Die Lehren der Schlacht um Kyiv

„Jede Armee braucht Menschen vor Ort, die wissen, was zu tun ist. Ein Staat, der seine Bürger nicht in die Verteidigung einbindet, hat schon verloren, bevor der erste Panzer rollt.“

Als die russische Invasion am 24. Februar 2022 begann, flohen Millionen Menschen aus Kiew nach Westen. Doch während der Strom der Zivilisten die Straßen verstopfte, gab es eine Handvoll Männer, die sich in die entgegengesetzte Richtung bewegten – dorthin, wo die Explosionen am Horizont den Beginn einer neuen Zeitrechnung markierten. Einer von ihnen war Colonel Volodymyr Polevyi, heute Head of Public Affairs of the 7th Rapid Response Corps der ukrainischen Streitkräfte.

Volodymyr begegnete dem Krieg nicht in einer perfekt sitzenden Uniform, sondern in Jeans und einer leichten Freizeitjacke. Was er in den darauffolgenden Tagen und Wochen erlebte – von der verzweifelten Verteidigung des Flughafens Hostomel über das Grauen in den Straßen von Butscha bis hin zu taktischen Meisterleistungen in den Schützengräben von Irpin –, ist mehr als nur eine Soldatengeschichte. Es ist ein Lehrstück über das Überleben, über das Versagen von Geheimdiensten und über die unschätzbare Kraft ziviler Resilienz.

Ich habe dieses Interview am 24. Febrauar 2026 im Berlin Story Bunker mit Volodymyr geführt, weil ich eine wachsende Kluft sehe: In den klimatisierten Büros der europäischen Administrationen und in den Kasernen der Bundeswehr wird über Verteidigung debattiert, oft ohne eine blasse Vorstellung von der physischen und psychischen Realität eines hybriden Vernichtungskrieges zu haben. Wie bereitet man sich auf einen Feind vor, der seit Jahren als „Nachbar“ getarnt in der eigenen Straße lebt? Was tut man, wenn die Funkgeräte schweigen und die Temperaturen auf minus 12 Grad fallen, während die ersten Halluzinationen einsetzen?

Colonel Volodymyr liefert keine glattpolierten Antworten. Seine Schilderungen sind roh, ehrlich und manchmal schmerzhaft. Sie zeigen uns, dass die Freiheit der Ukraine – und damit auch die Sicherheit Europas – in jenen ersten Stunden nicht nur durch High-Tech-Waffen gerettet wurde, sondern durch Männer, die im Chaos einen kühlen Kopf bewahrten und ein Entwässerungsrohr in ein „Wunder“ verwandelten.

Volodymyr: Alles begann am ersten Tag der Invasion. Ich musste zu unserem Sammelpunkt im Gebiet Irpin. Bevor ich loszog, kaufte ich noch Lebensmittel und packte meinen Rucksack. Meiner Frau und meinen drei Kindern ließ ich die Schlüssel für das Auto und die Wohnung da, damit sie im Notfall fliehen konnten.

Dann ging ich los – genau in die entgegengesetzte Richtung des riesigen Menschenstroms, der aus Kiew nach Westen floh. Es war ein seltsames Gefühl: Eine riesige Masse an Zivilisten floh, während nur vereinzelt Militärfahrzeuge und Soldaten Richtung Front fuhren, dorthin, wo man die Explosionen bereits hörte und die große Schlacht bevorstand. Wir begegneten dem Krieg in Jeans und Ziviljacken. Wir warteten händeringend auf unsere Gewehre, da die Versorgung aus den zentralen Depots noch nicht bei unserer Brigade angekommen war. Am ersten Tag waren wir faktisch unbewaffnet.

Wieland: Unbewaffnet? Nicht einmal ein Gewehr? Wo waren die Waffen?

Volodymyr: Sie lagen noch in den Kasernen oder Depots. Wir organisierten die Sicherung unseres Perimeters am Sammelpunkt mit dem, was wir hatten: Einige Freiwillige hatten ihre privaten Jagdwaffen mitgebracht. Auf ein ganzes Bataillon kamen so gerade einmal zehn Gewehre. In der Ukraine ist es verboten, Militärwaffen zu Hause zu lagern. Erst später verlegten wir zu einem anderen Punkt, um unsere offiziellen Dienstwaffen, Magazine und Munition zu empfangen.

Die Verteidigung von Kiew: Das „Wunder“ im Entwässerungsrohr

Volodymyr: Wir begannen, Schützengräben im Nordwesten von Kiew auszuheben, nahe Pushcha-Vodytsya. Es war die Ringstraße um Kiew. An der Front herrscht anfangs immer Chaos, aber ich konnte meine Management-Erfahrung einbringen.

