Dienstags und Freitag wurden die Ohnmächtigen eingeliefert – Glaswerke Illmenau/DDR

Im Frühsommer 1990, als die Mauer gefallen war, die DDR als Staat aber noch (bis zum 3. Oktober 1990) bestand, reiste ich im Auftrag des Europäischen Parlaments durch die DDR, besuchte Umweltgruppen und versuchte, eine Bestandsaufnahme der Umweltverschmutzung zu machen – nicht wissenschaftlich, sondern journalistisch, also ein gründliche Recherche durchzuführen. Das Ergebnis wurde in einer Broschüre festgehalten. Mein Bericht wurde von den Grünen angezweifelt. Sie sahen mich als Antikommunisten. Die DDR stand auf der Rangliste industrialisierter Staaten auf Platz 10. Dass die Umweltpolitik der DDR Menschen verachtend, verlogen und katastrophal war, zeigt das Beispiel der VEB Glaswerke Illmenau in Thüringen, wo im größten Glasbetrieb der DDR mit 5.000 Mitarbeitern technische Glase hergestellt wurden.

Für APA-Guides [siehe den Bericht über Hans Höfer in Singapur vom Februar 2020] gab ich kurz darauf das erste Reisebuch heraus, in dem der Osten und der Westen Deutschlands zusammen vorgestellt wurden. Auflage: sagenhafte 230.00 Exemplare. Darin beschrieb ich im Kapitel über Thüringen die Glasfabrik Illmenau und die extrem gesundheitsschädliche Teerverbrennung. Das führte zu einer Klage: 500.000 Euro Schadensersatz wollten die Glaswerke. Es kam zu einem ersten Verfahren. Soweit ich mich erinnern kann, schlug der Richter vor, man solle sich vergleichen. Dazu kam es nicht. Das Glaswerk war pleite.

Regelmäßig werden Ohnmächtige in die Poliklinik der Glasfabrik in Ilmenau eingeliefert. Ilona und Rainer Wallner sammeln heimlich Daten und kommen darauf, dass Ursache die Verbrennung von Phenolteer ist. Ihnen wird verboten, darüber zu sprechen, der Rausschmiss wird ihnen angedroht, sie werden bespitzelt, die Post kommt nicht mehr an. Der Heizer, mit dem sie dann unter einer Decke steckten und der Zahnarzt, der sie zur Umweltgruppe brachte, sind in den Westen ausgereist. Ilmenau liegt im Thüringer Wald, 40 km südlich von Erfurt und hat rund 35.000 Einwohner: Die Initiative zur Grünen Partei diskutiert an diesem Abend die Gestaltung eines Schaufensters, das sie zur Verfügung gestellt bekommt. Hauptsächlich geht es aber um die Phenolteer-Verbrennung im Glaswerk. Ilona Wallner, die dort in der Poliklinik arbeitet, fiel immer wieder ein krebsähnliches Blutbild an bestimmten Tagen bei ihren Patienten auf, das nach einigen Tagen wieder verschwand. Sie konnte sich lange nicht erklären, wie es dazu kam.

Ilona Wallner: Im Prinzip fiel uns auf, dass in bestimmten Abständen, meistens dienstags und freitags, bewusstlose Patienten zu uns in die Betriebspoliklinik vom „Technischen Glas“ eingeliefert wurden und immer an dem gleichen Tag mindestens auch zehn Leute vom Personal mit Herzattacken, mit Atemnot sich während der Arbeitszeit legen mussten. Da haben wir, mein Mann und ich, lange Zeit gebraucht, um irgendwelche Zusammenhänge zu sehen. Wir haben dann Parallelen dazu gezogen, dass das immer unmittelbar an diesen Verbrennungstagen passierte, manchmal schon nach zwei Stunden, manchmal nach mehreren Stunden. Da haben wir angefragt, wie das zusammenhängt. Vom Betrieb wurde uns mitgeteilt, aufgrund einer Neuerung wird schadstofffreier im Werk Stützerbach anfallender Teer in unserem Werk in Ilmenau verbrannt. Das wäre aber völlig harmlos. Bei mir fing das am 17. November 1988 an. Da hatte ich einen Schwächeanfall.

