Eine schwangere Geburtsärztin führt mich durch die Ruine ihrer Klinik – Viktoria

Das Dach muss abgestützt werden. Wände fehlen. Alle Zimmer werden neu gemacht. Eine Shahed-Drohne, aber es ist nicht viel geblieben.

Ich kenne Viktoria seit zwei Jahren. Sie ist Geburtsärztin in Odessa und auf Instagram sehr aktiv, mit dem Selbstbewusstsein einer Frau, die weiß, dass sie gut aussieht und gute Arbeit macht.

Am 28. September 2026 gehen wir durch das, was von ihrer Klinik übrig ist. Sie ist in der 28. Woche schwanger.

Die Nacht

In der Nacht zum 28. März 2026, von Freitag auf Samstag, griff Russland Odessa mit Drohnen an. Getroffen wurden drei Stadtbezirke: Wohnhäuser, das Fernsehzentrum, kritische Infrastruktur, die Gebäude des öffentlich-rechtlichen Senders Suspilne Odesa – eines davon ist nicht wiederherstellbar. Zwei Menschen starben, zwölf wurden verletzt.

Eine der Schaheds traf die Entbindungsklinik Nummer 5. Viktoria hatte Dienst.

„In der Nacht des Einschlags war ich diensthabende Ärztin. Der Alarm ging los, und wir fingen an hinunterzugehen. Wir hörten schon, dass in der Nähe Schaheds einschlugen. In dem Moment, als wir auf der Treppe waren, geschah es. Wir verstanden sofort: Das ist die Klinik.“

Die Hochhäuser gegenüber der Geburtsklinik sind so hoch, da wundert man sich, wie eine Drohne zwischendurch geradezu auf die Mütterstation fliegt.
Aus der Perspektive der Klinik. Nur ein erfahrener Drohnenpilot schafft das.

Wer im Haus war

„Es waren zweiunddreißig Frauen im Haus, soweit ich mich erinnere. Frauen, die entbunden hatten, Schwangere, Neugeborene, dazu viel Personal.“

Die ukrainischen Behörden nannten später genauere Zahlen:  Insgesamt brachten die Rettungskräfte 81 Menschen aus dem Gebäude, darunter neugeborene Zwillinge, die an Beatmungsgeräten lagen. Zwei Säuglinge kamen in die Kinderklinik der Region.

„Die Frauen waren mit den Kindern schon im Schutzraum. Deshalb ist niemand zu Schaden gekommen. Alle haben rechtzeitig reagiert.“

Sie löschten selbst

Dann brannte es. Und die Feuerwehr kam nicht.

„Wir gingen zurück, um zu sehen, wo es eingeschlagen war, und begannen selbst zu löschen. Ringsum gab es so viele Einschläge, dass die Feuerwehr nicht kommen konnte. Ärzte und Personal haben das Feuer mit Feuerlöschern und Schläuchen erstickt.“

Was sie danach vorfanden, beschreibt sie nüchtern:

„Das Dach war zerstört, die Bedachung über der Halle fast völlig. Der dritte und vierte Stock waren durchschlagen, sehr viele Fenster – im gesamten Innenhof der Klinik waren alle Fenster herausgesprengt. Viele Zimmer wurden beschädigt.“

Und was funktionierte:

„Strom hatten wir, weil wir eine Ersatzversorgung haben, einen Generator, der sich selbst einschaltet. Im Schutzraum lief auch die Lüftung. Alles war instand gesetzt und vorbereitet – leider für genau solche Ereignisse, wie sie unsere Entbindungsklinik getroffen haben.“

Aufgeräumt wurde sofort.

„Der Einschlag war in der Nacht von Freitag auf Samstag, und schon am Samstag haben wir Glas weggeräumt, alles hinausgetragen, was möglich war, beschädigte Fenster und Rahmen abgebaut und zugemacht. Als ich morgens um zehn von der Arbeit fuhr, wurden die Fenster schon mit Sperrholz verschlossen.“

Als ich im März 2026 die ersten Fotos gesehen habe, konnte ich mir nicht vorstellen, dass mehrere Stockwerke völlig ruiniert sind. Die Ärztinnen und Ärzte, die Mitarbeiterinnen löschten selbst und schaufelten selbst den Schutt weg.

Zwei Wochen danach

Zwei Wochen nach dem Einschlag erfuhr Viktoria, dass sie schwanger ist.

