EINFÜHRUNG: Die Schlacht um den Antonow-Flughafen Hostomel und die Sprengung des Kosarowytschi-Damms

Eine Gruppe von Ukrainern steht zusammen. Sie arbeiten gemeinsam daran, ein großes, schweres Stück Beton wegzubringen, nicht als Opfer der Zerstörung, sondern als handelnde Gemeinschaft. Der Hintergrund zeigt die Auswirkungen des Krieges, aber ein Strahl warmen, goldenen Sonnenlichts bricht durch die Wolken und beleuchtet die Gruppe. Ein abstraktes, leuchtendes Netzwerk von Linien umgibt sie und symbolisiert ihre tiefe Verbindung, ihre dezentrale Koordination und ihre gemeinsame mentale Stärke. Ein kleiner, resilienter Sonnenblumen-Keimling wächst durch die Trümmer.

Der Faktor Mensch: Wie Kyiv gerettet wurde – und was Deutschland daraus lernen könnte

Eine Einleitung zu 19 Protokollen des Überlebens aus den ersten Kriegstagen

„Im Mai gibt es wie gewohnt Sonne, Wärme und Schaschlik/Grillen“ – mit solchen Sätzen beschwichtigte die politische Führung in Kyiv noch Anfang 2022, und dafür gab es auch gute Gründe. Niemand von uns Lebenden in Europa stand jemals vor einer solchen Situation. Wolodymyr Selenskyj sagte dies in seiner berühmten Fernsehansprache vom 19. Januar 2022. Als am 24. Februar die russischen Truppen die Ukraine überfielen, zerbrach diese Illusion innerhalb weniger Stunden. Weder die Politik noch die militärische Führung waren auf den brutalen Großangriff angemessen vorbereitet.

Und dennoch steht Kyiv heute noch. Warum? Die Antwort liegt nicht in den Strategiepapieren der ukrainischen Ministerien, sondern in den Geschichten einfacher Menschen. Als die Befehlsketten abrissen, übernahmen Zivilisten, Wehrpflichtige und Soldaten im Chaos das Kommando. Sie haben die Ukraine gerettet. Im April 2026 bin ich nach Kyiv gereist und habe 19 Tiefeninterviews geführt. Dabei stechen zwei strategische Wendepunkte heraus, ohne die Kyiv unweigerlich gefallen wäre.

  • Das Drama um Hostomel: Russische Elite-Luftlandetruppen wollten eine Luftbrücke direkt nach Kyiv schlagen. Doch Kommandeur „Skif“ hielt mit jungen Wehrpflichtigen am 24. Februar 2022 die Stellung, Serhij Falatyuk schoss den ersten Kampfhubschrauber ab, und Oleksandr Kowaltschuk sicherte das Kesselhaus. Sie machten mit der Artillerie die Startbahn unbrauchbar und stoppten den Enthauptungsschlag.

  • Die Sprengung des Kosarowytschi-Damms: Als die russische Armee auf dem Landweg durchzubrechen drohte, organisierte eine Handvoll entschlossener Männer am 8. März 2022 eigenverantwortlich die Sprengung des Staudamms. Sie setzten die Angreifer unter Wasser, ließen deren Panzer im Schlamm versinken und retteten die Hauptstadt vor der Einkesselung. Schon Mitte März 2022 hatten die Russen verloren und begannen den Rückzug.

Die Interviews erzählen von Menschen, die mit dem Taxi in den Krieg fuhren, von einer Frau, die aus der Küche als Kommandantin an die Front ging, und von Bürgermilizen, die selbstorganisiert Jagd auf Shahed-Drohnen machen.

Die Lektion für Deutschland: Material braucht den Faktor Mensch

Diese Interviewsund Artikel sind ein dringender Weckruf an die deutsche Politik, Verwaltung und Gesellschaft – zumindest könnten sie es sein. In Deutschland verengt sich die Debatte fast ausschließlich auf die Beschaffung von Material, Panzer und Rüstungsbudgets. Das ist wichtig, aber es ist eben nur Material. Die entscheidende Lektion der Ukrainer lautet: Die modernsten Waffensysteme sind völlig wertlos ohne den Faktor Mensch – ohne die mentale Vorbereitung, die gesamtgesellschaftliche Resilienz und den bedingungslosen Willen, die eigene Freiheit zu verteidigen.

Ein Panzer schießt nicht von allein. Eine Verwaltung, die beim Ausfall von Telefonnetzen in Schockstarre auf Anweisungen von oben wartet, wird in einer Krise versagen. Die Ukraine hat überlebt, weil die Menschen fähig waren, eigenständig und dezentral zu handeln.

Die folgenden Artikel sind mehr als nur historische Dokumente. Sie sind ein Lehrbuch des Überlebens. Ich lade Sie ein, diese Protokolle zu lesen – um zu verstehen, worauf wir uns vorbereiten müssen.

Wieland Giebel