HOSTOMEL Die Kommandantin – Von der Küche an die Front

HOSTOMEL / KYJIW – Maria (52) verkörpert den Geist von Antonov wie kaum eine andere. Sie fing einst als Köchin im Unternehmen an, arbeitete sich über zwei Jahrzehnte hoch und übernahm schließlich die verantwortungsvolle Position im Sicherheitsdienst am strategisch wichtigen Flughafen Hostomel. Zwölf Jahre lang war sie für den Objektschutz verantwortlich, kannte jedes Protokoll und jede Schwachstelle des Geländes. Doch als am 24. Februar 2022 die russischen  Elite-Einheiten angriffen, wurde sie Zeugin eines totalen Systemversagens.

„Ich dachte bis zuletzt, dass man einen solchen Angriff niemals zulassen würde. Aber als das Unglück kam, waren wir – trotz unserer Präsenz am Airport – völlig unvorbereitet.“ Maria beschreibt den ohrenbetäubenden Lärm der Ka-52 „Alligator“, deren Koaxialrotoren über die Dächer peitschten. „Die Landung begann direkt vor unseren Augen. Explosionen erschütterten die Wohnung. 

KI-Bild zum Schutz der Identität von Maria, der Kommandantin 
des Sicherheitsdienstes des Antonow Flughafens in Hostomel

Die Leiterin im toten Winkel

Trotz ihrer Führungsposition im Sicherheitsdienst war Maria am Morgen der Invasion auf sich allein gestellt. Sie lebte mit ihrer Familie in einer Dienstwohnung direkt am Flughafenzaun. „Wir haben dort 12 Jahre gelebt, sehr glücklich“, berichtet sie. Als Sicherheitsmitarbeiterin war sie eigentlich diejenige, die Informationen bündeln sollte – doch die Warnungen, die sie erreicht hatten, blieben fragmentarisch und inoffiziell.

Bereits zwei Wochen vor dem Angriff beobachtete sie Einheiten der Nationalgarde, die Abstände vom Zaun zu den Wohngebäuden ausmaßen. „Ich musste als Sicherheitsverantwortliche Dokumente dazu unterschreiben. Man fragte uns: Wie viele Meter sind es bis zu den Häusern?“ Doch eine offizielle Evakuierung oder eine Alarmierung der zivilen Belegschaft blieb aus. „Ich dachte bis zuletzt, dass man einen solchen Angriff niemals zulassen würde. Aber als das Unglück kam, waren wir – trotz unserer Präsenz am Airport – völlig unvorbereitet.“

Der Angriff: Ka-52 über dem Schlafzimmer

US-Botschafterin Bridget Ann Brink besucht am 22. Mai 2022 den Flughafen Hostomel

Am Morgen des 24. Februar war Maria nach einer Schicht zu Hause. Der erste Alarm war kein Telefonanruf, sondern der Blick aus dem Fenster. Dort sah sie junge Soldaten der Nationalgarde, die hinter den Bäumen in ihrem Hof Deckung suchten. „Es wurde schlagartig klar: Das ist kein Manöver.“

Bald darauf verdunkelten die russischen Angriffshubschrauber den Himmel.Maria beschreibt den ohrenbetäubenden Lärm der Ka-52 „Alligator“, deren Koaxialrotoren über die Dächer peitschten. „Die Landung begann direkt vor unseren Augen. Explosionen erschütterten die Wohnung. „Es war sofort klar, dass dies die Invasoren waren.“ Während die Kerosintanks des Antonov-Werks in Flammen aufgingen, musste die Sicherheit Mtarbeiterin zur Zivilistin werden, um ihren 12-jährigen Sohn zu retten.

Überleben im Erdkeller

Die Flucht führte Maria und ihre Angehörigen zunächst in ein Privathaus im benachbarten Ozera. Dort übernahm sie erneut eine Führungsrolle, als sie 23 Menschen – darunter viele verängstigte Kinder – koordinierte, die sich in einem Keller zusammendrängten.

„Wir saßen im Keller zwischen den Wintervorräten. Wir räumten die schweren Einmachgläser aus den Regalen und nahmen die Bretter ab, aus Angst, dass die Erschütterungen der Einschläge uns lebendig begraben könnten.“ Während über ihnen die Schlacht um den Flughafen tobte, organisierte die ehemalige Köchin die Verpflegung für die gesamte Gruppe aus den kargen Vorräten der Hausherrin.

Rettung durch die Wälder

Zerstört russische Panzer in den Wäldern um Kyiv

Zerstört russische Panzer in den Wäldern um Kyiv

Erst als die russischen Panzerkolonnen bereits durch Ozera rollten, gelang die Flucht. Ihr Mann Jura riskierte sein Leben, um die Familie in einer dramatischen Fahrt durch die umliegenden Wälder aus dem Kessel zu evakuieren.