Ich entdeckte ein riesiges Entwässerungsrohr unter der Hauptstraße. Es war eine vierspurige Betonstraße auf offenem Gelände. Wenn man dort Fahrzeuge positioniert, kontrolliert man drei Kilometer der Straße, ist aber selbst extrem exponiert. Ich ließ dieses Rohr von Müll und Wasser befreien und schuf so einen geschützten Evakuierungsweg für unsere Truppen. Für die Männer war das wie ein Wunder – es gab ihnen die Hoffnung, überleben zu können. Aufgrund dieser Initiative wurde ich zum Kommandeur eines Aufklärungszuges befördert.

Taktische Improvisation – Das „Wunder“ von Kiew

Hier zeigt sich der Kontrast zwischen mangelnder Ausrüstung und menschlicher Kreativität.

Das Entwässerungsrohr als Lebensversicherung

In den ersten Tagen war die ukrainische Verteidigung oft ein Wettlauf gegen die eigene Unterlegenheit. Volodymyr beschreibt, wie er eine vierspurige Ringstraße im Nordwesten Kiews verteidigen sollte – eine Todesfalle auf offenem Feld.

  • Die Entdeckung: Ein riesiges Beton-Abflussrohr unter der Fahrbahn.

  • Die Tat: Trotz des Kampfchaos ließ Volodymyr das Rohr von Schlamm und Unrat befreien.

  • Das Ergebnis: Er schuf einen geheimen Versorgungs- und Evakuierungsweg. Für die Soldaten, die sich schutzlos dem russischen Feuer ausgesetzt sahen, war dieses Rohr ein psychologischer Wendepunkt: Es gab ihnen die Hoffnung, dass Rückzug und Versorgung physisch möglich waren. Diese „Management-Leistung“ im Dreck sicherte ihm die Beförderung zum Aufklärungs-Kommandeur.

Irpin und die Schatten von Butscha

Volodymyr: Anfang März erhielt ich den Auftrag, die Brückenkopf-Position an einer Behelfsbrücke über den Fluss Irpin zu halten. Wir hatten alle festen Brücken gesprengt, um den russischen Vormarsch zu stoppen, aber in den Städten Irpin und Butscha befanden sich noch unsere Truppen. Wir mussten die Logistikwege zu ihnen sichern. Am 6. März begann diese Mission direkt in der Stadt Irpin, wo heftige Kämpfe tobten. Wir hielten dort die Stellung bis zum Ende der russischen Operation Ende März.

Wieland: Wann seid ihr nach Butscha hineingegangen?

Volodymyr: Am 29. März. Mein Auftrag war es, Aufklärung in Butscha zu betreiben, da wir nicht wussten, ob der Feind noch da war oder nicht. Ich betrat mit meinen Jungs die Jablunska-Straße. Wir versteckten uns hinter Betonkonstruktionen und lagen dort stundenlang, um die Straße zu beobachten.

Wir ahnten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie grausam die Situation dort wirklich war. Wir sahen Tote – Feinde, Zivilisten, eigene Verluste. Aber das ganze Ausmaß dieser Verbrechen erfuhren wir erst drei Tage später über die sozialen Medien. Ich sagte zu meinen Männern: „Jungs, das ist genau die Straße, in der wir waren.“ Die Berichte wurden erst Anfang April veröffentlicht, als die offizielle Untersuchung begann.

Das Rätsel von Hostomel: Warum war der Flughafen nicht besser geschützt?

Wieland: Eine zentrale Frage für mich ist Hostomel. Es gibt diese Szene, in der ein CNN-Journalist auf Männer zukommt und fragt: „Sind hier Russen?“, und erst im Gespräch merkt, dass er den Feind vor sich hat. Warum war dort keine reguläre Armee? Haben wirklich nur Techniker und Freiwillige der Territorialverteidigung den Flughafen verteidigt? Und wer schoss die ersten Hubschrauber ab?

Einer der ikonischsten und gefährlichsten Momente der frühen Invasionsstunden wurde live vom CNN-Journalisten Matthew Chance eingefangen. Am Nachmittag des 24. Februar 2022 war er mit seinem Team mitten im Flughafengelände von Hostomel, nur etwa 25 Kilometer vom Kiewer Stadtzentrum entfernt.

In der Annahme, die schwer bewaffneten Soldaten vor ihm seien Ukrainer, die den Flughafen verteidigten, suchte Chance das Gespräch. Erst im direkten Dialog mit dem Kommandanten der Truppe – einem russischen Fallschirmjäger (VDV) mit dem charakteristischen orange-schwarzen St.-Georgs-Band am Arm – wurde die schockierende Realität klar: Die Russen hatten den strategisch wichtigen Flughafen bereits besetzt.

