Besucherin auf Grundlage dieser Entscheidung handeln können.

In unserer Ausstellung im Berlin Story Bunker „Hitler – wie konnte es geschehen“ halten wir uns nicht an den Beutelsbacher Konsens. Es kann unserer Meinung nach bei Nationalsozialismus, Rassismus, Antisemitismus und Holocaust kein Kontroversitätsgebot geben. Wir nehmen einen Standpunkt ein. Deswegen zeigen wir diese Dokumentation im Bunker, wir werden sicherlich nicht über Gut und Böse kontrovers diskutieren. Die unmenschlichen, grausamen Szenen vor dem Holocaust und während des Holocausts kann man unserer Meinung nach nur so darstellen, dass es der Besucher kaum oder gar nicht aushält. Kritisiert wurden wir dafür von der Landeszentrale für politische Bildung. „Ich würde das meinen Kindern (im Teenageralter) nicht zumuten“, sagte eine Mitarbeiterin. Bestätigung erhielten wir dagegen vom derzeitigen Botschafter Israels, der mit seiner Gattin in die Dokumentation kam, wie vom vorigen israelische Botschafter, der mit seiner ganzen Familie kam, vom amerikanische Botschafter sowie mehreren jüdischen Verbänden.

Die allererste Tafel, die dem Besucher des Dokumentationszentrums „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ präsentiert wird, ist diese:

Die erste Tafel, auf die Besucherinnen stoßen.

Es hat sicher unter den Ausstellungsmachern extrem viele Diskussionen über diese Tafel gegeben. Ist alles korrekt? Ist alles berücksichtigt? Haben wir ausgedrückt, was wir ausdrücken wollen?

Was meinen Besucher zu solchen Texten?

Die Ausstellung ist an sich ganz informativ, aber zu blutleer.

Blutleer, kommentieren Besucher – weil sie in „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ mit Ausstellungstexten konfrontiert sind, mit denen man in der Konkurrenz der Gedenkstätten oder vor Lehrstühlen von Universitäten bestehen kann. Aber sollten sie sich nicht eigentlich an die Besucher richten?

Auf dieser ersten Tafel werden weder Nationen noch Volksgruppen genannt, es geht dort nicht um Nationalismus oder Nationalsozialismus; Rassismus und Antisemitismus werden nicht thematisiert. Die Vertreibung der Juden zum Beispiel fand nicht im Zusammenhang mit kriegerischen Ereignissen statt, sie basierte auf dem Rassismus der Nazis, verbunden mit dem Wunsch vieler Deutscher, sich am Besitz ihrer jüdischen Mitbürger zu bereichern.

Den „Krieg“ macht die Ausstellung als Ursache für Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert aus. „Es war nicht der ,Krieg‘. Es war das, was zum Krieg führte: Nationalismus, in Deutschland vergiftet zu völkischem Rassismus und Herrenmenschentum“, schreibt der Historiker Hermann Pölking in OM-online.

Woher kommt dieses Blutleere der Ausstellungstexte? Viele Köche verderben den Brei? Der Stiftungsrat, der ja eine Ratgeberfunktion und einen Überblick über die Vermittlungsziele haben sollte, besteht aus sehr vielen Personen – aber es ist niemand aus Polen, aus Russland, es sind keine Menschen aus der Dritten Welt dabei, keine Vertreter von Verbänden heutiger Flüchtlinge oder von Migrantenorganisationen.

So setzt sich der Stiftungsrat zusammen: drei Mitglieder des Deutschen Bundestags, Prof. Monika Grütters, die Staatsministerin im Bundeskanzleramt und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, sowie ein Vertreter aus dem Auswärtigen Amt und einer aus dem Bundesministerium des Innern. Vom Bund der Vertriebenen sind es sechs, von der evangelischen und katholischen Kirche je zwei, vom Zentralrat der Juden zwei und als Amtswalter deutscher Geschichte der Präsident der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Prof. Dr. Hans Walter Hütter, sowie der Präsident der Stiftung „Deutsches Historisches Museum“, Prof. Dr. Raphael Gross. Immerhin zwanzig Personen.

Etwas zu sagen hätten auch andere. Der polnische Historiker Krzysztof Ruchniewicz betont sehr diplomatisch: „Wir sehen diesen Prozess, ich nenne das zunächst allgemein Zwangsmigration der Deutschen, im Kontext des Krieges. Dieses bekannte Schema Ursache-Wirkung spielt für uns Historiker eine ganz wichtige Rolle. Und wenn ich dieses Schema nicht in der Ausstellung sehe, dass jetzt der Vertreibung der Deutschen sehr viel Platz eingeräumt wird und dieses Thema zum Schwerpunkt wird, dann finde ich das ein bisschen problematisch.“ Ruchniewicz ist der Meinung, der von Deutschland ausgehende Zweite Weltkrieg wird in der Ausstellung im Verhältnis zur Zwangsmigration heruntergespielt. Die Deutschen stehen im Mittelpunkt, nicht die eigentlichen Opfer des Krieges. Vielleicht ist wegen dieser Ausrichtung kein Vertreter Polens oder der ehemaligen Sowjetunion in den Stiftungsrat berufen worden. Es ergibt sich die Frage, wie dann in Richtung Versöhnung gearbeitet werden soll.

Deutliche Kritik auch von einem Besucher an der Gesamtdarstellung:


Diese Ausstellung ist ein gigantisches deutschnationales, antikommunistisches und relativierendes Propagandaprojekt. Im unteren Geschoss wird gezeigt, dass Kommunisten auch überall sonst die größten Verbrecher überhaupt sind, während der Holocaust als ein Genozid unter vielen dargestellt wird: im Obergeschoss konzentriert man sich dann auf die größten Leidtragenden des Zweiten Weltkriegs – die Deutschen

Und in der Tat, durchwandert man die erste Ausstellungsebene, kommen einem die sehr knappen Darstellungen wie eine Pflichtübung vor, die den Ausstellungsmachern abverlangt wurde. Nichts geht in die Tiefe. Dafür ist die Ausstellungstechnik auf dem neuesten Stand, nämlich so, wie sich Ausstellungsmacher heute vorstellen, dass sie sich Besucher wünschen – Klappen auf- und zumachen können. Sind in der Frontwand jedoch alle Klappen geschlossen, erschließt sich dem Besucher nicht, dass er diese öffnen darf und soll. So geht mancher an dieser Station einfach nur vorbei.

Klappe auf, Klappe zu.

Hinter den Klappen verbirgt sich entweder nur ein Video oder auch nur ein Foto. Welche zusätzliche Erkenntnis oder welche Lust am Besuch der Dokumentation sich dadurch ergeben soll, erschließt sich mir nicht. Interaktiv wird das genannt.

Klappe auf – ein Video!
Klappe auf – eine Foto!

Über und unter diesen Klappen befinden sich Flächen, die man nicht öffnen kann:

Keine Klappe auf – kaputt? Kommt noch etwas? Soll das so sein?

An einigen Türchen stehen Ziffern, sie lassen sich aber nicht öffnen. Sind die Klappen kaputt? (Einiges hat an den ersten Tagen noch nicht richtig funktioniert, zum Beispiel der AudioGuide.) Kommt da noch etwas – oder soll das so sein? Das ist keine rhetorische Frage, ich weiß es tatsächlich nicht. Es muss sich ja jemand etwas bei dieser Präsentation gedacht haben, irgendwie.

