Hauptsergeant Stas „Stolytsia“ – Das Rückgrat der Wehrpflichtigen

In meiner Reihe über die Augenzeugen, die am 24. Februar 2022 den russischen Elite-Luftlandetruppen am Flughafen Hostomel die Stirn boten, richten wir heute den Blick auf einen Mann, der an diesem historischen Tag die Fäden am Boden zusammenhielt. Während viele der Verteidiger junge, unerfahrene Wehrpflichtige waren, stand ihnen mit Stanislaw „Stas“, Rufname „Stolytsia“ (Hauptstadt), ein absoluter Veteran zur Seite.

Wer ist Stas „Stolytsia“?

Um die Rolle von Stas in der Schlacht zu verstehen, muss man einen Blick auf seinen beeindruckenden, aber auch schmerzhaften militärischen Werdegang werfen:

  • Der erfahrene Kopf: Am 24. Februar 2022 war Stas nicht bloß ein einfacher Soldat, sondern der Hauptsergeant (Oberfeldwebel) der Schnellen Eingreifbrigade der Nationalgarde der Ukraine.
  • Kriegserfahrung seit 2014: Im Gegensatz zu den ihm unterstellten Wehrpflichtigen kämpfte Stas bereits seit 2014 an der Front. Als ehemaliger Fallschirmjäger überlebte er unter anderem die berüchtigten und extrem harten Kämpfe um die Industriezone von Awdijiwka („Promka“).
  • Der Weg zurück an die Front: Im Jahr 2019 erlitt er bei Kämpfen am Switlodarsker Bogen eine schwere Beinverletzung. Nach einer eineinhalbjährigen, harten Rehabilitation kämpfte er sich zurück in den Dienst – und kehrte pünktlich vor Beginn der großflächigen Invasion zu seiner Einheit zurück.

Doch wie kam ein gebürtiger Kyiver zu dem Rufnamen „Stolytsia“ (Hauptstadt)? Die Geschichte dahinter zeigt den Humor unter Kameraden: Während seiner Dienstzeit in der 81. Luftsturmbrigade stammten fast alle seine Mitstreiter aus der Westukraine und neckten ihn wegen seiner Herkunft ständig als „Kyjiwskyi“. Stas konterte jedes Mal trocken:

Aus Kyiv (Kyjiwskyi) ist nur die Torte, ich bin Kyiver!“

Seine Kameraden lachten und meinten: „Reg dich nicht auf, Hauptstadt (Stolytsia)“. Der Name blieb für immer an ihm hängen.

Am Vormittag des 24. Februar stand dieser erfahrene Anführer zusammen mit rund 150 jungen Wehrpflichtigen auf dem Rollfeld von Hostomel, um die Hauptstadt zu verteidigen.

Das Interview mit Kanal 5: „Wir haben ihm ein Bein gestellt“

Die folgenden Einblicke stammen aus einem emotionalen und detaillierten Interview, das der ukrainische Fernsehsender Kanal 5 in seiner Sendung „Geheimnisse des Krieges“ (Premiere am 23.06.2022) mit Stas geführt hat. Das vollständige Interview ist auf YouTube verfügbar.

Obwohl Stas in seinen Schilderungen stellenweise allgemeiner bleibt als andere Augenzeugen, bietet sein Bericht eine unschätzbare Perspektive auf die Dynamik und den Verlauf der ersten Stunden.

Der Morgen des Angriffs: „Es gab keine Panik“

Der Tag begann für den Hauptsergeant mitten in der Nacht. Gegen 4:30 Uhr erhielt seine Einheit Alarm. Schon auf dem Weg zum Stützpunkt erfuhr er, dass ein Marschflugkörper den Exerzierplatz getroffen hatte. Am Flughafen angekommen, bezogen die Männer rasch ihre Positionen. Zur Stimmung unter den jungen Soldaten sagt Stas rückblickend:

Es gab keine Panik. Wir erhielten unsere Waffen wie geplant, nahmen unsere Positionen gemäß dem Kampfplan ein und waren auf jedes Szenario vorbereitet.“

Als Militärangehörige bereiten wir uns immer auf den Krieg vor. Natürlich tun wir das, denn wir wurden unter Kriegsbedingungen ausgebildet […]“

Der Abschuss der ersten Hubschrauber

Zwischen 10:30 und 11:00 Uhr tauchte die gewaltige russische Luftflotte auf – rund 35 Hubschrauber, unterstützt von Su-25 und Su-24 Kampfjets. Die Russen wollten den Flughafen blitzartig einnehmen, um einen Brückenkopf für schwere Il-76-Transportflugzeuge zu errichten, die Truppen direkt für den Sturm auf Kyiv absetzen sollten.