Der Dialog, der um die Welt ging:

    • Chance: „Wer hat hier die Kontrolle?“
    • Kommandant: „Die Russen haben die Kontrolle.“
    • Chance (überrascht): „Sie sind Russen? Sicher?“
    • Kommandant: „Ja.“

Dieser Moment bestätigte den militärischen Experten weltweit, dass die Luftlandung im Herzen der Ukraine geglückt war. Es unterstreicht Volodymyrs Schilderung der völligen Ungewissheit: Während die Welt via CNN zusah, wie russische Eliteeinheiten am Kiewer Stadtrand Stellung bezogen, kämpften Freiwillige wie Volodymyr noch darum, überhaupt ihre ersten Dienstwaffen zu erhalten.

Volodymyr: Auf dem Flughafen Hostomel war eine Einheit der Nationalgarde stationiert. Die Nationalgarde ist eine permanente militärische Einheit, keine Freiwilligentruppe. Laut neueren Erkenntnissen wusste der Geheimdienst, dass die Russen dort landen wollten. Sie schickten Spezialeinheiten und MANPADS-Teams (Schultergestützte Flugabwehr) dorthin.

Wieland: Hatten sie Stingers?

Volodymyr: Sie hatten „Igla“-Systeme aus sowjetischen Beständen. Damit wurden die ersten beiden Hubschrauber abgeschossen. Die Nationalgarde hatte auch ZU-23-Flugabwehrkanonen, aber die sind gegen moderne Kampfhubschrauber nicht sehr effektiv. Die Russen kamen aus Richtung Tschernobyl/Belarus über das „Kiewer Meer“ geflogen. Sie flogen extrem tief, vielleicht 10 Meter über dem Wasserspiegel. Unsere Radar-Abwehr funktioniert erst ab einer Höhe von 30 Metern. So konnten sie die Luftabwehr unterfliegen. Nur die Männer mit den tragbaren Iglas konnten sie treffen.

Wieland: Warum hat die Führung unter Saluschnyj keine stärkeren Truppen dorthin geschickt, wenn man es wusste?

Volodymyr: Weil es aus damaliger Sicht nicht als die Hauptbedrohung galt. In unseren Vorkriegs-Planspielen der Territorialverteidigung hieß es, dass russische Bodentruppen von Belarus aus erst am 35. Tag der Invasion Hostomel erreichen würden. Wir wurden von der Geschwindigkeit und der Luftlandung überrascht. Der CIA hatte zwar gewarnt, aber diese Informationen sickerten nicht bis zu uns nach unten durch.

Der Spion in der Nachbarschaft

Volodymyr: Es gab eine unglaubliche Geschichte in Irpin. Wir hatten ein russisches gepanzertes Fahrzeug ausgeschaltet. Der Fahrer überlebte und wollte sich mit einer Granate in die Luft sprengen, als wir ihn gefangen nehmen wollten. Wir mussten ihn erschießen.

Als wir seine Dokumente prüften, stellten wir fest: Er war seit drei Jahren Einwohner von Irpin! Er war ein russischer Schläfer, der als Fahrer getarnt drei Jahre lang in unserer Gesellschaft gelebt hatte, nur um am Tag X seine Uniform anzuziehen und den Panzer zu übernehmen. Das war eine groß angelegte hybride Aggression.

Er war seit drei Jahren mein Nachbar“

Einer der erschütterndsten Momente des Interviews ist Volodymyrs Bericht über einen ausgeschalteten russischen Panzerfahrer in Irpin. Nach dem Gefecht stellte sich heraus: Der Mann war kein Soldat, der gerade erst die Grenze überschritten hatte. Er lebte seit drei Jahren als offizieller Einwohner in Irpin, getarnt als einfacher Zivilist.

  • Die Masche: Langfristige Infiltration der Gesellschaft („Embedded Spies“).

  • Der Tag X: Am Tag der Invasion legte er die Tarnung ab, schlüpfte in eine russische Uniform und übernahm ein bereitgestelltes gepanzertes Fahrzeug.

  • Die Lehre: Volodymyr warnt eindringlich davor, dass die russische Netzwerkarbeit (Hybrid Aggression) weit vor dem ersten Schuss beginnt – auch in Ländern wie Deutschland.