Sicher kann auch in einer Dokumentation wie „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ nicht alles thematisiert werden. Auf die Vertreibung von 400.000 Muslimen auf dem Balkan nach dem ersten Balkankrieg 1912 beispielsweise habe ich keinen Hinweis entdeckt. Allein 135.000 Flüchtlinge kamen 1913 in Saloniki an, möglicherweise ließen eine Million auf der Flucht ihr Leben.

Aber man fragt sich doch, gerade weil ja der Fokus der Ausstellung auf den vertriebenen Deutschen liegt, warum zum Beispiel der Bevölkerungsaustausch nach dem Ersten Weltkrieg aus Elsass-Lothringen nicht dargestellt wird. Dabei ging es um 200.000 Deutsche. „Im Städtchen Colmar in Elsass-Lothringen, spielen sich schlimme Szenen ab. Unter dem Spott ihrer Mitbürger zwingen französische Militärs deutsche Bewohner zur Ausreise … Zwei Tage nach dem Einzuge der französischen Truppen wurde ein regelrechtes Pogrom veranstaltet, in dessen Verlauf ein rundes Dutzend deutscher Geschäftshäuser, darunter neun jüdische, geplündert und eines davon nach seiner Plünderung in Brand gesteckt wurde …“

Und noch ein Aspekt des ersten Teils der Ausstellung soll genauer betrachtet werden – Ruanda.

7. Ruanda – der Völkermord

Eine Machete aus Ruanda, mit der der Völkermord begangen worden sein soll. Das Exponat wird als Kopie bezeichnet. Es handelt sich um eine echte Machete, aber so sahen die nicht aus, mit denen 800.000 Menschen erschlagen wurden.

Das Lachen bleibt einem fast im Hals stecken, wenn man dieses Exponat zum Völkermord in Ruanda sieht. Damit kann man nur schwer jemanden erschlagen. Es waren keine alten, rostigen, von der Feldarbeit tatsächlich abgenutzten Umupangas. Der Völkermord in Ruanda ist historisch genau dokumentiert. Die UNO wusste, dass Macheten aus China in großer Menge geliefert worden waren. Der Kommandant damalige der UN-Blauhelme, General Romeo Dallaire, kannte sogar die exakten Lagerorte und beschreibt das in seinem 650 Seiten dicken Buch „Handschlag mit dem Teufel: Die Mitschuld der Weltgemeinschaft am Völkermord …“ sehr genau. Wir haben ihn auch vor einigen Jahren in Berlin dazu befragt.

China-Machete, 0,80 Dollar das Stück, auch zum Völkermord geeignet.

Genau so sahen die aus China in großer Menge gelieferten Macheten aus. Mit dieser Waffe, der Umupanga, kann man einen Schädel einschlagen oder den Hals durchtrennen. Für den Schädel nimmt man die stumpfe Seite, das weiß vor Ort jeder. Auf diesem (geklauten) Bild ist deutlich die Internetseite des Lieferanten (der nicht der Lieferant der Macheten zum Völkermord gewesen sein muss) zu lesen. Auf der Seite lässt sich überprüfen, dass Macheten wirklich so preiswert sind und wie einfach man einen Container voller Paletten oder mehrere bestellen kann.

Chinesische Macheten, dies Menge dürfte etwa einem Sechstel eines 40-Fuß-Containers entsprechen.

Die Macheten wurden so geliefert und dann von Kleinlastern in (relativ) geheime Lager in Ruanda verteilt.

Die ausgestellte Machete war tatsächlich ein extrem abgenutztes „landwirtschaftliches Werkzeug.“ Die Umupangas zum Morden wurden in China bestellt. Sie waren ganz neu. Ihr Zweck war nicht landwirtschaftliche Arbeit, sondern Mord, Völkermord.

Und was heißt: „Wochen vor dem Genozid importiert Ruanda …“ Nicht Ruanda hat importiert. Diese Bestellung muss von jemandem initiiert worden sein. Ein Völkermord hat Täter und Ursachen. Unter diesem Link findet sich eine Erklärung für die Geschehnisse in Ruanda 1994, nämlich die Widersprüche zwischen den Volksgruppen, bei denen es um die Macht im Land geht, sowie die Intervention der Franzosen. Im Mai 2021 hat der französische Präsident Emmanuel Macron in Kigali, der Hauptstadt von Ruanda, die Schuld der Franzosen anerkannt.

800.000 Menschen wurden innerhalb von wenigen Tagen erschlagen, meist Tutsi. Die Oberschicht in Kigali in einer einzigen Nacht und an einem Tag.

Täter, Opfer, Hintermänner, tatsächliche Gründe – alles ist in diesem Segment der Ausstellung hier verschwommen oder falsch dargestellt. Und diese verschwommene und falsche Darstellung zieht sich wie ein roter Faden durch „Flucht, Vertreibung, Versöhnung.“

„Hutu und Tutsi sind Zuschreibungen aus der Kolonialzeit …“ Nein, das ist falsch.

Aus falsch verstandener political correctness wird hier eine historisch falsche Darstellung verbreitet. Hutu und Tutsi waren vor, während und nach dem Kolonialismus unterschiedliche Volksgruppen. Die Tutsi waren ursprünglich Viehhirten, beweglich, immer unterwegs auf der Suche nach Weideland, die Hutu dagegen Bauern auf ihrer Scholle. Beide Gruppen haben sich historisch kaum vermischt. Konkret: Wenige Tutsi heirateten eine Hutu und umgekehrt. Dieses Beispiel wird möglicherweise noch klarer, wenn man die dritte Bevölkerungsgruppe betrachtete, die Twa, Pygmäen, die überwiegend im Urwald leben. Weder Hutu noch Tutsi würden Twa heiraten. Die Ausstellungsmacher wären besser beraten gewesen, zu beschreiben, um was es in dem Machtkampf in Ruanda ging, wie er entstand, welche Interessen im Spiel waren. Und: Versöhnung wäre auch hier ein wichtiger Aspekt gewesen. Versöhnung setzt aber voraus, dass man von den tatsächlichen Verhältnissen ausgeht, nicht von idealistischen Projektionen.

„Eine Zuschreibung der Kolonialzeit …“ Der deutsche Kolonialismus vor dem Ersten Weltkrieg in Ruanda hatte mit der Situation zwischen den Bevölkerungsgruppen kaum zu tun. Ruanda ist so groß wie Hessen, es gab fünf deutsche Militärbeamte, darüber hinaus einige deutsche Missionarsfamilien. Damit lässt sich nicht sonderlich viel Einfluss nehmen.

Warum solch eine ungenaue, unrichtige Darstellung? Es ist ja nur ein Beispiel? Weit weg, kann man nicht so genau wissen? Wissen wir doch nicht, wie eine Machete aussieht?