Doch die ukrainischen Verteidiger – im Verhältnis 1:2 in der Unterzahl – reagierten sofort:

Unsere Leute meldeten: ‚Ich sehe einen Hubschrauber. Nicht unseren. Feuer eröffnen!‘ Etwa 10–15 Sekunden später kam die zweite Meldung: ‚Gefunden! Abgeschossen!‘ Da war der erste feindliche Hubschrauber abgeschossen.“

Gefragt, wer diesen ersten Treffer erzielte, betont Stas stolz, dass es die jungen Wehrpflichtigen an den Flugabwehrwaffen und Igla-MANPADS waren. Insgesamt holten die Verteidiger in der rund 2,5 bis 3 Stunden andauernden aktiven Phase sechs Hubschrauber vom Himmel (drei Mi-8, zwei Ka-52 und eine Mi-24).

(Anmerkung: Stas schreibt den ersten Abschuss allgemein seinen Wehrpflichtigen zu, obwohl historisch dokumentiert ist, dass der Soldat Falatyuk – der kein Wehrpflichtiger war – eine der Iglas abfeuerte. Für Stas zählte in diesem Moment primär die Leistung des gesamten, jungen Teams ).

Über den Stolz auf seine Truppe äußert er sich im Interview tief bewegt:

Stolz. Stolz darauf, dass wir Jungs im Alter von 18 und 20 Jahren haben, die trotz ihres jungen Alters alle professionell arbeiten. Und das ist ein Zeichen dafür, dass das gesamte Team gut funktioniert.“

Taktische Erkenntnisse und die Zerstörung der Landebahn

Der ungleiche Kampf lieferte den Ukrainern wichtige Erkenntnisse über die vermeintlich „unbesiegbare“ russische Technik wie den Ka-52 „Alligator“:

Wenn man beispielsweise mit Handfeuerwaffen auf den Propeller der Ka-52 schießt, verfügt diese über einen Lufteinlass. Trifft ein Geschoss des Kalibers 7,62 mm, also Kalschnikow, und zerbricht das Turbinenrad, stürzt die Maschine zwar nicht sofort ab, landet aber. Sie ist dann nicht mehr kampffähig.“

Als nach stundenlangem, heftigem Gefecht die Munition der Nationalgardisten knapp wurde, traf der Brigadekommandeur eine entscheidende strategische Entscheidung: Er befahl der eigenen Artillerie, die Start- und Landebahn des Flughafens gezielt unter Beschuss zu nehmen. Die Krater machten eine Landung der schweren russischen Il-76-Flugzeuge unmöglich. Diese mussten nach Belarus umkehren.

Stas resümiert den Erfolg dieses ersten, verzweifelten Widerstands so:

Wir haben ihm [dem Feind] ein Bein gestellt, er ist mit der Nase hängen geblieben und hat sich im Kreis gedreht. Er hat sich im Kreis gedreht, weil alles, was dem Feind danach widerfahren ist, meinen Wehrpflichtigen zu verdanken war.“

Rückzug und die bittere Realität der Befreiung

Nachdem sie den russischen Zeitplan erfolgreich zertrümmert hatten, zogen sich die ukrainischen Kräfte koordiniert zurück, um unnötige Verluste zu vermeiden. Am Abend sprengten sie Brücken und schlossen sich mit den herbeieilenden Luftlandetruppen der 95. Brigade zusammen, um die Verteidigung im Raum Moshchun, Bucha und Kyiv neu zu organisieren.

Als Hostomel und die umliegenden Orte Wochen später befreit wurden, bot sich Stas und seinen Männern ein Bild des Grauens und der Verwüstung:

Als ich das alles sah, war ich völlig verzweifelt, denn hier wurde alles aufgebaut, die Menschen lebten – und als wir ankamen, war alles bombardiert, geplündert und niedergebrannt.“

Ich habe im Kampf gesehen, wie sich russische Soldaten verhalten: Sie vergewaltigen, stehlen und töten Zivilisten. Ein Zivilist ist für uns kein Gegner. Warum sollte man sie töten, ihnen die Hände fesseln, ihnen in den Hinterkopf schießen? Es ist brutal Bestien!“

Dieses Interview mit Stas „Stolytsia“ verdeutlicht vor allem die moralische und taktische Komponente der Schlacht. Während andere Quellen oft rein chronologische Abläufe schildern, zeigt Stas‘ Bericht, wie wichtig erfahrene Veteranen als „Rückgrat“ waren, um aus jungen Wehrpflichtigen innerhalb von Minuten eine Truppe zu formen, die dem koordinierten Ansturm einer Großmacht standhielt.