IRPIN Kyrylo fiel am 12. Tag des Krieges. Seine Mutter Evgenia Semenova erinnert sich

Der folgende Text basiert auf den Aufzeichnungen vom 25. April 2022. Er dokumentiert das Schicksal des gefallenen Drohnenaufklärers Kyrylo aus der Sicht seiner Mutter Evgenia Semenova. 

Die Leiche ihres Sohnes lag einen Monat lang auf dem Dach eines Einkaufszentrum und konnte nicht geborgen werden. Die tief traumatisierte Mutter konnte Kyrylo (30) nur über Drohnen sehen. Der Krieg dauerte für ihn nur zwölf Tage. Er wollte heiraten. Evgenia richtet emotionalen Dank an Deutschland. Vom Maidan-Aktivisten zum anerkannten Anführer – das Vermächtnis ihres Sohnes.

Dieses Interview ist Teil einer Serie in Berlin Story News über den Beginn der russischen Vollinvasion.


Mein Post auf X nach dem Gespräch mit Evgenia erreichte in kurzer Zeit 120.380 Aufrufe. 

1. Biografie und militärischer Werdegang von Kyrylo

Kyrylo wurde im Jahr 1991 geboren. Sein gesellschaftliches und politisches Engagement begann schon früh; er war ein sehr aktiver Unterstützer und Teilnehmer der Maidan-Proteste. Im Jahr 2014 traf er die bewusste Entscheidung, als Freiwilliger in den Donbas zu ziehen, um zu kämpfen. Seine Mutter weinte damals aus Angst, verstand jedoch, dass dies für ihn eine unumgängliche Wahl war und er nicht anders handeln konnte. Er wurde schließlich mobilisiert und kämpfte so lange, wie die aktiven Operationen im Donbas andauerten.

In der ersten Phase des Krieges diente Kyrylo zunächst in einem Freiwilligenbataillon der OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten) in Pisky und am Donezker Flughafen. Später ließ er sich offiziell beim regulären Dienst registrieren. Er trat zunächst dem Bataillon „Harpun“ bei, das in Stanyzja Luhanska stationiert war und eng mit dem ukrainischen Geheimdienst SBU zusammenarbeitete. Nach einer weitreichenden Polizeireform wechselte er in das Bataillon „Myrotworez“. Dort bekleidete er den Posten eines Inspektors und fungierte zudem als Sanitäter und Paramedic. Er besaß zwar keine formelle medizinische Ausbildung, absolbierte jedoch selbstständig zahlreiche militärische Ausbildungen und Spezialkurse und übernahm die Rolle schließlich aufgrund des akuten Mangels an medizinischem Personal an der Front.

Nach den schweren Ausschreitungen und der Explosion vor der Werchowna Rada (dem ukrainischen Parlament) geriet Kyrylo in einen tiefen Gewissenskonflikt: Auf der einen Seite der Barrikaden standen seine alten Kameraden aus den Freiwilligenbataillonen, auf der anderen Seite seine neuen Kollegen aus den Reihen der Polizei. Angesichts dieser Zerrissenheit beschloss er, sich demobilisieren zu lassen. Er kehrte daraufhin vorübergehend in das zivile Leben zurück, engagierte sich jedoch weiterhin intensiv im gesellschaftlichen und politischen Bereich.


2. Das Leben im Ausland und die Vorbereitungen vor der Invasion

Im Frühjahr 2021 verließ Kyrylo die Ukraine, um im Ausland zu arbeiten. Er erhielt einen Einjahresvertrag als Wachoffizier (Guard Officer) auf einem Kreuzfahrtschiff der Reederei MSC. Kurz vor seiner Abreise verlobte er sich mit seiner Partnerin; die Hochzeit war für das Frühjahr 2022 nach seiner vertraglichen Rückkehr geplant. Das Paar hatte keine Kinder, und seine Ehefrau befindet sich heute im Ausland.

Kyrylo bereitete sich mental intensiv auf einen kommenden großen Krieg vor und wusste, dass dieser unvermeidlich sein würde, obwohl er bis zum Schluss hoffte, dass der gesunde Menschenverstand siegt und Russland den Angriff nicht beginnen würde. Er war so vorausschauend, dass er die Situation im Vorfeld detailliert mit seinem direkten Kommandanten auf dem Schiff besprach. Sie vereinbarten vertraglich, dass Kyrylo das Schiff im Falle eines russischen Angriffs noch am selben Tag fristlos verlassen durfte, um sein Land zu verteidigen. Als die Invasion schließlich ausbrach, hielt sich die Schiffsleitung an das Wort: Ihm wurde umgehend bei den Dokumenten und der Ticketbuchung geholfen, und es wurden keinerlei vertragliche Strafsanktionen gegen ihn verhängt.

