HOSTOMEL Serhij Falatyuk rettet Kyiv. Er schießt den ersten Ka-52 ab.

Als 40 feindliche Hubschrauber den Himmel über Hostomel verdunkelten, schien der Fall Kyivs unausweichlich. Doch der 25-jährige Unterleutnant Serhij Falatyuk trat mutig auf das Rollfeld und drückte ab. Sein Schuss brach den russischen Blitzkrieg, rettete die Ukraine.

Der erste Schuss: Wie ein 25-jähriger Unterleutnant in Hostomel den russischen Blitzkrieg auf Kyiv brach

„Ich rannte mit dem Rohr um das Gebäude herum diesen Hubschraubern hinterher, zusammen mit den Jungs, und dachte mir so: „Hoffentlich sterbe ich nicht gleich am ersten Tag des Krieges.“ Ich sagte mir, dass hier noch so viel Interessantes passieren wird; wenn ich sterbe, ist das ein Fiasko, ich verpasse alles. Aber Gott sei Dank sind alle zurückgekehrt, alle sind am Leben und gesund.“

Der 24. Februar 2022 markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Ukraine. An diesem Tag der großangelegten Invasion wurde der Antonow-Flugplatz in Hostomel zum primären Ziel der russischen Armee. Über diese strategische Luftbrücke wollte sie mit einem Blitzkrieg die Hauptstadt Kyiv einnehmen. Der Flugplatz wurde von mehreren Dutzend feindlichen Hubschraubern und Hunderten Fallschirmjägern angegriffen. Dass dieser Plan letztendlich scheiterte, ist dem mutigen Einsatz der ukrainischen Nationalgarde zu verdanken, deren verstärkte Kompanie den Durchbruch der russischen Landungstruppen verhinderte. In diesen entscheidenden Stunden der Weltgeschichte sticht ein Name besonders hervor: Serhij Falatyuk. Der damals 25-jährige Unterleutnant gab den ersten, alles entscheidenden Schuss ab.

Die Ankunft der „Alligatoren“

Serhij Falatyuk war Kommandeur eines Flugabwehrraketenzugs, dessen primäre Mission an jenem Morgen darin bestand, den ukrainischen Luftraum zu überwachen. Doch plötzlich tauchten hochmoderne russische Kampfhubschrauber des Typs KA-52 am Himmel über der Start- und Landebahn auf. Einheimische filmten aus ihren Wohnungsfenstern, wie sich mindestens 40 feindliche Maschinen wie ein dunkler Schwarm dem Aerodrom näherten.

Es war das erste Mal, dass die Verteidiger auf einen solchen Gegner trafen. Der junge Offizier erinnert sich an den surrealen Moment, als er die russischen Maschinen erblickte, die als schwer gepanzert und extrem bewaffnet galten: „Nun, es war so nach dem Motto: ‚Oh, wow, KA-52, die habe ich sonst nur auf einem Foto gesehen.‘“ Angst war in diesem Moment, glaube ich, nicht da. Angst kam auf, als sie begannen, uns zu stürmen und auf uns zu feuern. Es war weniger Angst als vielmehr ein Adrenalinrausch. Mit der Angst, na ja, das Adrenalin hat sie überlagert.“

Der entscheidende Schuss auf dem Rollfeld

Inmitten dieser Übermacht blieb keine Zeit zum Nachdenken. Serhij fasste sofort einen Entschluss und brüllte den Befehl: „Schuss, um zu töten!“ „Er flog direkt auf uns zu, auf unsere Position. Ich war mir zu 100 Prozent sicher, dass es nicht unser Fluggerät war. Ich beschloss sofort, dass wir den Feind vernichten würden“, schildert er den Moment.

Obwohl es eigentlich nicht seine direkte Aufgabe war, griff sich der Kommandeur ein tragbares, sowjetisches Flugabwehrraketensystem vom Typ „Igla“ und trat vollkommen ungeschützt aus dem Wald auf der anderen Seite des Turms auf die Landebahn. Die Waffe, deren Rakete allein 18 Kilogramm wiegt, kann Ziele in einer Höhe von bis zu dreieinhalb Kilometern treffen. Der Hubschrauber schob sich frontal bis auf knapp 500 Meter an ihn heran.

