Feldbericht: „Mit dem Taxi in den Krieg“ – Die Verteidigung von Kiew, Hostomel und Moschtschun
Ein exklusiver, ungeschönter Augenzeugenbericht aus den ersten Wochen der russischen Invasion 2022. Ein Blick hinter die Kulissen des Chaos, der informellen Einheiten und des erbitterten Widerstands vor den Toren der ukrainischen Hauptstadt. Dieser Bericht vom 28. April 2026 um 16 Uhr bewahrt die ungefilterten Schilderung der historischen Ereignisse. Wie die meisten Mitarbeiter des militärischen Geheimdienstes ist auch „der Erzähler“ vom HUR etwas öffentlichkeitsscheu. Grygorii Palii hat gefragt.
1. Die Tage vor dem Sturm: „Schaschlik im Kopf“
In den Monaten und Wochen vor dem eigentlichen Angriff herrschte in weiten Teilen der Ukraine eine trügerische Ruhe, die direkt von der politischen Führung genährt wurde.
„Selenskyj sagte, dass es in der Zukunft Schaschlik geben wird. Er beruhigte sich und die Lage. Das führte dazu, dass wir nicht rechtzeitig vorbereitet waren.“ „Die Menschen waren entspannt und bereiteten sich nicht auf etwas Ernstes vor. Aber in einem Moment, dann plötzlich, klick, und es stellte sich heraus, dass fast alle bereit waren, und alles ging los.“
Selbst unter denjenigen, die bereits militärische Erfahrung besaßen oder sich in informellen Gruppen organisierten, war die Skepsis groß. Bereits Ende 2021 gab es zwar erste Mobilisierungen und Gefechtsabstimmungen auf Truppenübungsplätzen – nur zwei Tage nach der Hochzeit des Erzählers. Doch nach den Übungen kehrten alle zunächst in ihren zivilen Alltag zurück.
Am Abend des 21.Februar (oder unmittelbar vor dem Angriff) wurden die Männer auf der Rybalsky-Insel zusammengetrommelt, um Waffen in Empfang zu nehmen. Die Reaktion war von Alltagsskepsis geprägt:
„Ich dachte mir so: Ja, was für eine Invasion, morgen früh muss ich zur Arbeit, und fuhr nach Hause.“
Die Waffen blieben auf der Insel. In den Händen des Erzählers befand sich in dieser Nacht nur eine einzige Waffe: seine Ehren-APS-Pistole.
2. Der 24. Februar: Der Weckruf und die Fahrt im Taxi
Der Morgen des Angriffs begann für den Erzähler ohne den Lärm von Explosionen. Das böse Erwachen kam über das Telefon. Ein Freund rief an und sagte: „Mach dich bereit. Krieg.“
„Ich war ein bisschen schockiert. Sofort fing ich an, mich aufzurappeln.“
Da der Erzähler zu diesem Zeitpunkt kein eigenes Auto besaß, versuchte er, ein Taxi zum Treffpunkt zu rufen. Doch in Kiew war bereits die Panik ausgebrochen; reguläre Taxidienste funktionierten nicht mehr. Er lief auf die Straße, hielt ein privates Fahrzeug an, das ihn zur nächsten Metro-Station brachte, und fuhr von dort zur Station Poschtowa. Dort traf er auf eine Gruppe anderer Militärs. Durch die massiven Staus hindurch schlug er sich schließlich bis nach Hostomel durch.
„Und deshalb habe ich diesen Witz parat, dass ich zum Krieg nach Hostomel mit dem Taxi gefahren bin.“
3. Hostomel: Unvorbereitete Stellungen und der Kampf im Chaos
Bei der Ankunft in Hostomel offenbarte sich das ganze Ausmaß der unkoordinierten Anfangsphase. Die anderen Kämpfer waren mit einem BTR und zivilen Autos einige Stunden früher eingetroffen. Noch während die russische Luftlandung in vollem Gange war, stritt sich der Erzähler im Chaos mit einem Kameraden über einen fehlenden Gewehrriemen.
