Interview mit Ihor Olehowytsch, dem Leiter einer Grenzkontrolleinheit am Flughafen Hostomel. Ich spreche mit ihm am 29. April 2026. Sein Bericht rekonstruiert den alltäglichen Dienst vor der Invasion, die dramatischen Stunden des russischen Hubschrauberangriffs, den verzweifelten ukrainischen Gegenschlag aus der Luft sowie die anschließende mörderische Zeit in russischer Kriegsgefangenschaft.
Als der Himmel über Hostomel brannte, stand Grenzschützer Ihor Olehowytsch im Zentrum des Infernos. Vom russischen Hubschrauberangriff und dem rettenden Gegenschlag ukrainischer Jets bis zur mörderischen Folterhölle in russischer Kriegsgefangenschaft.
Teil 1: Der Frachtflughafen und die Ruhe vor dem Sturm
Der Flughafen Hostomel operierte bis zum Tag der Invasion primär als reiner Frachtflughafen ohne regulären Passagierverkehr. Hier wurden vor allem die schweren Transportmaschinen der Fluggesellschaft Antonow abgefertigt, darunter die legendäre An-225 „Mrija“ sowie Maschinen des Typs „Ruslan“. Regelmäßig landeten auch Flugzeuge aus afrikanischen, asiatischen oder auch europäischen Staaten zur planmäßigen, technischen Wartung in den großen Hangars.
Mit durchschnittlich zwei bis fünf Flügen pro Tag – an manchen Tagen gab es auch gar keine Bewegungen – war der Dienst für die Grenzer überschaubar und ruhig. Dennoch forderte die genaue Überprüfung von Frachten aus Ländern wie Afghanistan oder verschiedenen afrikanischen Staaten stets eine extrem hohe Wachsamkeit und detaillierte Kontrollen.
Obwohl die Medien am 16. Februar über eine bevorstehende russische Invasion berichteten und diese Meldungen kurz darauf wieder dementierten, befanden sich die Grenzer in permanenter Alarmbereitschaft. Zu ihren Kernaufgaben gehörte im Ernstfall das strategische Sperren und Blockieren der Landebahn an mehreren Abschnitten, um feindliche Landungen zu verhindern. Hierzu stand die Einheit in engem Austausch mit der Nationalgarde. Der allerletzte reguläre Flug vor dem Ausbruch des Krieges fand am Vortag, dem 23. Februar, um 12:30 Uhr statt – es war eine Frachtmaschine nach Malaysia.
Die Bewaffnung der Grenzkontrolleinheit war rein defensiv: Sie verfügten ausschließlich über Pistolen und Maschinenpistolen, um Dokumentenfälschungen aufzudecken oder Personen mit gefälschten Legenden aufzuhalten. Schwere Waffen oder ein expliziter Kampfauftrag zur Vernichtung des Gegners oblagen laut den Dienstplänen der Nationalgarde. Auch die Spezialeinheiten des Militärgeheimdienstes (GUR) hatten vor Ort keine primären Vernichtungsaufträge auf dem Papier.
Teil 2: Die fünfstündige Odyssee am Morgen des 24. Februar
Am Morgen des 24. Februar befand sich Ihor Radkovskyi in Boryspil und musste sich unter extremen Bedingungen zu seinem Posten nach Hostomel durchschlagen. Gegen 5:30 Uhr morgens – unmittelbar nach den ersten Explosionen – war der reguläre Zugverkehr und jeglicher Transport am Flughafen Boryspil komplett zusammengebrochen, da die Menschen panisch die Terminals verließen.
Er schaffte es per Anhalter zu einer U-Bahn-Station, fuhr zum Hauptbahnhof und organisierte dort zusammen mit einem Kollegen einen Bus. Die Straßen waren durch unzählige Fahrzeuge vollkommen blockiert. Über Schleichwege und Nebenstraßen durch den Norden von Kyjiw dauerte die eigentlich zweistündige Fahrt für die 70 Kilometer lange Strecke quälende fünf Stunden. Als er um 10:00 Uhr morgens endlich in Hostomel eintraf, hatte er die dringliche gemeinsame Lagebesprechung aller Dienste bereits verpasst.
Teil 3: Der Himmel über der Landebahn brennt
Gegen 10:30 Uhr erhielten die Verteidiger die Nachricht über unmittelbar bevorstehende feindliche Luftangriffe auf die Startbahn. Da die Grenzer über keine eigenen militärischen Funkgeräte verfügten, lief die gesamte Kommunikation mit der Nationalgarde improvisiert über die Telefone der jeweiligen Bereitschaftsdienste. Kurz nachdem ein einzelnes ukrainisches Flugzeug nach Norden abgebogen war, tauchte gegen 11:00 Uhr die russische Helikopterflotte über der Landebahn auf.
