HOSTOMEL Der Techniker aus dem Kesselhaus – „Wahrscheinlich bleiben wir hier liegen“

Überleben im Inferno von Hostomel

Inferno Hostomel: Ein Techniker erlebt den blanken Horror. Von russischen Elite-Soldaten schikaniert , überlebt er das mörderische Bombardement im Hangar und erblickt die „Mrija“ ein letztes Mal völlig unversehrt. Ein dramatisches Protokoll über nackte Todesangst und das pure Überleben.

Der 24. Februar 2022 begann für einen 34-jährigen Mitarbeiter des technischen Bereichs am Flughafen Hostomel um etwa sechs Uhr morgens. Ein hastiger Anruf des Diensthabenden riss ihn aus dem Schlaf. Im Hintergrund grollte bereits das dumpfe Feld der Explosionen: Der Krieg hatte begonnen.

„Und in diesem Moment hat niemand erwartet, dass so etwas passieren kann“, erinnert er sich. Trotz des Schocks war schnelles Handeln gefragt. Er und sein Team eilten sofort zum Flughafen, um die kritische Infrastruktur zu sichern. Im eisigen Februar war die Heizperiode in vollem Gange; das Kesselhaus versorgte die riesigen Hangars mit Wärme, die Stromunterstationen und die Wasserversorgung mussten unter allen Umständen am Laufen gehalten werden.

Gegen sieben Uhr morgens schlug in unmittelbarer Nachbarschaft eine zweite Explosion ein. Während die Techniker versuchten, ihre Pflichten zu erfüllen, herrschte in der Leitung Chaos: Die Befehle wechselten im Halbstundentakt zwischen völliger Abriegelung des Geländes und der Anweisung, im Normalbetrieb weiterzuarbeiten. „Bis zum Schluss verstand niemand, wie es ablaufen wird“, beschreibt der Techniker die surreale Situation am Morgen.

Flucht in den Bunker und ein lähmender Befehl

Gegen 11:30 Uhr oder Anfang 12 Uhr brach das Inferno direkt über sie herein. „Es begannen für diesen Moment unverständliche Geräusche, Lärm und das alles“, schildert er. Als die schweren Einschläge begannen, rannten die Mitarbeiter um ihr Leben. „Faktisch liefen die Leute teilweise schon unter Explosionen herbei“.

Im Zivilschutzbunker drängten sich etwa 100 bis 150 Menschen – Sicherheitspersonal, verbliebene Zivilisten und Militärs. An normalen Tagen arbeiteten hier bis zu 1.200 Menschen. Die Stimmung war von Panik geprägt, doch der Zusammenhalt half: „Wenn die Menschen sich vereinen… wenn man sie beruhigte, wenn man anfing, einfach irgendwie zu sprechen, wenn man versuchte, irgendwie zu helfen, obwohl alle verängstigt waren“.

Um 12:20 Uhr verließ das ukrainische Militär den Luftschutzkeller vollständig. Kurz darauf erreichte das Management über den Flughafenkoordinator eine fatale Nachricht: Die Kräfte des Gegners seien massiv überlegen, das Militär müsse sich zurückziehen. Der Befehl an die Zivilisten lautete schlicht: „Haltet durch“.

Der Feind auf dem Rollfeld

Gegen 13:00 Uhr nachmittags wurde es draußen gespenstisch still. Zuerst traten die Frauen aus der Buchhaltung mutig ins Freie, um die Lage zu sondieren. Was sie sahen, war pures Chaos: „Etwas brennt, etwas raucht, die Explosionen gehen weiter“. Das Gelände wimmelte von bis an die Zähne bewaffneten russischen Elitesoldaten.

Die russischen Truppen trennten die Zivilisten sofort vom Sicherheitspersonal und den Grenzern, welche einer weitaus härteren Überprüfung unterzogen wurden. Die Zivilisten wurden unter Eskorte abgeführt, durften ihre Fahrzeuge nicht nutzen und mussten zu Fuß gehen. Während der Eskorte zeigten die Besatzer ihr völlig verzerrtes Weltbild: „Sie begannen Gespräche in der Art wie: Was macht eure Führung so in Bezug auf den Präsidenten… Man sah, dass die Leute sich überhaupt nicht darin orientieren, wie es wirklich ist… dass sie alle dachten, dass bei uns hier alles sehr schlecht ist, alles verwahrlost“.

Um verletzte Kollegen aus anderen Gebäuden bergen zu dürfen, mussten sich die ukrainischen Techniker erniedrigen lassen: Sie wurden gezwungen, ihre Oberbekleidung abzulegen und weiße Armbinden zu tragen. Der Zugang zum Kesselhaus und dem Treibstofflager wurde ihnen strikt verwehrt: „Niemand bürgt für euch, dass es genau dort gefährlich ist“, warnten die Russen.

