1968 Museum im Berlin Story Bunker fertig – Deutschland heute


Der Fall der Berliner Mauer, der schönste Höhepunkt deutscher Geschichte. Mit den Kerzen aus der Gethsemane-Kirche, einem Soldaten des Wachregiments Feliks Dzierżyński, zerfledderten DDR-Fahnen und, leider hier nicht im Bild, Angela Merkel als Pressesprecherin des Demokratischen Aufbruchs mit einem Knochen von Handy am Ohr.

Wenn die Besucher aus der Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ im Berlin Story Bunker kommen, sind sie blass. Die letzte Szene zeigt, wie Magda Goebbels ihre sechs Kinder umbringt und sie dann in weißen Nachthemden nebeneinander zur Identifikation auf dem Boden liegen. Den Besuchern sollte mitgegeben werden, wohin Nazi-Fanatismus führt. Wir können da kein Happy End bieten.

Besser wäre aber mit Happy End. Auch die Fragen von Besuchern aus Aleppo oder jetzt bereits aus der Ukraine könnten so beantwortet werden, wie aus dem Nazi-Trümmerhaufen eine so coole Stadt, ein so wohlhabendes Land geworden ist.

Das ist ein zentraler Punkt bei der Planung des „1968 Museums, Deutschland heute, von der bedingungslosen Kapitulation bis Corona“: Durch unzählige, tatsächlich Tausende Gespräche mit Besuchern sind uns deren Fragestellungen bewusst. 2019 waren es 350.000 Besucher, die zu siebzig Prozent aus anderen Ländern kamen und zu siebzig Prozent zwischen 25 und 35 Jahren alt waren. Es ist also FAQ-Museum, frequently asked questions, wie wir es von Internetseiten kennen, immer wieder gestellte Fragen. Einzugsbereich des Museums ist EasyJet und Ryanair.

Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, das bedeutet Trümmerlandschaft, Wirtschaftswunder, Mauerbau und Mauerfall, „Wie schaffen das“ – der Wendepunkt ist aber 1968. Im ersten Teil geht es darum, dass die jungen Menschen damals zur Generation der Täter keinerlei Vertrauen aufbauen konnten. Diese Alten waren ohne jegliche moralische Autorität. Die jungen Leute waren auf der Suche nach einer anderen Orientierung. Im grenzenlosen Vertrauen auf die eigene Kraft die Welt verändern, dieser Ehrgeiz leitete die Jugend damals weltweit. Es war eine Generation mit dem unbändigen Willen, Gutes in die Welt zu bringen und die Zukunft zu gestalten – für die Freiheit der Unterdrückten, für gesellschaftliche Teilhabe, Selbstverwirklichung und mehr Demokratie. 1968 war die erste globale Rebellion. Das Jahr markiert einen Bruch: weltweit veränderten sich Kultur, Politik und Wirtschaft grundlegend. Zentraler Bereich sind dann die 1970er Jahre, der Umbau der Gesellschaft mit Willy Brandt als Symbolfigur und „Mehr Demokratie wagen“. Bürgerinitiativen entstehen, ein ganz neue, alternative Medienlandschaft, die Umweltbewegung, die Anti-Atom-Bewegung, Kinderläden, Wohngemeinschaften, der Kampf in Betrieben und im Militär – schließlich die Gründung der Grünen. Zentrale Aussage ist, dass seit dieser Zeit Frauen in der Gesellschaft wirksam werden, dass sie heute präsent sind, wie es niemals vorher war. Das Museum endet heute, mit Corona, mit dem verbrecherischen Überfall auf die Ukraine. Dazu gibt es in mehreren Bereichen intensiv die Vorgeschichte.

Exponate stehen nicht im Mittelpunkt, eher Geschichtsvermittlung, aber es gibt dennoch viele. Die Fallschirme wurde für dieses Museum von Gail Halvorsen hergestellt. Darüber hängt ein echtes Landeblech der Luftbrücke, in der Vitrine befindet sich ein Care-Paket. Zwischen den Besuchern sieht man den Stahlbeton des Bunkers. Bunker, Berlin, Deutschland, die Welt, der Vietnam-Krieg – darum geht es

Besucher schätzen, dass wir Haltung zeigen, einen klaren Standpunkt einnehmen, nicht herum labern und uns nicht hinter Wissenschaft verschanzen. Wir haben etwas zu sagen, stehen dafür und zeigen das auch auf den Tafeln oder sagen es auf dem Audioguide – in acht Sprachen. Die Dokumentation positioniert sich gegen Nationalismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, das Museum zeigt Menschlichkeit und die Chancen von „Wir schaffen das“. Gleichzeitig durchziehen die Bereiche ein Höchstmaß an Transparenz. Zu 1968 gibt es einen Tafeln mit den Stimmen der anderen, die das Gegenteil vertreten. Gegen Ende stellen wir die Frage: Ist das Museum objektiv? Keinesfalls, lautet die Antwort. Geschichtsdarstellung kann nie objektiv sein. Wenn einer meiner guten, leider stockkonservativen Historiker-Freunde das gemacht hätte, wäre etwas ganz anderes dabei herausgekommen.

Wir haben ein Problem: Es ist ziemlich viel. Die durchschnittliche Besuchszeit der Hitler-Dokumentation beträgt drei Stunden, bei Älteren kürzer, bei Jüngeren deutlich länger, vier Stunden sind keine Ausnahme. Die Zahlen haben wir uns nicht ausgedacht: Google misst, wie lange die Smartphones im Bunker bleiben. Jetzt kommt noch die Geschichte Deutschlands bis heute dazu. Mal sehen, wie das wird. Das Museum of American History in Washington kommt auf sechs Stunden im Durchschnitt.

Berlin Story Bunker, Schöneberger Straße 23 A, 10963 Berlin am Anhalter Bahnhof

Öffnungszeiten täglich, 365 Tage von 10 bis 19 Uhr, letzter Einlass 17.30 Uhr. Eintritt 12 Euro