„Ich drehte den Kopf, schaute auf den Hubschrauber, und ich verstand sofort, dass das nicht unsere Hubschrauber sind.“
Zuerst flogen feindliche Ka-52-Aufklärungshubschrauber mit roten Sternen über das Gelände, dicht gefolgt von Kampfhubschraubern, die unter dem Schutz von zwei russischen Jagdflugzeugen einen massiven Luftschlag entfesselten. Ihor befand sich zu diesem Zeitpunkt direkt an der Landebahn im Bereich des Kontrollpunkts (KP) Nr. 2. Die Soldaten vor Ort wurden sofort in volle Gefechtsbereitschaft versetzt und eröffneten mit ihren Handfeuerwaffen das Feuer auf die einfliegenden Luftziele.
Zusammen mit Kämpfern der Nationalgarde sprang Ihor in einen gepanzerten KAMAZ-Lkw. Als die Hubschrauber direkt über sie hinwegflogen und das Feuer kurzzeitig nachließ, gingen sie am KP Nr. 2 in Deckung. Da seine eigene Einheit zu weit entfernt war, gab er seinen Männern den Befehl, sich gemäß dem festgelegten Notfall-Algorithmus in die Bunker zurückzuziehen. Nach dem ersten heftigen Ansturm bestiegen sie erneut die Fahrzeuge der Nationalgarde und verlegten die Kolonne über den KP Nr. 1 in den Fuhrpark und schließlich in den Bereich der Kantine hinter dem Kesselhaus. Während die Nationalgardisten geordnet zurückwichen, geriet Ihor unter dichten, unaufhörlichen Beschuss, während er versuchte, seine verstreuten Leute zu sammeln.
Teil 4: Der entscheidende Gegenschlag der ukrainischen Jets
Inmitten des tobenden Kampfes am Flughafen unternahm die ukrainische Luftwaffe einen strategisch entscheidenden Gegenangriff. Während russische Soldaten bereits auf dem Gelände versuchten, die blockierenden Fahrzeuge und die beschädigte Technik von der Landebahn wegzuziehen, um schwere eigene Transportmaschinen zu landen, tauchten zwei ukrainische Jagdflugzeuge auf.
Laut Geheimdienstberichten befand sich zu diesem Zeitpunkt eine Flotte von etwa 18 russischen Il-76-Transportmaschinen mit schwerer Militärtechnik in der Luft, um Kyjiw direkt aus dem Stand zu überrennen. Die ukrainischen Jets flogen den Flughafen im Tiefflug an und warfen gezielt Bomben auf die Piste.
„Sie hatten genau die Aufgabe, das Flugzeug bei der Landung zu zerbomben, sie zielten nicht auf die Russen, sondern genau darauf, das Flugzeug [die Landebahn] zu zerbomben.“
Dieser präzise Luftschlag fand am Nachmittag zwischen 14:00 und 15:00 Uhr statt. Die Explosionen zerstörten die Landebahn nachhaltig und machten eine Landung der russischen Verstärkung unmöglich. Ihor betonte, dass dies
Diese riskante Aktion sowohl Kyjiw als auch die gesamte Ukraine vor dem schnellen Fall rettete. Er beobachtete die Bombardierung der Landebahn und die verzweifelten Versuche der Russen, die Bahn freizuräumen, unmittelbar bevor er und seine Männer umstellt wurden.
Teil 5: In den Fängen des FSB – Das Grauen im Hostomel-Bunker
Im Zuge der schweren Gefechte wurden schließlich zehn ukrainische Grenzer und eine Gruppe von Wehrpflichtigen der Nationalgarde umstellt und gefangen genommen. Sie wurden gefesselt, in Handschellen gelegt, brutal auf die Erde geworfen und unter permanenten Todesdrohungen einem massiven psychologischen Druck ausgesetzt.
Nachrückende russische Truppen, darunter Spezialeinheiten des FSB, brachten die Gefangenen in einen Luftschutzbunker auf dem Flughafengelände. Die Bedingungen in dem fensterlosen, etwa 5 mal 5 Meter großen Raum waren katastrophal: Zeitweise drängten sich dort 22 Personen, darunter die zehn Grenzer und zwölf Nationalgardisten. Später brachten die Russen noch schwer verwundete ukrainische Polizisten und Soldaten im Alter von 19 und 20 Jahren hinein, die bei Iwankiw aufgegriffen worden waren. Es gab weder Strom noch fließendes Wasser; die Männer mussten Streichhölzer anzünden, um im dunklen Raum überhaupt etwas zu sehen.
Während der brutalen Verhöre durch den FSB wurde gedroht, dass die nächsten Schritte noch weitaus grausamer ausfallen würden, um Informationen über ukrainische Verteidigungsstrukturen zu erpressen. Auf den Gängen kam es wiederholt zu gefährlichen Situationen, in denen aufgepeitschte russische Soldaten eigenmächtig die Initiative ergreifen und die gefangenen Offiziere an Ort und Stelle erschießen wollten. Zudem durchsuchten die Besatzer die Dienstwohnungen der Grenzer und konfrontierten sie mit privaten Fotos und alten Uniformen.
