Rundreise mit portugiesischen Soldaten

Revolutionspropaganda in 50 deutschen Garnisonsstädten mit zwei portugiesischen Soldaten. Antonia de Oliveira Salazar war schon seit 1970 tot, aber Portugal blieb in seinem System erstarrt, das er 36 Jahre lang geführt hatte, also seit 1934, bis die linke Bewegung der Streitkräfte, Movimento das Forças Armadas, MFA, putschte. Etwas später bildeten sich auch revolutionäre Soldatengruppen, Soldados Unidos Vencerão, SUV, Soldaten gemeinsam werden siegen. Denen fühlten wir uns verbunden und luden zwei von ihnen zu einer Rundreise durch deutsche Garnisonsstädte, also zu den Soldatengruppen, sowie in einige Großstädte ein. 50 Tage im eisigen Winter 1976, in dem wir die beiden portugiesischen Frostbeulen hinten im VW-Bus mit einer Campingheizung am Leben und bei Laune halten mussten.

Zuvor hatten wir in einer amerikanischen Kaserne in Hanau über den Revolutionsfilm Viva Portugal mit amerikanischen, französischen und deutschen Soldaten diskutiert – illegal natürlich. Ausschnitte aus Viva Portugal und aus der Diskussion zeigten wir vor jeder Veranstaltung. Hier folgen Auszüge aus der Diskussion, die in der Broschüre zur SUV-Rundreise abgedruckt sind. Es handelt sich um einen langen Text, der den Bewusstseinsstand und das Diskussionsniveau der damaligen Zeit widerspiegelt.

Viva Portugal Diskussion aus der SUV Broschüre – NATO-DISKUSSION AUF DER UNTERSTEN EBENE – Soldaten aus drei Armeen im Gespräch

DISKUSSIONSLEITER: Wir haben es hier mit einer Mini-NATO zu tun. Hier sind einige westdeutsche Soldatenvertreter, einige französische und amerikanische. Wir haben uns eben gemeinsam den Film ,,Viva Portugal“ angesehen und wollen nun darüber diskutieren, was das dort Gezeigte für uns bedeutet. Wir haben die Soldaten gesehen und auch, daß viele von ihnen nicht wußten, warum sie da eingesetzt wurden, was sie da eigentlich zu suchen hatten. Ich glaube, daß alle dies Gefühl gut kennen und sich damit identifizieren können. Mit dem: „man weiß nicht, was jetzt passiert“. Insofern waren die dort in Portugal genau so wie wir, oder?

BUNDESWEHRSOLDAT (1): Ich meine, daß es ganz wichtig war an diesem Film, wie die Soldaten auf einmal merkten, daß sie von irgendwoher und irgendwem eingesetzt wurden, gegen ihre eigenen Leute, gegen ihr eigenes Volk. Und daß sie gemerkt haben: Aha, das ist ja gar nicht so, wie man uns immer gesagt hat. Und daß es dann logischerweise zu Verbrüderungsszenen kam.

BUNDESWEHRSOLDAT(2): Der Film hat gezeigt, wohin wir in Deutschland mit unserer Arbeit erst einmal kommen müssen. Die einfachen Soldaten in Portugal haben erkannt, wo der Feind steht. Ich glaube, das hat die Masse der Soldaten in Deutschland noch nicht. Da sind zwar alle „irgendwie gegen die Bundeswehr“, aber sie haben nicht begriffen, für wen sie eigentlich Dienst machen, daß sie eigentlich lernen, was die Soldaten in Portugal auch machen sollten, nämlich notfalls gegen das eigene Volk loszugehen. Das den Leuten hier mal klar zu machen, ist eine Aufgabe.

Der Verkauf der Broschüre trug zur Finanzierung der Rundreise bei. Das andere Geld kam aus Spenden – Crowd Funding.

US-SOLDAT (1): Ich halte es für notwendig, daß sich die amerikanischen Soldaten zusammentun. Das große Problem bei uns ist doch die Zersplitterung. Man hält uns durch Drogen, Rassentrennung und Alkohol auseinander, und der einfache Soldat merkt es nicht mal. Er möchte nur seinen Dienst abreißen und seine Entlassung bekommen und er hält es für richtig, daß nach ihm andere kommen und das gleiche durchmachen, was er auch durchgemacht hat. In der Army können sie dich ein halbes Jahr, eins oder eineinhalb lang unterdrücken, da kannst du nichts gegen machen. Du kannst es nur erleiden und hoffen, daß du nicht ausflippst und schließlich deine ehrenhafte Entlasssung kriegst. Denn wenn du ausflippst und das Maul aufreißt, dann riskierst du eine Anklage und dein Abgang aus Deutschland geht übers Militärgefängnis, und da ist es nicht gerade dufte.