Maria blickt heute mit einer Mischung aus Bitterkeit und Stolz auf diese Tage zurück. Sie hat alles verloren – ihre Wohnung, ihre Position am Flughafen und ihren bisherigen Lebensentwurf. Doch ihr Überlebenswille ist ungebrochen. „Ich danke Gott, dass er es an materiellen Dingen genommen hat und nicht am Leben meiner Kinder“, sagt sie heute. Ihr Weg von der Küche zur Sicherheitschefin von Hostomel hat sie auf die härteste Prüfung ihres Lebens vorbereitet – eine Prüfung, die sie und ihre Familie bestanden haben.

Das vollständige Interview:

Zeugen der Invasion: Das Protokoll von Viktoriia aus dem Flughafen Hostomel

29. April 2026. Dieses unzensierte Quellen-Protokoll dokumentiert die Erlebnisse von Maria, einer 52-jährigen Mitarbeiterin des Flughafens Hostomel (Antonow). Zum Zeitpunkt des russischen Überfalls war sie 48 Jahre alt. Sie arbeitet seit insgesamt 20 Jahren bei der Fluggesellschaft Antonow, davon 12 Jahre direkt im Sicherheitsdienst zur Absicherung der Flugzeuge in der sogenannten „sterilen Zone“.

Ihr Bericht liefert einen erschütternden Einblick in die unheimlichen Vorzeichen der Invasion, die dramatischen Stunden des Hubschrauberangriffs und die psychologischen Traumata der Flucht.


Die unheimlichen Vorzeichen: Sirenen und anonyme Vermesser

Obwohl die Zivilbevölkerung bis zum letzten Moment keine offiziellen Warnungen oder Evakuierungsbefehle erhielt, gab es im Vorfeld auf dem Werksgelände und in der Umgebung verdächtige Anomalien:

  • Anonyme Ausspähung: Etwa zwei Wochen vor dem Angriff tauchten plötzlich fremde Männer mit Autos am Flughafenzaun auf. Sie führten Messungen durch und befragten Mitarbeiter gezielt nach den Abständen zwischen dem Zaun, den Wohnhäusern und der Polizeistation. Maria musste hierzu Geheimhaltungsdokumente unterschreiben. Sie erinnert sich: „Ich wusste, dass etwas sein wird, weil das genau vor meinen Augen geschah. […] Als ich dann nach Hause kam, sagte ich, dass es Unglück geben wird“.
  • Plötzliche Sirenentests: Maria lebte mit ihrer Familie 12 Jahre lang glücklich in einer Dienstwohnung direkt am Flughafenzaun. In all diesen 12 Jahren hatte es nie einen Sirenenalarm gegeben. Doch im Februar – etwa eine Woche sowie nochmals wenige Tage vor der Invasion – wurde plötzlich zweimal die Alarmanlage im Haus eingeschaltet. Die Hausbewohner wurden aufgefordert, nach unten zu gehen. Auf Nachfrage hieß es lediglich, es handele sich um eine „Überprüfung und passive Realisierung“. Es löste tiefe Unruhe aus, aber niemand sprach offen von einer bevorstehenden Invasion.

Der Morgen des 24. Februar: „Jungs hinter jedem Baum“

Am Morgen des 24. Februar hatte Maria eigentlich frei. Ihr Ehemann Jura und ihr 12-jähriger Sohn Wadko befanden sich im Haus; ihre ältere, bereits verheiratete Tochter Mascha wohnte separat in Hostomel.

Als ihr Mann am frühen Morgen den kleinen Hund ausführte, blickte Maria wie gewohnt aus dem Fenster und sah sofort, dass die Katastrophe da war:

Ich sah schon bei den Bäumen die Nationalgarde, Jungs, an jedem Baum saßen Jungs, junge Jungs, so um die 18 Jahre alt, man sah, wohl Wehrpflichtige. Und es wurde unheimlich.“

Ihr Mann kam aufgeregt zurück und sagte: „Vita, wahrscheinlich hat das Schießen angefangen“. Kurz darauf rollten Militärtransporter der Nationalgarde auf das Gelände. Gegen 7:00 Uhr morgens rief Maria panisch ihre Tochter an, die noch schlief : „Tochter, kommt dringend zu uns. […] Der Krieg hat angefangen. […] Schnappt euch den Hund“.

Da der öffentliche Nahverkehr (Marschrutkas) schlagartig ausfiel, mussten die Tochter und ihr Mann die weite Strecke zu Fuß durch die ausbrechende Panik rennen. Gleichzeitig dröhnten Megafone und Gegensprechanlagen durch die Wohnblöcke: „Nehmt die Kinder, Wertsachen, Dokumente und geht in den Keller hinunter“. Den Zutritt zum großen Werkbunker verweigerte man den Zivilisten jedoch, da dieser für das Personal reserviert war.