Anfang März wurden die Gefangenen zu einer besonders makabren Arbeit gezwungen. In einem Hangar direkt neben der zerbombten Landebahn stapelte sich eine enorme Menge an Leichen russischer Soldaten. Als die Wärter die verwundeten Gefangenen zwingen wollten, die Toten zu verladen, ging Ihor dazwischen:
„Man sagte auch, dass man den verwundeten Georgiern [und Soldaten] helfen müsse, wir weigerten uns, sie fingen an uns dort zu treten, ich meldete mich freiwillig, sagte, rührt die Menschen nicht an, sondern wir gehen.“
Unter Schlägen und Tritten mussten sie eine regelrechte „Berg von russischen Leichen“ per Hand auf zwei bis vier schwere Ural-Lastwagen und zwei KAMAZ-Lkw verladen.
Am 5. März tauchte plötzlich ein russisches Fernsehteam im Bunker auf, um eine Propagandareportage über die Gefangenen zu drehen. Da die Männer seit dem 24. Februar keinerlei Kontakt zur Außenwelt hatten, war dies für ihre Familien und Kollegen das allererste Lebenszeichen. Über die russischen Nachrichten erfuhren die Angehörigen in der Heimat, dass die Grenzer noch am Leben waren.
Teil 6: Die Deportation und die Hölle von Kursk (SIZO Nr. 2)
Am 7. März 2022 begann die Deportation. Die zehn Grenzer wurden in einem Gefangenen-Lkw durch die radioaktiv kontaminierte Chornobyl-Zone auf das Territorium von Belarus transportiert und vom Flughafen Gomel direkt nach Russland ausgeflogen. Ihre Endstation war das berüchtigte Untersuchungsgefängnis SIZO Nr. 2 in Kursk.
Bereits die Ankunft, die sogenannte „Priomka“ (Aufnahme), war von unvorstellbarer Brutalität geprägt. Beim Verlassen des Gefangenenwagens (Avtozak) stand eine lückenlose Reihe von Wärtern des Föderalen Strafvollzugsdienstes (FSIN) bereit.
„Ich erinnere mich an so eine Phrase, ich stieg gerade aus, sie sagen: ‚Na was, wir haben euch 43 nicht fertiggemacht, jetzt werden wir euch fertigmachen‘, und ich habe mir diese Phrase einfach gemerkt, und danach, nun, Minuten 10 traten sie mich.“
Nach dieser zehnminütigen Prügelorgie versuchten die Wärter, Ihor gewaltsam eine Gefängnisuniform überzuziehen, die viel zu klein war. Er schaffte es kaum, einen Arm in den Ärmel zu zwängen. Man gab ihm viel zu kleine Stiefel, in die er nur die Zehen stecken konnte. In diesem Zustand musste er unter ständigen Schlägen und Tritten der Wärter durch die Korridore des Gefängnisses zu den Verhören humpeln. Bei den täglichen Verhören folterten russische Spezialeinheiten seine Kameraden brutal vor seinen Augen und drohten, sie komplett „zusammenzukneten“, wenn keine Informationen flössen.
Die Verhöre waren tief von ideologischem Hass geprägt. Die Gefangenen wurden mit absurden Fragen wie „Wer ist Stepan Bandera?“ drangsaliert. Sie wurden psychologisch unter Druck gesetzt, vor laufenden Kameras einen Appell an den ukrainischen Präsidenten zu richten, um die Waffen niederzulegen. Da Ihor und seine Männer angaben, aus der westlichen Region Khmelnytskyj zu stammen, wurden sie von den russischen Verhörbeamten sofort pauschal als „Banderiten“ abgestempelt.
Teil 7: Der nächtliche Abtransport und der Austausch auf der Brücke
Der erlösende Gefangenenaustausch kam völlig unerwartet. In einer Nacht wurde Ihor heimlich aus dem SIZO in Kursk herausgeführt und in ein Flugzeug gesperrt. Die Maschine stoppte auf dem Weg mehrfach, unter anderem in Rostow. Dort spielte sich am Rollfeld erneut brutale Gewalt ab: Ein Lkw der russischen FSIN-Gefängnisbehörde fuhr heran, die Wärter traten die neu herangebrachten Gefangenen wie Vieh und trieben sie unter heftigen Schlägen in die Maschine. Als man Ihor herbeiführte, rissen durch die Wucht der Misshandlungen seine Plastik-Kabelbinder an den Händen, und er flog förmlich in den Laderaum.
Das Flugzeug landete schließlich auf der besetzten Krim. Die Gefangenen wurden auf die Ladefläche eines KAMAZ-Lastwagens getrieben und quer durch die besetzten Gebiete über Melitopol in die Region Saporischschja transportiert. In der Ortschaft Kamjanka kam es auf einer Brücke zum finalen Austausch.
Sobald Ihor die ukrainische Seite erreichte, trat ein Offizier der SBU-Spezialeinheit „Alfa“ an ihn heran und reichte ihm sofort sein Mobiltelefon. Mit zitternden Händen rief Ihor noch auf der Brücke seinen Bruder und seine Ehefrau an, um ihnen zu sagen, dass er frei ist. Am 15. April trat er offiziell seine medizinische und psychologische Rehabilitation in einem ukrainischen Lazarett an.