 „Er wollte kurz vor dem Krieg unbedingt, dass ich und meine Schwester die Ukraine verlassen. Und sehr viele Militärs, die sich hier aktiv auf den Widerstand vorbereiteten, wollten, dass ihre Angehörigen, ihre Familien die Ukraine verlassen und an sicheren Orten sind. Und deshalb hat er mir einige Adressen vorbereitet, wohin ich fahren kann.“

Kyrylo bereitete seiner Mutter eine Liste mit sicheren Zufluchtsadressen im Ausland und der Westukraine vor, darunter bei einem Freund in Polen sowie in einer Ortschaft in der Oblast Schytomyr. Letzteres erwies sich als tragische Fehlplanung, da genau dieses vermeintlich sichere Dorf bereits in den allerersten Kriegstagen von russischen Truppen überrannt und eingenommen wurde. Kyrylo scherzte später in täglichen Telegram-Audionachrichten an seine Mutter darüber, dass er mit einem Angriff aus dem Osten gerechnet hatte, die Russen jedoch stattdessen massiv aus dem Norden vorstießen.


3. Die Rückkehr und der tödliche Einsatz am 11. Kriegstag

Unmittelbar nach dem Invasionsbeginn reiste Kyrylo auf direktem Weg aus Polen zurück. Bereits am 27. Februar 2022 traf er in der Ukraine ein und schlug sich gemeinsam mit einer Gruppe anderer ATO-Veteranen von der Westukraine nach Kyiv durch. [Als „ATO-Veteranen“ werden in der Ukraine ehemalige ukrainische Soldaten und Freiwillige bezeichnet, die zwischen 2014 und 2022 im Donbas im Osten der Ukraine gekämpft haben.] Dort traten sie sofort geschlossen den neu entstehenden Einheiten der Territorialverteidigung bei, die zu diesem Zeitpunkt massiven Zulauf von Freiwilligen erhielten. Innerhalb der Truppe galt Kyrylo sofort als unbestrittener, anerkannter Anführer, der die Jungs organisierte und einen enormen persönlichen Einfluss auf die Moral der Gruppe ausübte.

Am 11. Kriegstag bezog seine Einheit eine Stellung im Norden von Kyiv, im Bereich des Hostomeler Platzes an der Kyiver Ringstraße nahe den dortigen Novus- und Epicentr-Märkten, dem Einkaufszentrum „Giraffe“.

Das Einkaufszentrum Giraffe ist bei heute (April 2026) zerstört. Mehrere meiner aktuellen Beiträge beziehen sich auf diesen Ort

Das erklärte Ziel der Gruppe war es, eine Luftaufklärung mittels Drohnen durchzuführen. Die Männer fuhren mit zwei Fahrzeugen – besetzt mit jeweils drei Personen – über eine Brücke in Richtung Hostomel. Sie hielten an einem strategisch gelegenen Gebäude an. Während ein Fahrzeug mit drei Männern unten auf der Straße als Absicherung wartete, stiegen die anderen drei Männer über eine an der Seite des Wirtschaftshofes gelegene Wartungstreppe auf das Flachdach des Gebäudes, um von dort aus den Drohnenstart durchzuführen.

 Vor der Wartungstreppe – Evgenia, die Mutter von Kyrylo.

In den chaotischen Anfangstagen des Krieges funktionierte die Aufklärung unter den ukrainischen Einheiten jedoch noch mangelhaft; niemand wusste exakt, wo sich feindliche und eigene Linien befanden. Der Gruppe war fälschlicherweise versichert worden, dass das Gebäude fest in ukrainischer Hand sei. Als Kyrylo und seine zwei Begleiter auf dem Dachvorsprung den Start der Drohne vorbereiteten, stellten sie zu spät fest, dass sich dort bereits russische Soldaten verschanzt hatten. Die ukrainischen Aufklärer wurden sofort unter heftigen Mörserbeschuss und das Feuer automatischer Granatwerfer genommen. Die Russen forderten sie auf, sich zu ergeben und näher zu kommen. Ein Mitglied der ukrainischen Dreiergruppe geriet in Gefangenschaft und verschwand spurlos, bis man erst viel später erfuhr, dass er in einer russischen Kriegsgefangenenkolonne weggeführt worden war. Kyrylo selbst wurde bei diesem Gefecht am 11. Kriegstag getötet. Für seine Kameraden war sein früher Tod ein schwerer Schock, durch den ihnen schlagartig klar wurde, wie  unbarmherzig dieser Krieg ist.

 


4. Das Schicksal des Leichnams und die Bergung

Nach dem tödlichen Schusswechsel blieb die Region um den Hostomeler Platz für rund einen Monat unter russischer Besatzung. Kyrylos Leichnam lag zunächst tagelang unberührt auf der Dachterrasse des Gebäudes, bis die russischen Soldaten ihn schließlich einfach vom Dach in den Wirtschaftshof hinunterwarfen. Seine Kameraden beobachteten die Szene in den folgenden Wochen beinahe täglich verzweifelt mittels eigener Aufklärungsdrohnen aus der Ferne. Obwohl die Einheit unzählige Versuche unternahm, den Körper ihres gefallenen Anführers zu bergen, war dies aufgrund der permanenten Präsenz und der Stellungen der russischen Truppen auf dem Hof absolut unmöglich. Erst nach dem vollständigen russischen Rückzug und der offiziellen Befreiung von Hostomel und Butscha konnten die Männer das Gelände am 4. April endlich betreten, Kyrylos Körper evakuieren und ihn im Kreis seiner Familie würdig bestatten.


