PROCIV Eine selbstorganisierte Bürgermiliz schießt Shahed vom Himmel

Hat nicht geklappt: Mein Angebot, drei Kästen Bier für diese Shahed. Die selbstorganisierte Bürgermiliz hat drei Shahed-Drohnen in einer Nacht abgeschossen, eine improvisierte Basis im Wald und eine Stromleitung, die über anderthalb Kilometer privat verlegt wurde: Ein Bericht aus der ukrainischen Woronkiw-Gemeinde zeigt, wie der zivile Widerstand abseits staatlicher Budgets funktioniert.

1. Die Beute der Nacht: Drei abgeschossene Shaheds im Wald

Der morgendliche Kampfeinsatz der mobilen Gruppe verlief überaus erfolgreich und dauerte bereits seit 3:30 Uhr in der Nacht an. Insgesamt gelang es der Einheit, an diesem Tag drei russische Shahed-Kamikaze-Drohnen zu vernichten. Während des heftigen Gefechts schlug eine der Drohnen in einer unmittelbaren Entfernung von nur 10 Metern ein. Die getroffenen Wrackteile blieben nach dem Abschuss in den Baumkronen hängen, während die Stellung noch von dichtem Rauch und glimmenden Bäumen umgeben war.

Wir haben, sagen wir mal so, ergebnisreich, drei Shaheds vernichte, die aus der Donbas-Region kamen.“

Wieland Giebel schlug den Männern halb scherzhaft einen Tausch vor:

Können wir diese Shaed für das Ukraine Museum in Berlin haben? Ich gebe drei Kästen Bier…“

 

2. Der 24. Februar 2022: Raketeneinschläge und der improvisierte Aufbau

Der Oberstleutnant betont unumwunden, dass die lokale Bevölkerung vor dem 24. Februar 2022 absolut nicht auf einen umfassenden Krieg vorbereitet war. Die ersten Raketenschläge auf eine nahegelegene Flugabwehr-Stellung in 7 Kilometern Entfernung erfolgten um 4:45 Uhr morgens völlig überraschend. Niemand im Land hatte mit dem Ausbruch einer solchen Tragödie gerechnet.

Das politische russische Narrativ, wonach russische Staatsbürger auf dem Territorium der Ukraine systematisch unterdrückt oder herabgewürdigt würden, bezeichnet der Offizier als „völligen Schwachsinn“ – als direkte Folge der Invasion seien stattdessen nun die russischen Friedhöfe mit frischen Leichen und Flaggen überfüllt.

Nein. Wir waren definitiv nicht bereit für den Krieg, eindeutig. Das war alles gleichsam spontan, und buchstäblich… um 15 Minuten vor 5 Uhr morgens schlugen die ersten Raketen bei der Fla-Raketen-Abteilung ein, die sich 7 Kilometer von hier befindet. Das waren S-300.

Das wusste niemand. Selenskyj wusste es nicht. Oder hat sich vielleicht dumm gestellt, ich weiß nicht. Wir lebten in einem normalen Land. In einem normalen, wo man Russisch, Jüdisch, Deutsch, Englisch sprach, die ukrainische Sprache. Verstehen Sie? Niemand, niemanden, nichts. Allen tat das gut. Die Hauptsache ist, wir verstehen einander. „Und es kam so, als hätten wir ein solches gesellschaftliches Klima geschaffen, welches russische Staatsbürger auf dem Territorium der Ukraine herabwürdigt/einschränkt. Das ist doch Schwachsinn. Wir leben zusammen, und wir dachten nicht, dass ein großer Krieg daraus entstehen wird. Manche Politiker nutzen dieses Thema des angeblichen Schutzes russischer Staatsbürger. Man müsse russische Staatsbürger vor den Ukrainern schützen. Aber die russischen Friedhöfe, sie sind jetzt  überfüllt. Überfüllt mit Flaggen, überfüllt mit Leichen und so weiter.“

Initiator des Verteidigungsprojekts vor Ort ist der ehemalige Oberstleutnant selbst, der im Jahr 2011 aus dem aktiven Dienst ausgeschieden war. Da den Männern schon früh klar war, dass man die Bevölkerung auf den anhaltenden Widerstand vorbereiten muss, errichteten sie in den ersten Monaten der Invasion eine komplette Verteidigungsbasis inklusive Schulungsräumen im Wald – vollständig aus eigenen privaten Mitteln und ohne einen einzigen Kopeken an staatlicher Finanzierung. 