Ein letzter Blick auf die unversehrte „Mrija“

Gegen 16:00 Uhr spitzte sich die Lage im sogenannten „zweiten Korpus“ dramatisch zu. Die ukrainische Artillerie und Luftwaffe starteten einen massiven Gegenschlag. Der Hangar erbebte. Die kleine Gruppe von noch fünf verbliebenen Technikern glaubte nicht mehr an ihr Überleben.

„Ich sage: Wahrscheinlich bleiben wir hier liegen“, erinnerte er sich an seine Worte zu einem Kollegen. Doch plötzlich verstummte der Lärm. Ein russischer Soldat sagte trocken: „Wenn ihr leben wollt, dann lauft weg“.

Der letzte Blick auf die Antonov 255 Myria – AI

Sie stürmten zu ihren Autos. Auf der Flucht vom Gelände, genau zwischen dem ersten und zweiten Gebäude, warf der Techniker einen letzten Blick zurück auf das Rollfeld. Was er sah, brannte sich tief in sein Gedächtnis ein: „Wir sahen, die ‚Mrija‘ war zu diesem Zeitpunkt noch völlig unversehrt, unbeschädigt, und irgendwie blieb das so in Erinnerung“.

Ein surrealer Kontrast und die Flucht ins Ungewisse

Die Fahrt vom Flughafen glich einer Flucht aus der Apokalypse. Das Gebäude der diensthabenden Elektriker stand in Flammen, das Dach brach genau in diesem Moment krachend ein. Doch kaum hatten sie den nahen Bahnübergang passiert und eine lokale Tankstelle erreicht, traf sie ein surrealer Kontrast.

Schlagartig herrschte Stille. „Zivile Autos fahren, irgendein Mensch dort auf dem Fahrrad fährt… und das alles, wissen Sie, irgendwie so, ein sehr großer Kontrast“, beschreibt er den Moment. Am Straßenrand wartete bereits die russische Propagandamaschinerie in weißen Autos mit der blauen Aufschrift „Presse“ und dem Invasions-Buchstaben „V“.

Zuhause in Butscha saß der Techniker eine Stunde lang im Schock. Aus seinem Fenster sah er die riesigen schwarzen Rauchwolken über dem Flughafen. In völliger Taubheit vergaß er, warme Kleidung oder wichtiges Gepäck für die Flucht einzupacken: „Dort irgendwelche Katzen, irgendein zusätzliches Futter… aber faktisch alle Sachen, warme Kleidung… haben wir uns nicht einmal damit versorgt“.

Er floh zu seiner Familie ins vermeintlich sichere Borodjanka (15 bis 20 Kilometer entfernt). Doch das Dorf wurde zur Hölle. „Jeden Abend, jede Nacht dieses Leuchten von den Explosionen überall“, schildert er die Bombardierung ziviler Wohnhäuser. Im Keller saßen sie unter dem markerschütternden Pfeifen schwerer Artillerie. Selbst Hubschrauber, die sie anfangs für ukrainische Befreier hielten, entpuppten sich im Überflug durch das „V/Z“-Symbol als russische Maschinen. Erst am 10. März gelang der Familie die Flucht auf eigenes Risiko durch einen Korridor, den ein lokaler Priester mit den Besatzern verhandelt hatte.

Rückkehr in ein verwüstetes zweites Zuhause

Am 9. April, nach der Befreiung der Region, kehrte der Techniker nach zahllosen Militärkontrollen erstmals zum Flughafen Hostomel zurück. Der Anblick schmerzte zutiefst: „Die Leute arbeiten hier seit 5, 10, 20 Jahren, das ist ohne Übertreibung so ein echtes zweites Zuhause… das kann man vergleichen, wie wenn bei Ihnen ein Einbrecher war“.

Fast jeder, der die Trümmer sah, sagte zunächst: „Hier kann man nichts mehr machen“. Doch der Zusammenhalt der Antonow-Familie siegte. Aus Verzweiflung wurde unermüdlicher Tatendrang. Sie retteten Materialien aus den Ruinen, erstellten Pläne und begannen Schritt für Schritt mit dem Wiederaufbau.

Securtity in Hostomel mit Berlin Story Badge. Wir haben immer genug zum Tauschen mit. Badges gibt es nur im Tausch.

Rückblickend plagen den Techniker Vorwürfe über die mangelnde persönliche und staatliche Vorbereitung. Doch eines steht für ihn unumstößlich fest: Es waren die antrainierten Notfallroutinen und vor allem die unerschütterliche Menschlichkeit seines Teams, die sie an diesem düstersten Tag der ukrainischen Luftfahrtgeschichte vor dem sicheren Tod bewahrten.

Hostomel Visitor Badge für Wieland Giebel