Hybrider Krieg gegen die Ukraine auf Telegram

 

Wie übergelaufene ukrainische Politiker aus Russland ihr eigenes Land bearbeiten

Die Überläufer v.l.n.r.: Wolodymyr Olijnyk – Abgeordneter der Partei der Regionen, 2014 nach Russland geflohen. Oleh Zarjow – Abgeordneter der Partei der Regionen, Präsidentschaftskandidat 2014, später Wortführer der Separatisten im Donbas. Mykola Asarow – Ministerpräsident der Ukraine von 2010 bis 2014, floh im Februar 2014 nach Russland. Und außerdem: Wiktor Medwedtschuk – Leiter der Präsidialverwaltung unter Kutschma, enger Freund Putins, der Pate seiner Tochter ist. 2022 wegen Hochverrats festgenommen, im September 2022 nach Russland ausgetauscht, 2023 ausgebürgert. Sein Projekt heißt „Die andere Ukraine“.

Dass Russland einen hybriden Krieg gegen Europa führt, ist inzwischen bekannt. Drohnen über Flughäfen, durchtrennte Datenkabel in der Ostsee, gekaufte Abgeordnete, Desinformation in den sozialen Netzwerken. Deutschland steht dabei besonders im Fokus. Unsere demokratische Gesellschaft soll zersetzt werden, gespalten und verunsichert.

Von der Ukraine bekommt man das weniger mit. Dabei liegt es dort viel näher: gemeinsame Geschichte, teilweise gemeinsame Sprache, Millionen Menschen mit Verwandten auf beiden Seiten der Grenze. Wer die Ukraine spalten will, braucht keine Übersetzung. Und er braucht keine russischen Absender. Es gibt ukrainische.

Vier Männer in Moskau

Das Institut für Massenmedien in Kyiv hat die Telegram-Kanäle von vier prorussischen Akteuren untersucht, die aus der Ukraine nach Russland gegangen sind. Es sind keine Unbekannten.

Die Zahlen

Das ukrainische Institut für Massenmedien hat 200 Beiträge ausgewertet. In 74 Prozent von ihnen war die Ukraine einer der zentralen Gegenstände. Bei Asarow und „Die andere Ukraine“ waren es je 78 Prozent, bei Olijnyk 74, bei Zarjow 66.

Rein innerrussische Themen machten 9,5 Prozent aus. Das ist der eigentliche Befund. Diese Männer leben in Russland, aber sie reden nicht über Russland. Sie reden über die Ukraine, und sie tun es auf Ukrainisch.

Woraus die Erzählung gebaut wird

Es geht nicht nur um den Krieg. Die Hauptthemen sind die Arbeit der Regierung, die Mobilisierung, Korruption, das Verhältnis zu den westlichen Partnern, wirtschaftliche und soziale Probleme.

Das Verfahren ist immer dasselbe: Aus einem Einzelfall wird ein Systemversagen. Ein Konflikt bei der Mobilisierung belegt den Gegensatz zwischen Staat und Bürgern. Die Abhängigkeit von westlicher Hilfe wird zur „Fremdverwaltung“. Ein Korruptionsfall steht für das gesamte Staatswesen.

Jeder hat seine Rolle. Zarjow verbindet Lageberichte von der Front mit politischem Kommentar. Asarow nutzt seinen Status als früherer Regierungschef, um die heutige Ukraine mit der Zeit vor 2014 zu vergleichen. Olijnyk verbreitet vor allem, was andere geschrieben haben. „Die andere Ukraine“ mischt politische Botschaften mit Servicehinweisen für Ukrainer – Behördenkram neben Propaganda.

Die Mobilisierung als Hebel

Das beständigste Motiv ist die Mobilisierung. Konflikte bei der Einberufung und die Arbeit der territorialen Rekrutierungszentren dienen dazu, den Gegensatz zwischen dem Staat und seinen Bürgern zu bauen.