US-SOLDAT (2): Der Film war interessant und er war auch ermutigend. Ich hab auch schon solche Stress-Momente durchgemacht wie die Kameraden in Portugal im Film, wo wir Befehle bekommen haben und uns die Befehle völlig idiotisch vorkamen. Warum soll man einen idiotischen Befehl ausführen? Die portugiesischen Soldaten haben die Sache begriffen, sie durchschaut und richtig gehandelt. Ich kann nur hoffen, daß es bei uns auch mal zu solchen Solidarisierungen kommt. Denn was die Soldaten da im Film gemacht haben, die haben doch als Nation gehandelt. Soldaten sind ja dazu da, die Nation zu beschützen, bei uns und überall. Hier haben wir gesehen, wie sich die Soldaten mit Zivilisten zusammengesetzt haben, mit den Menschen, haben dagesessen und miteinander diskutiert und dann auf einmal gesagt: was sollen wir hier eigentlich? Wir werden nicht die Waffen gegen die Menschen unserer eigenen Nation erheben! Warum sollten wir?! Für dich, Hauptmann Sowieso, oder für dich, General Weißnicht? Das sehen wir nicht ein. Ich glaube aber, daß dies eine Einstellung ist, die sich langfristig auch in unserer Army durchsetzen wird.

US-SOLDAT (3): Ich find das auch okay. Im Film gibt es mal ein Zitat, da sagt ein Soldat: Es gibt einige Befehle, bei denen man die Pflicht hat, ihnen nicht zu gehorchen. Nehmen wir mal an, daß wir US-Soldaten mal einen Befehl bekommen, gegen deutsche Zivilisten vorzugehen. Da frage ich mich, wie viele von uns sich tatsächlich in die Fahrzeuge setzen würden und losziehen würden gegen deutsche Zivilisten. Will jemand was dazu sagen?

US-SOLDAT (4): Heute bekamen wir beispielsweise den Befehl, zu einer Übung hinauszufahren. Es hieß, wir sollten unsere allgemeine Alarmbereitschaft gegenüber Angriffe auf uns und so was beweisen. Aber die Soldaten fragen sich: wozu denn? Hier gibt es doch überhaupt nichts, wo man uns klarmachen kann, was wir beschützen sollen. Na ja, sie erzählen uns immer diese Schote, wir wären hier, um unseren besonderen way of life zu beschützen. Aber, lassen sie uns denn unseren way of life leben, den wir ja eigentlich beschützen sollen? Deshalb, so meine ich, kann es mal dazu kommen, daß wir sagen: Hör mal, das machen wir nicht. Ich kann doch nicht die Waffe gegen jemanden richten, mit dem ich seit 18 Monaten zusammengearbeitet habe, dem ich dauernd auf der Straße begegnet bin, verstehst Du?

Arbeiten ohne InDesign – wie geht das? Eine Skizze auf Papier aufmalen, wie die Seite aussehen soll. Auf der mechanischen Schreibmaschine entsprechend tippen und vorher und zwischendurch in ein neues Farbband investieren. Ausschneiden. Zusammenkleben. Die Überschriften mit Letraset auf ein weiteres Blatt rubbeln und möglichst gerade dazukleben. Die Seiten der Broschüre unter dicken Büchern pressen, damit es beim Belichten vor dem Druck keine Falten gibt.

BUNDESWEHRSOLDAT (1): Was man den Kameraden in Portugal sagen sollte ist, daß wir neidisch auf sie sind hier in Deutschland, und da geht es dem französischen Kameraden hier wohl genau so. Da unten haben sie nämlich eins begriffen, was wir in der deutschen Geschichte nie begriffen und gemacht haben: daß wir, wenn es gegen den großen Feind geht, alle zusammenstehen müssen. Das haben die da unten kapiert, während hier in Deutschland die Kräfte, die gegen das Kapital sind, immer zerstritten waren und sich noch streiten. Und das hat dazu geführt, daß in Deutschland der Faschismus an die Macht kam. Und heute ist es wieder so, daß die Volkskräfte sich nicht einig sind. Und das ist eben das große Vorbild der Portugiesen da in dem Film, daß sie es eben geschafft haben, daß sie eben einig sind, die Revolution zu schützen und sie weiterzuführen.