„Wahrscheinlich haben mir Schutzengel geholfen, die Schahed zu überleben.“

Ihr Mann hatte in der Nacht ein, zwei Minuten nach dem Einschlag angerufen. Er wusste sofort, dass es ihre Klinik war – es war laut, und es kam aus ihrem Viertel.

„Mach mal traurig!“ Geburtsärztin Viktoria ist so viel auf Instagram unterwegs, traurig geht nicht.

Der Schutzraum

Den Schutzraum gab es schon vor dem Krieg. Eigene verstärkte Decke, unabhängige Stromversorgung, funktionierende Lüftung. Das ist der Grund, warum in dieser Nacht niemand starb. Viktoria sagt, dies sei eine der sichersten Entbindungskliniken der Stadt. Andere Häuser in Odessa haben so etwas nicht.

Den Schutzraum gab es damals schon. Ein Glück! Und die Mitarbeiter der Klinik nahmen die Warnungen auf der App ernst und evakuierten Schwangere und Mütter.
Wie der Safe einer Bank, mit wertvollem Gut hinter der Tür. Aber diese Tür hier ist auch eine Brandschutztür.
Alle wurden hier gerettet. Keine wurde von der Drohne oder dem Brand verletzt.

Was der Stress mit den Geburten macht

Die internationale Forschung ist sich weitgehend einig, dass Krieg und Dauerstress zu Frühgeburten führen. Was Viktoria beobachtet, ist das Gegenteil.

„Bei uns ist jetzt sehr oft Alarm, und die Frauen erschrecken wirklich davor. Es ist sehr schwer zu gebären, wenn man versteht, dass ein Einschlag passieren kann. Ehrlich gesagt verstehe ich jetzt, wo ich selbst schwanger bin, wie beunruhigend das ist.

Das wirkt sich unweigerlich auf die Geburt der Kinder aus. Die Geburtstätigkeit verändert sich, die Wehenkraft, und es gibt Verzögerungen, übertragene Schwangerschaften.“

Auf die Frage nach Frühgeburten antwortet sie differenziert:

„Die Frauen bekommen Stress, und daher gibt es auch drohende Frühgeburten. Aber es kommt auch vor, dass sie nicht rechtzeitig gebären können, und es gibt übertragene Schwangerschaften.

Aus meiner Erfahrung der letzten sechs Monate: In meiner Praxis hat keine meiner Frauen zu früh entbunden. Ich weiß nicht, wie es bei anderen ist. Häufiger sind die Fälle, in denen Frauen wegen der ständigen Alarme und des Stresses gar nicht erst in die Wehen kommen.“

Dann ein Satz, der die Frage nach dem Stress von den Füßen auf den Kopf stellt:

„Welcher Stress? Der Stress ist längst chronisch.“

Dasselbe hatte mir wenige Tage zuvor eine Schwangere in einer anderen Klinik gesagt: Die Ärzte sagten, Stress wirke sich wohl aus, aber man lebe darin nun das fünfte Jahr, sie wisse nicht, wie sie die Frage beantworten solle.

Was das langfristig bedeutet, weiß auch Viktoria nicht:

„Stress ist nicht von Nutzen, und wir werden es wirklich erst in fünf, zehn, zwanzig Jahren sehen – wie die Kinder sein werden, die jetzt geboren werden.“

Was sich verändert hat

„Früher, vor ein, zwei Jahren, sind schwangere Frauen ausgereist, wenn die massiven Angriffe begannen. Jetzt habe ich Frauen in Betreuung, die nirgendwohin ausreisen und planen, hier zu entbinden. Und ihre Kinder hier großzuziehen.“

Wer hilft

Zwei Wochen dauerte es, bis geprüft war, ob das Gebäude überhaupt reparabel ist. Es ist reparabel.

Seither wird gebaut, und es ist ein internationales Unternehmen. Die Europäische Investitionsbank finanziert das Gesamtprogramm. Die amerikanische Organisation Global Empowerment Mission hat zusammen mit der Howard G. Buffett Foundation die Fenster ersetzt – 84 sind es inzwischen. Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen finanziert den Austausch von 86 Türen. Die ukrainische Organisation „Morgen der Wiedergeburt“ macht die Zimmer. Das Dach und die Notsicherung übernahm die Stadt Odessa selbst.

Im Juni besuchte eine UN-Delegation das Haus. Matthias Schmale, der deutsche UN-Koordinator für die Ukraine, sagte dabei, die internationale Gemeinschaft müsse die tatsächlichen Folgen des Krieges für die Zivilbevölkerung sehen.

