Brian Stewart [13] wird in Belfast von einem britischen Soldaten mit einem Plastikgeschoss umgebracht

1975 war ich in Belfast. Damals habe ich in der Ferienbetreuung von Kindern und Jugendlichen gearbeitet und bin mit einer Hüpfburg von Spielplatz zu Spielplatz gefahren.

Dabei war ich im republikanischen [für einen irischen Staat, in dem die irische Nation zusammen ist], grünen und IRA-freundlichem West-Belfast, aber genauso oft in Ost-Belfast bei den loyalistischen [loyal zur britischen Krone], orangen den protestantischen Menschen und Paramilitärs. Ich habe mit allen gesprochen, viele Menschen kennengelernt, unter anderem Ronnie Bunting, der 1981 in seinem Bett neben seiner Frau und den drei kleinen Kindern von Loyalisten erschossen wurde.

Einer der katholischen Priester sammelte mit einer kleinen Organisation die Berichte von Menschen, die von der britischen Armee misshandelt oder gefoltert wurden. Darum geht es hier. Wie mich ein Soldaten anhält, die Berichte findet und ich ins Visier des Geheimdienstes gerate.

„Das Gesetz bin ich“

Der Lauf seines Schnellfeuergewehrs zieht sich langsam hoch. Er hat jetzt meinen Kopf tageshell im Visier seines Restlichtaufhellers. Eng an die Hauswand gepreßt, kann ich seine Umrisse kaum erkennen. Nur das kurze Reflektieren der Linse über seinem Lauf verrät mir seinen Standort. Zuerst schalte ich das Licht aus, um den Blick ins Wageninnere freizugeben. „Ich werde nicht schießen, ich werde anhalten, Ihr könnt mich kontrollieren.“ Den Wagen ausrollen lassen, links ran, langsam die Türe – öffnen, lockere Stellung, Hände nicht zu eng an die Kleidung. 20 vor 10 am Abend, 23. August 1977. Belfast, DurhamStreet. Es ist düster. Die Laternen dieser Straße haben vor einigen Jahren das letzte Mal gebrannt. Der Sergeant der britischen Armee kommt von der Seite – es sind mehrere Schnellfeuergewehre auf mich gerichtet –, tastet mich ab. „O.K. Führerschein.“ Mit einem Kopfnicken schickt er mich an die Wand. Sein Gewehr gibt ihm die Macht, mich mit einer Kopfbewegung zu dirigieren.

Ich lehne mich an die Wand, die Hände hinter den Rücken, damit das Zittern meiner Finger nicht auffällt. Wie kann ich erklären, wie das Material in meinen Wagen kommt? Wenn ich mich nur konzentrieren könnte. Mein ganzer Körper zittert. Die Armeetaschenlampe durchleuchtet den Wagen. Auf dem Rücksitz liegen die 17 Protokolle, die ich zu einem Buch verarbeiten will. Hätte ich sie nicht da liegenlassen sollen? Der Soldat sieht sie sofort, überfliegt die Blätter und gibt einen Teil an zwei seiner uniformierten Kollegen weiter. Es sind Zeugenaussagen von Menschen, die in den letzten Tagen von der britischen Armee in Belfast verhaftet worden sind. Es ist keiner dabei, der nicht geschlagen wurde, der nicht gezwungen werden sollte, ein Geständnis zu unterschreiben. Einen Teil der Mißhandelten habe ich selbst direkt nach deren Freilassung gesehen: Schürfungen, Kratzer, über und über blaue Flecken von Fäusten und Gewehrkolben. Menschen, die nach ihrer Entlassung kaum sprechen konnten vor Angst, Kinder, die noch im Schock waren. Mehrere Male fordere ich die Papiere zurück.

Der Sergeant läßt drei Soldaten die Texte über Funk der Zentrale durchgeben. Eine absurde Situation: Erst quälen sie die Menschen, dann lesen sie die Berichte der Mißhandelten ihrer Zentrale vor. – „Das ist gesetzwidrig, was Sie hier machen. Geben Sie mir die Protokolle raus!“ Den Lauf seines Gewehrs leicht hochgezogen, kommt der Sergeant auf mich zu: „Das Gesetz sind wir in Nordirland.“ Ein deutschsprachiger Offizier kommt nach einer halben Stunde. „Sind Sie von der Presse? Wollen Sie das da veröffentlichen? Schreiben Sie für eine Zeitung?“ Sie sind unsicher. Wenn sie mir das Material nicht zurückgeben, kriegen sie Ärger; wenn sie es zurückgeben, könnte es Ärger mit den Vorgesetzten geben, die an der Veröffentlichung ihrer Praktiken gegen die Bevölkerung nicht interessiert sind. „Wenn Sie ein Ire wären, würde ich Sie sofort verhaften“, droht mir der Offizier und gibt mir nach einer Anweisung seiner Zentrale die Folteraussagen zurück. Ich hätte genauer hinhören sollen. Denn zwei Tage später werde ich wirklich verhaftet. Zwar nicht in Belfast, sondern am Londoner Flughafen Heathrow. Vorher war aber das Haus von Suzanne und Ronnie Bunting offen beschattet worden, in dem ich zu Gast war. Bei strömendem Regen standen den ganzen Tag über vier britische Soldaten vor der Tür herum. Ronnie beobachtete sie lange. Als Protestant, aber Republikaner konnte er seinem Beruf als Lehrer nicht nachkommen und hatte daher viel Zeit. In den protestantisch-loyalistischen Gebieten war es für ihn zu gefährlich, in den katholisch-republikanischen wurden keine protestantischen Lehrer angestellt.

Ich wurde nochmal vor Buntings Haus kurz festgenommen: auf dem Weg zum Belfaster Flughafen hielten die britischen Soldaten an der ständigen Kontrollstelle den Wagen mit der Bunting-Familie und mir 20 Minuten an, um alles genau zu untersuchen, und schließlich wurde ich auf dem Flughafen nochmal angehalten und die Papiere wurden von einem Zivilen kontrolliert. Als mich der Paskontrolleur in London am Flughafen dann in einen kleinen Nebenraum bat, saßen die Herren in den überall gleichen Anzügen schon bereit. „Francis, Special Branch.“ „Kennedy, SAS.“ „Herr Giebel, ich habe hier eine Urkunde für Sie“, eröffnete mir Francis, noch bevor sie mein Gepäck mit sämtlichen Aufzeichnungen, Fotos und Bändern ausgepackt hatten. „Sie sind verhaftet nach § 10 des Gesetzes gegen den Terrorismus. Wir können Sie jetzt erstmal sieben Tage festhalten. Wenn wir Sie länger brauchen, holen wir uns die Genehmigung des Innenministeriums. Nach diesem Gesetz müssen Sie Ihre Unschuld beweisen. Wir müssen Ihnen also nicht beweisen, daß Sie schuldig sind. Hier läuft das andersrum.“

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