DISKUSSIONSLEITER: Wir haben gesehen, daß nach dem gescheiterten Spinola-Putsch (gemeint ist der 11. März 1975) einige Leute an die Spitze gekommen sind, die waren Kommunisten. Nun, was bedeutet dies hier für einen Amerikaner in Deutschland, einen Army Mann? Immerhin sind die ja dazu da, um gegen den Kommunismus zu kämpfen. Ich meine, kommt euch das nicht irgendwie komisch vor. Ihr habt ja zwischendurch mal gefragt: Holla, was ist denn das da, war da nicht eine Fahne mit Hammer und Sichel drauf? Doch, sie hatte es drauf. Du kannst ja was zu sagen, wenn du meinst.


US-SOLDAT (2): Na ja, war ja wohl ein Schock! ’Kommunist‘, was soll man da sagen bei so einer Scheiße… JUS-SOLDAT (1): Ich weiß es nicht …

US-SOLDAT (2): Ich meine, die Scheiße, neuerdings zeigen sie uns ja solche Sachen im Unterricht über die russischen Soldaten. Da erzählen sie uns, was die Russen jeden Tag kriegen, nämlich eine Zigarette und ungefähr 25 Pfennig. Und da ging dann die Diskussion ungefähr so, da würde ich ihnen was abgeben, damit sie mit uns zusammen sind. Also für mich war das da mit Hammer und Sichel nicht schockierend. Denn immer, wenn etwas besonders anders ist, absonderlich, anders als bei uns. dann heißt es gleich, das ist kommunistisch. So werden wir Amerikaner erzogen. Wenn es sich nicht so abspielt, wie in der amerikanischen Gesellschaft, muß es kommunistisch sein. Ich war also nicht schockiert, aber wenn du den Durchschnittsamerikaner fragst, was es |für eine Regierung in Portugal gibt, ich meine, bevor dies hier geschehen ist (gemeint ist die Revolution vom 25. April 1974), sie hätten es dir nicht sagen können.

US-SOLDAT (4): Frag ihn heute, er weiß es auch nicht!

US-SOLDAT (5): Warum ist das so?

US-SOLDAT (4): Die werden halt überhaupt nicht informiert, Desinteresse. Ich meine, den meisten ist es sowieso scheißegal.

US-SOLDAT (5): Die Amerikaner werden dazu erzogen, Angst vor den Kommunisten zu haben. Also in den Sechzigerjahren, da hat es irgend so eine Ideologie gegeben, gleich egal, was du machst, mach es richtig, denn wenn du es nicht richtig machst, kommen die Russen. Na ja, und da haben die Leute rangeklotzt wie die Irren und die ganze industrielle Macht der Staaten aufgestockt. Und alles beruhte auf der Angst vor den Russen. Also wenn die Leute wirklich wüßten, was Kommunismus ist … na ja, der wahre Kommunitarismus ist doch eigentlich die ideale Lebensweise, oder? Aber den Amerikanern wird eingebläut: der Kommunismus sieht folgendermaßen aus: Zum 12. Geburtstag bekommst du einen Job aufgetragen und den machst du bis an dein Lebensende. Ich meine, mir hat man das auch beibringen wollen, aber in der letzten Zeit weiß sich ein bißchen mehr. Und ich meine auch, irgendjemand, der mehr weiß, muß auch vorangehen und irgendwelche Veränderungen durchführen, denn so wies ist, geht es doch nicht weiter. Also bald geht doch was los!

BUNDESWEHRSOLDAT (1): Ich meine, es wäre auch die Aufgabe der Bundeswehr, uns zu zeigen, was Kommunismus nicht ist, was man uns immer so vormacht, rote Gefahr und was weiß ich, die wollen uns alle enteignen und uns das Haus wegnehmen. Sondern einfach zeigen, daß sich nicht alles nach dem Profitstreben richtet. Ich glaube, daß Portugal ein Beispiel dafür ist, daß die Kommunisten für die Freiheit kämpfen. Und Kissinger und Ford sagen ja immer daß die Kommunisten für die Diktatur sind. Und da ist das eine Erfahrung in Portugal, die wir aus Portugal, dem Film da, ziehen können.