Der Völkermord in Ruanda in einer extrem knappen Darstellung im Berlin Story Bunker. Der Autor dieser Ausstellungskritik arbeitete mehrere Jahre in Ruanda. Für Transparenz über die Ausstellungsmacher, vor allem aber, warum die Dokumentation im Berlin Story Bunker gerade so aufgebaut ist, bedanken sich die Besucher.
Völkermorde nach dem Holocaust. 5000 Jesiden wurden im Norden des Irak vom IS ermordet. Enno Lenze, Chef des Berlin Story Bunkers, wenige Wochen danach vor Ort. Dieser Völkermord fällt weitgehend durch das Raster der Medien – und der Ausstellungsmacher von „Flucht, Vertreibung, Versöhnung.“
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Im Berlin Story Bunker gibt es seit einiger Zeit im Anschluss an die Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ drei Tafeln, von denen sich eine mit Völkermorden nach dem Holocaust befasst. Bei den beiden anderen geht es darum, dass nur wenige Nazis verurteilt wurde und wo sie sich nach 1945 überall in Amt und Würden breitmachten.

8. Zweite Etage – die Kaaba

Die Direktorin des Dokumentationszentrums „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, Gundula Bavendamm, zur Schwerpunktsetzung ihrer Ausstellung: „Wir kontextualisieren, das wird ganz klar durch den chronologischen Rundgang, dass wir uns erst mit dem Nationalsozialismus beschäftigen, um dann auf das Thema Flucht und Vertreibung zu kommen.“  

Wenn man sich genauer ansieht, wie die Besucherführung in der oberen Etage angelegt ist, ahnt man, was sich die Ausstellungsmacher um Frau Dr. Bavendamm gedacht haben könnten. Zum Hauptteil der Ausstellung gelangt nur, wer durch einen dunklen Würfel geht, der an die Kaaba in Mekka erinnert. Der Punkt, von dem ausgehend die Dokumentation die immer wieder beschworene Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus behandelt?

Durch diesen Würfel müssen die Besucher die Ausstellung in der zweiten Ebene betreten. Sie erinnert an die Kaaba in Mekka.
Die Besucher links im Bild kommen gerade von der Wendeltreppe. Sie blicken auf die Ausstellung, können aber nicht direkt dorthin.
Der Würfel, in dem es über den Nationalsozialismus geht, von innen.

Im Würfel sind die Wände schwarz. Es stehen einige Vitrinen mit Schubladen darin.
Der Würfel von außen. Er ist leer und innen schwarz.

Man muss weder Museumstechnik studiert noch den Flow von Besuchern intensiv beobachtet haben, um sich vorstellen zu können, dass Menschen sich in engen, dunklen, käfigartigen Räumen nicht gerne aufhalten, sondern in helle, weite Räume streben – vor allem während einer Pandemie. Schon beim Eintreten haben die Besucher gesehen, wo die eigentliche Ausstellung ist, zu der sie streben.

Diesen Teil der Ausstellung sieht man, wenn man die freitragende Wendeltreppe hochkommt.

Die Besucher wollen sich ansehen, was sie beim Eintritt in diese Etage wahrgenommen haben. Ich habe beobachtet, dass viele schnell durch den dunklen Würfel gehen. Und viele werden nicht unbedingt verstehen, was die Ausstellungsmacher sich gedacht haben – dass man nämlich in dem dunklen Würfel, dunkel wie der Nationalsozialismus, Schubladen aufzieht. Die Besucher haben das offensichtlich in der ersten Etage noch nicht gelernt. Zieht man aber nicht an den Schubladen, bleibt es dunkel. Dann bleibt der dunkle Nationalsozialismus im Dunkel.

Hat man aber Glück und es zieht jemand in der Kaaba an einer Lade, wird darüber ein Mechanismus ausgelöst, der einen Beamer einschaltet. Wenn das geschieht, ist das erste Bild, das die meisten Besucher sehen:

Die jüdische Wanderung aus der Ostmark.

Erschließt sich das, „Die jüdische Wanderung in der Ostmark?“ Mir nicht. Auch nicht auf den zweiten Blick. Was soll mir damit gesagt werden? Aber auch in der Schublade unten ist Licht angegangen und ich sehe ein Foto von Adolf Eichmann:

Adolf Eichmann – ins Exil gezwungen?

Der Text unter der Titelzeile „Ins Exil gezwungen“ hat nichts mit dem Foto zu tun. Hat niemand gemerkt, dass Foto und Text offensichtlich keine so gute Kombination sind? Es geht um die Nürnberger Gesetze, die Novemberpogrome und die Planung des Holocaust. Außerdem wird erklärt, dass Eichmann diese Pläne vorantrieb. Unglücklich gestaltet.


In einer anderen Vitrine in der „Kaaba“ liegt „Mein Kampf“ mit der Erläuterung, dass Hitlers Antisemitismus und die Eroberung von Lebensraum im Osten darin bereits 1925 geschildert werden. Viel mehr erfährt der Besucher nicht über die Planungen zum Holocaust.

Was fehlt? Die Leerstellen, die unredliche Information in „Flucht, Vertreibung, Versöhnung.“

Öffnet man eine weitere Schublade, geht es um das Novemberpogrom in Reichenberg:


Eine Tafel zum Novemberpogrom in Reichenberg, „Spitze antisemitischer Ausschreitungen“. Mehr wird über das Pogrom nicht gesagt, es werden keine weiteren Fotos gezeigt. Was geschah konkret in Reichenberg?

Reichenberg? Vertriebene aus dem Sudetenland und deren Nachfahren werden wissen, wo Reichenberg liegt. Aber kann man das als bekannt voraussetzen? Und gab es in Reichenberg möglicherweise Nazis, die hinter dem Brandanschlag steckten? Nichts davon wird vermittelt.

Nicht aus der Ausstellung: Die prachtvolle Synagoge in Reichenberg mitten in der Stadt auf einem zentralen Platz.

Reichenberg, das „böhmischen Manchester“, war eine boomende Industriestadt mit prosperierender Textilindustrie. Jüdische Bewohner gab es seit 1528, damals waren es 50 Familien. Im Jahr 1938 lebten in Reichenberg etwa 1.400 jüdische Bürger, die erheblich zum Wohlstand der Stadt beitrugen. Im Jahre 1930 hatte die Reichenberg 38.568 Einwohner (davon 30.023 Deutsche, 6.314 Tschechen) und am 17. Mai 1939 bereits 69.195 Einwohner.

Bei einer Volksabstimmung am 4. Dezember 1938 stimmten im Sudetenland 98,9 Prozent der Bevölkerung bei einer Wahlbeteiligung von 98,61 Prozent für Hitler. Die Frage lautete: „Bekennst Du Dich zu unserem Führer Adolf Hitler, dem Befreier des Sudetenlandes, und gibst Du Deine Stimme dem Wahlvorschlag der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei?“

Wahlzettel am 4. Dezember 1938, 98,9 Prozent für den „Führer.“

Ohne die Information, dass die Sudetendeutschen nahezu vollständig hinter Hitler standen, ist die Information über den Brand der Synagoge in Reichenberg nicht vollständig. Es fehlen wichtige Hintergrundinformationen. Die Darstellung ist damit verfälscht.

Historiker sind in großer Übereinstimmung der Ansicht, dass, auch wenn die Abstimmung ohne Druck stattgefunden hätte, vielleicht zehn Prozent weniger für Hitler gestimmt hätten, also nur 90 Prozent. Die Abstimmung fand statt nach der Eingliederung der Sudetengebiete als Reichsgau Sudetenland in das Deutsche Reich im Oktober 1938.

