VASYLKIV Anatoliy Dyl, ein Mann, der nicht an den Frieden glaubte

Während die Politik beschwichtigte, traf Automechaniker Anatolij eine einsame Entscheidung: Er glaubte dem Frieden nicht und bereitete sich auf den Krieg vor. Seine Erlebnisse an der Front und im Chaos von Kyjiw sind ein packendes Plädoyer gegen die trügerische Sicherheit des Westens.

Der Mann, der den Frieden bezweifelte

Mein Name ist Dyl Anatolij, ich bin 52 Jahre alt. Vor dem Ausbruch des großen Krieges betrieb ich eine private Werkstatt und beschäftigte sich mit Automechanik und Autoelektronik. Heute bin ich Angehöriger der Streitkräfte der Ukraine. Mein Profil ist geblieben – ich kümmere mich um die Elektronik, repariere nun jedoch schwerste Militärtechnik und medizinische Militärfahrzeuge.

Während die offizielle Führung das Land beruhigte, traf ich eine einsame Entscheidung.

Ich habe, zum Glück, der Regierung nicht geglaubt, die sagten, es wird Schaschlik geben, also wir würden im Mai wieder grillen, es wird Feiertage geben, nichts wird sein. Ich habe daran nicht geglaubt. Ich habe mich selbstständig vorbereitet.“

Ich beschaffte mir Ausrüstung, Uniformen, Waffen, wo es möglich war, und ein alternatives Stromnetz mitsamt Generator. Ich hatte keinen Militärdienst geleistet, da ich im Teenageralter aus gesundheitlichen Gründen ausgemustert worden war. Doch ich stützte mich auf Geheimdienstdaten, Berichte der Opposition und vor allem auf direkte Warnungen von Militärangehörigen. Zwei Tage vor dem Angriff erfuhr ich, dass man den Truppen in der sogenannten DNR die Mobiltelefone weggenommen hatte, um Informationslecks zu verhindern. [Erklärung: DNR ist die Abkürzung für die „Donezker Volksrepublik“, ein von Russland kontrolliertes und annektiertes De-facto-Regime in der Ostukraine, das 2014 von prorussischen Separatisten ausgerufen wurde.] Bekannte meldeten mir zudem die Errichtung von Feldlazaretten nahe der Grenze bei Kursk und Brjansk. Spätestens da war mir klar: Der Angriff erfolgt von Tag zu Tag.


Überlebensinstinkt und die Solidarität der Straße

Als die ersten Bomben fielen, zeigte sich der fundamentale Unterschied in den Mentalitäten. Während westliche Gesellschaften wie die deutsche stark statisch und auf das ständige Funktionieren von Supermärkten fixiert sind, besitzen Ukrainer durch ihre historische Erfahrung einen tief sitzenden Vorratsinstinkt. Wer im Westen würde schon 20 oder 50 Kilogramm Zucker im Keller lagern? Doch genau diese Vorräte ließen die Menschen die ersten Tage der Panik überstehen, als die Regale der Supermärkte binnen Stunden leergefegt waren.

Die Angst schweißte uns zusammen. Von unserer gesamten Straße blieben nur zwei bis drei Familien zurück, alle anderen flohen. Doch die Fliehenden zeigten enorme Größe: Sie riefen uns an, gaben ihre Häuser frei und sagten, wir sollten die Türen öffnen und uns an ihren Vorräten bedienen, wenn wir Hunger litten. Ich selbst stellte meinen großen Pickup zur Verfügung, um Sand für den Bau von Blockposten zur Sperrung von Straßen herbeizuschaffen.


Als die Angst wich, kamen die Plünderer

Dieses hochemotionale Hochgefühl der Einheit hielt jedoch nur so lange an, wie die akute Lebensgefahr allgegenwärtig war. Als sich die Lage rund um Kiew ein wenig entspannte, passierte das Unvermeidliche: Kriminelle Elemente, die weder Krieg noch Anstand kennen, krochen aus ihren Verstecken und begannen, die verlassenen Häuser systematisch zu plündern.