Seine Schilderung der folgenden Sekunden ist pure Dramatik: „Ich sah den KA-52, rannte zur Rakete, legte sie auf meine Schulter. Zog das Visier zurück, zog den Knopf zurück, zielte auf den Hubschrauber, sah, dass er sehr nah bei mir war, verfehlte ihn, drehte mich um und schoss ihm hinterher.“

Die Rakete schlug ein. Die völlige Zerstörung der Maschine entzauberte augenblicklich den Mythos der russischen Überlegenheit. „Es gab die Meinung, dass wir nicht in der Lage sein würden, sie so zu zerstören. Russland behauptete immer, so wie sie über sie schreiben, dass sie ‚keine Analoga hat‘, dass sie nicht runtergeholt werden kann, durch gar nichts“, erklärt Serhij. Die verkohlten und zerbrochenen Rotorblätter lagen noch lange auf dem Gelände. „Aber das Fahrgestell und ein Stück ihrer Panzerung, die übrig blieben, haben ihn nicht gerettet. Die tragbaren ‚Igla‘-Flugabwehrsysteme erwiesen sich als stärker als ihre Panzerung.“

Die psychologische Wende im Gefecht

Dieser erfolgreiche Abschuss wirkte wie ein elektrisierender Schock auf die ukrainischen Verteidiger. Serhij schrie seinen Kameraden zu: „Jungs, sie brennen, lasst uns loslegen. Alles wird gut für uns ausgehen.“

Dmytro, der Kommandeur einer Infanterieeinheit, beschreibt die euphorische Wende nach der rettenden Funkmeldung: „Als wir über Funk hörten, dass der erste Hubschrauber abgeschossen wurde, um ehrlich zu sein, da war so eine Freude, so nach dem Motto: Alles klar, das ist cool, klasse. Wir haben das überhaupt nicht erwartet. Alles war auf einmal so voller Kampfgeist. Die Aufregung war, dass alles vorbei war, sie waren tot.“

Der Mut des jungen Offiziers sicherte der Infanterie das Überleben. „Ohne ihn wären wir hier ziemlich niedergemacht worden“, gibt Dmytro unumwunden zu. Durch den Schock bei den Angreifern gewannen die Ukrainer die nötige Zeit, um ihre Kräfte zu entfalten, vorteilhafte Positionen einzunehmen und den Feind an den Zugängen mit ihren Flugabwehrkanonen festzunageln. Bis zum Ende des Gefechts holten die Soldaten der Nationalgarde unglaubliche sechs russische Hubschrauber vom Himmel.

Ein Leben für die Verteidigung

Serhijs Präzision war kein reines Glück, sondern das Ergebnis eiserner Disziplin. Bereits 2016 sammelte er mit gerade einmal 16 Jahren Kampferfahrung im Donbass. Da er mit 18 Jahren aus gesundheitlichen Gründen vom Militärdienst abgelehnt wurde, schloss er sein Universitätsstudium per Fernstudium ab. Für ihn war klar, dass er an die Frontlinie am Switlodarsker Bogen oder nach Mariupol gehörte. „Ich möchte einfach nur mein Land befreien und Frieden und Ruhe in unserem Staat schaffen“, fasst er seine Motivation zusammen.

Oleg Protsyuk, Rufname „Harbuz“, ist Stabschef der Flugabwehrraketendivision und ein Freund von Serhij. Er erinnert sich amüsiert daran, wie dieser sich im Vorfeld oft beklagt hatte. Da es keine echten Einsätze gab, schlug der 25-Jährige vor, zur Infanterie oder Artillerie zu wechseln. Olegs Antwort lautete stets: „Nein, nicht, wenn es auch unsere Sternstunde ist.“ Da es an echten Übungsraketen mangelte, schickte Oleg die Männer mit 18 Kilogramm schweren Attrappen auf tagelange 100-Kilometer-Märsche. Dieses knallharte Training zahlte sich in Hostomel aus. „Ich wusste, dass er definitiv abgeschossen werden würde“, blickt Oleg voller Stolz auf seinen Freund zurück. „Er hat tatsächlich vielen Jungs das Leben gerettet.“

Eine Liebe inmitten der Schlacht

An diesem Tag stand hinter dem heldenhaften Kommandeur seine Frau Jelysaweta. Das Paar, das sich aus der Schule kannte, hatte erst zwei Tage vor Serhijs Rotation geheiratet. Während er auf der Landebahn gegen die russische Übermacht kämpfte, hörte sie in der Region Kyiv die feindliche Artillerie. „Vor allem hatte ich Angst um Serhijs Leben, dass ihm etwas passieren könnte. Gott bewahre, er würde nicht nach Hause zurückkehren“, gesteht sie. Doch Jelysaweta wusste immer, mit was für einem Patrioten sie verheiratet war: „Er konnte nicht weg, um mich zu retten, und seine Freunde und Kameraden im Stich lassen. Wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, hätte er wohl bis zur letzten Kraft, bis zum Letzten gekämpft, um nicht aufzugeben.“