Karte der Sudetendeutschen Landsmannschaft über die deutschen Siedlungsgebiete 1937 in der Tschechoslowakei, also außerhalb des Gebiets des Deutschen Reichs.

Eigentlich soll ja diese Station der Ausstellung die, wenn auch durch einen dunklen Würfel, jeder Besucher zumindest betreten muss, über den Nationalsozialismus informieren. Dass ist nicht oder zumindest nur sehr oberflächlich der Fall. Das fast alle oder zumindest sehr, sehr viele Sudetendeutschen für die Nazis gestimmt haben, wird hier und insgesamt unterschlagen.

9. Onkel Richard in Schüttenitz

Die Stimmung in der Tschechoslowakei ist nach dem Zweiten Weltkrieg extrem antideutsch. Die Deutschen seien kollektiv verantwortlich.

Eine weitere Ausstellungstafel im Dokumentationszentrum. Hier haben wir es mit historischer Verdrehung à la Vertriebenenverbände in Reinkultur zu tun. Welche Erklärung könnte es geben dafür, dass „die Stimmung allgemein antideutsch“ war? Ich habe bereits erwähnt, dass die Zustimmung zu Hitler und den Nationalsozialisten im Sudetenland extrem hoch war. Die Hitler-nahe Sudetendeutsche Partei, angeführt von Konrad Henlein errang bei den tschechoslowakischen Parlamentswahlen im Jahr 1935 zwei Drittel der deutschen Stimmen und stellte 44 der 66 deutschen Abgeordneten im tschechoslowakischen Parlament in Prag mit 300 Sitzen. Die Tschechoslowakei hatte Mitte der Dreißiger Jahre 13,6 Millionen Einwohner. Davon waren 23 Prozent Deutsche. Deren Anteil der Abgeordneten im Parlament betrug demokratische 22 Prozent. Henlein traf sich am 28. März 1938 mit Hitler in Berlin, wo er angewiesen wurde, den Druck auf die tschechoslowakische Regierung noch zu erhöhen.


Worüber sollte mehr geredet werden? Ein Besucher schreibt: „Kriegsgründe: Nationalismus“.

Henlein bildete vor dem Münchner Abkommen ein Sudetendeutsches Freikorps, das in der Tschechoslowakei etwa 300 Anschläge und Überfälle beging, bei denen etwa 110 Menschen umkamen. Heute würden wir diese Aktionen als Terroranschlägen bezeichnen. Damit sollte erreicht werden, dass Hitler in München am 29. September 1938 leichter die Zustimmung Englands und Frankreichs bekommen würde, dass die Tschechoslowakei das Sudetenland an das Deutsche Reich abtreten und binnen zehn Tagen räumen musste. Diese Appeasement-Politik Englands und Frankreichs, Zustimmung, um Ruhe zu haben, ist seitdem immer wieder kritisiert worden und umstritten.

Edvard Beneš wird dafür verantwortlich gemacht, die Vertreibung der Sudetendeutschen vorangetrieben zu haben.

Auf ein Dekret des tschechoslowakischen Staatspräsidenten Edvard Beneš vom Oktober 1945 gehen Enteignung und Vertreibung der Deutschen zurück. Tatsächlich sind es jedoch Dekrete, die von der Exilregierung in London und anschließend von der ersten tschechoslowakischen Nachkriegsregierung erlassen wurden. Hintergrund ist, dass in der Zeit der Nazi-Herrschaft 330.000 bis 360.000 tschechoslowakische Staatsbürger umgebracht wurden, darunter 270.000 Juden und 8.000 Roma – zu Tode gequält, von Standgerichten hingerichtet oder bei Massakern an ganzen Ortschaften ermordet. Direkt nach dem Einmarsch deutscher Truppen wurden von Oktober bis Dezember 1938 2500 Sudetendeutsche ins deutsche Konzentrationslager Dachau verbracht. Insgesamt waren es 20.000, die „verschickt“ wurden. Ins westliche Ausland flüchteten 3.000 Sudetendeutsche.

Alle diese Informationen fehlen auf den Tafeln des „Informationszentrums“, nichts davon wird erwähnt. Dagegen wird die Politik der Tschechen gebrandmarkt. Einseitig. Durchdiese Darstellung wird es historisch unkorrekt und politisch unerträglich.

Einzelne Tafeln scheinen bewusst gegen jeden Ansatz von Versöhnung zu arbeiten:

„Wilde Vertreibung“, weil die Alliierten noch nicht endgültig entschieden hätten. Was nicht stimmt, denn auf der Potsdamer Konferenz der Siegermächte USA, UdSSR und GB war die Entscheidung bereits gefallen. Zu den wichtigsten Beschlüssen zählten die Legitimierung des „geordneten und humanen Transfers“ deutscher „Bevölkerungsteile“ Polens, der Tschechoslowakei und Ungarns sowie Polens Verwaltungshoheit über die deutschen Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie. 

In „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ wird wiederholt darauf hingewiesen, dass nicht alle Deutschen Anhänger Hitlers waren, dass jedoch allen eine Kollektivschuld zugeschrieben wurde, dass also auch Menschen, die nicht an Taten beteiligt waren, dafür verantwortlich gemacht wurden. Kollektivschuld bedeutet, die Schuld wird nicht dem einzelnen Täter angelastet, sondern mit einer moralischen Verantwortung durch die Zugehörigkeit zu der Gruppe begründet. Mit Moral und Gesetz ist das nicht vereinbar.

Andererseits wird in „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ kein einziges Beispiel genannt, in dem ein Sudetendeutscher, ein Vertriebener, in irgendeiner Weise persönliche Verantwortung übernommen hätte.

Die Sudetendeutschen verstanden und verstehen ihre Vertreibung als Akt auf der Grundlage ungerechtfertigter Kollektivschuld. Doch es schien Ausnahmen zu geben, zum Beispiel den deutschen Antifaschisten Friedrich Sinke.

Friedrich Sinke, deutscher Antifaschist aus Leitmeritz im Sudetenland, sollte nach Ende des Zweiten Weltkriegs von den tschechoslowakischen Behörden bevorzugt behandelt werden.
Allerdings werden auch die deutschen Antifaschisten ausgewiesen, wie auf dieser Ausstellungstafel dokumentiert ist.
Die Geschichte von Friedrich Sinke ist mit Dokumenten belegt.

Der Fall Sinke wird ausführlich dargestellt. Tenor: Man konnte den Tschechen nach dem Krieg nicht trauen. War das generell so? Schwer zu sagen.

Božena und Richard Giebel in Schüttenitz, Žitenice, einem Dorf in der Nähe von Leitmeritz, Litoměřice, im Mai 1970.

Der Mann auf dem Foto oben ist geblieben. Er war schon zur Nazi-Zeit Kommunist und heiratete eine Tschechin, Božena. Er wohnte gern im wärmsten Ort Böhmens, hatte einen großen Aprikosengarten, lebte vom Verkauf seiner Produkte aus Garten und Landwirtschaft auf dem Markt. So lernte ich Onkel Richard 1970 kennen. Von seinem Bruder, meinem Großvater, wurde er nie mehr besucht. Das hatte einen guten Grund: Mein Großvater hatte ein Einsatzkommando geleitet. Er war ein Nazi-Mörder.