Originaltext DDR: ADN-ZB Schaar 1.10.84 Bezirk Suhl: 35. Jahrestag-Enstanden in der DDR: Kominat Technisches Glas Ilmenau- 1979 nahm ein moderner Industriekomplex mit dem Stammbetrieb des Kombinates, dem Werk für Technisches Glas Ilmenau, seine Arbeit auf. Er vereinigt zugleich die wichtigsten der insgesamt neun Erzeugnisstrukturlinien des Kombinates, darunter die Fertigung chemisch-technischer Hohlgläser, die Glasrohrproduktion, den Rationalisierungsmittelbau sowie die Kieselglasherstellung. Durch eine breite volkswirtschaftliche Anwendung seiner insgesamt 40.000 verschiedenen Erzeugnisse setzt das Kombinat mit 15 modernen Betrieben heute Erfahrungen der traditionelen Glasherstellung im Ilmenauer Raum fort. Mit der wachsenden Leistungskraft des Kombinates gingen auch umfangreiche sozial-politische Fortschritte einher. so stehen den Werktätigen allein 1984 6,7 Millionen Mark für die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen zur Verfügung. – siehe auch 1984 1001-2 und 3N-

Rainer Wallner: Bei mir seit Mai 1988. Ich wusste beim besten Willen nicht, wo es herkam. Der Betriebszeitung konnte ich entnehmen, dass das Verfahren 50 wunderbar wäre und dass der Teer aus dem Braunkohleheizwerk verbrannt wird. Dadurch bin ich auf die Ursachen gestoßen. Ich sah den Zusammenhang, weil es ja nicht immer war, sondern sich auf gewisse Tage bezog. Das Braunkohleheizwerk hatte solche schlechte Kohle gekriegt, dass die Kessel sie nicht richtig verbrannt haben. Ich hatte Material von Euch drüben im Westen und Sendungen darüber gesehen. Das war für mich der Grund, die erste Eingabe an den Staatsrat zu schreiben. Ich war wegen meines Asthma gerade vorher zur Kur an der Ostsee gewesen und war absolut beschwerdefrei. Vor der Eingabe hatte ich eine Auseinandersetzung mit dem stellvertretenden Generaldirektor. Der hatte ausgerechnet seit Juni Herzattacken und wurde dann mit einer Kur in Jugoslawien ausgezeichnet. Aber er war vorher gesund und hatte diese Attacken immer an den Tagen, an denen verbrannt wurde. Und nur dann, wenn er sich im Wartezonenbereich aufgehalten hatte, wo meinen Frau und ihre Kollegen auch ihren Zusammenbruch hatten. Ich hatte versucht, das auf gütliche Art und Weise zu regeln. Bei dem Gespräch wurde ich dienstgradmäßig zusammengeschissen. Wenn ich nicht so ein guter Ingenieur wäre, würde das Glaswerk auf meine Mitarbeit verzichten. Ich solle mit meinen Äußerungen über die Teerverbrennungsanlage aufhören, sonst würde er erstmal eine Verwaltungsklage gegen mich loslassen. Wenn ich mich über seine Gesundheit aufregen und während meiner Arbeitszeit Propaganda gegen ihn machen würde. Das war praktisch eine ernsthafte Verwarnung.

Ilona: Unsere Post ist dann nicht mehr angekommen.

Rainer: Das war nach der ersten Staatsratseingabe. Da war die ganze Behörde da, um zu erklären, wie umweltfreundlich die ganze Sache sei. Sie seien promovierte Leute. Ich habe denen dann gesagt, woher ich meine Informationen hatte und sie sollten mich nicht für blöde verkaufen. Dann fingen sie an, sachlich zu diskutieren, Dioxine könnten nicht entstehen. Ich hatte mich sehr auf Dioxine festgelegt – das hätte es auch sein können. Der Teer würde hundertprozentig verbrannt, sie hätten Messungen gemacht. Aber als ich die Messungen haben wollte, sagten sie, dass sie die zum Glück nicht herausgeben müssen. Ich würde doch nur Blödsinn damit machen. Ich habe weiter gemosert und jeden, dem es schlecht ging, darüber aufgeklärt, wo es herkommt. Die Leute hatten Chlorakne und Phenolkrätze. Aussschlag, den sie nicht loskriegten, die Herz-Kreislaufbeschwerden nahmen zu.