5. Die Perspektive der Mutter und tiefe Dankbarkeit gegenüber Deutschland

Kyrylos Mutter ist seit über 30 Jahren als professionelle Architektin tätig. Kurz vor dem Kriegsausbruch, um den 20. Februar 2022, war sie mit ihren Kollegen im Auftrag ihres Arbeitgebers zu einer Architektur-Fachmesse auf der Expo 2020 in Dubai gereist. Dort erlebte sie den Beginn der Invasion. Ihr Sohn Kyrylo untersagte ihr sofort kategorisch die Rückkehr in das umkämpfte Land. Sie folgte seinem Rat, flüchtete zu Freunden nach Polen und verbrachte dort ein halbes Jahr. Lediglich im April kehrte sie unter Schock für wenige Tage in die Ukraine zurück, um der Beerdigung ihres Sohnes zu organisieren, bevor sie sich im Oktober 2022 endgültig entschied, permanent in ihre Heimat zurückzukehren und wieder als Architektin vor Ort zu arbeiten.

„Er wollte kurz vor dem Krieg unbedingt, dass ich und meine Schwester die Ukraine verlassen. Und sehr viele Militärs, die sich hier aktiv auf den Widerstand vorbereiteten, wollten, dass ihre Angehörigen, ihre Familien die Ukraine verlassen und an sicheren Orten sind. Und deshalb hat er mir einige Adressen vorbereitet, wohin ich fahren kann. Das ist die Westukraine, das ist unser Freund in Polen, das ist in der Oblast Schytomyr irgendein Dorf, das schon in den ersten Tagen eingenommen wurde. Er lachte später, dass er dachte, der Angriff würde von Osten kommen, aber sie kamen von Norden. Ein bisschen anders war das alles. Jeden Tag kommunizierten wir mit ihm, er schrieb mir, nahm im Telegram Audionachrichten auf. Er verstand, dass der Krieg unvermeidlich war, aber hoffte bis zuletzt, dass der gesunde Menschenverstand siegt und sie den Krieg nicht beginnen.“

Das psychologische Trauma über den Verlust ihres Sohnes war so schwerwiegend, dass sie die Nächte unter totaler Schlaflosigkeit verbrachte.

„Zum Glück habe ich sehr nahe Menschen, Verwandte. Vater, Schwester, die mich sehr unterstützt haben, Freunde. Danach machte ich noch eine psychologische Rehabilitation durch. Ich hatte Glück, dass es gute Psychologen gab, aber ich musste mich auch an einen Psychiater wenden, zu Antidepressiva für eine gewisse Zeit, weil ich überhaupt aufhörte zu schlafen. Stück für Stück.“

Das Interview nutzt die Mutter für einen persönlichen, emotionalen Danke an Deutschland:

Ich möchte Deutschland und den deutschen Bürgern meine tiefste Dankbarkeit für die gesamte Hilfe ausdrücken. Genau in diesem Moment befindet sich mein Schwiegersohn – der Ehemann meiner Schwester – im Krankenhaus in Kassel. Er wurde an der Front extrem schwer verwundet, von deutschen Stellen zur medizinischen Behandlung aufgenommen und mit einem speziellen Evakuierungstransport direkt dorthin ausgeflogen.“


6. Das Denkmal und die Symbolik des Grabes

Zum Abschluss des Gespächs blickt die Evgenia auf Kyrylos Grabstelle, die sie nun besucht, um eine Kerze zu entzünden. Das Denkmal unterscheidet sich optisch fundamental von den klassischen, schweren Gräbern auf dem Friedhof. Es wurde ein sehr individuelles, filigranes und leichtes Design gewählt.

Das von ihr gestaltete Grab ziert ein markanter ukrainischer Dreizack (Tryzub), dessen historische Form explizit der Symbolik der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) nachempfunden ist. Diese bewusste Wahl unterstreicht Kyrylos ideologisches Erbe und seinen lebenslangen Kampf gegen die russische Vorherrschaft. Auf der Rückseite des Grabkreuzes ließen die Hinterbliebenen eine Inschrift einmeißeln, die exakt einem persönlichen Tattoo entspricht, das Kyrylo zu Lebzeiten auf seinem Arm trug. Es handelt sich dabei um den biblischen Psalm 23 (den Psalm Davids):

Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal der Todesschatten, was sollte ich fürchten? Denn der Herr ist mit mir.“