Onkel Richard unten rechts, Tante Boži als Zweite rechts, und ich bin der mit dem gelben Pullover und den langen Haaren.

Für Onkel Richard gab es keine Sippenhaft. Er hätte mich als Abkömmling seines Nazi-Bruders meiden können. Das Gegenteil war der Fall: Er war voller Herzlichkeit und Interesse.

Was den Besuchern in „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ dargelegt wird, ist keine seriöse Geschichtsinterpretation. Positive Beispiele wie das meines Onkels Richard kommen nicht vor. Die Ausstellungsmacher haben exakt die Perspektive der Vertriebenenverbände übernommen, die Haltung von Erika Steinbach. Wie soll man den Ausführungen Glauben schenken, wenn es Beispiele wie dieses gibt – oder die vielen anderen schon aufgeführten Verdrehungen? Da ich kein Experte für sudetendeutsche Geschichte bin, kann ich nicht beurteilen, ob mein Onkel die absolute Ausnahme ist. Es wäre Sache der beteiligten Historiker gewesen, das einzuordnen. ((Kommentar eines Historikers: Man gehe von 4.000 Sudetendeutschen aus, die geblieben sind – eine nicht unerhebliche Menge an einzelnen Menschen mit ihren einzelnen Schicksalen.))

Es geht nicht nur um Onkel Richard. Viele Ungarndeutsche und Deutsche in Rumänien sind geblieben. Deutschstämmige aus Ungarn zum Beispiel kamen erst nach dem Ungarnaufstand 1956 und aufgrund des Ungarnaufstands nach Deutschland. „Die Bundesregierung begrüßte die aus weiten Kreisen der Bevölkerung kommende Bereitschaft, Ungarnflüchtlinge in Privathaushalten aufzunehmen.“ Es kamen Hunderte Ungarndeutsche (die also zu der Zeit noch in Ungarn waren), erst wurde 3.000, dann 6.000 Plätze zur Verfügung gestellt. Sehr ausführlich in Sándor Csík, Die Flüchtlingswelle nach dem Ungarn-Aufstand 1956 in die Bundesrepublik Deutschland.

10. Flucht vor der Roten Armee

Die Gewaltexzesse der Roten Armee waren fürchterlich. Unzählige Schilderungen belegen das. Auf mehreren Tafeln wird in „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ darauf hingewiesen – auf die Trauma der Vertriebenen, der Frauen und Mädchen.

Sowjetische Truppen marschieren im Januar 1945 in Ostpreußen und Schlesien ein.

Die Rote Armee marschiert im Januar 1945 in Ostpreußen und Schlesien ein. Seitdem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 waren dreieinhalb Jahre vergangen. Dass es 27 Millionen Tote aufgrund des Zweiten Weltkriegs in der Sowjetunion gibt – diese Zahl kommt in „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ nicht vor.

Ausstellungstafel zum Thema sexuelle Gewalt: 4 Worte zu den Deutschen, 47 Worte zu Russen, zu sowjetischen Soldaten. Diese Gewichtung der Betrachtungen durchzieht die Dokumentation.

Ich kritisiere die ungleiche Gewichtung der Bewertungen in „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, aber auch, dass durch Auslassen von Fakten ein verzerrtes oder falsches Bild geschaffen wird. Ein weiteres Beispiel: Johanna Ruf war 15 Jahre alt, als sie in die Hände „der Russen“ fiel, in Berlin in unmittelbarer Nähe des Führerbunkers, in der Neuen Reichskanzlei.

Johanna Ruf 1943. Sie war als Helferin erst im Anhalte Bahnhof bei der Betreuung von Flüchtlingen eingesetzt, dann im Lazarett unter der Neuen Reichskanzlei, die durch einen Gang mit dem Führerbunker verbunden war.

Johanna Ruf berichtet in ihren Aufzeichnungen davon, was ihr mit den sowjetischen Soldaten widerfuhr. Im Lazarett erzählte ihr Hitlers Arzt Werner Haase, dass der „Führer“ geheiratet habe. Am 3. Mai 1945 notierte sie, dass der Diktator nicht mehr lebt. Die jungen Männer, die am Nachmittag des 30. April 1945 die Leichen von Adolf Hitler und Eva Braun mit Benzin überschüttet und angezündet hatten, haben ihr davon berichtet. Johanna Ruf ist eine Zeugin des „Untergangs.“ Erst vorige Woche habe ich ihr zum 92. Geburtstag gratuliert.

„Die Russen haben die Reichskanzlei völlig umstellt, sie können jederzeit bei uns sein. Die Maiden machen sich fertig, sie wollen mit der SS hinaus, die Reichskanzlei soll offiziell Lazarett werden … Eine halbe Stunde später kommt der erste russische Soldat, guckt in die Küche, in einzelne Bunkerräume, geht wieder hinaus. Wir atmen auf.
Später kommen dann die ersten russischen Posten, Besatzungstruppen, Offiziere. Im Allgemeinen verläuft alles sehr ruhig. Die Russen benehmen sich wirklich anständig. Dann wird nach der Oberschwester gefragt. Irmgard geht zum Kommandanten, sie ist sehr aufgeregt. „Wo ist der Schlafraum der deutschen Schwestern?“ Aha, darauf haben wir gewartet. Irmgard führt ihn zum Raum 91. „Kann man hier abschließen?“ Wir schütteln den Kopf. Und der Kommandant lässt sofort ein Schloss anbringen und eine russische Wache vor unsere Tür stellen. Wenn das nichts ist. Die Mädel vom Bann 61 sind nun auch im Raum 91 untergebracht, es wird ziemlich eng.“ Mehrfach berichtet Johanna Ruf davon, wie die BDM-Mädchen auch später in Frankfurt/Oder geschützt werden. [Johanna Ruf, Eine Backpfeife für den kleinen Goebbels, Berlin Story Verlag 2017]

Auch ein Berliner Verleger, Curt Cowall, der mit den Nazis zum Millionär wurde, schildert das Verhalten der Offiziere und Soldaten der Roten Armee auf den hundert Seiten über die Schlacht um Berlin sehr differenziert. Die Wohnhäuser wurden gefilzt, besonders nach Alkohol und Uhren, aber es gab diesen Schilderungen nach viele Offiziere, die sich anständig bis schützend gegenüber der Zivilbevölkerung verhielten. [Peter Dörp (Hrgb.), Die Tagebücher des Verlegers Curt Cowall – Von Hitler in Paris bis zur Schlacht um Berlin, Berlin Story Verlag, 2020] Davon kommt in „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ nichts vor.

Wie im Fall meines Onkels im Sudetenland kann ich auch bei Johanna Rufs Erlebnissen nicht beurteilen, wie oft es ein solches Verhalten gegeben hat. In „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ habe ich kein solches positives Beispiel gefunden. Eine gute Voraussetzung für „Versöhnung“ ist das nicht.

12. Der Iwan kommt, die Wehrmacht hilft

„Die Deutschen, die im östlichen Europa leben, bilden Trecks aus Pferdewagen, unterstützt von der Wehrmacht … oder der Bahn“

Geordneter Rückzug mit Unterstützung der Wehrmacht. Die Deutschen müssen vor der sowjetischen Armee fliehen. Warum eigentlich? Fehlt hier wieder eine Erklärung? Die Flucht und die Angst vor den Soldaten der Roten Armee sind beherrschendes, nein fast ausschließliches Thema zum Komplex Flucht und Vertreibung im Dokumentationszentrum Ursache und Wirkung werden vertauscht. Ursache war der Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Das Narrativ hier ist: Der Iwan kommt, die Wehrmacht hilft.