 

Eine Lehre für Europa

Wieland: Ich versuche, deutschen Politikern zu erklären, wie man sich auf solche Situationen vorbereiten muss. Viele haben keine Vorstellung davon. Wenn ich Bundeswehrsoldaten frage: „Warum seid ihr hier in der Kaserne und nicht dort, um zu lernen?“, verstehen sie es oft nicht. Waren die Verteidiger von Hostomel die Helden, die die Ukraine gerettet haben?

Volodymyr: Teilweise ja, aber sie waren nicht allein. Es war das Zusammenspiel. Die Territorialverteidigung war extrem wichtig, weil sie die vielen russischen Sabotagegruppen in Kiew blockiert hat. Es gab zwar anfangs kaum Kommunikation zwischen Armee, Freiwilligen und Nationalgarde, aber der Geheimdienst hat uns geholfen, das zu koordinieren.

Wissen Sie, am 24. Februar hatten wir Plusgrade. Wir trugen leichte Schuhe und dünne Jacken. In der Nacht zum 26. Februar fiel die Temperatur auf minus 12 Grad. Wir hatten keine Schlafsäcke. Wir durften kein Feuer machen, aus Angst vor Drohnen. Nach drei Tagen ohne Schlaf fängst du an zu halluzinieren. Du denkst, die Bäume bewegen sich oder Gebäude wachsen plötzlich vor dir aus dem Boden.

Mein Rat für den Westen: Organisiert Trainings mit Einheimischen, der Polizei, der Verwaltung und dem Geheimdienst gemeinsam. In Kiew hatten wir vorab Schießtrainings auf Truppenübungsplätzen. Wenn man so etwas anbietet, sieht man sofort, wer die ersten hundert Freiwilligen sind. Diese hundert Leute sind der Kern eines Bataillons. Man braucht diese Reserven, denn jede Armee braucht Menschen vor Ort, die wissen, was zu tun ist.

Das Ende der Naivität

Das Gespräch mit Colonel Volodymyr hinterlässt eine beklemmende Erkenntnis: Die Sicherheit Europas hängt nicht allein an diplomatischen Verträgen oder theoretischen Verteidigungsplänen in klimatisierten Büros. Sie hängt im Ernstfall an Menschen, die bereit sind, in Jeans und mit Jagdgewehren bewaffnet in die entgegengesetzte Richtung des Flüchtlingsstroms zu laufen.

Volodymyrs Bericht räumt mit drei gefährlichen Illusionen auf, die in westlichen Hauptstädten noch immer weit verbreitet sind:

  1. Die Illusion der Vorwarnzeit: Während unsere Strategen von 30-Tage-Fristen träumten, standen die russischen Fallschirmjäger in Hostomel bereits im Garten. Krieg hält sich nicht an Zeitpläne.

  2. Die Illusion der „Front“: Der Feind ist nicht immer ein Soldat auf der anderen Seite des Flusses. Manchmal ist es der Nachbar, der seit drei Jahren unauffällig im Viertel lebt und darauf wartet, seine Uniform aus dem Schrank zu holen. Hybride Aggression beginnt lange vor dem ersten Schuss.

  3. Die Illusion der Technik: High-Tech-Waffen sind wertlos, wenn die Soldaten vor Kälte halluzinieren und keine funktionierende Kommunikation zwischen den verschiedenen Einheiten besteht.

Volodymyr hat mir eine Lektion erteilt, die ich unseren Politikern und Militärs in Deutschland unermüdlich wiederholen werde: Vorbereitung beginnt im Lokalen. Es braucht keine abstrakten Konzepte, sondern konkrete Trainings – eine Verzahnung von Zivilverwaltung, Polizei und Bürgern. Ein Staat, der seine Bürger nicht in die Verteidigung einbindet, hat schon verloren, bevor der erste Panzer rollt.

Wenn ich Bundeswehrsoldaten in ihren sicheren Kasernen frage, warum sie nicht vor Ort in der Ukraine lernen, dann meine ich genau das: Man kann den Überlebenskampf nicht simulieren. Man muss ihn verstehen. Die Männer von Hostomel, Irpin und Butscha waren nicht deshalb erfolgreich, weil sie den perfekten Plan hatten, sondern weil sie bereit waren, zu improvisieren, als der Plan scheiterte.

Wir müssen aufhören zu glauben, dass uns der Frieden „zusteht“. Frieden muss man verteidigen können – und zwar bevor die erste Drohne am Himmel erscheint. Volodymyr und seine Männer haben Kyiv gerettet, weil sie nicht auf Befehle gewartet, sondern gehandelt haben.

Es ist Zeit, dass wir in Europa anfangen, genauso entschlossen zu handeln. Die Zeit der Naivität muss enden – bevor die Geschichte uns dazu zwingt.