Ilona: Ich habe in Leipzig 15 Jahre lang im Labor gearbeitet und bilde mir ein, dass ich diese Branche wirklich beherrsche. Da haben wir bei uns oft bei Rheumatikern oder bei Leukämien abartige Zellen gehabt, die nicht irgendwie in eine Rubrik einzugliedern waren. Die mussten wir angeben als dunkel-plasmatisch und maligne Zellen, die beobachtet werden mussten. Mit einem Mal, seit dieser Verbrennung, hatten wir bei Kindern und bei Erwachsenen plötzlich an den bewussten Tagen bei fast allen solche riesigen, dunkelkernigen, doppelplasmatischen Zellen, völlig abartige Zellen. Wenn die Patienten nach zwei, drei Tagen zur Wiederholung kamen, hatte sich das normalisiert, beziehungsweise die Lymphozyten waren manchmal noch aktiviert. Das habe ich gemeldet. Die Chefärztin wollte sich das nicht ansehen. Die Internistin hat gesagt: um Gottes willen, das gibt es ja gar nicht. Wir haben die Untersuchung mit in unsere ganze Tätigkeit eingeflochten. Von der Betriebsleitung wurde mir dann gesagt, wenn ich nochmal solche Zellen angäbe, würden die Patienten in eine andere Anstalt geschickt und das würde dort kontrolliert. Das ist mir so an die Berufsehre gegangen. Wenn man in so einem Speziallabor gearbeitet hat und das viele Jahre, direkt in einem hämatologischen Labor der Universität, wo die halbe DDR dort auf Station lag – ich war so erschüttert, dass man meine Befunde anzweifelt. Diese ganzen Präparate habe ich an sicherer Stelle aufgehoben, sonst hätte man die wahrscheinlich eingezogen. Denn im Labor wurde ich gefragt, wo ich die habe.

Rainer: In der Gesundheitsgruppe des Neuen Form hatte ich die ganze Sache viel später mal besprochen. Eine Frau vom Zentrallabor der örtlichen Poliklinik hatte die gleichen Beobachtungen gemacht, an gewissen Tagen häufte sich das bei ihr auch. Während der Generalreparatur der Anlage im Juni, Juli, August ging es allen Leuten gut.

Ilona: Mit seinem realen Sinn hat er mich darauf gebracht, ich soll mal aufschreiben, wo die Leute arbeiten und wo sie wohnen. Dass wir da auch noch eine Beziehung haben. Und das war hochinteressant. Ich habe manchmal 15 Blutausstriche an einem Tag gemacht. Da waren vielleicht 12 nicht in Ordnung und drei waren völlig in Ordnung. Ich habe die Leute ausgefragt, vorsichtig, damit sie es nicht so merken, die waren dann woanders her und hatten völlig normale Blutbilder, Immer nur die aus Ilmenau, vorwiegend aus der Produktion und die Kinder aus dem Neubaugebiet Pörlitzer Höhe in der Hauptwindrichtung neben dem Betrieb. Weniger aus der Innenstadt. Ich habe das regelrecht nach Stadtbezirken aufgeschrieben. Es waren die Pörlitzer Höhe und der Ort Pörlitz.

In der Poliklinik hatten alle Angst. Ich musste über meine freien Tage Auskunft geben. Mein Chefärztin hat mich erst sehr unterstützt und sogar im Betrieb angefangen, davon zu sprechen. Daraufhin bekam sie eine Rüge von der Betriebsleitung und wahrscheinlich wurde ihr gedroht, dass sie abgesetzt wird. Von dem Tag an war es für mich ganz furchtbar. Sie hat nicht mit uns darüber gesprochen, wir haben es anders erfahren. Es wurde sofort angeordnet, keinerlei Beziehungen mehr zu dieser Verbrennung herzustellen. Den Leuten wurde erzählt, es könne Grippe oder sonstwas für eine Ursache sein. Ich wurde mehrfach von der Chefärztin ermahnt. Ich habe dann die Daten an den Tagen über mehrere Monate gesammelt. Dann haben wir es im Heizwerk mit den Verbrennungstagen verglichen. Wir hatten das große Glück, dass mehrere Heizer sehr schwere Hauterkrankungen hatten und uns vor Angst benachrichtigten, wann verbrannt wurde. Wir wussten dann immer ganz genau Bescheid. Leider Gottes ist dann der Hauptinformant in die Bundesrepublik gegangen. Die Heizer sind zur Hauttransplantation in Jena gelandet, weil keine Schutzanzüge da waren. Die müssten mit Gummianzügen und -Handschuhen arbeiten. Hatten sie aber nicht, und arbeiteten in Schlosseranzügen. Ständige Übelkeit war die Folge.