DISKUSSIONSLEITER: Ich hab oft die Bemerkung gehört, ich bin gegen den Kommunismus, weil er genau so autoritär ist wie die Army. Habt ihr schon mal so was gehört?

US-SOLDAT (2): Hab ich nie.

US-SOLDAT (1): Ja, hab ich, mehrfach.

BUNDESWEHRSOLDAT (2): Hab ich auch schon gehört.

US-SOLDAT (3): Das sagen doch hier alle.

US-SOLDAT (4): Da hab ich neulich in einem Blatt (herausgegeben von einem US-Soldatenkomitee) gelesen, die Army würde genau so geführt wie eine kommunistische Diktatur. Ich hab mich gefühlt wie ein Kriegsgefangener in der eigenen Armee. Fühl mich so. Denn ich muß immer unheimlich aufpassen, was ich sage oder was ich tue. Und wenn ich irgendwie mal Scheiße baue und werde erwischt, dann gebe ich nichts anderes an als Name, Dienstgrad und Dienstnummer, also wie bei Gefangenschaft. Denn das ist die große Drohung in der Army, daß sie dir eins überbraten und dir eine unehrenhafte Entlassung aussprechen. Die Feldwebel haben es mir mehrfach gesagt, daß sie mir eins überbraten wollen. Aber ich hab ja das letzte Wort, unterschreibe also den Leistungsbericht. Ich meine, diese Leistungsberichte sind für uns eine ständige Gefahr, da können sie dich ein- und ausschalten wie einen Apparat. Wenn die sagen, „zieh los”, erwarten sie von dir, daß du losziehst und tust, was dir befohlen wird ohne zu fragen. Und dann bist du auf deiner Stube und denkst nach und wartest, bis sie dich wieder rufen. Aber wir sind Menschen, wir können doch nicht so leben.

US-SOLDAT (1): Sag mal, du hast neulich mal gesagt, daß wir hier sind, um die Amerikaner auf deutschem Boden zu beschützen, also Dunlop, Allied Chemical, Ford, General Motors, IBM …

US-SOLDAT (2): ITT …

US-SOLDAT (3): University Computer …

US-SOLDAT (4): Ich meine, fast jede deutsche Firma hat doch eine amerikanische Beteiligung, und du kannst auch auf die Dörfer gehen, da ist es genau so, alles amerikanisches Kapital. Die meisten von uns blicken auch da durch und wissen, warum sie hier sind und was sie hier beschützen. Und der AFN sagt, daß wir einen besonderen way of life beschützen. Ich hab dazu keine Lust. Ich will mein eigenes Leben führen. Ich frag mich nur, wann alle Soldaten in der NATO begreifen, daß wir nichts besseres sind als eine Besatzungstruppe.

US-SOLDAT (3): Ich hab einen Wunsch an die |Leute, die nach mir in die Army kommen, daß sie sich zusammentun, mehr als wir es schafften. Heute, die wir hier sitzen, das sind ja wenige. Und ich meine, es wäre besser in offener Weise. So wie die anderen: die siehst Du ja ständig zusammen, den General Dawison, wie er mit anderen Generälen unterwegs ist oder zu ihnen fährt. Und wir Soldaten stehen dann dabei und machen Parade, die stehen da nur herum.

US-SOLDAT (3): Ich meine, das sollte man mal nach Grafenwöhr oder Wildflecken fahren, wo einige Verbindungsleute von den anderen Armeen der NATO sitzen, sich umschauen, aber nicht mit uns reden. Ich meine, wir müssen miteinander reden.

FRANZÖSISCHER SOLDAT: Müssen wir!

BUNDESWEHRSOLDAT (1): Da liegt überhaupt das Problem drin, in der Bundeswehr beispielsweise, daß sie abends da sitzen und Bier trinken, aber nicht über ihre Probleme reden. Sie reißen ihre 15 Monate runter, und sonst nichts.

FRANZÖSISCHER SOLDAT: Und spüren sie ihre Unterdrückung?

BUNDESWEHRSOLDAT (1): Von ihrer Unterdrückung zu reden, darauf kommen sie nicht.

Wie kommen sie aber darauf, die Zeitungen der Soldatenkomitees zu lesen?

BUNDESWEHRSOLDAT (2): Ja, das ist ein Anfang. Aber wie ich es sehe, redet die große Masse der Soldaten nicht über ihre Probleme. Natürlich sagen alle irgendwie, Barras ist Scheiße, aber weiter geht es nicht, nicht daß sie kapieren, daß die Militärführung sie einfach unterdrücken muß.