Ohne einen einzigen Kopeken an staatlichen Mitteln. Wir haben, einen Unterrichtsraum gebaut, wo wir die Bevölkerung ausgebildet haben. Ich bin ein ehemaliger Militärangehöriger. Ausgeschieden im Jahr 2011, Oberstleutnant. Aber wir verstanden schon damals, dass man die Bevölkerung auf den Widerstand vorbereiten muss. Hier haben wir den Unterricht durchgeführt. Wir bereiteten die Basis vor, legten Lebensmittel-Verstecke für den Fall schlechterer Situationen an. Bis jetzt sind noch nicht alle ausgegraben. In den ersten Monaten wusste niemand, wie das ausgehen wird. Auf diesen Tischen bauten sie Gewehre zusammen und auseinander. Das heißt, das allerschlichteste Elementare.“

Am Tag des Interviews wird die mühsam errichtete Infrastruktur regulär dafür genutzt, um aktive Militärangehörige der Streitkräfte der Ukraine für den modernen Kampf auszubilden.

 

Mein Adviser und gleichzeitig „Konkurrent“. Yuriy Bilovus ist immer auf der Suche nach Exponaten für das Nationale Museum zur Militärgeschichte in Kyiv, ich für das Ukraine Museum im Berlin Story Bunker.

3. Autarke Logistik: Anderthalb Kilometer Kabel und ein Erdbunker

Die logistische Versorgung des Stützpunkts wurde komplett dezentral organisiert: Die anderthalb Kilometer lange Stromleitung zur Basis wurde ohne staatliche Hilfe, lediglich mit logistischer Unterstützung des Chefs des lokalen Boryspiler Stromnetzes (RES), direkt von einem privaten Stromzähler des Oberstleutnants durch den Wald gezogen. Zudem wurde eine 14 Meter tiefe Brunnenbohrung vorgenommen, um die Wasserversorgung über eine eigene Pumpe sicherzustellen.

Und die Versorgung mit Strom, ist das ein Geheimnis? Nein, kein Geheimnis, es gibt nichts Geheimes. Die Leitung wurde gezogen. Anderthalb Kilometer Leitung, ja. Eins und anderthalb Kilometer von der Leitung. Wir haben eine Brunnenbohrung gemacht. 14 Meter Brunnenrohr/Rinne bohrten den Brunnen. Es gibt Wasser, Spannung ist da, die Pumpe läuft.“

Zum Schutz vor Angriffen wurde ein unterirdischer Bunker aus Zwei-Meter-Betonringen in den Erdboden eingelassen. Nachträglich bauten herbeigezogene reguläre Militäreinheiten zudem eine eigene Banja (Sauna) für die stationierten Männer auf. Auf dem Gelände existieren insgesamt vier separate Mannschaftsbaracken, die über voneinander getrennte Energieversorgungen verfügen, damit bei einem feindlichen Treffer auf eine Baracke nicht das gesamte Stromnetz kollabiert.

Die Basis bietet Platz für viele Personen und wird intensiv für Granaten-Wurfdrills sowie das schnelle, taktische Stürmen und Verlassen von Gebäuden genutzt. Die dort stationierten ukrainischen Soldaten befanden sich zum Zeitpunkt des Gesprächs auf einem nahegelegenen Truppenteil zur Übung.

Das ist kein Rohr, sondern so ein Erdkeller dort. Zwei-Meter-Ringe, da ist ein ganzer Bunker drin. Eine Sauna (Banja) haben sie für die Jungs gebaut. Das kam dann dazu, das haben schon die Militärs herbeigezogen. Von solchen haben wir hier vier Stück. Der erste Bunker war für zehn Personen, dieser ist für zweihundert Personen. Das hier war fürs Training, für den Granateneinsatz, für das schnelle Hineingehen und Herauskommen vor Granaten.“

Teile abgeschossener Rakten werden im Wald gesammelt. Die Verteidigungsstation liegt vor Kyiv. Die Drohnen kommen meist aus Richtung Krim.