Die Professionalität der regulären Einheiten vor Ort ließ in den ersten Stunden zu wünschen übrig:
„Ich habe mich auf dem Gelände der Nationalgarde noch sehr darüber geärgert, dass angeblich alle Bescheid wussten, aber keinerlei Stellungen vorbereitet waren. Das heißt, es gab überhaupt nichts für Schützengräben, und das hat mich, vielleicht, ein bisschen wütend gemacht.“
Plötzlich flog ein Hubschrauber an, der Kommandeur schrie „Luftgefahr!“ und alle warfen sich auf den Boden. Der Erzähler stand nur da und fragte sich, ob es eigene Flieger seien. Die Antwort der Kameraden war ernüchternd: „Es gibt keine eigenen Luftstreitkräfte.“ In diesem Moment wurde der Ernst der Lage bitterer Ernst.
- Mangelhafte Ausrüstung: Eine Kette von russischen Mi-8-Transporthubschraubern flog in extrem geringer Höhe an der Einheit vorbei. Der eigene BTR eröffnete das Feuer, doch nach nur wenigen Feuerstößen klemmte das großkalibrige Maschinengewehr der veralteten Technik .
- Keine Flugabwehr: Die Einheit besaß keinerlei Panzerabwehrlenkwaffen oder MANPADS zur Bekämpfung von Luftzielen. Die Hubschrauber, die an diesem Tag abstürzten, wurden von Nationalgardisten und SSO-Spezialkräften heruntergeholt, Special Forces.
Nach heftigem Beschuss durch die feindlichen Hubschrauber zog sich die Gruppe schließlich zurück und bezog eine neue Position am Kontrollpunkt „Myachyk“ (der Ball) an der Warschauer Chaussee. Zu diesem Zeitpunkt bestand die Truppe ausschließlich aus ehemaligen Militärs, die sich informell um den Kommandeur „Schaman“ gesammelt hatten.
4. Der Häuserkampf in Butscha: Von Haus zu Haus
Nach den ersten Tagen ordnete Kommandeur Schaman die Strukturen neu. Dem Erzähler wurde das Kommando über eine rund 20-köpfige Gruppe übertragen, die zum Teil aus jungen, noch nicht kampferprobten Freiwilligen der informellen Gruppe „Revansh“ bestand. Ihre Aufgabe war es, durch Irpin nach Butscha einzusickern und die Flanke zum Flugplatz hin abzuriegeln.
In Butscha stießen sie auf das Verwaltungsgebäude, das von allen regulären Truppen verlassen worden war. Nur zwei zivile Wachleute, bewaffnet mit einer einzigen Pistole, hielten dort noch die Stellung und hielten die anrückenden Ukrainer fälschlicherweise für Russen:
„Ich half ihnen vorsichtig und sagte: ‚Hört zu, Jungs, kommt mit, wir helfen euch jetzt.‘“
- Das Warten auf den Feind: Die Gruppe hielt das Gebäude tagelang und blickte von den oberen Stockwerken direkt auf den bereits russisch besetzten Flugplatz.
- Der gemeldete Durchbruch: Als die Meldung einging, dass russische BMD-Panzer [Gefechtsfahrzeug der Luftlandetruppen] in ihre Richtung durchgebrochen seien, sammelte sich die Truppe. Für die gesamte Gruppe stand jedoch nur eine einzige Panzerabwehrhandgranate vom Typ „Mukha“ zur Verfügung. Kurz darauf stießen SSO-Kräfte mit modernen „NLAWs“ und „Javelins“ hinzu. Zum direkten Kampf kam es für die Gruppe des Erzählers jedoch nicht – die russische Kolonne wurde von anderen Einheiten vollständig zerschlagen.
Aufgrund des enormen Drucks und der zahlenmäßigen Überlegenheit des Gegners in anderen Abschnitten wich die Gruppe schließlich über den Kreisverkehr und eine bereits zerstörte Brücke in Richtung Horenka aus.
5. Der Wendepunkt in Moschtschun und eine bizarre Anekdote
Moschtschun sollte sich als die entscheidende Bastion erweisen. Hätten die Russen das Dorf dauerhaft eingenommen, wäre der Weg nach Kiew sperrangelweit offen gewesen. Die 72. Brigade war zu diesem Zeitpunkt bereits heftig dezimiert und von Panik ergriffen, als die Russen den Fluss forcierten. Die Gruppe des Erzählers rückte bei Dunkelheit gemeinsam mit den ersten Kämpfern der Internationalen Legion ein, um Moschtschun zu säubern.
Drei erfahrene Männer wurden zur Aufklärung an den Fluss vorgeschickt. Sie gerieten unter Scharfschützenfeuer und mussten sich stundenlang bei eisigen Wintertemperaturen in einem Graben durch hüfttiefes Wasser vorwärtskämpfen, während die Gruppe ihnen Feuerschutz gab.