Eine sehr einseitige Betrachtung des Themas. Zudem müsste mehr die Frage in den Vordergrund, welche Konsequenzen wir ziehen? Kampf gegen Rassismus, Nationalismus. Die Geschichten von Flüchtlingen anderer Regionen nach Deutschland und wie wir mit ihnen umgehen.

14 Millionen Flüchtlinge kamen aus dem Osten, aus deutschen Städten und Dörfern. Zwei Millionen überlebten die Flucht nicht. Ein Beispiel: Mehrere offene Güterzüge aus Pommern erreichten Anfang 1945 über die Stettiner Bahn Pankow. Als Bahnbedienstete die Türen der Waggons öffneten, schreckten sie zurück: In den Wagen lagen Tote. Manche noch lebende Flüchtlinge kamen halb verhungert barfuß durch den Schnee gewankt. Ein amerikanischer Offizier zählte 240 Leichen: Es ist eine Tragödie im Gange, die dadurch nicht geringer wird, dass sie sich aus der früheren erklären lässt – und die man ebenso wenig verschweigen darf, wie Auschwitz und diese Dinge.“ [Antonia Meiners, Wir haben wieder aufgebaut, München 2011]

Die Beschäftigung mit Flucht und Vertreibung gleicht einem Spannungsfeld, das zerreißen kann – zwischen dem Leid der Flüchtlinge, den am Wegesrand liegen gebliebenen Toten, den erfrorenen Kindern, der Grausamkeit auf dem Weg in den Westen einerseits und andererseits der Vergangenheit in Ostpreußen, in Pommern, in Schlesien, als Hitler und den Nazis zugejubelt wurde. Dieses Spannungsfeld wird in „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ nicht sichtbar.

Einen Eindruck davon, wie die Nationalsozialisten immer stärker wurden, vermittelt das Buch „Die SA-Mutter von Königsberg“ [Armin Fuhrer, Berlin Story Verlag 2020]. In ihren Aufzeichnungen berichtet sie über die Kampfzeit der SA seit den 1920er Jahren bis zur „Machtergreifung“ Hitlers. Elisabeth Zastrau beschreibt in diesem maschinegeschriebenen Bericht, wie die NSDAP in Königsberg an die Macht kam, wie sich ihre Familie für den Sieg des Nationalsozialismus einsetzte oder aus ihrer Sicht aufopferte. Opfer brachte. Leid und Opfer für ihre Familie, die beiden Söhne, die Tochter, den Mann. Gleichzeitig wird aus ihrer Schilderung deutlich, wie heftig der Widerstand war – von einzelnen Menschen, von den Behörden und der Politik.

„…Die Ermordung von Jüdinnen wird im OG gleichermaßen neben auf der Flucht vor Armeen Gestorbenen gestellt.

Vorn in meinem Beitrag, unter der Überschrift „Dunkelbrauner geht nicht“, zeigt die Grafik, wie hoch der Anteil der Nazi-Wähler 1933 war. Ein Blick zurück auf die Zeit vor der „Machtübernahme“, auf die Wahlen am 31. Juli 1932, gestattet noch eine Analyse des Wählerwillens, weil zu diesem Zeitpunkt keinesfalls Druck ausgeübt werden konnte, nationalsozialistisch zu wählen. Im Folgenden die Wahlergebnisse vom Juli 1932, 6. Wahlperiode der Weimarer Republik.

Die Wahlkreise sind hier zum besseren Vergleich in der Reihenfolge der Grafik aufgeführt, nicht numerisch

Ostpreußen: NSDAP 47,1 Prozent
Pommern: NSDAP 47,9 Prozent
Frankfurt/Oder: NSDAP 48,1 Prozent
Liegnitz: NSDAP 48,0 Prozent
Breslau: NSDAP 43,4 Prozent

Die Wahlbeteiligung betrug im Juli 1932 im Deutschen Reich 71 Prozent. 37 Prozent wählten die NSDAP (13,8 Mio.), 21,5 Prozent die Sozialdemokraten (8 Mio.) und 14,4 Prozent Kommunisten (5,4 Mio.). Die Deutsche Zentrumspartei errang 12,4 Prozent (4,6 Mio.) Stimmen.

In allen diesen Wahlkreisen konnte die NSDAP knapp die Hälfte der Stimmen gewinnen. Knapp die Hälfte der Bevölkerung wollte Hitler an der Macht sehen. Der Besucher von „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ sollte das wissen dürfen.

13. SS-FreiwilligenGebirgs-Division Prinz Eugen – das Schlachtfeld Balkan

Eine der zynischsten Ausstellungstafeln. Wieder wird Ursache und Wirkung einfach vertauscht. Die deutsche Bevölkerung auf dem Balkan, in Jugoslawien wird interniert – aber was vorher geschah, wird nicht erwähnt.

In Jugoslawien wüteten die deutschen Truppen mit besonderer Brutalität. Bereits zum Jahreswechsel 1942/43 befanden sich etwa 6.000 Deutsche aus Rumänien in Einheiten der Waffen-SS. Sie hatten sich freiwillig gemeldet. Von März bis Juli 1943 traten bis zu 50.000 Mann in die Waffen-SS ein. Zu diesen Siebenbürger Sachsen gehört auch Hans S., in Berlin die 18-jährige Janni aus Erfurt kennengelernt hatte. Er geht mit der „Leibstandarte Adolf Hitler“ an die Front, sie heiraten, Janni bekommt ein Kind. 1942 wird Hans zum Offizier befördert und kommt zur „7. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division ‚Prinz Eugen‘“ nach Jugoslawien. In „Liebste Janni“, dem Buch mit seinen Briefen an seine Freundin und spätere Frau, werden die Nazi-Ideologie und ihre furchtbaren Folgen, anschaulich beschrieben. [Alice Frontzek: „Liebste Janni“, Briefe von Hans aus dem Krieg 1840 – 1945, Berlin Story Verlag, 2019]

Die 7. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division Prinz Eugen „begeht viele Kriegsverbrechen.“ Die Sprache in der Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ ist vor allem technisch. Sie verschleiert dadurch begangene Grausamkeiten.

Die Ausstellungsmacher übernehmen keine Verantwortung, sie handeln technisch ab. Sie zeigen einen SS-Ärmelstreifen, aber wollen ganz offensichtlich nicht die Verbrechen der 7. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division schildern. Diese SS-Männer werden in den Tafeltexten nicht angeklagt. Angeklagt werden die Bewohner Jugoslawiens, die sich gegen Überfall und Besatzung wehren und in der Terminologie der Nazis als „Partisanen“ bezeichnet werden. Deswegen empfinde ich diese Ausstellungstafeln als besonders perfide.

Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen, die deutschen Minderheit in Rumänien.