Inmitten des Chaos musste Maria ihren schlafenden Sohn wecken:

Ich weckte den Söhnchen, ich ging leise auf ihn zu. Das war sehr unangenehm. Als ich heranging, wusste ich nicht, wie ich ihn nicht erschrecken sollte. […] ‚Wadko, mein Söhnchen, wach auf. Wach auf, mein Lieber, wir müssen packen.‘ – ‚Mama, ist was passiert?‘ Ich sage: ‚Söhnchen, der Krieg hat angefangen.‘“

In der extremen Hektik griff Maria lediglich die Pässe. Alle anderen wichtigen Papiere, das Militärticket ihres Mannes, Ersparnisse und das Gold blieben in der Wohnung zurück. Ihr Mann Jura glaubte zunächst nicht an einen echten Krieg und stieg in den regulären Werksbus, der die Arbeiter noch im normalen Modus nach Kyjiw in das dortige Antonow-Zweigwerk brachte.


Flucht in den Kartoffelkeller und die 65 Hubschrauber

Ein Bekannter namens Serjoša, der selbst mit Frau, drei Kindern und einem Säugling floh, rettete Maria, ihre Kinder und eine weitere Nachbarsfamilie im Auto aus der unmittelbaren Gefahrenzone. Sie fuhren auf gut Glück zu Fremden – den Eltern des Lebensgefährten von Marias Schwester im nahegelegenen Umland. Insgesamt 23 Menschen, darunter zahlreiche Kleinkinder, drängten sich schließlich in diesem privaten Wohnhaus.

Von dort aus wurden sie Augenzeugen des massiven russischen Luftlandegrads:

Hier fängt es an mit den Hubschraubern, die Landung. Visuell sehe ich das alles […]. Es fängt an zu explodieren. […] Außerhalb des Flughafens waren es auch so um die 65 Stück. Ich habe sie genau gezählt. Große Explosionen.“

Die Detonationen waren so heftig, dass die Antennen des Hauses brannten und der Nachthimmel in Rauch versank. Maria versuchte für die zitternden Kinder und die traumatisierten Hunde die Fassung zu bewahren, obwohl in ihrem Inneren alles zerriss. Gemeinsam mit der Hausherrin stand sie in der Küche, um aus eilig herbeigeholtem Fleisch Essen für die 23 Geflüchteten zu kochen. Spät in der Nacht gelang es auch ihrem Mann Jura, der aus dem blockierten Kyjiw entkommen war, sich zu ihnen durchzuschlagen.

Als die Einschläge näher rückten, flohen alle 23 Personen in den eiskalten Kartoffelkeller (Pogreb) des Hauses. Dort kam es zu einer dramatischen psychologischen Reaktion bei Maria Sohn Wadko:

Als die Explosionen anfingen. Ich ging zu ihm, aber er schwieg. Und er war wie in einem Kokon. Wie ein Neugeborenes. Er legte sich hin und deckte sich direkt über den Kopf zu. Er hat sich wohl so geschützt. Das war psychologisch sehr schwer. […] Er hat danach wahrscheinlich zwei Monate geschwiegen.“

Zudem herrschte im engen Keller die nackte Angst vor dem Verschüttetwerden: Oben auf den Regalen standen hunderte Einmachgläser. Die Erwachsenen begannen in der Dunkelheit hektisch, die Gläser wegzuräumen, um die oberen Holzbretter freizulegen. „Wir verstanden, dass – Gott bewahre – das ein Massengrab ist“.


Die feindliche Kolonne und die Rettung durch die Wälder

Am nächsten Morgen dämmerte es unter permanentem Explosionslärm. Gegen Mittag beobachtete Maria aus dem Versteck heraus, wie eine massive russische Militärkolonne durch das nahegelegene Dorf Ozera rollte:

Wir schauen, ich blicke mit Spannung nach draußen. Ich verstehe, dass Technik rollt. […] Ozera. Wir haben 40 Einheiten gezählt. Als wir diese 40 Einheiten gezählt hatten, bekamen wir Panik. […] Es waren Panzer, Schützenpanzer (BTRs). Viele BTRs und Panzer. Und die Leute saßen auf der Panzerung. Viele von ihnen saßen dort. Und das waren Tschetschenen.“

Die Situation wurde unhaltbar. Eine Familie beschloss, sofort im eigenen Auto durchzubrechen. Da Maria kein Fahrzeug hatte, flehte sie die Abreisenden an: „Ich werde sie bitten, wenigstens die Kinder gebe ich euch mit. […] Weil ich nicht weiß, ich mit diesem Rucksack gehe irgendwo in den Wald, gehe auf eine Lichtung. Ich will zu Fuß gehen“.