Ein bescheidener Retter

Für seine Heldentat wurde Serhij Falatyuk mit dem Tapferkeitsorden ausgezeichnet. Dennoch winkt er lachend ab, wenn man ihn auf seine Rolle an jenem historischen Vormittag anspricht, und erinnert an die zivilen Heldengeschichten aus den ersten Kriegstagen: „Es ist ja nicht so, als hätte ich etwas Besonderes getan. Ich habe einfach das Beste getan, was ich konnte. Nicht so wie diese Großmutter, die erzählte, dass sie eine Drohne mit einem Drei-Liter-Glas Gurken abgeschossen hat. Diese Oma war ein Held. Ich schoss einen Hubschrauber mit den Standardwaffen ab, die ich vier Jahre lang studiert hatte. Es war meine Aufgabe.“

Die Kräfte am Flughafen waren an diesem ersten Kriegstag letztendlich zu ungleich. Als den Verteidigern nach vier Stunden die Munition ausging, erhielten sie den Befehl zum Rückzug. Die Artillerie eröffnete das Feuer auf die Landebahn, um den feindlichen Militärtransportmaschinen die Landung zu verwehren. Der erbitterte Widerstand der Nationalgarde rund um Hostomel dauerte noch mehrere Tage an. Doch der große russische Blitzkrieg, der Kyiv im Handstreich nehmen sollte, war für immer gescheitert – weil ein 25-jähriger Unterleutnant an diesem eiskalten Morgen auf das Rollfeld trat und abdrückte.

 

Anhang nachdem ich die weiteren Daten bearbeitet habe.

Anhang: Der erste Schuss von Hostomel – Wie Serhij Falatyuk durch Eigeninitiative das Tor zur Hauptstadt schloss

Der 24. Februar 2022, Flughafen Hostomel (Antonov-Flugplatz). Es ist der Morgen, an dem sich das Schicksal der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw entscheiden soll. Die russische Militärführung startet einen massiven Überraschungsangriff: Eine schwarze Wolke aus 35 bis 40 Kampfhubschraubern soll über 200 der elitärsten russischen Fallschirmjäger (VDV) absetzen, den Flugplatz sichern und die Landebahn für schwer beladene Il-76-Transportflugzeuge freimachen. Es ist als das schnelle Einfallstor nach Kyjiw geplant.

Dass dieser Plan scheitert, liegt nicht an einer hochgerüsteten Armee, wie es die russische Propaganda später behaupten sollte. Dem Angriff stehen an diesem Morgen nicht einmal 200 ukrainische Verteidiger gegenüber. Da die kampferprobte 4. Brigade der Nationalgarde (später „Rubisch“) zu diesem Zeitpunkt im Osten der Ukraine gebunden ist, wird Hostomel überwiegend von jungen Wehrdienstleistenden und Stabsoffizieren – Militärpsychologen, Finanzbuchhaltern und Pressereferenten – gehalten. Dass sie nicht überrannt werden, verdanken sie maßgeblich der Kaltblütigkeit und Eigeninitiative eines einzelnen 25-jährigen Soldaten: Oberleutnant Serhij Falatyuk.

Das Friendly-Fire-Dilemma und der fatale Funkspruch In den ersten Stunden der Invasion herrscht über Hostomel totales Chaos. Da auch ukrainische Hubschrauber (Mi-8 und Mi-24) und Düsenjets im Einsatz sind, gilt für die Bodenabwehr eine strikte Anweisung: Nicht schießen, um Friendly Fire zu vermeiden! Der Abschuss eigener Kameraden im Nebel des Krieges wäre eine Katastrophe.

Als am Horizont das Dröhnen von Rotoren einsetzt, meldet Falatyuk über Funk herannahende Hubschrauber. Die Antwort der Führung ist eine potenziell tödliche Fehleinschätzung: „Da ist nichts. Das sind nur unsere eigenen Düsenflugzeuge.“ Hätte sich Falatyuk in diesem Moment blind auf die Befehlskette und diesen Funkspruch verlassen, wären die russischen Truppen völlig ungehindert gelandet.

Die rettende Insubordination und das „Duck Hunt“-Prinzip Doch Falatyuk, der bereits seit 2016 dient und Kampferfahrung besitzt, vertraut dem Funkgerät nicht. „Eigentlich bin ich nur aus Neugierde auf die Straße gegangen“, erinnert er sich später. Aus einem hastig ausgehobenen Graben in einem Waldstreifen direkt am Rand des Flugfeldes blickt er in den Himmel. Was er im Tiefflug durch die Senken anfliegen sieht, ist das Prunkstück der russischen Luftwaffe: Ka-52 „Alligator“-Kampfhubschrauber. 16 Millionen Dollar teure fliegende Panzer, die in der russischen Propaganda als „unverwundbar“ gelten.