Der Erfolg in Moschtschun basierte maßgeblich auf dem Zusammenbruch der russischen Logistik. Die vom Feind ausgelegten Pontonbrücken wurden methodisch von der ukrainischen Artillerie zerstört. Das Gelände war von Hostomel aus extrem offen und einsehbar:
„Dort, wo wir Stellung hielten, konnte man die Russen mit optischen Geräten sehr gut ausmachen. Wenn ich zum Beispiel sehe, dass eine Gruppe von 20 Mann den Fluss überquert, fragst du nicht erst lange den höheren Vorgesetzten, was zu tun ist. In so einer Situation müssen wir selbst die Entscheidung treffen – und schon schlägt es dort ein.“
Die Elitesoldaten und die Gier nach Alkohol
Die russischen Truppen an dieser Frontlinie bestanden aus hochdekorierten Marineinfanteristen mit Einsatzerfahrung in Syrien. Sie führten Spezialwaffen wie das VSS-Scharfschützengewehr mit sich. Nach einem der Gefechte plünderte die ukrainische Einheit eine ausgeschaltete russische Gruppe und stieß dabei auf eine völlig absurde Entdeckung:
„Einer von uns ging durchsuchen. Nahm einen toten Gegner aus. Begann ihn zu durchsuchen. Und bei ihm gibt es keine hintere Platte in der schußsicheren Weste. Er zog die hintere Platte heraus. Aber das Schwein hatte irgendwo Alkohol geklaut und im Rucksack. Die Tasche war voller Alkohol. Aber um sich das Leben leichter zu machen, nahm er die hintere Platte heraus. Ernsthaft? Ja. Das ist eine sehr dumme Geschichte.“
6. Das Geheimnis des Staudamms und der unzerbrechliche Widerstand
Ein vieldiskutiertes Rätsel der Kyiwer Verteidigung ist die Sprengung bzw. Öffnung des Staudamms, die das Umland überflutete und den russischen Vormarsch endgültig stoppte. Während in offiziellen Büchern – wie dem von General Syrskyj – von einem strategischen Befehl von oben die Rede ist, sah die Realität an der Basis anders aus.
Es war die Initiative eines einzelnen Zivilisten:
„Als wir am ‚M’yachyk‘ saßen, kam ein Mitarbeiter dieses Staudamms zu Schaman und sagte: ‚Sehen Sie, ich kann ihn öffnen, damit die Russen dort alle ersaufen.‘ Und Schaman ging damals schon los, um das Okay für die Öffnung dieses Staudamms zu kriegen.“
Dieser zivile Sabotageakt besiegelte das Schicksal der russischen Offensive in diesem Sektor. Durch die Überflutung des Irpin-Flusses wurde die russische Überquerung weggespült. Der Feind saß in der Falle und musste fluchtartig durch das offene Feld abziehen. Am Ufer blieb tonnenweise Ausrüstung, Chaos und weggeworfene Waffen zurück.
Der Einmarsch in das befreite Butscha
Der Erzähler und sein Kommandant „Philosoph“ gehörten zu den allerersten ukrainischen Kämpfern, die den abziehenden Russen auf den Fersen folgten und Butscha wieder betraten. Sie waren die Ersten, die mit den grauenvollen Bildern konfrontiert wurden, die kurz darauf die ganze Welt schockierten.
Am Ende dieses ersten Monats voller Entbehrungen, in dem der Erzähler seine Frau nach Dänemark evakuieren musste und seine Eltern im umkämpften Mykolajiw zurückblieben, wich der anfängliche Schrecken dem unerschütterlichen Glauben an den Sieg.
Besonders der Geist der unbewaffneten Bevölkerung hinterließ tiefen Eindruck:
„Als wir nach Irpin einrückten, hatten Zivilisten einfach ihren eigenen Kontrollpunkt eingerichtet. Ich sah bei ihnen vorbereitete Flaschen mit Molotow-Cocktails, irgendwelche Zweiläufer [Flinten]. Ich verstehe, dass das Volk bereit ist, den Feind mit Molotow-Cocktails zu empfangen. Was soll man da erst über das Militär sagen. Es war so ein ungeheurer Aufschwung des Kampfgeistes, den ich sah.“