Viktoria wirbt weiter um Hilfe: „Wir würden uns freuen, wenn es Sponsoren oder Mäzene gibt, die uns dabei helfen können.“

Das Dach muss solide abgestützt werden.

Was noch fehlt

Die Meldungen der Stadtverwaltung klingen gut: 300 Quadratmeter wiederhergestellt, 84 Fenster, 78 Türen, provisorisches Dach, Stützgerüst, Abdichtung. Alles richtig.

Trotzdem arbeitet die stationäre Abteilung nicht. Die Klinikleitung hoffte im Juni, im Herbst wenigstens teilweise wieder öffnen zu können. Nach dem, was ich gesehen habe, ist das unmöglich.

Denn jetzt kommt der Teil, für den sich kein Geldgeber fotografieren lässt. Sämtliche Kabelstränge müssen über alle Stockwerke neu verlegt werden. Die Heizung ebenso. Und die Leitungen für die medizinischen Gase – der Sauerstoff am Bett.

Alle Kabelstränge müssen über alle Stockwerke neu verlegt werden. Auch die medizinischen Gase, der Sauerstoff am Bett.

Die Technik hat überlebt, durch Glück. Was fehlt, ist alles, was sie verbindet. Ich schätze, es dauert noch mehrere Monate.

Beeindruckt haben mich die Zimmer für Mutter und Kind. Groß, mit eigenem Bad und eigener Küche. Als meine drei Kinder um 1980 geboren wurden, gab es so etwas in Deutschland für Normalsterbliche nicht. In Odessa werden sie als Erstes wiederhergestellt – in einem Haus, in das eine Drohne eingeschlagen ist.

Fertig sind sie noch lange nicht.

Wo sie entbinden wird

„Wenn die Klinik wieder geöffnet ist, wenn es so weit ist, entbinde ich dort. Wenn nicht, dort, wo ich jetzt arbeite.“

Sie wird also woanders entbinden.

„Das ist eine sehr interessante Frage, wer bei mir die Geburt leiten wird. Ich habe mich selbst noch nicht endgültig entschieden. Ich weiß, wer auf jeden Fall dabei sein wird: mein Mann und Natalja. Wen wir sonst noch ins Team nehmen, weiß ich nicht. Im Moment bin ich mehr damit beschäftigt, dass meine Frauen gute Bedingungen haben und gut entbinden. In anderthalb Monaten denke ich dann an mich selbst.“

Warum sie bleibt

„Ich liebe diese Stadt sehr, Odessa, die Ukraine, und es wäre für mich sehr schwer, mich umzustellen und mich in eine andere Gesellschaft einzufügen. Deshalb bleibe ich hier. Hier fühle ich mich gebraucht, wirksam.

Wir könnten ohne Weiteres in ein anderes Land ausreisen. Aber mein Mann arbeitet hier, ich arbeite hier, und wir verbinden unsere Zukunft und die Zukunft unseres Kindes mit diesem Land. Deshalb wollen wir Frieden.

Ich bin der Nationalität nach Bulgarin. Vor hundert Jahren sind meine Vorfahren aus Bulgarien weggegangen, weil es unter türkischer Herrschaft stand. So haben sie ihre Familien vor dem Krieg gerettet. Deshalb möchte ich dieses Land nicht verlassen.“

Was sie Deutschland sagen will

„Wir möchten, dass dieser Krieg endlich aufhört, weil er die Gesellschaft auslaugt und sie verändert. Es ist schon viel zu lange, fünf Jahre, und wir sind am Rand.

Deshalb denke ich, dass die europäische Gesellschaft nicht ganz versteht, was mit den Menschen in der Ukraine passiert. Wir wollen diesen Krieg im Grunde nicht fortsetzen.

Ich als Frau, die jetzt schwanger ist, möchte, dass es Verhandlungen gibt und eine Lösung hin zu einem Friedensabkommen. Denn weiter wird es nur schlimmer, und vor uns liegt ein Winter, der sehr schwer wird. Und von der europäischen Gesellschaft hängt das unmittelbar ab.

Wir möchten, dass Deutschland und andere Länder nicht vergessen. Das kann nicht endlos dauern, denn unsere Menschen verdienen Frieden, unsere Kinder verdienen es, unter einem friedlichen Himmel geboren zu werden.

Die Ukraine darf sich nicht opfern, damit die übrige Welt in Sicherheit ist. Wir sind nicht mehr bereit, solche Opfer zu bringen.“