Die Mehrheit der Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen, der deutschen Minderheit in Rumänien, bekannte sich zum Nationalsozialismus. Die Mehrheit der 63.000 rumäniendeutschen Waffen-SS-Männer, darunter viele Banater Schwaben, meldete sich freiwillig. Im Mai 1943 wurde zwischen Rumänien und Deutschland ein Abkommen unterzeichnet, nach dem diese Männer, „Volksdeutsche“, vom Wehrdienst in Rumänien freigestellt wurden, wenn sie zur SS gingen. Ein ausführlicher Überblick mit Quellenangaben findet sich auf Wikipedia unter „Ausländische Freiwillige der Waffen-SS.“ Nichts davon ist in „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ zu erfahren, zu ahnen.

Die Mechanismen, wie die meisten Donauschwaben NS-Organisatoren beigetreten sind, sind aber noch komplizierter, da sie sich nicht notwendigerweise mit der NS-Ideologie identifizierten. Sie müssen sich, wie der SS-Mann Hans S. in „Liebste Janni“, dennoch das Verhalten der Nazis zurechnen lassen, wenn sie den NS-Organisationen beitreten, selbst wenn sie sich gar nicht voll mit deren Zielen identifizieren. Letztlich muss eine Ausstellung wie „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ sich der Präsentation dieser schwierigen Mechanismen stellen, ansonsten kann es keine Versöhnung geben.

Nichts vom Engagement der Rumäniendeutschen für die Nationalsozialisten ist in „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ zu erfahren, zu ahnen. Stattdessen sieht der Besucher dies, ein unvollendetes Strickbild mit Kanzlerin:

Gundula Bavendamm hat die Bundeskanzlerin bei ihrer Führung auf dieses Strickbild einer Familie Banater Schwaben hingewiesen.

Dias Stickbild ragt für Gundula Bavendamm persönlich aus den vielen Exponaten heraus. „Weil es vor Augen führt, welche Zäsur eine Zwangsmigration für die Betroffenen bedeutet“, erklärt die Direktorin. „Sicher gibt es Gründe, warum sich die Frau nie wieder an diese Stickarbeit gesetzt hat. Aber sie hat sie mitgenommen, aufbewahrt und an ihre Tochter vererbt.“

14. Der Ausstellung fehlt es an Tiefe

Insgesamt sieht die Ausstellung das Schicksal von Deutschen am Kriegsende nicht genügend als Resultat von zwei separaten, aber ineinandergreifenden Phänomenen:

Einerseits die Transformation Europas von multiethnischen Reichen zu einem Europa der Nationalstaaten, welche eine fast unweigerliche Folge von Aufklärung und der Hinwendung zum Prinzip der Volksherrschaft ist. Wenn Staaten nicht mehr durch die Loyalität von Untertanen zu Dynastien zusammengehalten werden, konnte der bisher dominante Staatstyp nicht mehr bestehen. Wenn es nun die Überzeugung gibt, dass Staaten sich auf Volksherrschaft und der Loyalität zu einem Stamm/Volk/Personengruppe definieren, ist die Transformation zu modernen Nationalstaaten kaum noch aufzuhalten. Diese Transformation hat es überall gegeben, war aber in Staaten (West- und Nordeuropas) halbwegs zu bewerkstelligen, in denen die Grenzen von dynastischen Staaten in etwa linguistischen Grenzen entsprachen. In den multiethnischen Flickenteppichen Zentral-, Ost- und Südosteuropas war diese Transformation aber der Ausgangspunkt zu 150 Jahren ethnischer Säuberung und Genozide (mit einem weiteren Nachspiel auf  dem Balkan 40 Jahre später, wo  der Prozess noch nicht abgeschlossen war).

Andererseits gab es zwischen 1917 und 1991 den Weltkrieg der Ideologien, der zu millionenfacher Flucht, ethnischer Säuberung und Genozid führte – für die nationalsozialistische, faschistische, rechtsnationalistische und kommunistische Regime die Verantwortung tragen.

Im Falle des Nationalsozialismus haben beide Entwicklungen ineinandergegriffen. Auch ohne Nazis hätte es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Zentral- und Osteuropa möglicherweise ethnische Säuberungen gegeben und es wären dabei auch Deutsche vertrieben worden, aber eben alles in VIEL kleinerem Maß. Das konkrete Leid der Deutschen nach 1945 ist das Resultat nationalsozialistischer Handlungen. Für dieses Leid sind in allererster Linie die Nazis UND die Deutschen verantwortlich.

15. Verhöhnung statt Versöhnung. Der gekündigte Filmemacher

Eine Besucherin spricht die heikle Frage an: Wir sollten darüber sprechen, welche Partei heute Flüchtlingen keine Heimat bieten will (dieselbe, die dieses Museum wollte.)

Den einzigen Applaus bei der Eröffnungsfeier gab es, als Direktorin Gundula Bavendamm sagte, dass ohne die nationalsozialistische Vernichtungspolitik 14 Millionen Deutsche nicht ihre Heimat verloren hätten. „Das ändert allerdings gar nichts daran, dass auch ihre Vertreibung durch die Alliierten und die ostmitteleuropäischen Staaten in Folge des Zweiten Weltkriegs unrecht war.“ So schildert es Peter Jungblut vom Bayerischen Rundfunk. Angela Merkel 2013: „Was die Vertriebenen durchgemacht haben, war grausam und bitter.“

Im Berlin Story Bunker schon vorhanden, eine Buchhandlung, In der Dokumentation „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ kommt wohl noch eine UND ein Restaurant, das Café Stresemann (in der Stresemannstraße), dessen ursprüngliche Einrichtung aufbewahrt wurde.

Um der Eröffnung von „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ besonderen Glanz zu verleihen, engagierte Direktorin Bavendamm den türkischstämmigen Starregisseur Ersan Mondtag für eine Multimedia-Performance als eine Art Vertrieben-Ouvertüre – und kündigte Mondtag wieder, ohne zu zahlen. Manuel Brug schätzt diesen Vorgang in der „Welt“ so ein: „Unwissen wie Unvermögen über das Entstehen von Kunst, auch daraus resultierende Arroganz, viel zerschlagenes Porzellan …“ Ersan Mondtag wollte die aktuellen Auseinandersetzungen um die Stiftung aufgreifen, sich mit dem Stiftungsrat und seinen zeitweise geschichtsrevisionistischen Mitgliedern beschäftigen sowie in seiner Performance mit einem Björn-Hocke-Zitat arbeiten. Das Budget für das Multimedia-Projekt lag bei 60.000 Euro. Im Laufe der Zeit, so Ersan Mondtag, wollte die Stiftung dann doch eher einen Image-Film und legte einen Vertrag vor, nach dem die Rechte an der Arbeit des Regisseurs zeitlich, räumlich und inhaltlich uneingeschränkt an die Stiftung übertragen werden sollten. „Wir fühlen uns als Künstler durch diese Vorgänge zensiert, prekarisiert und politischen Machenschaften ausgesetzt. Frau Bavendamm hat die Auszahlung des Geldes unmittelbar nach Drehabbruch in Aussicht gestellt, dies allerdings davon abhängig gemacht, dass wir die Vorgänge nicht an die Öffentlichkeit bringen.“

Besucher nehmen auch wahr, dass der Bezug zur Gegenwart, den Ersan Mondtag aufnehmen wollte, ausgespart bleibt. Sie stellen Fragen, die nicht behandelt werden:

Warum Menschen ihre eigene Heimat bedroht sehen, wenn andere, die keine Heimat mehr haben, zu ihnen kommen.
Über unsere (deutsche) Beteiligung aktiv und/oder passiv an Flucht und Vertreibung heute in der Welt
Über Rassismus bzw. Antisemitismusin der Gesellschaft.
Kirche und Holocaust

„Die Zusammenarbeit mit Ersan Mondtag hätte zeigen können, dass sich die Stiftung von ihren braunen Rändern und den geschichtsrevisionistischen Irrgängen im Stiftungsrat befreit hat“, kommentiert auch Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung.