Falatyuk weiß, dass er die eiserne Regel zur Zielidentifikation einhalten muss. Er nimmt den alten sowjetischen „Igla“-Flugabwehrraketen-Komplex (Baujahr 1981) auf die Schulter und wartet ab. Es sind die lebenswichtigen Sekunden der visuellen Bestätigung: Erst als er die charakteristischen, übereinandergestapelten Hauptrotoren (Koaxialrotoren) erkennt, hat er hundertprozentige Gewissheit. Die Ukraine besitzt diese Helikopter nicht. Es ist definitiv der Feind.

In diesem Moment verschmilzt jahrelanges Training mit der surrealen Realität. Falatyuk hat noch nie zuvor eine scharfe Rakete abgefeuert, sondern immer nur am Simulator geübt. Er vergleicht das Gefühl später mit dem Spielen auf der in den 90er-Jahren populären „Dendy“-Konsole und dem Videospiel „Duck Hunt“. Er rennt mit dem schweren Startrohr um ein Gebäude, nimmt die Hubschrauber ins Visier und denkt sich mit stoischem Überlebenswillen: „Stirb nicht am ersten Tag. Das wird noch sehr lange dauern. Wenn ich sterbe, ist das ein Fiasko, ich verpasse alles.“

Hol sie runter! Feuer frei!“ Falatyuk bricht mit der abwartenden Haltung und meldet über Funk auf eigene Verantwortung: „Feindliche Luftfahrt!“ Als die russischen Hubschrauber fast zeitgleich beginnen, ungelenkte Raketen auf die ukrainischen Hangars zu feuern, ist der „Nicht schießen“-Befehl endgültig hinfällig.

In einem nahegelegenen Gefechtsstand erkennt Falatyuks Vorgesetzter, Oberleutnant Vitalij Rudenko – von seinen Männern ehrfürchtig „Batko“ (Vater) genannt –, sofort die tödliche Realität. Er legitimiert Falatyuks Eigeninitiative im selben Sekundenbruchteil. Über die digitalen Motorola-Handfunkgeräte (DP4800) entbrennt im Lärm der Rotoren und Detonationen ein hitziger, historischer Dialog.

Rudenko funkt aufgepeitscht: „Falatjuk! Arbeitest du?! Sie kommen direkt auf uns zu! Hol sie runter, suka! Feuer frei!“

Falatyuk zielt auf den führenden Ka-52. Die Elektronik der Igla summt auf, als der Infrarotsuchkopf die Hitze der Triebwerke erfasst und das Summen in einen durchgehenden Ton übergeht. „Batko, ich hab ihn! Er ist im Visier!“, schreit Falatyuk in den Funk.

Rudenko zögert keine Sekunde: „Schieß, blyad! Schieß!“

Falatyuk drückt ab. Mit einem lauten Zischen schießt die Rakete aus dem Rohr und schlägt direkt im Rumpf des russischen Hubschraubers ein. Die Maschine fängt sofort Feuer, wird in der Luft zerrissen und stürzt ab.

Ekstatisch drückt Falatyuk die Sprechtaste: „Batko, getroffen! Er brennt, suka! Er ist unten! Ich hab ihn erwischt, Batko!“

Der zerbrochene Mythos Kurz darauf holt der Trupp eine zweite Maschine vom Himmel. Dieser Moment ist die entscheidende psychologische Wende der Schlacht um Hostomel. Für die blutjungen Kadetten, die starr vor Angst in den Gräben liegen, zerbricht in dieser Sekunde der Mythos der russischen Übermacht. Als sie sehen, dass der hochgelobte Alligator von einem einzelnen Mann mit einer alten Waffe vom Himmel geholt werden kann, weicht die Panik purem Adrenalin. Die wehrpflichtigen „Bürokräfte“ beginnen, wie im Lehrbuch zu funktionieren und feuern aus allen Rohren.

Falatyuks entschlossener Schuss vereitelte den russischen Masterplan. Die Hubschrauberformation gerät ins Stocken, die Hälfte dreht ab und flieht. Weil der Luftraum durch den massiven und tödlichen Widerstand nicht gesichert werden kann, wäre die Landung der schwerfälligen Il-76-Transportmaschinen ein Himmelfahrtskommando. Dies verschafft den ukrainischen Streitkräften die überlebenswichtige Zeit: Gegen 17:00 Uhr hat die anrückende 72. Brigade unter Oberst Wdowitschenko ihre Artillerie in Stellung gebracht und schießt die Landebahn endgültig unbrauchbar.

Das Tor zur Hauptstadt wurde an diesem Morgen zugeschlagen – eingeleitet durch die Nervenstärke eines Einzelnen, der im alles entscheidenden Moment seinen eigenen Augen mehr vertraute als der trügerischen Sicherheit eines Funkspruchs.