Da die reguläre Polizei das riesige Gebiet unmöglich flächendeckend kontrollieren konnte, organisierten wir eine unbewaffnete und informelle Bürgerwehr. Wir machten klar, dass auf unseren Straßen das Wort der Gemeinschaft gilt und wir notfalls mit Härte durchgreifen.

Anatolij erinnert sich an eine brenzlige Situation mit einem aggressiven, alkoholisierten Autofahrer, der sich weigerte, Papiere vorzuzeigen oder den Wagen zu öffnen:

Ich zeigte ihm einfach das Automatengewehr und sagte: ‚Schau, wenn ich eine Bedrohung spüre, werde ich schießen. Mach ganz ruhig das Auto auf und zeig es mir.‘ Als er das begriff, war es plötzlich kein Problem mehr – egal wie betrunken oder dumm er war. In Momenten, in denen das Überleben deiner Familie und der Gemeinschaft auf dem Spiel steht, funktioniert nur diese Sprache.“


Im Schatten des „Friendly Fire“

Ohne eine übergeordnete, psychologisch geschulte Struktur birgt die Selbstbewaffnung der Bevölkerung jedoch immense Gefahren. In den ersten Tagen des Chaos kam es beinahe zu einer Katastrophe, die Anatolij bis heute im Gedächtnis brennt.

 „Es war nachts, als wir eine größere Gruppe von Männern herannahen hörten. Wir hatten im Viertel vereinbart, dass alle Verteidiger grüne Armbinden tragen müssen. Ich leuchtete mit der Taschenlampe auf ihre Arme – keine Binden. Sofort ging ich in den Anschlag, mein Finger lag bereits auf dem Abzug. Erst im allerletzten Sekundenbruchteil erkannte ich im Lichtkegel das Gesicht eines Bekannten.

Ich riss die Waffe hoch, schoss über ihre Köpfe hinweg in die Luft und herrschte sie an, warum sie ohne Erkennungszeichen herumliefen. Ihre Antwort war erschütternd: Man hatte ihnen erzählt, die Russen würden gezielt jeden erschießen, der eine grüne Armbinde trägt, während man Unbeteiligte ohne Binde in Ruhe ließe. Ich schickte die Jungs sofort nach Hause. Dieses Erlebnis zeigt, wie gefährlich unkoordinierte Aktionen sind.“


Tote Seelen“ und echte Helden

Die unkontrollierte Verteilung von Waffen an jedermann in der Panik der ersten Tage stellte sich oft als Fehler heraus. Viele, die sich anfangs in die Listen der Freiwilligendefensive (DFTG) eintrugen, erwiesen sich im Ernstfall als reine „tote Seelen“.

Ich erlebte einen Geflüchteten, der zu uns stieß und sagte: ‚Ich bin Traktorfahrer, ich muss da durch, um mein Feld zu pflügen, dort brennt es schon.‘ Ich erklärte ihm, dass das Sperrgebiet sei und niemand durchkomme. Er fragte, mit welcher Führung er reden könne, er sei schließlich selbst bei der DFTG. Ich sah ihn an und dachte mir: ‚Und was tust du bitte in dieser DFTG?‘ Der Mann war völlig passiv, verstand seine Aufgaben überhaupt nicht und wurde erst aktiv, als er mit seinem Traktor aufs Feld wollte.“

Auf der anderen Seite spielten körperliche Gebrechen oft keine Rolle, wenn der Wille da war. Ein einarmiger Bekannter von mir bediente im Gefecht ein Maschinengewehr. Als die Kameraden ihm zuriefen, dass der Patronengurt bereits glühend heiß sei und die Verbrennungen schrecklich sein müssten, entgegnete er trocken: „Bei mir brennt da nichts – ich habe an der Stelle Prothesen-Kunststoff.“