Nach der Wende war wieder eine Zusammenkunft und wir waren wieder die Angeklagten. Wir hatten nur das große Glück, dass der Staatssekretär Tkotz vom Umweltministerium in Berlin mit dabeigewesen ist, ein SED Mitglied, der sich sehr über diese ganzen Methoden verwundert hat.

Ilona und Rainer Wallner fassen das Problem in einem Papier zusammen:

Seit Mai 1988 werden im Kohleheizwerk in zwei Dampferzeugern Rückstände der Kohlevergasung des Glaswerkes Stützerbach verbrannt.

Vorgeschichte: Mit Überfüllung einer Deponie bei Meiningen musste eine neue Entsorgungsmöglichkeit gefunden werden. Ausschließlich aufgrund von Bevölkerungsprotesten wurde der Aufbau einer Drehrohrofen-Verbrennungsanlage in Stützbach gestoppt und die Anlage verkauft. Ein Neurerkollektiv entwickelte eine Lösung zur Verbrennung der Rückstände im Heizwerk Ilmenau. Was wird verbrannt? Bei der Kohlevergasung entsteht phenolhaltiger Generatorteer und Schwelwasser, natürliche Bestandteile der Kohle, die hier jedoch in konzentrierter Form vorliegen. Derartige Teere enthalten bis sieben Prozent und das Schwelwasser bis zehn Prozent Phenol (Gift, Abt, II). Unsere Untersuchungen ergaben, dass max. 2,8 m³ in der Woche anfallen, welche wöchentlich mit einem zwei m³ fassenden Gülleanhänger angefahren werden. Nach dem Aufheizen schwimmt der Teer auf dem Schwelwasser, über eine aufgrund der hohen Förderleistung ungeeignete Zahnradpumpe wird zunächst das Wasser, dann der Teer über einen Ölbrenner dem Ofen zugeführt. Hierbei kommt es zu keiner Versprühung, sondern Phenolwasser, bzw. Teer laufen in dickem Strahl auf das Kohlebett. Dies widerspricht der Forderung in der Fachliteratur (Schwalowski/ Seyfert: Giftpraxis), Phenole zur Verbrennung mit brennbarer Flüssigkeit zu mischen. Der in der Neuerervereinbarung angegebene Durchsatz von 40 1/h würde Verbrennungszeiten bis 70 h erfordern. Laut Schichtbuch liegen die Verbrennungezeiten aber zwischen 3 und 12 Stunden, so dass die Verbrennung mit unzulässigem Durchsatz betrieben wurde. Festgestellt haben wir, dass oben geschilderte Krankheitssymptome besonders deutlich den kurzen Verbrennungszeiten zugeordnet werden können. Unsere Konsultation im Mineralölwerk Lützkendorf bei Dr. Garke ergab, dass unsere Befürchtung über die Entstehung von Dioxin nicht zurecht besteht. Die Verbrennung ist die schadstoffärmste Art der Beseitigung derartiger Rückstände. Am geeignetsten ist hierzu eine spezielle Verbrennungsanlage, wie sie in Stützerbach in Betrieb genommen werden sollte. Auch im normalen Dampferzeuger ist die Verbrennung möglich, wenn dies auf eine bestimmte Art und Weise und mit einem bestimmten Durchsatz (1/h) geschieht. Für einen 10 t Kessel wie bei uns werden 40 – 60 l/h als sicher angesehen. Wird der Teer nicht verdüst, sondern in größeren Mengen auf das Kohlenbett geleitet, kommt es durch den hohen Energiewert zur örtlichen Überhitzung und unvollständigen Verbrennung infolge Sauerstoffmangels. Es wurde uns bestätigt, dass unter diesen Bedingungen Phenole sowie Thiophenole an die Atmosphäre abgegeben werden. Aufgrund ihrer größeren Dichte fallen diese in der Umgebung aus. Die von uns geschilderten Krankheitssymptome wurden von Dr. Schröder (Lützkendorf) als typisch für die Einwirkung von Phenolen sowie Thiophenolen angesehen.