4. Die Jagd am Himmel: Das „Virage“-System und technische Parameter

Bei der gezielten Jagd auf die russischen Kamikaze-Drohnen verfügt die mobile Einheit vor Ort über keinerlei eigene Scanner oder Radarsysteme. Die operative Luftraumüberwachung basiert stattdessen auf einer speziellen, ukraineweiten IT-Lösung. Dieses System speist die Flugdaten mit einer minimalen Verzögerung von lediglich 20 bis 30 Sekunden ein und ist für alle Einheiten transparent einsehbar.

Aha. Zwei Shaheds nähern sich. Jet-Shaheds. Hochgeschwindigkeits-Drohnen. Mit mehr als 300 km pro Stunde fliegen sie da.“

Sie haben keinen Scanner. Die ukrainische Armee hat verschiedene Arten von IT-Lösungen, an die sie angeschlossen sind. 

[Ich durfte kein Foto machen und habe auch im Internet keins gefunden. Man sieht ein klares Bild mit dem Typ der angreifenden Waffe, der Geschwindigkeit und dem bisher zurückgelegten, oft kurvigen Weg.)

Die technischen Parameter der modernen Drohnenjagd verdeutlichen das Dilemma der Verteidiger: Hochgeschwindigkeits-Jet-Shaheds fliegen mit über 300 Kilometern pro Stunde in einer maximalen Höhe von 3.500 bis 4.000 Metern. Gewöhnliche Shahed-Drohnen erreichen diese extremen Höhen nicht. Ein Abfangen in solchen Höhen ist für die mobilen Bodengruppen unmöglich: Ukrainische Hubschrauber können feindliche Drohnen nur bis zu einer Flughöhe von maximal 3.000 Metern bekämpfen. Ein Abschuss bei einer Flughöhe von beispielsweise 5.000 Metern erfordert zwingend den strategischen Einsatz von Kampfflugzeugen, da Hubschraubermotoren in diesen Höhen unter akutem Sauerstoffmangel leiden und versagen.

 

Der Shahed Motor: DS35MG 35 kg wasserdichtes Servo 180 ° /270 ° Vollaluminiumgehäuse, Edelstahlgetriebe mit hohem Drehmoment. Kann man für 25,99 € bei Ali Express in China bestellen. Produkt Verkaufsargument auf der Website von AliExpress: Stahlgetriebe: Zuverlässiges Stahlgetriebe für präzise Steuerung. Wasserdichter Servo: Beständig bei extremer Feuchtigkeit und explosionsgeschützt. Hochleistungsservo: Hoher Drehmoment für stabile Leistung bei Belastung.

5. Dualer Meldeweg der Abschüsse

Im Falle eines erfolgreichen Abschusses oder bei einer Schussabgabe greift ein streng reglementierter, dualer Meldeweg. Die DFTG [Freiwilligenverband der Territorialverteidigung] untersteht administrativ – sprich bezüglich Personal, Waffen und Munition – der 112. Kyiver Brigade der Territorialverteidigung. Operativ und taktisch ist die mobile Gruppe jedoch direkt dem regionalen Gefechtsstand im Raum Perejaslaw unterstellt, an den jeder Munitionsverbrauch und jeder Drohnenkontakt in Echtzeit übermittelt werden muss.