Ihr Mann Jura riskierte daraufhin sein Leben und fuhr mit seinem Wagen einen riesigen Umweg von 120 Kilometern durch unwegsame Wälder, um sie zu evakuieren. Die verbliebenen 21 Personen warfen das nötigste Gepäck in die Autos und flohen, während ihnen die russischen Panzerverbände auf der Landstraße direkt entgegenkamen. „Ich sage: Haltet euch am Rand […], fahrt auf uns zu und beeilt euch nicht. […] Ich habe im Keller sehr viel gebetet“.

Jura brachte sie schließlich in ein von ihm organisiertes sicheres Haus im Hinterland. Dort hatten Nachbarn bereits Decken, Kissen und Kartoffeln gespendet. Sie schliefen auf roh zusammengezimmerten Holzpaletten auf dem nackten Boden. Nach der geglückten Flucht erlitt Maria einen schweren hysterischen Zusammenbruch: „Ich hatte einfach eine Hysterie. Ich musste das alles, diese Emotionen, abschalten. Ich schloss mich ein und sagte, niemand kommt zu mir rein. Eine Stunde lang“. Nach drei Wochen in diesem Versteck flohen sie weiter zu ihren Eltern in die Region Bila Tserkva.


Rückkehr nach der Deokkupation: Die abgetrennten Ärmel

Nach der Befreiung der Region wurden die Mitarbeiter des Antonow-Werks zum Aufräumen auf das völlig zerstörte Flughafengelände gerufen. Der Anblick der zerschossenen Autos, der ausgebrannten Gebäude und der Trümmerreste war ein tiefer Schock. Aus Marias Schicht überlebten glücklicherweise alle im Luftschutzbunker. Allerdings erfuhren sie, dass der Leiter der Flughafenfeuerwehr direkt am ersten Kampftag gefallen war. Die russischen Besatzer hatten das verbliebene Personal extrem gründlich kontrolliert und nackt ausgezogen, da sie nach versteckten Soldaten suchten.

Als Maria zusammen mit Jura unter militärischer Überprüfung endlich ihre ehemalige Dienstwohnung am Flughafenzaun betreten durfte, bot sich ihr ein Bild der totalen Verwüstung:

Als wir reinkamen, war ich im Schock. Einfach im Schock. Das sind herausgerissene Türen, Teppiche all diese, die auf den Betten hingen. Sie haben ja alles aus den Wohnungen herausgeschleppt. […] Die Türen waren einfach mit den Angeln herausgerissen. Was sie in den Wohnungen machten, das lässt sich nicht beschreiben.“

Die russischen Soldaten hatten über Wochen in den Wohnungen der Angestellten gelebt. Dabei stieß Maria auf ein bizarres Detail:

Ich weiß, dass bei den Mänteln alle Ärmel abgetrennt waren. Sie haben wohl gefroren und zogen sie an, über die Hände oder über die Beine oder über die Knie. Bei mir waren alle Jacken, alle Mäntel genau ohne Ärmel. Was sie machten, kann ich nicht sagen. Das denke ich mir schon selbst, vielleicht haben sie wirklich diesen Teppich übergezogen.“


Technische Details zum Flugbetrieb während der Invasion

Im Rahmen ihres Dienstes im Sicherheitsdienst kontrollierte Maria vor der sterile Zone die Dokumentation des Personals, der Busse und der Besatzungen. Es handelte sich um eine reine Personenkontrolle, nicht um die technische Wartung der Maschinen.

Zum Zeitpunkt des Angriffs befanden sich ausschließlich die weltbekannten schweren Transportflugzeuge der Antonow-Flotte auf dem Flughafen:

  • An-225 „Mrija“
  • An-124 „Ruslan“
  • An-22, An-124, An-70
  • Sowie einige kleine Trainings- und Testflugzeuge.

Der Flughafen verfügte über eine charakteristische, 3,2 Kilometer lange Start- und Landebahn, die speziell für das enorme Gewicht dieser Frachter ausgelegt war und über separate Posten entlang des Perimeters gesichert wurde.


Bitteres Heute: Ein typisch ukrainisches Schicksal

Heute besitzt Maria nichts Eigenes mehr und lebt in einer Mietwohnung. Zu den materiellen Verlusten kam im Nachgang des Krieges ein schwerer privater Schicksalsschlag: Ihr Ehemann Jura hat sie für eine andere Frau verlassen.

Dennoch klammert sie sich an eine tiefe, traditionelle ukrainische Lebensweisheit, um das Erlebte zu verarbeiten:

Weil ich immer sage: ‚Gott sei Dank, dass er Geld genommen hat. Und nicht das Leben.‘ Ich danke Gott, dass er es mit Geld genommen hat, nicht mit dem Leben. Das ist eine typisch ukrainische Einstellung. Ja, nun, da ich jetzt zur Miete wohne, dort nichts Eigenes mehr habe, danke ich dem lieben Gott. Alle sind am Leben.“