Ilona: Mein Mann hat eine Dosierpumpe vorgeschlagen, daß wirklich diese zulässige Menge von 50 Litern pro Stunde nicht überschritten werden kann. Auch so verplombt, daß die nichts manipulieren können. Das haben wir alles nach Berlin an den Staatssekretär Tkotz berichtet. Der will jetzt Proben nehmen lassen, die in einem Speziallabor des Ministeriums untersucht werden sollen. Und zwar haben die Technik aus dem westlichen Ausland, also ganz andere Möglichkeiten, als wir hier in unseren Breiten überhaupt haben. Diese ganzen Untergruppen hochwertiger Phenole können da auch untersucht werden,

Rainer: Als Sofortlösung haben sie jetzt ein Manometer eingebaut, damit sie die Anlage überhaupt weiterbetreiben können, zum 31. Januar 1990 muß die Dosierpumpe eingebaut werden. Seit Mitte Dezember wird der Teer über eine modifizierte Anlage verbrannt, und zwar jetzt nachts, die Krankheitsauswirkungen sind dann auch geringer, weil die Leute wegen der Braunkohleheizungen mit geschlossenen Fenstern schlafen. Da ist das Problem scheinbar aus der Welt geschafft,

Ilona: Eine Drehrohrofenpumpe, die sie für 120.000 DM nach Fürstenwalde verscherbelt haben und wofür sie dann Prämien für ihre umweltfreundliche Aktion eingehamstert haben, müssen sie wieder kaufen. Neu kostet sie jetzt 540.000 Mark.

Rainer: Damit sollte auch das Glaswerk Gräfenroda entsorgt werden. Die Anlagen sind aber so alt, teils vom Beginn des Jahrhunderts, da lässt sich gar kein Strom anschließen, so dass sie das Werk dicht gemacht haben.

Wenn der Teer in den Ofen kommt, entspricht das einem Heizwert von 50 Kilo Briketts pro Stunde, der verarbeitet werden muss. Der Verbrennungsfachmann und der Heizkraftswerkleiter stammen aus demselben Ort und sind per Du. Sie haben das über einen Neuerungsvorschlag gemacht und dafür erhebliche Summen erhalten, also mehrere tausend Mark jeder und noch eine Auszeichnung vom Bezirksumweltschutz für ihre Schweinerei, dass sie die Umwelt versauen und die Leute krank machen. Als wir aus dem Urlaub zurückkamen, stand in der Betriebszeitung: Gute Leistungen, gute Taten verdienen auch gutes Geld.

„Bei den Kaliwerken in Tiefenort und beim Uranabbau in Ronneburg sind die Probleme mit den veralteten Anlagen ähnlich. Eigentlich müssten diese Anlagen alle dicht gemacht werden. Wie soll das weitergehen?“

Rainer: Ich betreue eigentlich ein technisches Museum. Der eine Rundläufer ist vom Stand der Technik von 1935.

Ilona: Man darf gar nicht dran denken, was wird. Das Glaswerk steht ja noch gar nicht so lange, reichlich zehn Jahre. Niemand ist daran interessiert aus der Bundesrepublik. Überall haben sie sofort angeklopft bei lukrativen Sachen, bei Ilm-Kristall, an anderen kleinen Werken, die wir gut und gerne allein weiterführen könnten, aber das Glaswerk – sowas von schmutzig und asozial …

Rainer: Wir machen Laborgläser, sämtliche Kaffeekannen, die entsprechen auch den Qualitätsanforderungen der anderen Seite [der Westen]. Wir haben jetzt einen Auftrag von Philipps, wo wir ein halbes Jahr dran zu arbeiten hätten. Das würde unser Überleben bedeuten. Aber wahrscheinlich packen wir es nicht, weil unsere Anlage technisch doch zu verschlissen ist. Wir haben einer Restbuchwert von 25-30 % und keine Ersatzteile, die Original sind. Das Werk ist von 1972 bis 76 aufgebaut. Die Maschinen haben eine normative Nutzungsdauer von 10 Jahren bei Dreischichtbetrieb. Die sind nicht nur technisch verschlissen, die sind moralisch verschlissen: Bei Schott Mainz haben sie Regelungstechnik dran, die blasen dort rechnergesteuert und bringen wirklich Spitzenqualität. Zum Nachrüsten ham wir keen Geld.