Die DFTGs  in unserer Region sind unterstehen alle der 112. Kyiver Brigade. Jede hat ihren eignen Gefechtsstand. Wir berichten über abgeschossene Shaheds, selbst wenn wir einfach nur das Feuer eröffnet haben, dann berichten wir, weil wir die Patronen von diesem Truppenteil erhalten. Genau damit beschäftige ich mich jeden Tag, schreibe den Bericht, sowohl dorthin als auch hierher.“

6. Die demografische Realität: „Jungs haben wir praktisch keine mehr“

Die personelle Zusammensetzung der Freiwilligentruppe spiegelt den enormen Tribut des langjährigen Krieges wider. Bei der offiziellen Gründung der DFTG im März 2022 umfasste der Personalstamm der Woronkiw-Gemeinde noch über 2.000 registrierte Freiwillige im aktiven Stab. Im Laufe des Jahres 2023 kam es jedoch zu einem massiven personellen Aderlass, da fast alle jungen und fitten Männer in großen Gruppen direkt in die reguläre ukrainische Armee eingezogen wurden.

Der aktuelle Personalbestand der Freiwilligengruppe besteht daher fast ausschließlich aus älteren Männern im Alter des Kommandeurs oder bereits pensionierten Rentnern. Die wenigen verbliebenen jüngeren Männer werden nach Möglichkeit geschont und nicht auf Positionen gerufen, da sie drei oder mehr Kinder versorgen und parallel arbeiten müssen. Erst vor einem Monat wurden wieder zwei Männer eingezogen, nachdem deren beruflicher Aufschub (die offizielle Freistellung) durch einen Arbeitsplatzwechsel erloschen war.

7. Ausrüstungsmangel und rechtlicher Status der Bürgermiliz

Der materielle Mangel ist allgegenwärtig: Die ukrainische Armee stellt den Freiwilligenformationen ausschließlich Handgranaten und Maschinengewehre zur Verfügung. Die gesamte restliche Schutzausrüstung – darunter Schutzwesten, Helme, Fahrzeuge und sogar die für die nächtliche Drohnenjagd essenziell wichtigen Wärmebildvisiere – muss komplett privat finanziert oder mühsam über europäische Spenden angefordert werden. Ein weiteres schweres Maschinengewehr der Basis kann aktuell überhaupt nicht eingesetzt werden, da kein passendes Visier dafür existiert.

Trotz der Materialengpässe ist der Waffenbesitz der Männer vollkommen legal und staatlich reguliert. Die Freiwilligen besitzen offizielle Dienstausweise der DFTG, in denen ein separates Beilageblatt mit der exakten Seriennummer der vom Armeekommando zugewiesenen Militärwaffe eingeklebt und gestempelt ist. Eine DFTG gilt per Gesetz als offizielle Freiwilligenformation, besitzt jedoch nicht den Status einer eigenständigen juristischen Person.

Die Bewaffnung durchlief seit 2022 eine deutliche Evolution: In den ersten Tagen des Krieges wurden den Freiwilligen (unter anderem im Kyiver Bezirk Obolon) im totalen Chaos eilig alte Polizeimaschinenpistolen direkt von Lastwagen gegen bloße Vorlage des zivilen Passes ausgegeben. Ende April 2022 wurden diese unregistrierten Waffen wieder eingesammelt und geordnet durch strukturierte Waffen des übergeordneten Bataillons ersetzt – heute läuft die Zuweisung von Waffen und Munition streng bürokratisch über Lieferscheine und offizielle Militärprotokolle ab.

Hier ist so ein Ausweis. Und darin ist, schau mal, sogar ein Beilageblatt mit der Nummer der Waffe eingeklebt, die zugewiesen ist. Hier bei uns zum Beispiel hat sich die Waffe dreimal geändert.  Alles hat sich geändert. Jetzt kommunizieren schon größere Chefs der Territorialverteidigung (TRO) und der Logistik mit uns, erzählen uns, wie man die Waffen und Patronen abschreibt…“

8. Porträt des interviewten Gruppenmitglieds

Das interviewte Gruppenmitglied ist im zivilen Leben als selbstständiger Architekt tätig und führt sein eigenes Einzelunternehmen (FOP), weshalb er seine Dienstzeiten an der Waffe flexibel einteilen kann. Als weitreichende persönliche Hintergrundinformation stellt sich im Gespräch heraus, dass der Mann in seiner zweiten Ausbildung ein hochqualifizierter Ingenieur-Mechaniker für Flugzeuge und Flugzeugtriebwerke ist – eine zivile Expertise, die ihm bei der technischen Analyse der vom Himmel geholten Drohnen im Wald von Proziw sichtlich zugutekommt.