Das Versagen der Bürokratie vs. die Macht des Provisoriums

Als die Region Kiew schließlich befreit und die unmittelbare Gefahr gebannt war, erwachte plötzlich die staatliche Bürokratie. Doch was sie tat, grenzte an Geldverschwendung: Mitten im Frieden wurden plötzlich im großen Stil und in industrieller Qualität blockpostenartige Befestigungen hochgezogen, die zu diesem Zeitpunkt absolut niemand mehr brauchte. Ausschreibungen wurden gestartet, und die Lokalverwaltung kaufte 200 zivile Kindergasmasken der Größe Null zu völlig überhöhten Preisen ein, mit der Begründung, es könnten ja Gasangriffe drohen. Dabei waren wir längst aus den Kellern wieder in unsere Wohnungen gezogen.

Die wirkliche Rettung im Chaos war die zivile Selbstorganisation. Als die großen Molkereien bei Kriegsbeginn sofort den Betrieb einstellten, wussten die Bauern nicht, wohin mit ihrer Milch, während Mütter dringend nach Nahrung für ihre Babys suchten. Initiative Frauen fuhren kurzerhand zu den Höfen. Die Bauern schenkten ihnen die Milch tonnenweise. Die Frauen besetzten die Küche eines alten, geschlossenen Cafés, dampften die Milch dort haltbar ein und verteilten sie kostenlos an die Familien. Ebenso brauchten lokale Bäckereien ohne Strom dringend Hilfe, die nur durch den freiwilligen Einsatz der Gemeinschaft geleistet werden konnte.


Ein Weckruf an den Westen: Die Illusion der Sicherheit

Für mich steht fest: Jede Gemeinde benötigt einen vorbereiteten, psychologisch und medizinisch geschulten Kern aus sozial aktiven Bürgern, deren Ausrüstung und Aufgaben im Krisenfall klar geregelt sind.

Westeuropäer, insbesondere die Menschen in Deutschland, wiegen sich in einer gefährlichen, statischen Komfortzone. Wenn dort der Treibstoff an den Tankstellen ausgeht, bricht das System sofort in sich zusammen, weil niemand gelernt hat, improvisiert zu leben. Als im Januar dieses Jahres durch einen Sabotageakt 30.000 Menschen in Deutschland für fünf Tage ohne Strom waren, wurde das sofort als nationale Katastrophe wahrgenommen.

Dabei ist Vorsorge so simpel. Ein kleiner Generator im Wert von gerade einmal 200 Dollar sichert das grundlegende Überleben. Damit hat man Licht, kann Kaffee kochen, das Telefon laden und sich waschen. Im ersten Kriegswinter kamen die Nachbarn aus der ganzen Straße zu mir, nur um ihre Handys aufzuladen.

Ich hatte vor dem Krieg noch nie einen Generator besessen. Aber als ich die Bedrohung spürte, kaufte ich ihn. Und wenn er nun zehn Jahre ungenutzt herumsteht und ich ihn danach wegwerfe – Gott sei Dank! Dann habe ich eben 200 Dollar geopfert. Aber im Ernstfall hat mir diese Investition vom ersten Tag an das Überleben gesichert.“

Wir dürfen nicht den Fehler machen, technischen Fortschritt mit menschlicher Reife zu verwechseln. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts dachten die Menschen, dass im Zeitalter von Telefonen und umfassender Elektrifizierung keine Konzentrationslager oder Massenmorde mehr möglich seien – und wurden eines Besseren belehrt. Heute wiegen sich die Menschen im Westen mit Blick auf Künstliche Intelligenz und das Internet in derselben trügerischen Sicherheit und fragen sich, wie im 21. Jahrhundert noch Menschen gehängt und massakriert werden können.

Doch die Geschichte lehrt uns: Solche fundamentalen, grausamen Fehler der Menschheit passieren unabhängig vom Entwicklungsstand einer Zivilisation. Und genau das muss den Menschen im Westen endlich vor Augen geführt werden, bevor es zu spät ist.