US-SOLDAT (1): Geht man zu weit, wenn man sagt, bei euch ist die Unterdrückung durch die Vereinzelung ähnlich wie bei uns die Rassentrennung?

BUNDESWEHRSOLDAT (1): Also in Bezug auf das Verhältnis deutsche Bevölkerung zu US-Army, da hat die deutsche Bevölkerung die Einstellung, das ist eine Besatzungsarmee. Aber das wesentliche ist, daß einige Soldaten damit anfangen, daß sie mit den Soldaten anderer Armeen mehr gemeinsam haben als mit ihren eigenen Offizieren, also daß ein US-Soldat mehr mit einem deutschen Soldat oder französischen Soldat gemeinsam hat als mit einem amerikanischen Offizier und so fort. Das halte ich für einen wichtigen Erkenntnisschritt zur Solidarität. Und andererseits ist das die Sache mit unserem way of life, den wir verteidigen vor dem Kommunismus. Aber es wurde uns nie erzählt, was denn der Kommunismus nun wirklich ist.

US-SOLDAT (1): Können sie auch nicht (Gelächter).

BUNDESWEHRSOLDAT (1): Allmählich begreifen wir, daß es einen gewissen Widerspruchs gibt, was sie einerseits über den Kommunismus sagen und wie sie uns andererseits behandeln. Also, wenn man wirklich an die Notwendigkeit in glaubt, dieses System gegen den Kommunismus zu verteidigen, dann hat man eine ganz andere Einstellung zum Militärdienst. Die haben wir aber nicht, wir können nicht mehr so leben wie vor der Einberufung, müssen vegetieren und so kann irgendetwas nicht stimmen an dieser Lage. Ich kann es nicht ganz genau formulieren, aber ich glaube, ihr versteht es.

BUNDESWEHRSOLDAT (2): Um auf den Film zurückzukommen, weil es doch etwas entmutigend ausschaut für uns, wenn man dran denkt, wie weit die in Portugal schon sind. Aber man soll sich nicht entmutigen lassen, in der Bundeswehr oder der französischen Armee, denn es sind doch sehr wenig davon überzeugt, daß sie hier Dienst machen müssen, weil ein Angriff aus dem Osten droht. Das glauben die allerwenigsten. Die meisten wissen aber nicht, warum sie dann Dienst tun, und das ist das Problem. Man muß es ihnen sagen, es ihnen erklären, daß sie da sind, einmal gegen das eigene Volk eingesetzt zu werden oder, wenn es mal paßt, einen neuen Krieg zu führen. Sie glauben nicht, daß sie zur Verteidigung da sind, das ist unsere große Chance.

US-SOLDAT (1): Ich hab das unwahrscheinlich gefunden, wie die Portugiesen sich da entschlossen haben, mit den Zivilisten zu diskutieren. Also ich meine, wenn die amerikanischen Soldaten hier in Deutschland aufgefordert würden, eine andere Kaserne einzunehmen, dann hätten sie darüber keine lange Diskussion geführt, sondern sie gleich in die Steinzeit geschickt. So solidarisch sind die miteinander. Ich glaube nicht, daß die sich einfach hinsetzen und diskutieren können. Erst schießen, dann reden. Ich glaub so sind die Amerikaner hier.

US-SOLDAT (2): Ja, schau dir mal Kent an (Übergriff der Nationalgarde auf die State University, bei der vier Studenten im Frühjahr 1970 getötet wurden).

BUNDESWEHRSOLDAT (2): Und warum, glaubst du, ist das so?

US-SOLDAT (2): Ich denk da an unseren Kompaniechef. Also der redet vom Krieg, so wie vom Signalballon-Hochziehen. Deshalb ist das einzige, was wir tun, unsere Waffen sauber halten und kriegsbereit sein. Das ist alles, wofür wir Energie brauchen und also erzeugen sie diese Energie, dieses Drängen nach dem Kampf, so eine Art Wut, die sie in uns erzeugen. Ich habe da mal von einem Fall in einer Einheit gehört, wie sie jemanden reingeschickt haben, nur um Stunk zu erzeugen, nur um die Leute auf die Palme zu bringen, so daß sie das Bedürfnis hatten, jemanden zu killen. Und bei den Marines stimmt das ja haargenau, die machen eine 18wöchige Grund Ausbildung, da ist eine Gehirnwäsche dabei, bei der sie in Roboter verwandelt werden sollen und genau das sind sie auch.