Auf der Arbeit zeigt man Verständnis? Nun, ich bin mein eigener Herr. Ich habe mein eigenes Einzelunternehmen. Ich beschäftige mich mit Architektur. Und eigentlich bin ich von Beruf Ingenieur-Mechaniker für Flugzeuge und Flugzeugtriebwerke.“

 

Anhang: Virage und DELTA

Das digitale Gefechtsführungssystem Delta hat sich zu einem zentralen Instrument der ukrainischen Streitkräfte entwickelt. Militäranalysten schreiben ihm einen wesentlichen Anteil an der verbesserten Koordination ukrainischer Operationen zu. Das System vernetzt Aufklärung, Drohnen, Artillerie und Führungsebenen auf einer gemeinsamen Plattform und ermöglicht dadurch eine schnellere Reaktion auf Entwicklungen auf dem Gefechtsfeld.

 

DELTA am Monitor in der Gefechtszentrale. Quelle: Verteidigungsministerium der Ukraine

Zu den wichtigsten Komponenten gehört eine digitale Lagekarte, auf der eigene Kräfte, erkannte gegnerische Ziele und laufende Operationen nahezu in Echtzeit dargestellt werden. Ergänzt wird das System durch verschlüsselte Kommunikationskanäle, die direkte Übertragung von Drohnenbildern sowie Werkzeuge zur Zielerfassung und Einsatzplanung.

 

Oberst Volodymyr Polevyi bei der Eröffnung des Ukraine Museums im Berlin Story Bunker am 24. Februar 2026

Oberst Wolodymyr Polevyi vom 7. Schnellen Reaktionskorps der ukrainischen Armee gehört zu den Offizieren, die Delta täglich im Fronteinsatz nutzen. Nach seinen Schilderungen bündelt die Plattform Informationen aus verschiedenen Quellen und schafft dadurch ein gemeinsames Lagebild für die beteiligten Einheiten. Dies erleichtere sowohl die Abstimmung zwischen benachbarten Verbänden als auch die Kontrolle laufender Operationen.

Militärexperten sehen den größten Vorteil des Systems in der Beschleunigung der Entscheidungs- und Wirkungskette. Erkennt beispielsweise eine Aufklärungsdrohne ein feindliches Ziel, können die gewonnenen Daten unmittelbar an Kommandeure, Artillerieeinheiten oder Drohnenpiloten weitergegeben werden. Dadurch verkürzt sich die Zeitspanne zwischen Zielerfassung und Bekämpfung erheblich.

 

DELTA auf dem Tablet an der Front. Quelle: Verteidigungsministerium der Ukraine

Vor der Einführung solcher digitaler Systeme mussten Informationen häufig über Funk und mehrere Führungsebenen weitergegeben werden. Dies führte nicht selten zu Verzögerungen. Delta soll diese Abläufe deutlich effizienter gestalten und den ukrainischen Streitkräften ermöglichen, schneller auf Veränderungen an der Front zu reagieren.

Nach Einschätzung verschiedener Beobachter verbessert das System sowohl die operative Planung als auch die Fähigkeit, Schwachstellen gegnerischer Verbände zu erkennen und gezielt auszunutzen. Damit gilt Delta inzwischen als einer der wichtigsten Bausteine der ukrainischen vernetzten Gefechtsführung.

Nach Angaben von Oberst Wolodymyr Polevyi sowie Berichten von Jeanne Plaumann und Julius Nieweler (BILD, 29. Mai 2026) entwickelte sich das Gefechtsführungssystem Delta zu einem zentralen Führungs- und Koordinierungsinstrument der ukrainischen Streitkräfte.

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Der Hauptunterschied zwischen Delta und Virazh (oft Virazh-Tablet genannt) liegt in ihrem Einsatzzweck und Spezialisierungsgrad auf dem Schlachtfeld: Delta ist ein allumfassendes, digitales Ökosystem für die gesamte Operationsführung (BMS), während Virazh eine hochspezialisierte Software ist, die primär für die Überwachung des Luftraums und die Flugabwehr (PPO) entwickelt wurde. Zusammen mit der Artillerie-Software „Kropyva“ gehören beide zu den drei am häufigsten genutzten digitalen Kampfsystemen der ukrainischen Streitkräfte.