Das Thema erlaubt es, mehrere Empfindlichkeiten gleichzeitig zu treffen: die Angst um die eigene Sicherheit, das Misstrauen gegenüber Institutionen, den Konflikt mit dem Staat und die Kriegsmüdigkeit.

Die Analystin Olena Holub zieht daraus den entscheidenden Schluss:

„Die Mobilisierung ist einer der schmerzhaftesten Vorgänge in der Ukraine und ein Thema, das vor allem die ukrainische Gesellschaft bewegt. Gerade deshalb sollte man den systematischen Gebrauch dieses Themas im Zusammenhang mit den übrigen Ergebnissen betrachten: dem hohen Anteil an Inhalten über die Ukraine, den ukrainischsprachigen Beiträgen und der Wahl von Telegram als Verbreitungsweg. All das spricht dafür, dass sich diese Inhalte gezielt an ukrainische Nutzer richten.

Ehemalige ukrainische Politiker, die sich in Russland aufhalten und ihre Kanäle nutzen, um systematisch für Russland vorteilhafte Deutungen ukrainischer Ereignisse zu verbreiten, lassen sich deshalb als ein Instrument russischer Einflussnahme auf das ukrainische Publikum betrachten.“

Das andere Ende derselben Arbeit

Wer bestimmen will, was in einem Land gesagt wird, kann zweierlei tun. Er kann die Erzählung liefern. Oder er kann diejenigen beseitigen, die etwas anderes berichten.

Seit Beginn der Vollinvasion hat das Institut für Massenmedien 977 Verbrechen gegen Journalisten und Medien in der Ukraine registriert. 109 Redaktionen wurden beschädigt, dazu 38 Fälle juristischen Drucks und 118 Cyberangriffe. Mindestens 338 ukrainische Medien haben ihre Arbeit zeitweise oder endgültig eingestellt.

137 Medienschaffende sind ums Leben gekommen. Die meisten von ihnen starben als Soldaten – sie hatten den Beruf gewechselt, nicht die Seite. Fünfzehn starben bei der Arbeit als Journalisten.

Neu ist, wodurch sie sterben. 2025 kamen Antoni Lallican, Aljona Hramowa und Jewhen Karmasin bei Angriffen mit FPV-Drohnen ums Leben, während sie arbeiteten. Der Aufdruck PRESS auf Weste und Helm schützt nicht mehr. Ein Drohnenpilot sitzt zwanzig Kilometer entfernt vor einem Bildschirm und sieht ein Fahrzeug. Ob darauf etwas steht, ist ihm gleichgültig – oder es ist gerade der Grund.

27 Journalisten sind derzeit in russischer Gefangenschaft. Die Melitopoler Journalistin Iryna Lewtschenko, seit 2023 festgehalten, wurde von einem Besatzungsgericht zu fünfzehn Jahren Lagerhaft wegen „Spionage“ verurteilt.

Was das für uns heißt

Die Kanäle von Asarow, Zarjow, Olijnyk und Medwedtschuk sind kein ukrainisches Sonderproblem. Sie sind ein Modell.

Es funktioniert, weil nicht ein russischer Sender spricht, sondern eine vertraute Stimme in der eigenen Sprache. Es funktioniert, weil nicht gelogen werden muss – es reicht, wahre Einzelfälle zu Systembefunden aufzublasen. Und es funktioniert, weil es an den Stellen ansetzt, an denen eine Gesellschaft ohnehin wund ist.

Die Ukraine ist dafür das nächstliegende Ziel. Sie ist auch das am längsten beschossene. Wer sehen will, wie dieser hybride Krieg durch die Russen geführt wird, muss nicht spekulieren – er kann hinsehen.


Quelle: Untersuchung des Instituts für Massenmedien (IMI), Kyiv, September 2026. Das Institut arbeitet seit 1996, ist Partner von Reporter ohne Grenzen und Mitglied im Netzwerk IFEX. Es betreibt das einzige durchgehende Monitoring der Pressefreiheit in der Ukraine.