FRANZÖSISCHER SOLDAT: Was uns dieser Film gezeigt hat, ist auch die Rolle der Bourgeoisie, das heißt die Rolle, die die Bourgeoisie der Armee übertragen hat.

DISKUSSIONSLEITER: Nun wird es vielleicht schwierig beim Übersetzen, aber mit Bourgeoisie ist hier die besitzende Klasse gemeint. Das ist dann auch wichtig, um zu begreifen, was in Chile geschehen ist. BUNDESWEHRSOLDAT (1): Richtig, und unsere Aufgabe ist es, französischen und deutschen und amerikanischen Soldaten klar zu machen, daß sie sich nicht nach den Bedürfnissen der Armee verhalten, sondern nach den Bedürfnissen der Klasse verhalten müssen, aus der sie kommen, es sind ja Söhne der Arbeiterklasse, also wie die Arbeiterklasse selber zu handeln. Je dem muß klar werden, daß nicht gut für die Arbeiterklasse sein kann, was gut ist für die Bourgeoisie, für die besitzende Klasse.

FRANZÖSISCHER SOLDAT: Was sich in der portugiesischen Armee abgespielt hat, kommt natürlich aus diesem Kolonial krieg. Sie kämpfte in einem Kolonialkrieg ähnlich wie die amerikanische Armee in Vietnam. Und im Verlaufe dieses Krieges haben die Generale und die Leute, denen die Armee gehörte, aufgrund des ungeheuren Verschleißes an Menschen immer mehr junge Offiziere, die gerade von der Ausbildung kamen, in den Krieg geschickt. Also beispielsweise: Die Lebensdauer eines Unterleutnants in Vietnam war gerade 90 Tage und ähnlich war es in den portugiesischen Kolonien. Und allmählich kam die herrschende Klasse in Portugal dahinter, daß es nicht sinnvoll ist, einen derartigen Verschleiß des eigenen Klassen-Nachwuchses zu betreiben, und da kamen dann andere Leute ins Offizierskorps, Leute aus der Mittelklasse und aus der unteren Mittelklasse. Und diese Leute haben angefangen zu denken, was sie denn da eigentlich tun in Angola, Guinea Bissau und Mocambique. Da haben sie gemerkt, daß sie für Gulf Oil kämpfen und für die Kautschuk-Konzerne, daß sie für die südafrikanische Regierung kämpfen, die am Sambesi einen Staudamm anlegen wollte, und da haben sie gesagt: damit sind wir nicht einverstanden. Also, mit diesem Krieg sind wir fertig. So hat die ganze Sache angefangen mit der Revolution, es handelte sich ja um eine Offiziersrevolte. Die oberen Offiziere haben gesagt, nein, laßt uns keine Revolution machen, aber die Hauptleute haben sie gemacht und die Soldaten sind ihnen gefolgt.

US-SOLDAT (2): Also die Verbindung zwischen den Offizieren und den Soldaten. Gehörst du dieser Einheit an, darfst du keine andere Kaserne betreten, sie verhängen alle möglichen Beschränkungen über die Soldaten. Du brauchst einen Paß, um in dieses Gebäude reinzukommen, aber wenn du kein Unteroffizier bist, dann kommst du auch so nicht rein. Sie benutzen das System der Rangunterschiede, um die Leute getrennt zu halten. Die Soldaten dürfen keine Beziehungen zu den Offizieren unterhalten. Du darfst keine Freundschaften haben.

US-SOLDAT (1): Und zwischen den weiblichen und männlichen Soldaten ist es genauso. Kommt da ein weiblicher Soldat in meine Einheit, holt sie der Kompaniefeldwebel ab und bringt sie in sein Büro und erzählt ihr, von dem würde ich mich fernhalten und von dem auch, also das ist ein fieser Typ.

DISKUSSIONSLEITER: Was glaubt ihr, würde ein durchschnittlicher amerikanischer Soldat zu diesem Film sagen, würde er für ihn irgendeine Bedeutung haben, ich meine natürlich, er müßte in englischer Fassung vorliegen.

WEIBLICHER US-SOLDAT: Es könnte ihn nachdenklich stimmen.

DISKUSSIONSLEITER: Glaubst du, man könnte den Film im AFEES (US-militäreigener FilmVerleih) unterbringen?

WEIBLICHER US-SOLDAT: Spinnst du?

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