Das Delta-System: Die Allumfassende Lagekarte
Delta ist ein cloudbasiertes Battle Management System (BMS) und Lagezentrum, das nach NATO-Standards entwickelt wurde. Es fungiert im Grunde wie ein hochsicheres, militärisches „Google Maps“ für die gesamte Front.
  • Der Fokus: Maximales Situational Awareness (Situationsbewusstsein) für Kommandeure aller Ebenen.
  • Datenquellen: Es führt Daten aus hunderten unterschiedlicher Quellen zusammen: Satellitenbilder, Drohnen-Livestreams, Radaraufzeichnungen, menschliche Spionageberichte und sogar Chat-Meldungen.
  • Funktionsweise: Delta zeigt auf einer digitalen Karte in Echtzeit an, wo sich eigene Truppen und wo sich verifizierte feindliche Stellungen, Panzer oder Lager befinden. Es berechnet Angriffszyklen und verkürzt die Zeit von der Entdeckung eines Ziels bis zum Beschuss auf wenige Minuten.
  • Integration: Inzwischen ist Delta KI-gestützt (erkennt Feindgerat automatisch in Videos) und wurde vom Verteidigungsministerium als einheitliche Plattform für den gesamten Datenaustausch vorgeschrieben.
Virazh (Virazh-Tablet): Der Spezialist für den Luftraum
Virazh (ukrainisch: Віраж-планшет) ist ein spezialisiertes Subsystem zur Automatisierung der Luftabwehr und Steuerung der Luftwaffe.
  • Der Fokus: Erfassung, Analyse und Visualisierung der taktischen Luftlage.
  • Datenquellen: Es speist sich primär aus militärischen Radarsystemen, Funkortung, elektronischer Kriegsführung und den akustischen/visuellen Sensoren zur Verfolgung von Luftzielen. [
  • Funktionsweise: Virazh bereitet die Flugbahnen von feindlichen Marschflugkörpern, Drohnen (z. B. Shahed-Typen) und Kampfflugzeugen digital auf einem Tablet oder Bildschirm auf. Es dient den Luftverteidigungs-Besatzungen dazu, Bedrohungen frühzeitig zu sehen, Flugkorridore zu berechnen und Abfangmaßnahmen zu koordinieren.
  • Struktur: Das System ist ein Konglomerat aus rund 50 miteinander kommunizierenden Programmen (z. B. Virazh-ZRV für die Flugabwehr-Raketentruppen oder Virazh-RD für Gefechtssimulationen).

Die Unterschiede im direkten Vergleich
Merkmal [1234567891011] Delta Virazh (Virazh-Tablet)
Hauptdomäne All-Domain (Boden, See, Luft, Cyber) Luftraum (Luftwaffe & Flugabwehr)
Primäres Ziel Gesamtes Lagebild & Verkürzung der „Kill Chain“ (Angriffskette) Tracking von Flugobjekten & Verteilung von Luftzielen
Nutzer Infanterie, Drohnenpiloten, Generäle, Artillerie Luftverteidigung (Flugabwehr-Besatzungen, mobile Trupps)
Datenfokus Stationäre & mobile Bodenziele, Befestigungen, eigene Einheiten Dynamische Flugbahnen, Raketenstarts, Drohnenflüge
Wie sie zusammenarbeiten
Die Systeme existieren nicht isoliert voneinander. In der modernen ukrainischen Kriegsführung (Network-Centric Warfare) fließen die spezialisierten Daten aus Virazh oft direkt über Schnittstellen (wie standardisierte NATO-Datenlinks) in das übergeordnete Delta-System ein. Dadurch sieht ein Kommandeur im Delta-Hauptquartier nicht nur die Schützengräben am Boden, sondern zeitgleich auch die von Virazh erfassten russischen Marschflugkörper am Himmel.