Eigentlich sollten das Themen-Spezial zur Eröffnung des Dokumentationszentrums in der „Welt“ sowie im Tagesspiegel (wo sonst noch?) gute Berichterstattung bringen. Sonderredaktions-Beilagen zahlt man ganz, anteilig oder lässt sie durch einen Sponsor bezahlen. Als die Berlin Story das Geschichtsfestival Historiale veranstaltete, konnten wir uns vor den Anrufern der Verkäufer der Sonderthemenredaktionen kaum retten, weil die Zeitungsleute dachten, bei uns wäre etwas zu holen. Bei derartigen bezahlten Beilagen geht es darum, vorher zu überlegen, wie viele Sonderseiten es mit welchen Anzeigen werden könnten – und die Themen festzulegen. Werbung also.

Werbung wird auch direkt geschaltet, also gekauft: „In Berlin sind die Motive in großer Zahl aus Großflächen und in Lichtkästen zu sehen und sind eindrucksvoll prägnant und bewegend …“ Wie man einer Stiftung Werbung verkauft, mit welchen Kopfgeburten eine Werbeagentur argumentiert („die Lichtspalte im Dach aufnehmen …“), wird zum Beispiel in der Grafiker-Werbezeitschrift Page besprochen.

Direkte Werbung hat die Stiftung über eine Agentur gebucht und postet das auf Facebook:

Plakatwerbung für „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ gegenüber der Dokumentation, vor dem Anhalter Bahnhof.

16. Wischiwaschi, Kuddelmuddel

Dieses Dokumentationszentrum hätte es besser nicht geben sollen. Es setzt die falschen Signale. Immerhin, es gibt sich nicht revisionistisch, vertritt also nicht, dass Deutschland gern seine ehemaligen Ostgebiete zurück hätte. Das fordern aber auch die Vertriebenenverbände schon lange nicht mehr.

Dieses Dokumentationszentrum, so schreibt der Historiker Hermann Pölking, relativiert im Zentrum Berlins zwischen dem Holocaust-Mahnmal, der Topographie des Terrors, dem Jüdischen Museum und „Hitler – wie konnte es geschehen“ im Berlin Story Bunker die wahren Ursachen von Flucht und Vertreibung. „Die Geschichte des Elends und des Leides der nach 1945 vertriebenen Deutschen müssen versöhnend erzählt werden – wie im Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg, im Westpreußischen in Warendorf, im Pommerschen in Greifswald, in den Darstellungen des Schlesischen Museums zu Görlitz, des Sudetendeutschen Museums in München, des Siebenbürgischen Museums in Schloss Honeck und des Donauschwäbischen Zentralmuseums in Ulm. Dort sind sie der bittere Schlusspunkt erinnerungswürdiger deutscher Geschichte.“

Nach meinem der Besuche von „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ sprach mich beim Verlassen der Ausstellung eine Dame an und fragte, wie es für mich gewesen sei. Ich äußerte mich zunächst zurückhaltend: „Ähhh, also, ich habe ja gesehen, dass Sie mit Leuten reden, die rauskommen. Was hat denn der Mann da vorne vor mir gesagt?“ – „Der ist ursprünglich aus Kroatien und sagte: Wischiwaschi. Kuddelmuddel.“ Übersetzt etwa: Kommt nicht zum Thema, von allem etwas, unstrukturiert. Ich schloss mich dieser treffend formulierten Meinung an. Es stellte sich dann heraus, dass die Dame [D.G.] bereits zwanzig Besucher auf der Straße vor der Dokumentation aus reinem Interesse angesprochen und kein einziger sich positiv geäußert hatte.

„Danke für die schöne Ausstellung. Ich bin die Tochter sudetendeutscher Eltern.“ Das ist die eine Sichtweise.

Die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, meint, das Dokumentationszentrum sei durch die verschiedenen Perspektiven viel mehr als Vergangenheitsbewältigung. Es verweise im Geiste der Versöhnung in die Zukunft eines geeinten Europas. Gundula Bavendamm dagegen übt sich in freier Interpretation: „Der Versöhnungsbegriff ist uns nun mitgegeben. Ich persönlich finde, dass das ein sehr schönes deutsches Wort ist, über das man viel auch reflektieren kann. Was das eigentlich ist, wer sich da mit wem versöhnt, das ist ja deutungsoffen.“

„Der Versöhnungsbegriff ist deutungsoffen!“ Macht sich die Direktorin des Zentrums über ihren Auftrag lustig?

Mehr sprechen über „Ursachen und Folgen der Vertreibung durch deutschen Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus.“ Das ist die andere Sichtweise.

Wie sieht ein Jude, ein Pole, ein Russe oder anderer Bürger der damaligen Sowjetunion diese Ausstellung? Für mich ist das die wichtigste Frage der Betrachtung, weil dies die zentrale, erste Aufgabe der Stiftung sein soll: Versöhnung. Davon ist nichts zu spüren. Es wird Mitleid mit den Vertriebenen erregt, aber nicht Mitleid mit den von den Deutschen Überfallenen. Es bleibt der Eindruck massiven Ungleichgewichts.

Was bleibt haften, was nehmen die Besucher mit? Einige Zeit nach dem Besuch einer Ausstellung bleiben weniger die einzelnen Fakten in Erinnerung, eher verdichten sich die Eindrücke zu einem Gefühl. Darüber unterhalten sich auch die Besucher. „Ja, die Deutschen waren schlimm. Aber die anderen auch“, ist zu hören. Damit hat die Dokumentation ihr Ziel erreicht. „Es geht um das Leid und die Opfer der Deutschen.“

Ich kritisiere mit diesem in kurzer Zeit geschriebenem Beitrag das von zahlreichen Historikern in vielen Jahren geschaffene Werk. Es ist möglich, dass Details nicht stimmen oder ich etwas übersehen habe. Es ist sogar sehr wahrscheinlich. Doch die Reihe der Beispiele, warum die Darstellung in „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ falsch und kontraproduktiv ist, ließe sich fortsetzen, und so komme ich unverrückbar zu dem Ergebnis: Dieses Zentrum ist kein einziger Schritt in Richtung Versöhnung, weil die Ursachen für Flucht und Vertreibung systematisch kleingeredet, verdreht oder verschwiegen werden. „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ ist ein Rückschritt – aufgrund seiner extrem einseitigen historischen Darstellung und aufgrund seiner reaktionären politischen Haltung.

Wieland Giebel, Kurator des Berlin Story Bunkers, 11. Juli 2021

Nachtrag 13. Juli 2021, aus : Die Deutschen, Hosfeld/Pölking, München 2006. Deutschstämmige Flüchtlinge aus Ostgebieten 1954 bis 1947