Was es heißt, einen Mann an der Front zu lieben – Anastasia

Kramatorsk, Oktober 2023. Das weiße Kreuz auf dem Auto bedeutet: „Ukrainer, nicht auf uns schießen.“ © Wieland Giebel

Odessa, September 2026: In der Nacht war der Beschuss wieder schwer, diesmal nur Drohnen, nicht die ballistischen Raketen der Nächte davor. In der Region hat die Luftabwehr innerhalb eines Tages 32 russische Drohnen abgeschossen. Am Morgen sitze ich mit einer Frau in einem Café. Ihr Freund ist an der Front. Sie kennen sich noch nicht lange.

Wie immer spreche ich mit den Menschen, so intensiv es geht. Manchmal kommt es mir vor, als quäle ich die Frauen mit meinen Fragen. Ich frage nach dem, woran sie nachts denken und worüber sie tagsüber nicht reden. Aber wie soll man es sonst verstehen? Und wie soll man es vermitteln, wenn man es nicht verstanden hat? Einige sagen danach, es habe gutgetan, dass jemand gefragt hat. Bei anderen sehe ich, dass es nicht gutgetan hat. Ich weiß es vorher nie.

Liebt er mich? Liebt er mich so, wie ich ihn liebe? Oder sind ihm das Vaterland und seine Kameraden wichtiger? Vielleicht ist das die falsche Frage. Vielleicht lautet sie: Bin ich für ihn ein Grund zurückzukommen – oder ein Grund, wieder zu gehen? Denn wenn er auf Urlaub ist, wird er nach ein paar Tagen unruhig. Nicht weil er sie weniger liebt. Sondern weil er sich schuldig fühlt, wenn die anderen dort ohne ihn sind.

Wenn einer seit zehn Jahren im Krieg ist, hat er mehr Zeit im Graben verbracht als in jeder Beziehung. Er ist ein anderer geworden. Er weiß selbst nicht genau, wer.

Wenn er wieder an die Front geht, ruft er nur gelegentlich per Video an. An der Front geht es nicht, jedes Handy verrät die Stellung. Drei Tage ohne Nachricht können heißen: Er ist im Einsatz. Oder etwas anderes. Man lernt, nicht daran zu denken, und denkt an nichts anderes.

Und zu Hause geht der Alltag weiter. Sie geht ins Café, ärgert sich über Kleinigkeiten, und erzählt ihm nichts davon, weil es ihr lächerlich vorkommt. Er erzählt ihr nichts von dort, um sie zu schützen. So reden zwei, die sich lieben, über fast nichts.

Sie haben sich im Krieg kennengelernt. Sie wissen nicht, wer sie im Frieden wären.

In Deutschland wird mit Vorliebe über die anderen geredet. Über die Männer, die sich abgesetzt haben, die in Berlin oder Leipzig leben und Bürgergeld beziehen. Es gibt sie, und es sind nicht wenige. Aber es ist eine Minderheit. Neun von zehn Männern sind geblieben. Knapp eine Million trägt Uniform. Die anderen halten das Land in Gang, reparieren nachts die Stromleitungen, die tagsüber wieder zerschossen werden. Ohne diese Männer wäre die Ukraine längst gefallen.

Die Frau, mit der ich heute gesprochen habe, hat keinen Mann, der sich abgesetzt hat. Sie hat einen, der geblieben ist. Das ist ihr Glück und ihr Unglück zugleich.