„Wie ist aus Eurer privaten Initiative die Umweltgruppe entstanden?“

Rainer: Ich hatte Angst, nur noch Angst, weil man uns gesagt hat, dass gewisse Organe sich mit uns beschäftigen …

Ilona: … Wir ham schon den Wohnungsschlüssel unserem Sohn gegeben und Deckadressen, wo er jede Woche angerufen hat, ob wir noch existieren. Da haben wir uns zur Kirche geflüchtet, obwohl wir nicht in der Kirche sind. Wir sind dann zusammen hingegangen. Wir wussten dann, wo ich hingehen kann, wenn er verschwunden ist. Wir haben dann auch im Gemeindehaus über die Teerverbrennung gesprochen. Im Prinzip war das für uns eine beruhigende Sache, dass man im Schoss einer Gemeinschaft war. Allein kämpfen, das war eigentlich das falscheste, was wir machen konnten.

Rainer: Wir sind mit offenen Armen aufgenommen worden. Ein Zahnarzt hatte uns eingeführt …

Ilona: … die waren dankbar, daß wir kamen: Gottseidank haben wir wieder Informanten. Sie beschäftigten sich nämlich auch damit. Die Gruppe gab es schon länger. Dann, nach der Wende, kam das Neue Forum, da machen wir auch gemeinsam mit. Das ist was ganz anderes, wenn man jetzt mit den Leuten drüber reden kann. Man kann dann doch anders an manche Dinge herangehen. Das ist schon beruhigend.

Rainer: Die kirchliche Gruppe beschäftigt sich nicht nur mit Umwelt, auch mit Friedensgebet. Da halte ich mich raus, die akzeptieren mich trotzdem. Da sind die Wenigsten, die da gläubig sind. Die gehen aber alle weiter hin.

Ilona: Man muss das mal konzentrieren. Jetzt gibt es auf einmal so viele Grüppchen, die Kirche, die Ökologiegruppe des Neuen Forum, die Grüne Partei. Ich bin zum Beispiel noch im Kulturbund Natur und Umwelt, dann sind wir noch bei der Geologie, wo auch noch Naturschutz mit reinspielt. Das ist zuviel, man verzettelt sich. Man müsste jetzt konzentriert an einer Stelle arbeiten. Von der Grünen Partei aus haben wir gar kein Geld und nichts. Die CDU macht im Werk eine große Plakataktion, die SPD hat Material. Jetzt, mit den Auseinandersetzungen nach der Wende, lernt man erst seine Kollegen kennen, wer damals dabei war und wer nicht. Bei uns waren wir 45 Leuten in der Poliklinik, jetzt sind aber viele weg. Davon waren mindestens 4 bei der Stasi. Meine jüngste Tochter ist drüben geblieben und ich wusste ganz genau, dass jemand, der bei mir gegenüber im Zimmer arbeitete, ein angesehener Mann, wahrscheinlich auch bei der Stasi war. Als der mich ansah und sagte, Sie sehen ja so blass aus, was ist denn mit Ihnen? – da habe ich tränenüberströmt gesagt, ach mein Mädchen ist drüben geblieben, was soll nun bloß werden. Ich habe Angst gehabt, dass man zu mir nach Hause kommen würde. Die ersten Wochen bin ich bei jedem Klingeln zusammengeschreckt. Es ist auch niemand zu mir auf die Arbeit gekommen – und das ist sonst üblich, dass man so in die Mangel genommen wird, wenn ein Familienangehöriger in der Bundesrepublik geblieben ist. Das war ja ein Verbrechen. Immer dieses ungute Gefühl. Man nicht wusste, wer bei der Stasi war. Bei uns habe es bei uns ganz einfach rausgekriegt. Wir waren vier Leute beim Frühstück. Ich habe dann erzählt, wir kennen jemanden von der Umweltgruppe, der kommt heute nachmittag nach Stützerbach und holt dort Teer zum untersuchen. Um 14 Uhr ist in Stützerbach eine Großrazzia gewesen mit verstärktem Polizeiaufgebot: „Aufgrund eines Vorfalls im Werk Ilmenau werden die Betriebsausweise kontrolliert und es werden Betriebsfremde gesucht.“ Zwei Mann waren es garantiert nicht – da blieb nur der eine.

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